Zypern Aphrodite kommt in die Schule

Kein Mädchen, keine Frau in Paphos und Kouklia trägt den Namen Aphrodite. Dafür die Geschäfte: Restaurants, Blumenladen, Supermarkt, Schuhladen, der Wasserpark. Überall schreit Aphrodite nach Kunden und Käufern, raunt aber auch von Intrigen und flötet natürlich von der Liebe. Aphrodite ist Venus und Anti-Venus. Kypris. Prostituierte. Kythereia, die Retterin. Lügnerin, Anadyomene. Tochter des Uranos und der Geia oder Tochter des Zeus und der Dione. Schaumgeboren an der zyprischen Küste, aber für manche auch nichts als Einbildung. Aphrodite, behaupten sie, sei eine hellenisierte Verballhornung des Namens einer anderen: der orientalischen Göttin Astarte.

Jacqueline Karageorghis vereint alle Namen und Bedeutungen unter einem einzigen Begriff: Göttinnenkult. Seit 50 Jahren lebt die französische Archäologin in Nikosia, und genau so lange erforscht sie den Aphroditekult. Sie kennt alle Legenden, aber so schön die Mythen auch seien, so lieferten sie doch nur vage, schwer zu interpretierende Spuren. Die archäologischen Funde, sagt Karageorghis, deuteten in ganz andere Richtungen. Sie wiesen nicht nur auf eine Göttin der Schönheit, der Liebe und des Krieges hin, sondern zeigten Einflüsse aus anderen Kulturen, den Kampf um die Aufrechterhaltung der Menschheit und die Anbetung von Fruchtbarkeit und Energie. Vieles spreche dafür, dass Aphrodite das Ergebnis eines bereits 9000 Jahre alten Göttinnenkults sei.

Gerade hat die Archäologin ihr neuestes Projekt abgeschlossen. Mit einem siebenköpfigen Team erarbeitete sie die "Aphrodite Cultural Route", die quer über die Insel führt und alle wichtigen Stationen des Aphrodite-Mythos einbezieht: ihren Geburtsort im Meer, ihre Tempel, ihre geheimen Orte. Nicht nur Ausgrabungen und Museen, sondern auch die von Hesiod oder Homer erwähnten Stellen bestimmten die Stationen. Und dort erklären Schilder, welche Rolle der Ort im Aphrodite-Mythos spielt. 220 Kilometer lang ist die Straße der Aphrodite, vom Kap Greco im Südosten bis Polis im Nordwesten, vorbei an Paphos und Kouklia, den wichtigsten Stationen im mythischen Dasein der Aphrodite.

An der Grundschule in Kouklia unterrichtet Sotiria Chatsislavri, Lehrerin für Griechisch, Rechnen, Geografie, Geschichte und Aphroditekunde. Sie möchte, dass ihre Schüler mehr mit dem Mythos der Aphrodite verbinden als die Namen von Supermärkten und Nachtclubs. Darum ist die Göttin der Liebe in den Lehrplan gut integriert. Frau Chatsislavri steht vor ihren 19 Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen zehn und zwölf und fragt mit lauter Stimme: "Warum ist Aphrodite gerade für uns besonders wichtig?" Hände fliegen in die Luft. Stathis darf antworten: "Weil sie hier aus unserem Meer gekommen ist." - "Sie ist geboren an der Petra tou Romiou", sagt Despina und erzählt, dass sie diese Stelle so schön findet, weil dort die Wellen so wild gegen den Fels klatschen.

Petra tou Romiou. Ein Felsblock im Meer, nahe dem Ufer. Es dauert nicht lange, um ihn zu umschwimmen. Wer drei Mal herumschwimmt, wird ewig jung bleiben, heißt es. Am Strand haben Menschen die weißen Kalksteine, flach gerieben vom ewigen Salz, zu Herzen angeordnet. In einem der Herzen bilden kleinere Steine die Formel einer jungen Liebe: G + K, 17.4.4. An den Zweigen der Mimosenbäume und Büsche hängen viele kleine Tücher, Zeichen ebenso vieler Wünsche und Träume. Niemand aber kommt zum Baden an diesen Strand. Hier einfach nur zu schwimmen, das wäre Blasphemie. Denn an diesem Stein, schreibt Hesiod, kam Aphrodite zur Welt: Kronos schnitt seinem Vater Uranos das Glied ab und warf es ins Meer. Dort trieb es in den Wellen, Schaum bildete sich, aus dem entstieg Aphrodite, auf einer Muschel stehend gelangte sie an Land.

So ganz genau weiß in Paphos und Kouklia allerdings niemand, welcher der Felsblöcke nun derjenige ist, der Petra tou Romiou heißt. Immer noch fragt sich die Archäologin Jacqueline Karageorghis, warum ausgerechnet an dieser Stelle Hesiod, Homer, Aischylos, Mela und Nonnos die Göttin aus dem Meer haben steigen sehen. Sicher, die Stelle sei von erhabener Schönheit. Und aus dem Meer herausragende Felsblöcke seien auch in den altorientalischen Religionen immer schon Kultobjekte gewesen. Aber durch archäologische Funde lässt sich nichts beweisen - außer dass die Westküste Zyperns in der Kupferzeit das Zentrum eines Fruchtbarkeitskultes gewesen sein muss.

