Südafrika Als Expat in die weite Welt

Am 15. Dezember 2009 steht die Schlüsselübergabe fürs Green Point Stadion in Kapstadt an. Am Bau des Fußballtempels vor Ort maßgeblich beteiligt ist Architekt Robert Hormes: "Im Mai 2006 flog ich nach Südafrika, zum Meeting mit den Auftraggebern, um den ins Stocken geratenen Entwurfsprozess voranzutreiben. Kurz danach fiel die Entscheidung, dass ich für die Dauer des Projekts nach Kapstadt ziehe."

Nach Südafrika delegiert hat den 35-Jährigen gmp, das Berliner Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner. Es hat die drei modernen Fifa-Stadien für Kapstadt, Durban und Port Elisabeth entworfen. Hormes hat mit weiteren gmp-Kollegen die künstlerische Oberbauleitung für die Stadien inne und betreut speziell das Green Point Stadion in Kapstadt - Traummetropole am äußersten Südwestzipfel des Kontinents.

Damit gehört der Architekt zu den geschätzten hunderttausend deutschen Expatriierten in Südafrika. Typisch für solche "Expats" ist, dass sie für einige Jahre vom deutschen Mutterhaus in ausländische Schwester- und Tochterfirmen wechseln, meist ihre Familie mitnehmen, ihren Wohnsitz oft sogar dorthin verlegen und trotzdem kein Leben wie zu Hause führen. In Südafrika gilt das umso mehr - aber nicht nur, weil Weihnachten in Shorts gefeiert wird. Das Land bringt vielmehr ein ungewohntes politisches Umfeld mit sich.

So wandelte der Staat sich vom Unrechtssystem der Apartheid mit Unterdrückung der schwarzen Mehrheit in eine Demokratie mit gleichen Rechten für alle. "Doch die Umsetzung der Transformation dauert an, gerade auch in der Wirtschaft mit ihrer Dynamik und ihren Chancen, und verlangt spezielle interkulturelle Sensibilität", sagt Pieter Bouwer, 23 Jahre lang Diplomat, davon sechs Jahre in Berlin an der südafrikanischen Botschaft und seit Frühjahr Deutschland-Repräsentant der südafrikanischen Unternehmensberatung IBN. Bouwer - noch ganz Diplomat: "Für den Transformationsprozess sollten auch die Gäste, die 2010 zur WM in meine Heimat reisen, sensibilisiert sein - und vor allem Spaß an Land und Leuten haben."

Andererseits sind Expats - wie die einheimischen Südafrikaner - mit der Frage der Sicherheit konfrontiert. Denn dem schönen Land zwischen Atlantik und Indischem Ozean und der offiziell verordneten Gleichstellung von "Whites, Blacks and Coloureds" steht eine der höchsten Kriminalitätsraten weltweit gegenüber. Entsprechend passen Expats sich an: wohnen in einem der besseren Viertel, haben eine Alarmanlage, fünf Meter hohe Mauern mit Kameras und einen Straßensicherheitsservice engagiert. Dennoch: "Ich bewege mich sehr frei im Land, reise in meiner Freizeit viel, um viel von Südafrika zu sehen und habe keine Angst. Aber ich beachte die Spielregeln. Und die sind eben strenger", sagt Nadine Hossfeld, Industriekauffrau und delegiert auf Zeit von Siemens Oil & Gas in Erlangen zu Siemens Südafrika in Midrand bei Johannesburg.

Die 26-Jährige betreut dort seit eineinhalb Jahren die betriebswirtschaftliche Seite eines Öl-/Gas-Pipelineprojekts, bei dem Siemens die Abwicklung verschiedener Projekte über den ganzen "Project-Lifecylce" verantwortet. Nadine Hossfeld sieht sich mehr durch die Bürokratie in Südafrika gefordert: "Es dauerte drei lange Monate, bis meine private Logistik stand. Einige Amtswege können eben nur persönlich erledigt werden. Und es gibt nervige bürokratische Teufelskreise", so die Siemens-Delegierte. Im beruflichen Umfeld allerdings nehmen die Arbeitgeber ihren Expats vieles ab - bei der Vorbereitung und später im Gastland. Dabei helfen hier wie dort gerade auch externe Dienstleister - bei Siemens die Experten von PricewaterhouseCoopers in Berlin und Johannesburg.

In den Köpfen gelten oft noch die die Schranken der Apartheid

Gerade auch auf die interkulturellen Unterschiede werden die Expats vorbereitet. VW zum Beispiel spendiert vor dem Umzug außer 200 Sprachstunden und Look- and See-Trips eigens ein interkulturelles Training. Dr. Carsten Krebs, VW-Koordinator zur Fußball-WM 2010, brauchte das alles nicht. Der 37-Jährige kannte Land und Leute bereits, da er ein Jahr in Südafrika studiert hat. Krebs ist seit Oktober 2008 vom Autokonzern zu dessen Tochterfirma in Uitenhage bei Port Elisabeth delegiert und verantwortet für den Autokonzern einen Großteil seiner WM-Marketing- und Kommunikationsaktivitäten in Südafrika. "Die interkulturellen Unterschiede sind hier ein ganz wichtiges Thema", betont Krebs.

