Südafrika Insider Tipps für Johannesburg

Noch vor wenigen Jahren galt Johannesburg als No Go-Area. Urlauber machten einen weiten Bogen um die Stadt. Doch das hat sich geändert, Johannesburg profiliert sich als spannender Kunstkiez.
Johannesburg, Südafrika

Unsere ziemlich besten Freunde kennen Südafrika wie ihre Westentasche, schließlich leben deren Eltern in Hermanus unweit von Kapstadt. Doch als wir ihnen von Johannesburg vorschwärmen, weil es so ein "edgy", also trendiges Städtereiseziel ist, sind sie doch etwas überrascht. Ist ja auch so: Noch vor drei Jahren galt Johannesburg, speziell Downtown, als absolute No-Go-Area. Nicht einmal zum Stopover ließen sich die meisten Südafrika-Reisenden bewegen, dabei ist der O.R. Tambo International Airport die zentrale Sammel- und Weiterverteilerstelle für alle aus Europa angeflogenen Ziele in Südafrika - und dasher wäre es naheliegend, in der Stadt Station zu machen. Doch keiner wollte sich in die 3,8 Millionen Einwohner zählende Metropole trauen: zu gefährlich, zu dreckig, zu kaputt. Kurzum: Nichts wirklich Sehens- und Erlebenswertes in diesem wunderbaren Land.

Nun stehen wir in der Main Street, genauer gesagt am Hintereingang zum Hof des sehr hippen Komplexes "Arts on Main" - und was hier geboten wird, ist alleine schon den Tagesausflug in "Jozi" wert. Fred, 26, unser Guide, sagt obendrein: "This is the safest place in town." Zwei bewaffnete Wachmänner, die neben dem Tor stehen, sind indes zu lässig, um zu grüßen. Im Innenhof zwischen Olivenbäumen steigt gerade ein "Braai", eine Grillparty für etwa 40 Personen, auf dem Grillspieß über dem offenen Feuer brutzeln zwei knusprig geröstete Tierhälften, die Stimmung ist auf den ersten Blick schon einladend und prickelnd. Man denkt: Lass uns den Rest des Tages hier bleiben, das wird bestimmt prima.

Arts on Main ist Adresse, Programm und Motto zugleich

"Arts on Main", das ist Adresse, Programm und Motto zugleich. Viele junge Modedesigner, spannende Galerien und interessante kleine Geschäfte sind entstanden, Johannesburgs Innenstadt profiliert sich als Trendhochburg und Kunstkiez. Und in "Arts on Main" fing alles an, ausgelöst durch den Bauunternehmer Jonathan Lieberman. 2009 zog auf seine Initiative hin neues Leben in diesen zweistöckigen Backsteinbau, einst Zentrale des Bauunternehmens DF Corlett Construction. Auf 4500 Quadratmetern Geschäftsfläche entstanden Lofts, in denen das neue Johannesburg am deutlichsten zu sehen ist: Galeristen, Künstler, die sich Film, Kunst und Literatur verschrieben haben, Buchhändler und Designer wohnen und arbeiten Tür an Tür, sie haben damit auch die Gentrifizierung des Blocks eingeleitet: "The Maboneng Precinct" (www.mabonengprecinct.com), heißt das Projekt, das Lieberman leitet. "Precinct" ist am besten übersetzt mit "heiliger Bezirk". 

Und der Bezirk wächst, denn: "Jozi rocks!" 2010 folgte "Market on Main". Jeden Sonntag und jeweils am ersten Donnerstagabend des Monats verkaufen 50 Händler ihre Produkte und Waren. Im selben Jahr dann "12 Decades" (www.12decades-hotel.co.za), das erste Art-Hotel in der Innenstadt. Und die Fassaden der Häuser, die noch verrammelt und verschlossen sind, dienen beispielsweise Faith 47, einer in der Graffiti-Szene sehr verehrten Künstlerin, als Leinwand. Ganz nebenbei bewirken sie, dass die Bewohner des nur zwei, drei Straßenzüge entfernt beginnenden Hillbrow, 2010 noch einer der kriminellen Hotpots der Stadt, von den "Heiligen im Nachbarbezirk" langsam bekehrt werden und eine andere Beziehung zu ihrer Stadt zu entwickeln.