Schönheit, Liebe und Erotik.

Nahe Kouklia und der Petra tou Romiou liegt das einstige Palaepaphos, Alt-Paphos.Hier befand sich ein bedeutendes Heiligtum der Aphrodite, ein Schauplatz sexueller Orgien. Seit dem 19. Jahrhundert graben die Archäologen. Mary Plant, eine Künstlerin aus London, hat sich hier ein Haus gekauft, weil sie Aphrodite nahe sein wollte. Die Liebesgöttin, sagt sie, inspiriere ihr Werk: Installationen aus Büchern, die sie mal wie Muscheln ausfächert, mal wie Flüsse und Tempel.

In der Schule fragt Sotiria Chatsislavri die Kinder, was Aphrodite symbolisiert. Die Finger gehen in die Höhe: "Schönheit." "Liebe." "Erotik." "Leben." Als nächstes möchte die Lehrerin wissen, welche Namen Aphrodite trägt. Die Blicke schweifen nach oben. "Was lest ihr denn Klatschmohn säumt den Weg der Aphrodite, und die Schulkinder von Kouklia kennen dazu eine Geschichte. Frau Chatsislavri, die Lehrerin, möchte, dass die zyprische Göttin von ihren Landsleuten mehr als Mythos geachtet wird und sich nicht als Kunststofffigur vor Kneipen und Etablissements feilbietet an vielen der Geschäfte in Paphos?" Namen erfüllen nun den Raum. "Kyprida, die Zypriotin", "Paphia, die aus Paphos Stammende", "Anassa, der Atem". - "Richtig", lobt Frau Chatsislavri, und ihre Stimme wird lauter. Was es bedeute, dass eine griechische Göttin in Zypern geboren sei? Und alle antworten im Chor: "Wir sind Nachfahren der griechischen Antike". "Vielleicht", sagt Jacqueline Karageorghis, "vielleicht war Aphrodite sogar ein Geschenk Zyperns an den Okzident."

All die Statuen, die Dokumente, ihre Forschungen haben in der Archäologin den Gedanken geweckt, dass Zypern der Ort gewesen sein könnte, an dem das Wesen der Aphrodite aus einem Fruchtbarkeitskult heraus erst entstanden ist, angereichert mit orientalischen Einflüssen und erst später hellenisiert. Nicht Griechenland hätte Zypern dann die Aphrodite überliefert, sondern sie könnte wirklich zyprischen Ursprungs sein, schließlich biete die Insel den multikulturellen Hintergrund, auf dem solch ein Wesen gedeihen könne.

Als die Lehrerin die Schulkinder von Kouklia nach den Liebhabern von Aphrodite fragt, ruft Dimitroula: "Adonis!" Wer war neidisch? Penelope meldet sich: "Hera und Ares!" Erzählt eine Geschichte dazu! Vor Aufregung verschluckt Dimitroula die Wörter: "Ares hat sich in ein Wildschwein verwandelt und wollte Adonis töten. Als Aphrodite das merkte, lief sie barfuß durch den Wald und verletzte sich an einem Stachel." Und was ist dadurch entstanden? Die Schüler rufen: "Klatschmohn!" Im Frühling verwandelt der Klatschmohn die Westküste Zyperns in ein rotes Meer. Bei Porto Latchi gibt es einen Teich, ein Feigenbaum überwuchert ihn wie ein Verbotszeichen. Feuchter Geruch,Glocken von Ziegen. Die Rinnsale von den felsigen Ufern spielen seit 2000 Jahren dieselbe Melodie. Wer hier, in der Loutra tis Aphroditis, badet, heißt es, bleibt ewig jung. Außerdem verliebe sich der Badende in die nächste Person, die er sehe. Ein Mann und eine Frau betrachten ihr Spiegelbild im grünen Wasser, der Mann greift nach einem Ast des Feigenbaumes. Plötzlich gerät alles in Bewegung,Tauben flattern umher, Blätter und Zweige fallen ins Wasser. Hier soll Aphrodite heimlich mit ihren Liebhabern gebadet haben. Liebhaber, die sie ihrem Gatten Hephaistos verschwieg. Er fand es trotzdem heraus.