Und nennt einige Beispiele. "Ich treffe beruflich viel auf Regierungsmitglieder. Dann sind bestimmte Riten einzuhalten, etwa den Vorsitzenden eines Gremiums immer als 'Mr. Chair' anzusprechen." Zu Anfang einer Sitzung sei es ratsam, gewisse persönliche Beziehungen aufzubauen und dafür einen Eisbrecher einzusetzen. "Im fußballverrückten Südafrika ist das Thema Fußball dafür genau richtig. Oder Rugby, das ist auch sehr populär." Deutsche sollten zudem nicht den typisch deutschen Effizienzstil an den Tag legen, weiß Krebs: "Wer alles besser weiß und drängelt, hat hier schlechte Karten. Wer eine Extraverhandlungsrunde in Kauf nimmt, kommt am Ende ans Ziel." Er trat zudem ganz privat, um Locals jeder "Coleur" besser kennenzulernen, einer multikulturellen Altherren-Fußballmannschaft bei.

Auf den Stadionbaustellen ist interkulturelle Rücksichtnahme ebenso gefragt, so Architekt Hormes: "Am Bau arbeiten im oberen Management nach wie vor wenig Schwarze. Bei Bildung und Ausbildung der lange Unterdrückten muss das Land zur Nivellierung noch viel nachholen. Daher sind nach wie vor die ungelernten Kräfte schwarze Südafrikaner, die Vorarbeiter Coloured und die Bauleiter Weiße. Die Partner-Architekten von gmp in Südafrika sind fast alle Südafrikaner, von denen 50 Prozent schwarz oder farbig sind. In diesem Land im Umbruch ist alles auf demokratische Prozesse und Diskussionskultur bedacht." Dem müsse man sich anpassen und taktisch vorgehen, so Hormes: "Selbst wenn von vornherein für gmp nur eine gestalterische Lösung vorstellbar ist, diskutieren wir mit unseren Partnern diverse Lösungsansätze, um im Idealfall gemeinsam diese Lösung zu finden."

Siemens-Delegierte Hossfeld ergänzt: "Die Leute hier sind zwar entspannt und freundlich. Das bedeutet aber auch 'any time and now now' und heißt am Ende gar nichts." Wer etwas Dringendes zu erledigen habe, müsse am Ball bleiben, aber lachend. "Von oben zack-zack geht hier nicht." Auch in der Freizeit gilt es, sich mancher Sitte anzupassen - gerade "Braai" am Wochenende. Braai meint das traditionelle Grillen und ist in Südafrika Kult, gerade auch zu Weihnachten. "Um solche Einladungen kommt man nicht herum", weiß VW-Expat Krebs.

Dem pflichtet Friedrich Schäfer bei, seit März General Manager des Arabella Westin in Kapstadt. Er ist mit einem gewissen "Luxusproblem" konfrontiert. Denn das vom 45-Jährigen geleitete Nobelhotel beschäftigt 1200 Mitarbeiter, von denen nur zwölf aus der nördlichen Hemisphäre stammen. Das Team besteht also aus eher einfach aufgewachsenen Locals, das verlangt vom Führungsteam besonderes Fingerspitzengefühl. Denn einfach heißt bei den Blacks und Coloured nach wie vor das ärmliche Umfeld von Slums. "Und viele leben oft noch dort, kennen nicht im Entferntesten Ambiente, Stil und Klientel eines Luxushotels. Das muss man sich als Chef klarmachen - ebenso die viel bessere Schulung und Fortbildung in Deutschland", so Schäfer. Diese Umstände sollte man auch im privaten Umgang behelligen. "Andererseits sind die Leute hier von sich aus so freundlich und hilfsbereit, ein anderes Muss in der Hotellerie und daher ein großes Plus."

Im Berufsleben lernen Expats noch den "Broad-Based Black Econnomic Empowerment Act", kurz BBBEE, samt Unternormen, kennen. Der verlangt gerade auch die "Employment Equity". Das heißt für Staats- wie Privatwirtschaft, die Gleichstellung von Schwarzen und Farbigen und deren Fortkommen zu forcieren. Auch sollen die Belegschaften ähnlich zusammengesetzt sein wie die Bevölkerung aus Black, Coloured and White. Schäfer: "Daher müssen die Firmen gewisse Quoten erfüllen und eigens Fortbildungsmaßnahmen nachweisen, mit denen sie die in der Apartheid benachteiligten Bevölkerungsgruppen auf bestimmten Managementebenen fördern."

Für die Entsendeten persönlich wird das kaum relevant. Schäfer: "Für unsere Jobs gibt es keine entsprechend Qualifizierten, mit spezieller Kenntnis des deutschen Unternehmens ausgestattete Südafrikaner." Das gilt gerade auch für die künstlerische Oberbauleitung bei den Stadien. Auf die Schlüsselübergabe im Green Point Stadion folgt am 23.1.2010 ein Tag der offenen Tür mit Musik etc. Dann wird auch erstmals dort gespielt.

Schlagworte:
Autor:
Ulrike Wirtz