Marokko Die Wunderwelt des Hohen Atlas

Sein Ziel: der höchste Berg Nordafrikas. Der Schriftsteller Matthias Politycki wandert durch die Wunderwelt des Hohen Atlas. Staunt über Hochhäuser aus Lehm, trinkt Tee mit einem Scheich - und schaut schließlich vom Gipfel des Djebel Toubkal bis in die Sahara.
Dorf Imlil in Marokko

Es ist laut im Gebirge. Während des Ramadans lassen die Muezzins bereits ab 2.40 Uhr von sich hören, damit jeder Muslim, bevor die Sonne aufgeht und ein langer Fastentag beginnt, noch frühstücken kann. Ist der eine Muezzin gerade fertig, hebt der nächste im Nachbardorf an, dazu kommt das Geschrei der Maultiere, das nervöse Gebell der Dorfhunde, das Knattern des Windes in der Zeltplane. Bald darauf höre ich aus nächster Nähe das Gemurmel der Betenden: Mein Bergführer und seine beiden Mulitreiber sind hellwach, gleich werden sie mich zum Aufbruch drängen - während des Sommers empfiehlt es sich, einen Gutteil der Tagesstrecke in der Kühle des Morgens zurückzulegen.

Als ich 1980 zum ersten Mal nach Marokko kam, war der Hohe Atlas für Reisende praktisch nicht zugänglich. Heute gibt es viele gut markierte Wanderwege, und von den einst so zurückgezogenen Berbern lebt mittlerweile, so heißt es, mehr als die Hälfte vom Fremdenverkehr. Zentrum des florierenden Tourismus ist das Dorf Imlil; an die 6000 Gäste pro Jahr steigen von hier aus auf den Djebel Toubkal - mit 4167 Metern ist er der höchste Berg Nordafrikas, das macht die Wege voller als anderswo.

Einige Besucher kommen als Wochenendausflügler aus Europa: Freitagabend Landung in Marrakesch, Samstag Shuttle nach Imlil, Sonntag Toubkal rauf, Toubkal runter, Shuttle zurück zum Flughafen: 3700 Meter Höhenunterschied in zwei Tagen! Wir hingegen wählen den klassischen Rundweg, lassen uns acht Tage Zeit. Unsre Route führt im Uhrzeigersinn um den Toubkal herum - von Imlil über mehrere Dörfer bis zu einem Bergsee, dann über den Ouanoums-Pass zum Gipfel. Über alte Schäferpfade geht es und durch sattgrüne Täler, vorbei an einem ausgebrannten Autowrack oder, fern jeder Siedlung, an einem Fußballfeld; die Seitenlinien sind mit halb eingegrabenen Felsbrocken markiert.

Kleiner Snack im Hohen Atlas.
Arthur F. Selbach
Überall im Hohen Atlas bieten kleine Läden Tee, frischen O-Saft und Süßigkeiten an.
Als wir gegen Mittag am Ziel der ersten Etappe ankommen, ist mein Zelt bereits von den Mulitreibern aufgebaut, die mit ihren Tieren schneller gehen. Nach dem Mittagessen fällt leichter Regen, ein verlässlicher Begleiter auch in den nächsten Tagen; dann liegen alle in ihren Zelten und lauschen dem heimeligen Prasseln auf den Planen. Das Leben wird einfacher von Tag zu Tag, reduziert sich aufs Notwendigste. Unterwegs bin ich mit Mohammed Imerhane, 40 Jahre alt und hier in den Bergen geboren. Unterwegs schaut er immer wieder nach, ob sein Handy Empfang hat; wenn ja, beantwortet er im Weitergehen eifrig Mails von denen, die sich für zukünftige Wanderungen mit ihm verabreden möchten. Handymelodien am Hang - auch das ist Teil unserer globalisierten Welt. Nach dem Abendessen hören wir die endlosen Lieder der Berber aus einem der iPods der beiden Mulitreiber, reden über den Lauf der Welt. Mohammed sagt, er sei froh, dass in Marokko keine ägyptischen Zustände herrschten. Für "eine Demokratie wie in Europa" sei Marokko nicht geeignet.

Wandern durch graubraune Felswüsten, vorbei an Hängen mit Einkerbungen

Man muss Mohammed nicht immer zustimmen, allein ihm zuzuhören gewährt Einblicke in das, was die islamische Welt derzeit erschüttert. Anderntags ist es vor allem interessant zuzusehen, mit welcher Sicherheit er seine Schritte setzt in dieser oft unverhohlen feindlichen Landschaft. Wir wandern durch graubraune Felswüsten, vorbei an Hängen mit harten Einkerbungen. Aus der Ferne sahen sie noch trügerisch sanft aus, wie der Faltenwurf eines Seidentuchs.