Aphrodites Untreue hatte Folgen. Folgen, derentwegen Frau Chatsislavri ihre Klasse auch nach den Riten fragt. Peinliche Stille. Stathis, der den Unterricht sehr ernst verfolgt hat, meldet sich. "Im Tempel von Kouklia, da, äh, da gab es immer Feste." Und schweigt. Dann sagt er: "Und es gab diesen schwarzen Stein." Und schweigt wieder. "Und wer noch keinen Mann hatte, durfte vor diesem Stein beten." Frau Chatsislavri holt ein Blatt hervor und liest mit rascher Stimme: "Auf dem Heiligen Berg fanden Symposien statt. Die Jungfrauen mussten ihre Jungfräulichkeit der Göttin opfern." Eine Schülerin grinst. Die Lehrerin spricht weiter: "Und zwar mit jedem Mann, der sie wollte." So viel die Dichter vom Heiligtum der Aphrodite in Paleapaphos erzählen, so wenig ist zu sehen. Nur Steine und Säulen in allen Größen und Formen, Reste von Mosaikböden. Der Himmel lässt Platz für Phantasien. Was hier wohl wirklich geschehen sein mag? Mit nichts als Hügeln im Rücken und allein dem Meer als Publikum? Diese Region, überhaupt die ganze Südwestküste, sei der zentrale Ort des Göttinnenkultes gewesen, sagt Frau Karageorghis. Darum befinden sich rund um Paphos gleich sechs Stationen der Aphrodite-Straße.

Immer noch graben Archäologen auf dem Tempelgelände, finden Statuen,Tonkrüge, Schmuck. Auch die Archäologin Jacqueline Karageorghis hat hier schon gegraben, wenn auch nur einen Tag lang: "Und an dem Tag habe ich ein Paar Ohrringe gefunden", sagt sie. Die sind jetzt im Nationalmuseum in Nikosia. Auch in Amathous, dem südlichsten Punkt der Aphroditen-Route, wird gegraben. Länger als 3000 Jahre ist es her, dass die ersten Menschen hierher kamen, ein Stadtkönigreich entstand. Hier soll Theseus nach dem Sieg über den Minotaurus die schwangere Ariadne zurückgelassen haben. Gräber wurden gefunden und Statuetten von schwangeren oder gebärenden Frauen. Frau Karageorghis kennt alle diese Bilder; die Brüste, die ausgestreckten Arme, die Bäuche, und die Gräber seien der Beweis für die Anbetung der Fruchtbarkeit und des Lebens im Angesicht des Todes.

Zum Ende des Unterrichts in der Grundschule von Kouklia zeigt Frau Chatsislavri ihren Schülern Bilder von Aphrodite-Statuen aus dem Nationalmuseum in Nikosia. "Die Zyprer waren besondere Künstler damals", erklärt sie. Meist blickt Aphrodite auf den Abbildungen zum Himmel, schweift in die Ferne, das schmale, symmetrische Gesicht leicht zur Seite geneigt. Mit gelangweiltem Stolz muss sie Modell gestanden haben, die geflochtenen Zöpfe fallen ihr beiläufig über die Schultern, ihre geschlossenen Lippen lächeln arrogant, als wüsste sie, dass kein Betrachter ihr Geheimnis jemals entschlüsseln, dass kein Betrachter sie jemals in Wirklichkeit sehen und anfassen würde. "Die Zyprer mögen stolz auf ihre Aphrodite sein", sagt Jacqueline Karageorgis, "aber sie kennen sie nicht gut". Zu selten wird sie eingebettet in den Kontext eines Matriarchats und Fruchtbarkeitskultes, in die Zeit, als Prostitution an sich ein heiliger Ritus war.

Die Einheimischen sehen Aphrodite nicht als das, was sie wahrscheinlich ist, sagt die Archäologin: ein auf der Insel erschaffenes Wesen, mit vielen orientalischen und hellenischen Einflüssen. Die Glocke. Stühle quietschen, die Schüler von Kouklia packen ihre Bücher, Hefte und Stifte ein und gehen nach draußen. "Kein Kind in der Gegend", sagt Vizebürgermeister Themis Filippidis aus Paphos, "das nicht wüsste, dass Aphrodite die Göttin der Schönheit und der Liebe ist. Aphrodite gibt den Menschen immer noch die Luft zum Atmen, aber das wissen sie nicht. Stattdessen benennen sie Schuhe und Kekse nach ihr." Das ärgert den jungen Philologen, aber glauben, was Takis Charalambos in der Taverne sagt, mag er denn doch nicht: dass nämlich alle Menschen in Kouklia direkte Nachfahren der Aphrodite seien. Takis sitzt mit ein paar anderen Männern und Frauen in einer Kneipe am Hauptplatz von Kouklia.

Vor 40 Jahren verbrachte er alle seine Sommerferien auf dem Ausgrabungsgelände und verdiente drei Cent am Tag. Er durfte dabei zusehen, wie der Archäologe Mister Mitford ganz vorsichtig mit einem Messer Sand von gefundenen Gegenständen kratzte. Als ein Mann auf einem Mofa hält, fragt Takis ihn: "Bist du ein Nachfahre der Aphrodite?" - "Ja", sagt der Mann und fährt weiter.

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Autor:
Olra Havenetidis