Polen Warschau, Szenen einer Stadt

Mitten in Warschau, an der sechsspurigen Jerusalemallee, ragt eine 15 Meter hohe Kunstpalme in den Himmel. Einsam steht sie in der Mitte der Kreuzung, umgeben von grauen Hochhäusern. In einer Stadt, geprägt von Kommunismus und der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, wirkt das Kunstwerk aus Eisen wie ein positives Zeichen des Neuanfangs. "Die Warschauer lieben die Palme", erklärt Lucas Gregorowicz, als wir mit der Straßenbahn daran vorbeifahren. "Für mich ist sie eines der schönsten Wahrzeichen der Stadt."

Wir sind auf dem Weg nach Praga, einem alten Arbeiterviertel, in dem die junge und alternative Szene von Warschau zu Hause ist. "Die Gegend erinnert mich an Berlin in den neunziger Jahren", meint Lucas. In Praga gibt es viele Bars und einen Club in einer alten Fabrik namens Fabryka Trzciny, in dem Konzerte, Lesungen und Ausstellungen stattfinden. Wir fahren allerdings aus einem anderen Grund hierher. "Ich möchte mit dir in einer typischen Warschauer Milchbar zu Mittag essen", sagt Lucas und deutet auf ein trist wirkendes Lokal mit Topfblumen im Fenster. Im Rusalka scheint die Zeit seit dem Kommunismus stehen geblieben zu sein. Hellgrüne Tischdecken bedecken die Tische, und durch die Spitzengardinen dringt nur gedämpft Tageslicht. 

Die Fassade trist, das Essen fantastisch

"Du wirst dich wundern, das Essen schmeckt hier großartig", sagt Lucas, während er bei einer korpulenten Dame namens Maria in Kittel und Stilettos bestellt. Zum Glück spricht er fließend Polnisch, denn auf der Tafel an der Wand sind alle Speisen ausschließlich in der Landessprache angegeben. Wir entscheiden uns für eine Rote-Bete-Suppe für 50 Cent als Vorspeise, Kohlrouladen und Krautsalat für 1,50 Euro als Hauptgang und zum Nachtisch für "Kluski Leniwe", was übersetzt so viel wie "träge Klöße" bedeutet. "Die habe ich als Kind gern gegessen", erzählt Lucas und streut Zucker über die in Butter schwimmenden Mehlklöße. "Ich mag das Lokal. Hier geht es demokratisch zu. Schau dich mal um, hier treffen Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten aufeinander." Er hat recht. Gegenüber schlürft eine alte Dame ihre "Zupy", daneben trinkt ein Geschäftsmann Kaffee aus einem Glas. Allerdings nur, bis Maria um punkt 16.30 Uhr laut in die Hände klatscht und ihre Gäste so auffordert, das Restaurant zu verlassen.

Draußen nieselt es. "Lass uns trotzdem noch nach den Bären im Zoo sehen", meint Lucas. "Die sehen immer so traurig aus." Das Gehege liegt genau gegenüber des Lokals. "Jedes Mal, wenn ich hier bin, versuche ich, die Bären aufzumuntern. Aber es gelingt mir nie." Die Tiere hocken zottelig auf kargen Felsen und sehen deprimiert aus. Wen wundert’s, blicken sie doch den ganzen Tag auf eine achtspurige Straße.

So trist Warschau in einem Moment sein kann, so schön ist es im nächsten. In der Altstadt prägen Bürgerhäuser mit verzierten Fassaden und Marktplätze mit Kopfsteinpflaster das Bild. Doch alles, was alt aussieht, ist in Wirklichkeit neu. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem deutsche Truppen 90 Prozent von Warschau zerbombt haben, gelang es der Regierung, den Stadtkern anhand von Fotos und alten Gemälden zu rekonstruieren. Auf dem Weg zu dem Herrenschneider Krawiec Pan Jablonski, wo Lucas sich seinen Lieblingsanzug hat schneidern lassen, sieht Warschau aus wie vor 100 Jahren. Zehn Gehminuten weiter im Zentrum wiederum wirkt die Stadt wie ein Film, der ständig zwischen den Zeiten hin und her springt. Blickt man zum Kulturpalast im stalinistischen Zuckerbäckerstil empor, fühlt man sich in die Sowjetrepublik zurückversetzt.