Höchster Punkt in Marokko im Hohen Atlas.
Arthur F. Selbach
Die Metallpyramide markiert den höchsten Punkt Marokkos.
Vielleicht gründet die Ausdrucksstärke des Hohen Atlas auch in seiner Reduktion aufs Wesentliche. In den Alpen wird die granitene Unbarmherzigkeit der Viertausender durch die Schönheit der Schneehauben gemildert; dazu kommt von unten die vertraute Almen- und Tannenwaldborte mit ihrem sanften Auf und Ab. Im Hohen Atlas fehlt das eine wie das andere, jenseits seiner scharf abgegrenzten Oasen im Tal ist er über knapp 2000 Höhenmeter nichts als reines Gebirge. Wer aus Marrakesch angereist ist, aus der kakophonen Vorhölle des Djemaa el Fna, der lernt hier, jedes Geräusch wieder einzeln wahrzunehmen - eine Atlaswanderung ist auch eine Schule des Hörens. Das macht nicht zwangsläufig glücklich. Tagelang bin ich auf der Flucht vor einer Gruppe Dänen. Es beginnt mit einer Rast auf einem Pass, als ich plötzlich das Geklacker ihrer Wanderstöcke höre, lang bevor ich sie selber sehen kann. Einen Tag später treffe ich sie in Amsouzart, einem besonders fotogen gelegenen Bergdorf. Manche der für den Atlas so typischen Lehmziegelhäuser kleben hier fünf Stockwerke hoch am Hang, regelrechte Hochhäuser, und das seit Hunderten von Jahren. Auf den Dachterrassen Satellitenschüsseln und Solarzellen, Insignien der Moderne, aber die Frauen drehen sich ab, sobald man sich nähert; selbst manche Männer wollen sich nicht fotografieren lassen. In den Garagen stehen Mulis; der Bach, der durchs Dorf fließt, ist eine Müllhalde.

Hoher Atlas in Marokko
Arthur F. Selbach
Bis zum Horizont ziehen sich die Bergketten des Hohen Atlas.
Etwas weiter liegt unter Mandelbäumen ein Irisfeld: ein perfektes Stück Marokko, in das man gern hineinspazieren würde - wenn da nicht die kleinen Jungs wären, die mit Steinen nach mir werfen, weil ich ihnen weder Kugelschreiber noch Geld geben will. Tags drauf geht es weiter, von einem Dorf zum nächsten; an der allerschönsten Stelle, wo der Scheich des Ortes Ait Igrane ein Teehaus unter einem Walnussbaum betreibt, sitzen die Dänen. Der Scheich küsst meinen Bergführer Mohammed auf beide Wangen, schmatzt ihn regelrecht ab. Ein Abglanz seiner Freude fällt auf mich, er küsst seine eigene Hand, bevor er sie mir zum Gruß reicht.

Hinter dem Ort beginnt ein alter Pilgerpfad, der zum Lac d'Ifni und seinem Heiligtum führt, der Grabstätte eines Sufis. Auf dem Pass steht einer der winzigen Getränkeläden, wie man sie allerorten im Hohen Atlas findet: die übliche karge Felsbrockenbude, davor ein paar weiße Plastikstühle - doch welch ein Blick auf den See! Wenig später schwimme ich in diesem ernsten See, umschwiegen von ernsten Bergen. Abends sind nur noch die Dohlen zu hören, bei Sonnenuntergang tritt der Ladenbesitzer ins Freie und ruft zum Gebet, sein Ruf hallt kräftig zwischen den Bergwänden, danach wird es schnell dunkel.

Mitten in der Nacht dann, viel früher als sonst, der Aufbruch zum Ouanoums-Pass: 1300 Höhenmeter, die härteste Tagesetappe unserer Wanderung. Kurz nach vier bittet Mohammed um eine kurze Pause, sinkt auf die Knie und murmelt sein Morgengebet. Im Geröll neben ihm die rot blinkende Stirnlampe, über uns ein gestochen klarer Sternenhimmel, auch das wird unvergesslich bleiben. Nach fünf Stunden endlich der Pass. Der Blick zurück bis zum Anti-Atlas ist ebenso grandios wie der nach vorn, ins nächste Tal. 450 Meter tiefer beginnt das Kontrastprogramm. Dort liegt die Neltnerhütte mit ihren 90 Betten, daneben "Les Mouflons" mit weiteren 180 Hüttenbetten, darum herum das Heerlager all derer, die draußen übernachten - sie alle wollen anderntags den Toubkal besteigen. Ich habe an diesem Abend 82 Zelte gezählt, ein unglaublicher Rummel, und das war laut Mohammed eher wenig.