Motto des Künstlers Fred: Statt Fünf-Jahres-Plan ein Fünf-Minuten-Plan

 

Hansjörg Falz
Frischer Kaffee, leckere Shakes: Uncle Merv's in der Kruger Street

Einer der Künstler, die in "Arts on Main" eine Heimat gefunden haben, ist, wie gesagt, Fred, der aus Pretoria stammt. Sein etwa 30 Quadratmeter großes Atelier befindet sich im ersten Stock, er malt hier seine von einem Aufenthalt in Kolumbien inspirierten Bilder, viele mit Bleistift, und schraubt auch seine Installationen zusammen. Auf der Empore steht sein Einzelbett mit Moskitonetz drüber, und auch eine kleine Küche hat er sich hier zusammengezimmert. In einer ausrangierten hölzernen Obstkiste neben der Treppe lager seine Marvel-Comic-Sammlung. Fred trägt lässig ein schwarzes Baseball-Cap mit "deptones"-Schriftzug sowie ein grünes T-Shirt mit der Botschaft "Balance of opposites". Er lebt nach dem Motto: "Ich habe keinen Fünf-Jahres-Plan, sondern eher so den Fünf-Minuten-Plan" – und ist damit einer der noch unentdeckten Künstler in "Arts on Main".

Er lebt quasi Tür an Tür mit Brendan Copestake, der ebenfalls im ersten Stock das Designstudio "parts&labour" eröffnet hat. Brendan sitzt konzentriert vorm Bildschirm seines Rechners und studiert einen Entwurf. Er ist beteiligt am wohl auf Jahrzehnte wichtigsten Kunstprojekt des Landes. "The Freedom Fighter". Der Künstler Marco Cianfanelli hatte die Idee, anlässlich des 50. Jahrestages der Gefangennahme von Nelson Mandela eine zehn Meter hohe aus 50 an Gefängnisstäben erinnernde Eisenstreben zu errichten. Zusammen und aus dem richtigen Winkel betrachtet bildet die Skulptur das Profil von Mandela ab. Copestake hat am PC die statischen Berechnungen und den Entwurf animiert dargestellt und gehört seitdem selbst zu den gefeierten Kreativen.

Kunstikone William Kentridge war einer der ersten in Arts on Main

Alle in den Schatten stellt jedoch Südafrikas Kunstikone William Kentridge. Dessen documenta-Werk "The Refusal of Time" sorgte im vergangenen Sommer weltweit für Furore (Making of: http://www.zdf.de/aspekte/William-Kentridges-Ideen-der-Zeit-22966020.html).  Kentridge war einer der ersten, der sich in "Arts on Main" niederließ. Im Gegensatz zu den anderen ist sein Büro jedoch verriegelt und verdunkelt. Nebenan im Bookstore mit angeschlossener Druckerei von David Krut lässt Kentridge aber nicht nur seine Radierungen herstellen, er soll sich dort auch immer wieder zum Plausch sehen lassen.

Noch besser sitzt man jedoch im wundervollen Innenhof des Agglomerats aus Shops und Büros. Im "Canteen" sind die Salate und Burger lecker, die Stimmung unter den Olivenbäumen prächtig – und auch an den Wänden des Restaurants gibt es was zu entdecken: Aktuell hängen dort die faszinierenden, schwarz-weißen Objekt-Bilder von Vulindlela Nyoni aus Stellenbosch. Wer danach in Shoppinglaune ist, sollte zum Nelson Mandela Square im Stadtteil Sandten City fahren: www.nelsonmandelasquare.co.za

Und ein weiterer Geheimtipp: Stanley 44, http://44stanley.co.za im Stadtteil Braamfontein. Es nennt sich selbst "Johannesburgs bestgehütetes Geheimnis". Dahinter verbergen sich 25 Boutiquen, Designstudios und Geschäfte und Restaurants in einem wiederbelebten Industriekomoplex in 1930iger Jahre Architektur. Sehr gemütlich, beschaulich. Kurz: eine prima Meile zum Herumstöbern.

Also nichts wie hin für ein Wochenende nach Downtown Jozi. South African Airways fliegt täglich ab Frankfurt nach Johannesburg. Im Boutiquehotel "The Pech" (www.thepeech.co.za) im Stadtteil Melrose übernachten Sie elegant inmitten eines beschaulichen Gartens und sind zudem unweit des angesagten Ausgehviertels Melrose Square.

Autor

Hansjörg Falz