Afrika Botswanas Schätze

Afrikaforscher David Livingstone

Ein paar Dorfbewohner sitzen auf einem schmalen Holzbrett vor einem Haus, aus dem Musik scheppert. Eine Hand voll Kinder tritt gegen einen Ball ohne Luft, Sand wirbelt auf, ein Esel schreit, ein alter Golf dröhnt vorbei. Sonst ist es ruhig an diesem Nachmittag. Auf der anderen Seite der Straße steht mächtig und 500 Jahre alt ein Stück afrikanische Geschichte: Die Dorfbewohner nennen den Wildfeigen-Baum nur Livingstone, weil unter diesem Baum der englische Missionar und Afrika-Entdecker David Livingstone predigte und begann, die Bibel ins südliche Afrika zu bringen.

Heute ist der Baum eingezäunt, damit ihn Esel nicht anfressen oder Menschen für Feuerholz fällen. Ein Dorf ist rund um ihn entstanden, es heißt Manyana und liegt in Botswana. Unter den Blättern, die wie ein Vorhang bis zum Boden reichen, ist es angenehm kühl und still. Der Stamm des Baumes formt eine halbrunde Tribüne mit verschiedenen Ebenen. David Livingstone traf hier die Einheimischen. In Gedanken entsteht das Bild des weißen Mannes, wie er hier, in der afrikanischen Abgelegenheit, unter den Ästen zu den Schwarzen spricht.

Etwa 50 Kilometer sind es von hier bis zur Hauptstadt Botswanas: Gaborone. Nicht weit von Manyana liegen außerdem Jahrtausende alte Zeichnungen der Buschmänner, Naturreservate und die Goldminen des modernen Botswana. Eine Tour durch den Süden des Landes ist wie ein Schnellkurs für Afrika-Neulinge weil sie die verschiedenen Facetten und die Geschichte des Kontinents zeigt. Oft steht Botswana, zwischen Nambia und Simbabwe, im Schatten des großen Nachbarn Südafrika. Und wenn Touristen schon ins Land kommen, fahren sie meist ins Okavango-Delta im Norden, wo zur Regenzeit die Tiere an die Wasserlöcher ziehen. Der Süden des Landes um Gaborone wird dagegen meist vernachlässigt.

Die Hauptstadt Garborone.
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Gaborone, die Hauptstadt Botswanas, mit ihren gläsernen "Palästen".
Eine Straße führt aus der Hauptstadt hinaus Richtung Südwesten, wo die Landschaft hügeliger wird und die Berge am Horizont im Dunst wie eine blaue Mauer erscheinen. Die Region um Gaborone ist flach, in der Stadt selbst gibt es keine einzige Steigung. Nur ab und zu erheben sich ein paar Hügel in der Ferne. Die Wege sind weit, die Straßen gerade, und nur gelegentlich tauchen ein paar Hütten auf: Botswana hat so viele Einwohner wie Hamburg, ist aber so groß wie Frankreich. Große Teile davon nimmt die Kalahari-Wüste ein.

Die Straße nach Manyana wird irgendwann zur Steinpiste, ausgespült bei Regenschauern und wieder eingetrocknet in der Hitze. Roter, afrikanischer Sand wirbelt auf. Das Dorf ist nicht nur um den Livingstone-Baum gebaut, sondern wird auf der anderen Seite auch von einer überhängenden Felswand begrenzt. Kopano, ein stämmiger Mann mit kräftigem Händedruck und Arbeitsschuhen führt Besucher zum Felsen. Er zeigt handgroße Zeichnungen, die erst beim zweiten Blick richtig sichtbar werden: eine Antilope, drei Giraffen, ein Mensch, eine Pflanze. Vor 2000 Jahren, sagt Kopano, hätten die Mitglieder des San-Stammes, die aus dem Busch zum Felsen und auf die Ebene kamen, hier ihre Zeremonien gefeiert.

