Marokko Marrakesch entdecken

In Marrakesch in Marokko scheint die Zeit nie still zu stehen. Tagsüber in den schmalen Gassen und auf den Souks der Stadt. Abends gleicht Djemaa el Fna, der Marktplatz, einem trubeligen Volksfest. Köche bauen dann ihre fahrbaren Essensstände auf und bewirten Gäste direkt auf dem Platz.

Die Luft ist noch kühl, und die Schatten sind lang auf dem Djemaa el Fna, dem großen Markt in der Altstadt von Marrakesch. Viele der niedrigen Häuser rund um den Platz sind um die hundert Jahre alt, die Sonne gibt den rötlichen Fassaden einen warmen Ton. Ein alter Mann trägt einen Arm voll frischer Minze zu einem Café, neben ihm ruckelt ein Holzkarren vorbei, gezogen von einem Esel.

Früh am Morgen wirkt Marrakesch wie komplett aus der Zeit gefallen, wie der Widerschein einer fernen Vergangenheit. Fast 1000 Jahre ist die Stadt alt. Gegründet wurde sie von den Berbern, von denen sie auch ihren Namen hat: mraksch ist in ihrer Sprache das Wort für Stadt. Typisch für Berberstädte sind lange, gerade Straßen; einige kann man heute noch sehen und entlanglaufen, etwa die Rue Riad Zitoun el Kedim, die in die südliche Altstadt führt. Auch große Freiflächen wie der Djemaa el Fna sind charakteristisch für Berbersiedlungen – in arabischen Städten dagegen sind sie kaum zu finden. Der Name des Platzes bedeutet "Versammlung der Toten", früher wurden hier Menschen exekutiert und ihre konservierten Köpfe monatelang aufgestellt.

Selbst wenn es im Licht der Morgensonne manchmal so scheint: Die Zeit steht nicht still in Marrakesch, sie fließt nur, je nach Ort, in verschiedenen Geschwindigkeiten. Wer vom Djemaa el Fna die Avenue Mohammed V. hinaufläuft, gelangt in die Ville Nouvelle, die "neue Stadt", die während der Kolonialzeit im frühen 20. Jahrhundert von den Franzosen gebaut wurde. Hier liegt der wohlhabende Stadtteil Gueliz mit seinen vielen schicken Restaurants und Geschäften. Die Häuser sind vier, fünf Etagen hoch, einige elegant verziert im Stil des Art déco. Die Frauen auf den Gehwegen zeigen ihr Haar, tragen schmal geschnittene T-Shirts und Schuhe mit hohen Absätzen – anders als in der Medina, wo viele Frauen Haar und Gesicht unter einem Schleier verbergen. Zentrum von Gueliz ist die Place du 16 Novembre. Zahlreiche neue Gebäude mit Luxuswohnungen sind zu sehen, aus einer Tiefgarage gleiten blitzblanke Limousinen.

Angehörige der wachsenden marokkanischen Mittelschicht ziehen gern nach Gueliz – wer hier wohnt, hat es geschafft. Die Reichen und Berühmten aus Europa und Amerika lieben Marrakesch seit Jahrzehnten. Im luxuriösen Hotel "La Mamounia", einem früheren Sultanspalast, übernachtete schon Winston Churchill öfter. Nach der Renovierung des Hauses im Jahr 2009 wurden hier Passagen des Kinofilms "Sex and the City 2" gedreht. Henriette von Bohlen und Halbach lebte bis vor Kurzem in Marrakesch auf einem großen Anwesen, das Hassan II. einst ihrem Schwiegervater, dem Industriellen Alfried Krupp, geschenkt hatte. "Hetti", wie sie sich selbst nennt, stand viele Jahre lang im Mittelpunkt des Jetset-Lebens der Stadt. Sie war gut befreundet mit Yves Saint Laurent, der seit
den Sechzigern immer wieder in Marrakesch wohnte und dort Besucher wie Andy Warhol und Catherine Deneuve empfing; 1980 zog er in eine Villa im exotisch-verwunschenen Jardin Majorelle, dort wurde auch seine Asche verstreut.

Heute scharen sich die Stars gern um den Pool des vornehmen "Amanjena"-Hotels, das in den Palmengärten im Südosten der Stadt liegt. Prinz Andrew, Naomi Campbell und Pierce Brosnan
gehören zu den bekanntesten Gästen des Hauses. Marrakesch ist heute die größte Stadt im Süden
des Landes. Eine Million Einwohner leben schon hier, und es werden immer mehr, die Zuzügler kommen vor allem aus den Dörfern des nahen Atlasgebirges. Seit Jahren schon verändern sich die Stadtviertel: Marokkaner, die es sich leisten können, ziehen aus der Medina weg, reiche Europäer
kaufen die leer stehenden Riads und bauen sie aufwendig um.

Doch egal, woher sie stammen und wie lange sie hier schon leben – abends zieht es die Menschen von Marrakesch immer wieder auf den Djemaa el Fna: Jeden Tag beginnt hier mit der Dämmerung
ein Spektakel, das den Markt in die UNESCO-Liste der "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" gebracht hat: Köche bauen ihre fahrbaren Verkaufsstände auf,
neben den Töpfen glänzen gehäutete Schafsköpfe.

Der ganze Platz ist voll von neugierigen Besuchern und Einheimischen, dazwischen Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Trommler, Tänzer – so geht es hier seit Hunderten von Jahren. Nicht nur Besucher aus dem Ausland bestaunen den Trubel, auch viele marokkanische Touristen sind hier. Sie stehen vorher Schlange an den Geldautomaten um die Ecke, und wenn Teenager mit ihren Eltern auf dem Platz eine Tajine essen, das traditionelle Gericht aus dem Tontopf, dann lassen sie sich von Papa mit ihrem Smartphone fotografieren und stellen das Bild stolz bei Facebook rein: Yeah, ich bin in Marrakesch!

Autor

Burkhard Maria Zimmermann

Ausgabe

Marokko 01/2014