Abenteuer Mit dem Fahrrad von Berlin nach Shanghai

MERIAN.de: Wie entstand die Idee, von Berlin nach Shanghai mit dem Fahrrad zu fahren?
Hansen Hoepner: Es begann alles vor etwa fünf Jahren. Ich musste von Maastricht nach Mailand und konnte mir den Flug nicht leisten. Auch der Zug kam nicht in Frage. So nahm ich mir zwei Wochen Zeit, und bin mit dem Fahrrad gefahren - und mein Bruder begleitete mich. Ab dem Zeitpunkt haben Paul und ich dann jedes Jahr eine Fahrradtour gemeinsam gemacht. Es ging zum Beispiel nach Budapest oder in den Norden Norwegens. Wir legten dabei Strecken von 1100 und 3300 Kilometern zurück. Doch irgendwann ist uns Europa zu "klein" geworden. Wir wollten noch länger unterwegs sein. Da kam uns die Idee, so weit wie möglich nach Osten zu fahren. Wir entschieden uns für Shanghai als Ziel.

Sie hatten im Vorfeld eine Route geplant, von der Sie aber während der Tour abweichen mussten. Warum?
Paul Hoepner: Es gab einige Schwierigkeiten mit dem Visum für Russland. Eigentlich hatten wir eines beantragt, das 40 Tage gültig ist - bekommen haben wir aber nur ein Visum für 22 Tage. Das bedeutete, wir mussten in der Hälfte der Zeit Russland durchqueren, um rechtzeitig die Grenze nach Kasachstan zu erreichen.

Wie haben Sie sich körperlich auf die Reise vorbereitet?
Hansen Hoepner: Aus unserer bisherigen Erfahrung wissen wir, dass Ausdauer und Kondition sich während der Tour aufbaut. Wir haben also kein spezielles Training absolviert, sondern es am Anfang ruhig angehen lassen und uns nach und nach gesteigert.

Welche Bedeutung hat für Sie das Fahrradfahren?
Hansen Hoepner: Fahrradfahren ist für mich eine Art der Fortbewegung, die zwar schneller ist als Laufen, aber dennoch so langsam, dass man mit Menschen in Kontakt kommt. Man lernt Land und Leute viel intensiver kennen. Und es ist eine Herausforderung an sich selbst, eine Strecke komplett aus eigener Kraft und Energie zu schaffen.

Sie sind durch Länder wie Kasachstan und Kirgisistan gefahren. Wie bereitet man sich darauf vor?
Paul Hoepner: Ein halbes Jahr vor Beginn der Reise tauschten wir uns in Foren mit Menschen aus, die schon ähnliche Fahrradtouren gemacht haben. Zudem haben wir uns über die politische Lage im Land und die geschichtlichen Beziehungen zu Deutschland informiert - damit man nicht unwissentlich in irgendwelche Fettnäpfen tritt. Der Rest kommt auf der Reise. Gerade wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, nähert man sich neuen Kulturen sehr langsam. Das gibt einem Zeit, die jeweilige Lage einzuschätzen und sich darauf einzulassen. In Russland findet man zum Beispiel  kasachische Kultur, in Kasachstan wiederum kirgisische Kultur.

Sie sind mehr als 200 Tage unterwegs gewesen. Hat die Reise Sie verändert?
Paul Hoepner:
Die Tour hat uns viel Raum für Gedanken gegeben. Da sieht man einiges in einem anderen Licht als vorher. Grundbedürfnisse wie Schlafen und Essen rücken in den Vordergrund. Und man stellt schnell fest: Materielle Dinge sind nicht das Entscheidende fürs Wohlbefinden. Man wird in einer guten Weise geerdet.

Haben Sie jemals ans Aufgeben gedacht?
Hansen Hoepner: Es gab eine Situation, da haben wir tatsächlich gedacht, dass wir unsere Reise beenden müssen. Wir waren gerade auf dem Weg zur kirgisisch-chinesischen-Grenze, als Paul krank wurde. In zwei Tagen hätten wir nach China einreisen müssen, sonst wäre unser Visum ausgelaufen. So fassten wir den Entschluss, an diesem Punkt abzubrechen. Am nächsten Morgen konnte Paul aber doch noch einige seiner Kräfte mobilisieren und wir fuhren weiter. Dennoch war es auf den letzten Drücker: Eine halbe Stunde bevor unser Visum verfallen wäre, haben wir die Grenze passiert.

Wie viele Kilometer haben Sie im Durchschnitt am Tag zurückgelegt?
Hansen Hoepner: Im Schnitt waren es 70 Kilometer am Tag. Natürlich schafft man in der Ebene oder mit Rückenwind viel mehr. Im Himalaja-Gebirge haben wir zum Teil nur 25 Kilometer oder weniger am Tag geschafft, da es sehr steil bergauf ging. Zudem kam noch die enorme Höhe hinzu, die einem regelrecht die Luft zum Atmen wegnahm. Auch das Gewicht unserer Räder spielte eine Rolle. Jedes wog um die 60 Kilogramm. Da kommt man schon irgendwann an seine Grenzen.

Welches Land hat Sie am meisten beeindruckt?
Paul Hoepner: Landschaftlich und kulturell hat mich Kirgisistan sehr fasziniert.
Hansen Hopener: Ich muss sagen, je länger wir in China unterwegs waren, desto mehr beeindruckte mich die Größe des Landes und wie viele verschiedene Kulturen dort beheimatet sind.

Gab es eine zwischenmenschliche Begegnung, die Sie nicht vergessen werden?
Paul Hoepner: Es gab viele Begegnungen, die überwältigend waren und unvergesslich bleiben werden. Die Menschen standen uns offen gegenüber, ihre Gastfreundschaft war unendlich groß. Sie luden uns zu sich nach Hause ein, kochten für uns, boten uns sogar ein Nachtlager an - und das alles, obwohl man gar nicht danach gefragt hat, und wir Fremde für sie waren.

Nach 13.600 Kilometern ist die Reise zu Ende, und Sie sind wieder zurück in Berlin. Wie ist es, plötzlich nicht mehr jeden Tag im Sattel zu sitzen?
Paul Hoepner: Es ist schon ein ziemliches Loch, in das man fällt. Damit hatten wir aber auch gerechnet. Wir waren sieben Monate unterwegs, um an unser Ziel zu kommen, und dann: Innerhalb weniger Stunden ist man wieder zurück am Ausgangspunkt. Es ging zwar in die Heimat, aber die Ankunft in Berlin war mehr ein Kulturschock als alles andere vorher. Teilweise haben wir es noch nicht richtig realisiert, dass die Reise vorbei ist. Es gibt immer wieder Momente, in denen man merkt, dass man noch nicht komplett wieder da ist.

Ihre Erlebnisse haben Paul und Hansen Hoepner in einem Blog festgehalten. Zudem erscheint im nächsten Jahr ein Buch und ein Film über ihre Tour. Mehr Info gibt es auf Anfrage unter: dokumentation@berlin2shanghai.com

Autor

Susanna Bloß