Landschaft in Botswana.
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Weites Land: Botswana gehört zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt.
Am Fuße der Felswand, wo heute Familien kleine Gärten pflegen, war ihr heiliger Ort. Sie haben Tiere geschlachtet und mit einer Farbmischung aus Blut und Kräutern an die Wände gemalt. "Die Farbe wurde wohl jahrhundertelang immer wieder aufgetragen und war so gut, dass sie noch immer sichtbar ist." Es ist nicht die Wiege der Menschheit - die soll anderswo in Afrika liegen. Aber die Felsenzeichnungen von Manyana sind ein eindrucksvolles Relikt aus der Vorzeit. Die Länder im südlichen Afrika sind reich an Stätten der Menschheitsgeschichte. Und Manyana ist besonders: Die Buschmänner haben verschiedene Farben benutzt, sogar mit Schwarz gemalt. Eine Altersbestimmung der Kohle ist deshalb einfach möglich.

Vom Dorf Manyana fließt der Kolobeng-Fluss Richtung Südwest und die Geschichte macht einen Sprung: Im 18. und 19. Jahrhundert kommen die Europäer. David Livingstone war einer der ersten in der Region. Er fand am Kolobeng einen Platz, wo das Wasser nie versiegt. Im Sommer, wenn auf der Nordhalbkugel Winter ist, steigen die Temperaturen in Botswana auf über 40 Grad Celsius. Dann trocknet alles aus und die Landschaft wirkt, als wäre sie in gelb-braune Farbe getaucht. Die wenigen Flüsse, die noch Wasser führen, darunter der Kolobeng, sind dann wie grüne Bänder.

Flusspferd in Botswana.
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In Botswana können Flusspferde noch in ihrer natürlichen Umgebung beobachtt werden.
Etwas erhöht ließ Livingstone sich nieder. Er baute ein Haus für sich und seine Frau Mary. Es heißt, auf seinen Reisen durch Afrika habe ihn ein Löwe gebissen, deshalb habe er keine Lasten mehr heben können. Nur die unterste Reihe sind deshalb Steine, der Rest war aus Lehm gebaut und ist inzwischen verschwunden. Nur wenige Meter von seinem Haus ließ er außerdem die erste christliche Kirche des heutigen Botswanas errichten. Mitten in der Steppe liegt sie. Sichtbar sind heute nur noch der Grundriss von Wohnhaus und Kirche, außerdem aufeinander geschichtete Steine weiter unten am Fluss, wo David Livingstone seine Tochter beerdigen musste. Im Alter von sechs Wochen war sie hier an Malaria gestorben.

Seine Frau ging daraufhin zurück nach England, Livingstone blieb noch fünf Jahre, von 1847 bis 1852, an diesem Ort. 1848 war die Kirche fertig. Den Erzählungen und seinen eigenen Aufzeichnungen nach hat er während dieser Zeit allerdings nur eine einzige Person zum Christentum bekehrt: Chief Sechele, den Anführer des Bakwena-Stammes. Trotzdem sind die Menschen heute überwiegend Christen.

Elefanten in Botswana
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Neben Giraffen, Löwen, Leoparden, Geparden und Zebras leben auch Elefanten in Botswana.
Heute ist Botswana in einem ähnlichen Umbruch wie damals - und gespalten zwischen gestern und morgen: Auf dem Land leben die Menschen in Hütten mit Strohdächern, an den Stadträndern von Gaborone entstehen Shopping-Malls. Neu asphaltierte Straßen führen rund um die Stadt, zwischen verspiegelten Hochhäusern und Fassaden aus glänzendem Granit. Das Gebäude des Gesundheitsministerium ist vor kurzem fertig geworden, das Verfassungsgericht zog erst vor einigen Monaten in einen Neubau um.

Das Geld kommt aus Botswanas Boden. Diamanten sind die wahren Schätze des Landes. Botswana fördert so viele Edelsteine wie kein anderes Land und wird zum Zentrum des weltweiten Diamantenhandels. An der Straße zum Flughafen in Gaborone entsteht der Diamant-Technologie-Park, wo Minenbetreiber und Edelstein-Händler residieren. Hier werden neue Technologien für die Diamantenförderung entwickelt und Geschäfte geschlossen.

Die Minen selbst liegen außerhalb der Stadt. Manche sind bei rechtzeitiger Anmeldung für Besuchergruppen zugänglich. Jwaneng, die reichste Diamantenmine der Welt liegt rund 150 Kilometer von Gaborone entfernt. Besucher fahren mit den Aufzügen hinunter in die Schächte. Ein Ganzkörperanzug ist Pflicht - denn der Abbau von Edelsteinen ist ein schmutziges Geschäft.

Autor

Benjamin Dürr