Fahrrad-Weltreise Pedal the world

Felix Starck war ein Jahr lang mit dem Fahrrad unterwegs. Knapp 18 000 Kilometer und 22 Länder hat er erradelt. Im Interview erzählt er von Motivationstricks für das tägliche Treten, von unvergesslichen Begegnungen und der Freiheit auf zwei Rädern.

MERIAN.de: Wie kommt man auf die Idee, ein Jahr lang mit dem Fahrrad die Welt zu erradeln?
So eine Reise wollte ich schon viel früher gemacht haben. Als ich meinen Kumpel Fynn kennenlernte, ging es auf einmal ganz schnell. Innerhalb von vier Monaten haben wir den Job gekündigt, die Reise organisiert und sind aufgebrochen. Uns ging es darum, die Welt zu entdecken und Leute kennenzulernen, nicht um einen Kilometerrekord. Ursprünglich waren zwei Jahre geplant, aber als mein Reisepartner nach wenigen Wochen ausstieg, habe ich die Route so verändert, dass ich nur ein Jahr unterwegs war.

MERIAN.de: Erinnern Sie sich noch an den Start der Reise? Wie war es, plötzlich jeden Tag auf dem Fahrrad zu sitzen?
Mir kommt es vor, als wenn es gestern gewesen wäre. Bis einen Tag vor der Abreise war ich total cool, null aufgeregt. Und als es losging, war mein Puls plötzlich auf 170. Ich hatte nur noch Fragen in meinem Kopf: Was mache ich hier eigentlich? Mein Leben in München ist doch total perfekt, ich habe eine schöne Wohnung, die tollsten Freunde, was treibst du da? Die ersten zwei Wochen waren daher aus psychischer Sicht die härtesten meines Lebens. Die Versuchung abzubrechen war riesig. Es wurde leichter, als wir die Slowakei erreichten und nicht mehr Deutsch gesprochen wurde. Als ich das Gewohnte hinter mir gelassen hatte, wurde es für mich leichter.

Sicherlich gab es auch mal Tage, an denen Sie lieber nicht aufs Rad gestiegen wären. Haben Sie Tricks entwickelt, um sich zu motivieren?

Zum Starten musste ich mich nie motivieren. Ich bin immer gern losgefahren. Unterwegs brauchte ich Motivationsspiele. Etwa: Wie lange schaffe ich es auf der weißen Linie zu fahren. Oder: Schafffe ich es über die Brücke, bevor der Song auf dem iPod vorbei ist? Die Länge der täglichen Strecken habe ich mit einem Trick ausgerechnet. Zu Hause bin ich gerne von meinen Eltern bis zu einer Weinstube gefahren, das waren 20 Kilometer. Morgens vor dem Losfahren habe ich mir dann ausgerechnet, wie oft ich diese Strecke an dem Tag fahren müsste.

Gab es mal einen Punkt, an dem Sie lieber aufgehört hätten?
Ja, ich hatte in Serbien eine Lungenentzündung. Wenn meine Vernunft entschieden hätte, wäre meine Reise sicher zu Ende sein müssen. Ich bin aber weitergefahren.

Hatten Sie ein besonders schönes Erlebnis, das Sie ganz sicher nicht vergessen werden?

Felix Starck
Grenzübertritt: Felix Starck überfährt die Grenze zur Türkei
Es sind Begegnungen, in der Mehrzahl, da kann man keine hervorheben. Wenngleich eine Begegnung als Beispiel wirklich großartig war. Ein Mann aus Singapur hatte meine Reise online verfolgt und mir seine Hilfe angeboten. Ich war auf der Suche nach einer Fahrradbox, die ich für den Transport nach Neuseeland brauchte. Er kam also mit Fahrradbox und Werkzeug in mein Hostel, hat mir beim Verpacken geholfen, mich dann noch auf einen Kaffee und ein Mittagessen eingeladen, mich zum eine Stunde entfernten Flughafen gefahren und mir dann noch umgerechnet 100 Euro in die Hand gedrückt. Einfach so. Solche Momente hatte ich bestimmt 50 bis 60 Mal auf meiner Reise.

Eine Frage zu Ihrer Ausrüstung: Was hat sich unterwegs als unverzichtbar herausgestellt?
Für mich war es der Laptop. Ich hätte mir zwar manchmal gewünscht, ihn nicht dabei zu haben. Ich wusste auf der gesamten Reise, was in meinem Dorf gerade passiert, bei meinen Freunden. Früher wäre es sicher einfacher gewesen, mal alles hinter sich zu lassen. Diese virtuelle Vernetztheit kann auch anstrengend sein. Dennoch war der Laptop unverzichtbar.

Und gab es umgekehrt etwas, das sich als unnötiger Ballast herausgestellt hat?
Ja, ganz vieles. Am Anfang bin ich mit 70 Kilogramm Gepäck losgefahren. Nach einigen Wochen war ich bei 54, wobei die Kameraausrüstung allein 11 Kilo wog. Bei unseren ersten Stopps in Bayern hatten wir kräftig aussortiert. Etwa den Dreibeinstuhl und viele Klamotten. Ich hatte bestimmt acht Shirts dabei, dann waren es drei, und die reichten vorne und hinten.

Wo würden Sie gerne noch mal Urlaub machen und einige Tage länger bleiben?
Unbedingt Neuseeland. Vorher stehen aber auf jeden Fall Afrika und Südamerika auf meiner Liste. 

Wie ging es Ihnen körperlich? Waren Sie zum Ende der Tour topfit – oder zeigten sich erste Abnutzungserscheinugen?

Alltag zwischen den Radkilometern: Abendessen kochen
Felix Starck
Alltag zwischen den Radkilometern: Abendessen kochen
Es waren definitiv Abnutzungserscheinungen. Es zog etwa immer am gleichen Punkt im Rücken.

Wie sah ein typischer Reisetag bei Ihnen aus?
Ich bin meistens zwischen sechs und acht Uhr morgens aufgestanden. Dann brauchte ich rund eine Stunde zum Packen und frühstücken. Danach bin ich drei bis vier Stunden bis zum Mittagessen gefahren und danach noch mal drei bis vier Stunden bis zum Zeltaufbau. Im Schnitt bin ich so 100 Kilometer am Tag gefahren.

Wenn Sie noch mal starten könnten – würden Sie etwas anders machen?
Nein. Für mich hat sich das Prinzip weniger Planung, mehr Flexibilität bewährt. Für mich zählt das Motto "Der Weg ist das Ziel", das heißt: Ich bin nur da geblieben, wo es mir auch gefallen hat.

Was hat Sie nach Ihrer Reise erwartet?
Ich habe meinen Dokumentationsfilm fertig gemacht und werde demnächst auf Tour durch Europa gehen.

Sein komplettes Tagebuch von der Tour: www.pedal-the-world.com

Autor

Bianca Schilling