Tansania Der Ngorongoro-Krater

Die Bezeichnung für unseren Ausflug ist beinahe etwas unglücklich gewählt: Im offenen Jeep geht es auf einen "Game Drive". "Game" steht für Jagdtier oder Beute. Die Teilnehmer der Tour durch im Ngorongoro-Krater sind dementsprechend bewaffnet - allerdings nicht mit Gewehren, sondern mit teuren Digitalkameras. Denn nirgends sonst auf der Welt ist die Tierpopulation so dicht wie in diesem Becken. Keine Tiere zu sehen - das ist unmöglich.

Schon bei der Anfahrt in den Krater wird das Ausmaß klar. Rund 30.000 Tiere tummeln sich hier auf engem Raum. Gnus ziehen in großen Herden vorbei, Zebras sind an ihrer Seite, Büffel stehen im Hintergrund. Die Löwen, die im Rudel umherziehen, beeindrucken sie nicht. Dazu eine klassisch afrikanische Kulisse: Grasland durchzogen von einigen staubigen Wegen, Seen und Sümpfen. Der Krater - das ist Afrika im Miniformat in einer Art überdimensionalen Badewanne.

Wären nicht die Jeeps der zahlreichen Safarianbieter, die Szenerie könnte schöner nicht sein. Schon früh morgens fahren Guides und Touristen in den Krater. Heute steht eine Löwenfamilie direkt hinter dem Eingang. Die Jungtiere spielen, die großen Löwen recken sich in der Sonne. Acht Jeeps stehen um das Rudel. Nicht jeder Guide hält sich an die goldene Regel, maximal fünf Fahrzeuge um ein Tier zu gruppieren. So erinnert der Andrang ein wenig an den letzten Besuch in Hagenbecks Tierpark.

Das zufällige Aufeinandertreffen von Mensch und Tier geschieht hier nahezu im Minutentakt. Während sich vor dem Jeep noch ein Gnu-Kampf abspielt, bei dem die Tiere immer wieder aufeinander losgehen und ihre Hörner gegeneinander schlagen, zeigt der Guide schon wieder auf das nächste Highlight. Tief in der Steppe steht eines der seltenen Spitzmaulnashörner. Kaum ist das fotografiert, taucht auf der Tierautobahn ein orientierungsloser kleiner Löwe auf, der offenbar seine Mutter verloren hat. Rush Hour im Ngorongoro, so schnell kann kein Besucher knipsen.

In Nationalparks wie dem Tarangire oder Lake Manyara geht es beschaulicher zu. Dort ist die Spähfahrt selbst das Ereignis. Tiere sind durch Büsche und Bäume schwieriger auszumachen. Da bricht auch gerne mal leiser Jubel aus, wenn mit dem Fernglas die erste Giraffe gesichtet ist. Im Krater sucht man dieses Tier übrigens vergeblich. Aufgrund ihrer Größe schaffen sie es nicht über den Kraterrand, der mit seinen knapp 19 Kilometern Durchmesser immerhin 605 Meter über dem Grund liegt. Auch Elefantenkühe und Impalas bleiben lieber oben. Dort, wo auch viele Besucher die Nacht verbringen.

Kaugeräusche neben der Luftmatratze

Logiert wird am Kraterrand. Jeder schläft so, wie er mag oder es sich leisten kann. Von der völlig überteuerten und noblen Safari-Lodge im Kolonialstil mit eigenem Butler bis hin zum simplen Campingplatz mit Plumpsklo - der Variantenreichtum der Übernachtungswelt ist groß. Allerdings: Das hautnahe Naturerlebnis ist eher auf Seiten der Budget-Reisenden.

Die wundern sich schon bei der Ankunft über die offene Weite des Campingplatzes "Simba". "Es ist ganz anders als in Südafrika. Im Krüger-Nationalpark darf man ohne Umzäunung nicht einmal auf die Toilette gehen. Hier schläft man gefühlt neben den Tieren", spricht Lennart aus Holland das aus, was wohl auch seine Mitcamper denken. Sie werden vom Guide angewiesen, die Leinen des Zeltes nicht zu weit zu spannen. Sonst könnten ja die nächtlich grasenden Büffel und Zebras darüber fallen. Was für Europäer zunächst wie ein schlechter Scherz klingt, bewahrheitet sich ein paar Stunden später bei Dunkelheit.

Mitten in der Nacht sind neben den Zelten rhythmische Kaugeräusche zu vernehmen. Ein paar Büffel scheinen den Ausflug zu einem Touristenspot als Programmpunkt zu haben. Sie stört es nicht, dass hier Australier, Amerikaner und Europäer schnarchen. Warum auch? Schließlich schlafen die auf ihrem Weidegrund und haben sich in ihrem Fressbereich breit gemacht.

Der entspannteste Teil der Ferien ist es für viele Besucher nicht gerade, dafür aber der unvergesslichste. Am nächsten Morgen fühlt sich das nächtliche Intermezzo für Lennart wie ein Traum an: "Ich habe mal kurz den Kopf aus dem Zelt gehalten und gedacht, ich halluziniere. Die Kaugeräusche waren das eine, Löwengebrüll aus der Ferne das andere. Das hat schon etwas Unwirkliches."

Absolut wirklich sind hingegen die Kleckse, welche die Tiere auf der Campingwiese zurückgelassen haben. Unser Koch deutelt: "Das hier kommt von einer Elefantendame, ist sogar noch frisch." Während er noch über den nächtlichen Besuch mit Rüssel sinniert, reicht er das Frühstück. Die Lebensmittel werden im Auto oder in der umzäunten Küche aufbewahrt. Zu groß ist die Gefahr, dass Elefanten das Zelt niedertrampeln, wenn sie darin Nahrung wittern. Eine Information, die es glücklicherweise erst am Ende der Safari gibt.

Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Fassung des Textes hatten wir den englischen Begriff "Game" fälschlicherweise mit Spiel übersetzt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Schlagworte:
Autor:
Alexandra Tapprogge