Am nächsten Morgen - an jedem Morgen während der Sommersaison - beginnt zwischen vier und fünf das Wettrennen zum Gipfel, wird die Geruhsamkeit des Wanderns ad absurdum geführt. Der Gipfel, der sich auch in den Tagen zuvor selten gezeigt hat, verbirgt sich noch beim Anstieg bis zuletzt, am Schluss kommt er als sanfte Kuppe eher beiläufig zum Vorschein. Oben geht es bereits hoch her, ein Pärchen packt eine Fahne aus, mit der es sich fotografieren lässt, einige Spanierinnen (ohnehin in Hotpants unterwegs) entblößen sich weiter, bevor sie sich in Pose werfen. Die Dänen formieren sich zum Gruppenbild mit guter Laune. Nur wenige Wanderer sitzen abseits - und betrachten schweigend ein unglaubliches Ensemble an Gipfeln, die Hänge rot und gold im Licht der Morgensonne. Dahinter im Dunst die Ahnung einer Wüste, der Sahara.

Reste eines Propellerflugzeugs, das gegen den Grat prallte

Sämtliche Gelegenheitsbergsteiger verschwinden zügig wieder - sie müssen ja heute noch zurück bis nach Imlil, womöglich bis Marrakesch -, und zwar auf der Südroute, die sie bereits heraufgestiegen sind. Wählt man hingegen die schwierigere Nordroute, ist man allein. Der Weg führt in eine steile Geröllhalde, schroffer und wüster als alle vorangegangenen: kein Bach darin, kein Vogel, Schaf oder Schäfer - vollkommen leblose Felseinsamkeit ohne das geringste Geräusch. Der Atlas ist sowieso schon kein heiteres Gebirge, hier wird er regelrecht düster.

Und plötzlich sieht man Wrackteile am Hang, verstreut über Hunderte an Metern, Reste eines Propellerflugzeugs, das vor mehr als 40 Jahren gegen den Grat prallte. Es sollte kurz vor Ende des Bürgerkriegs Waffen und Munition nach Biafra transportieren. Nachdem man die Leichen geborgen und beigesetzt hatte, ließ man die Trümmer liegen. Ein Stück tiefer stoßen wir auf ein Sammelgrab. Abgehendes Geröll hat die Felsen, die die Gebeine bedeckten, im Lauf der Jahre verschoben. Man sieht ausgebleichte Knochen, Wirbel, zwei zerbrochene Schädel. Das Tal des Todes.

Und wieder bringt bereits der nächste Tag das Kontrastprogramm. Wir steigen über den Aguelzim-Pass in ein Tal hinab, umragt von Felswänden, die wie gelbgrün verschimmeltes Pappmaché aussehen. Dazwischen mehrere Wasserfälle, wie geschaffen für eine Tolkien-Verfilmung. Statt Elben tummeln sich am Fuß der größten Kaskade allerdings ... nein, keine Dänen, sondern die Spanierinnen, dreiviertelnackt, und möchten von mir fotografiert werden. Bald darauf Rast in einem Wacholderhain, der Boden ist wieder mit Gras überzogen, der Wind spürbar wärmer - ein Idyll nach all den Tagen im Fels.Das Mittagessen wird zum Picknick; danach strecken wir uns einfach aus und schlafen ein.

Und als wäre das noch nicht genug, schlagen wir unsre Zelte für die letzte Nacht an einem Bauernhof auf, von dem der Blick auf die weitläufigen Gehege einer Schäferei fällt. Und beobachten die Rückkehr der Herden vom Berg: Die Jungtiere, die noch nicht mit durften, stürzen ihren Müttern unter aufgeregtem Gezeter entgegen. Das Tal des Lebens. Erst um sieben Uhr liegt es wieder ruhig vor uns. Ein letzter Raubvogelschrei. Schon zieht dieser unglaubliche Sternenhimmel auf. Kurz nach neun quert ein heller Punkt, schneller als jedes Flugzeug, die Milchstraße - die internationale Raumstation ISS, wie Mohammed weiß und wie sich später zu Hause auf der Website der NASA bestätigt. Es ist tatsächlich wieder einmal ganz still im Hohen Atlas.