Stadt der Gegensätze: Stalinistischer Stil trifft Moderne

Gleich daneben ragt das Marriott Hotel mit seiner Glasfassade wie ein Monument des Kapitalismus in den Himmel. "Die Stadt hatte nie richtig Zeit, seine Geschichte zu verarbeiten und sich an den Kapitalismus zu gewöhnen", erklärt Lucas, der sich noch gut daran erinnern kann, wie er als Kind mit seiner Mutter mit Essensmarken für Milch und Fleisch anstehen musste. Eine Zeit, die Lichtjahre entfernt zu sein scheint im futuristischen Einkaufszentrum Zlote Tarasy mit wellenförmigem Glasdach und Filialen von H&M und Topshop. Lieber geht Lucas ins Kino nebenan: Im Bauch des Kulturpalastes befindet sich das wunderschöne alte Kinoteka, in dem er sich regelmäßig Filme in der Originalfassung anschaut.

"In Warschau muss man seine Wege finden. Das entdecken, was man braucht", sagt Lucas. Einer dieser Orte ist die Bar Chlodna 25, wo wir uns am frühen Abend mit der Schauspielerin Katarzyna Maciag treffen, die in Lucas’ Film "Hochzeitspolka" die polnische Braut von Christian Ulmen spielt. Sie sitzt auf einem Sofa vor einer Fototapete mit Strandbild und trinkt grünen Tee. Eine Szene, wie sie auch aus einem Café am Prenzlauer Berg stammen könnte. "Die Bar gehört einem Freund von mir, der hier Lesungen und Theateraufführungen veranstaltet", erzählt die 28-Jährige.

Als wir die Bar verlassen, deutet sie auf eine Gedächtnistafel. Hier verlief einst die Mauer des Warschauer Ghettos. An einem der alten Häuser, aus dem sich damals Menschen in den Tod stürzten, hängt heute ein Plakat für "Toy Story 3". Warschau ist eine Stadt, die hart in der Moderne aufgeschlagen ist. Lucas zieht nachdenklich an seiner Zigarette und sagt: "Ich fühle mich hier immer noch zugleich heimisch und fremd. So ist das wohl, wenn man in zwei Ländern gleichzeitig zu Hause ist."

INFOS
RESTAURANTS
U Kuchazy
; Lucas Gregorowicz’ Lieblingsrestaurant: In der einstigen Küche des Hotels Europejski werden polnische Köstlichkeiten direkt am Tisch zubereitet. ul. Ossolinskich 7 gessler.pl
Rusalka: Milchbar mit typischer polnischer Hausmannskost und Ost-Charme. ul. Florianska 14.

BARS & CLUBS
Chlodna 25: Angesagte Bar, in der Lesungen und Theateraufführungen stattfinden. Chlodna 25; chlodna25.blog.pl
Fabryka Trzciny: Kulturzentrum in alter Fabrik im Stadtteil Praga. Otwocka 14; fabrykatrzciny.pl

SHOPPING
Zlote Tarasy: Das größte Einkaufszentrum Mitteleuropas mit wellenförmigem Glasdach liegt direkt neben dem Kulturpalast. ul. Zlota 59; zlotetarasy.pl

HOTEL-TIPPS
Marriott Hotel
: Von den Zimmern in den oberen Stockwerken des Wolkenkratzers blickt man über die ganze Stadt. DZ ab 100 Euro, Aleje Jerozolimskie 65/79. marriott.com
Hetman: Elegantes Hotel in renoviertem Altbau mitten in Praga. Fünf Minuten mit dem Auto vom Zentrum entfernt. DZ ab 75 Euro. ul. Ks. I. Klopotowskiego 36; hotelhetman.pl

Autor:
Aileen Tiedemann