Mit Stil Leopard, Löwe, Knöllchen - sticht!

Wie ungefähr 98 Prozent aller WM-Besucher in Südafrika sind auch wir anschließend in den Krüger Nationalpark gefahren. Ich war noch nie auf Safari, aber ich hatte ganz konkrete Vorstellungen: Drei Stunden gebannt auf ein Wasserloch starren wie ein Nilpferd an Land schläft, im Wasser schläft, auftaucht, wieder abtaucht, Sonnenuntergang im offenen Jeep, Bettruhe wie im Seniorenheim, das, was man heute eben "Entschleunigung" nennt.

Drei Tage später bekam ich eine Anzeige wegen zu schnellen Fahrens im Nationalpark und wurde von einer älteren Frau als Rüpel beschimpft.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Kaum passierten wir das Malelane Gate im Süden des Parks, liefen uns kleine Warzenschweine über den Weg, die ersten Giraffen und Elefanten wurde gesichtet, von weitem sogar ein Nashorn. Für den Anfang ziemlich gut. Dachten wir.

"You didn't see the leopard!?", fragte ein Amerikaner entsetzt. "No lion?" Wir standen an der Tafel, wo täglich eingezeichnet wird, auf welchen Wegen welche Tiere gesichtet wurden. Außerdem hatten wir wohl den Kampf eines Zebras mit einem Krokodil an der nahegelegenen Wasserstelle verpasst. "Oh boy", sagte der Typ und schüttelte den Kopf. Wir waren jämmerliche Safari-Versager.

Irgendwie hatte ich das kompetitive Element dieser Veranstaltung vollkommen unterschätzt. Wie beim Quartett-Spiel wurde sich bei jeder Begegnung in den Restcamps gegenseitig überboten: Elefantenherde mit drei Babys - sticht! So in der Art. Während wir noch entzückt bei Schwarzfersen-Antilopen stehen blieben, fuhren die großen Jeeps bei so kleinen Fischen ungerührt weiter. "Antilopes to the left. Girafes on the right", protokollierte der Fahrer bloß, als wäre es eine Aufklärungsfahrt in Afghanistan.

Nach dem zweiten Tag ohne Löwen und Leoparden wurden wir allmählich nervös. Spätestens seitdem ein Fünfjähriger ein anderes Kind gedisst hatte, das immer noch nicht die "Big Five" komplett hatte, war klar: Wenn wir ohne die hier rausgehen würden, wäre der ganze Trip umsonst gewesen.

Also hielten wir überall dort, wo andere Autos auch hielten. (Manchmal stoppten auch andere da, wo wir gerade standen, um dann festzustellen, dass wir nur die Straßenkarte studierten.) An einer Stelle warteten gleich fünf Wagen - mit Guide! Von weitem sah man Zebras und Wasserböcke grasen, aber ein Typ im Mercedes ließ die Scheibe herunter und erklärte, irgendwo würde eine Löwin auf der Lauer liegen. Man sähe sie nur gerade nicht.

Eine Stunde später war noch immer nichts passiert, außer, dass da mittlerweile acht Wagen standen. (Die Nummer merke ich mir für die nächste Safari.) Dann mussten wir leider aufbrechen, weil wir vor Sonnenuntergang in unserem Camp sein sollten und wegen der blöden Löwin und den anderen Touristen sowieso schon viel zu spät dran waren und genau das habe ich dann später auch dem Polizisten versucht zu erklären, welcher Druck da ausgeübt wird. Aber er hat glaube ich nicht genau verstanden, was ich meinte.

Im Endeffekt musste ich für 68 Km/h statt 50 Km/h umgerechnet 27 Euro Strafe zahlen, was sehr milde ist. Löwen und Leoparden haben wir auch an unserem letzten Tag nicht gesehen. Dafür gewinne ich jetzt gegen jeden in der Kategorie "bescheuertstes Urlaubserlebnis": Beim Speeding im Krüger Park erwischt werden - sticht!

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Autor:
Silke Wichert