Masuren Hauptstadt der Störche

Wenn man lange genug Ausschau hält, wird jede weiße Papiertüte zum Flügel und jede Mistel ein begonnenes Nest und sogar das Gezanke der Finken am Straßenrand klingt nach "Ciconia ciconia!" - was lateinisch ist und Weißstorch bedeutet. Der Kalif unter den Flugtieren hat sich eine feudale Landschaft zur Sommerresidenz erwählt: das Ermland.

Weich und wellig wehen Feuchtwiesen zu allen Horizonten wie grüne Tücher, gelb und braun gesprenkelt von den kleinen Feldern winziger Bauernhöfe. Bäume stehen in Gruppen beisammen, als berieten sie ihre Strategie für die nächsten Spielminuten. Das Ermland schaut mit unzähligen blauen Augen in den Himmel. Oczka wodne, Wasseraugen, werden die runden Tümpel genannt und man kann sich vorstellen, dass sie und ihre Umgebung voll sind von Fröschen, Mäusen, Würmern und anderen Leckereien. Ein endloser Schlossgarten für aristokratisches Federvieh.

Dicht besiedelt ist die Gegend nicht. Weite Flächen liegen brach; viele Bauernhäuser sind zu Ruinen verfallen; auf den früheren landwirtschaftlichen Großbetrieben aus kommunistischer Zeit arbeitet rund ums Jahr nur noch der Wind.

Kaum dass sich aber eine Hand voll bewohnter Höfe zum Dorf zusammenschart, sitzt das erste Storchennest, aufgetürmt wie ein Wagenrad großer Baumkuchen, auf den hohen Holmen eines Eingangstors. Obendrauf steht ein stattlicher Stelzvogel, legt den Hals zurück, bis der Kopf den Rücken berührt, und klappert mit senkrecht gestelltem Schnabel in die Luft. Sofort zeigt das Geräusch die versprochene Wirkung. Das Herz geht auf, die Mundwinkel heben sich, im Kopf schweigen die Gedanken und machen Platz für Lebensfreude, ja, für Glück.

Wo alle Straßen enden, Asphalt in Sand übergeht und Warnschilder auf die unmittelbare Nähe einer gut bewachten Grenze hinweisen - dort liegt Zywkowo, Hauptstadt der Kalifen, in Blickweite zu den Türmen der orthodoxen Kirche im russischen Bagratjonowsk. Das polnische Storchendorf besteht aus neun Gehöften, von denen sechs bewohnt sind. Leicht steigt die Sandstraße an, umarmt in einem Bogen den kleinen Ort und gleich hat man das meiste im Blick.

Links und rechts des Fahrwegs reihen die Höfe sich aneinander, immer ein solides, gemauertes Wohnhaus aus wohlhabenden ostpreußischen Zeiten mit einigen aus Holz erbauten Nebengebäuden - Schober, Scheune, Stall und Schuppen. Es gibt keinen Laden, keinen Bäcker, keine Kneipe und Mutter Natur presst das kleine Nest so fest an ihren üppig grünen Busen, dass zuerst nur ein Blick nach oben die Anwesenheit von Menschen verrät: Der Himmel wird von Stromleitungen durchschnitten, die kreuz und quer zwischen Masten und Häusern gespannt sind. Dann aber steht der Besucher bis zu den Knien in kleinen Hunden, Hühnern, Hähnen, Enten und Katzen, die unter Beachtung der Regeln von friedlicher Koexistenz und Balance of Power in lockerer Gemeinschaft zusammenleben. Kein Wort muss fallen, damit Zywkowo weiß, dass ein Gast angekommen ist.

Der unangefochtene Storchenkönig

Da es nur eine Straße gibt, braucht diese keinen Namen. In einem Dorf mit etwa 40 Einwohnern weiß man ohnedies, wer wo zu finden ist. Schwieriger wird das bei den Störchen. In Zywkowo kommen vier von ihnen auf jeden Menschen. Bauer Zadysaw Andrejew ist mit zwanzig Nestern auf seinem Hof der unangefochtene Storchenkönig. Gleich mehrere Horste finden sich auf dem First jedes Gebäudes und die Kalifen nisten auch auf Strommasten, in den gestutzten Zweigen der Weide und auf eigens errichteten Holzpfählen, die eine Plattform tragen.

"Was ist das", fragt Bauer Andrejew, "Hinfahren, Umkehren,Wegfahren? - Das ist Zywkowo, das Ende der Welt!" So liebevoll, wie er das mit seinem wetterfesten Lachen sagt, muss es sich um ein Kompliment handeln. "Oder ihr Anfang", fügt er nachdenklich hinzu. Seine Frau Anna, blond, rosig und gesund wie ein personifizierter Werbespot fürs Landleben, erklärt, was er meint: Das Dorf ist eine Sackgasse. Hinter dem Dorf liegt die russische Exklave Kaliningrad (Königsberg) und somit eine Art Schwarzes Loch.

Als die Bewohner von Zywkowo im Jahr 1947 aus ihrer Heimat, der heutigen Ukraine, hierher in das frühere ostpreußische Schewecken gebracht wurden, gab es kein Umkehren und Wegfahren. Davon kann am besten Herr Tymiec erzählen, dessen Hof gegenüber liegt und sukzessive von einem landwirtschaftlichen Betrieb zu einer "agrotouristischen" Pension umgebaut wird. Davon zeugen ein Willkommensschild, einige lebensgroße, aus Ästen geflochtene Pferde und das aufwendig renovierte Wohnhaus. Herr Tymiec ist gelernter Landvermesser und das amtierende historische Gedächtnis vor Ort.

"Eine halbe Stunde hatten die Opfer der Zwangsumsiedlung damals Zeit, um sich von ihrem gewohnten Leben zu verabschieden", erzählt er. Die Ukrainer mussten die preußischen Höfe im Ermland übernehmen, aus denen die deutschen Familien eben erst vertrieben worden waren. "Das fröhliche Klappern der ersten drei Storchenpaare bedeutete Hoffnung und Trost", sagt Bauer Andrejew.

Wir nicken mit den Köpfen, über denen ein Storchenpaar Flügel schlagend und anschaulich demonstriert, dass der Storch auch der Störchin die Kinder bringt. Mit ausgestrecktem Arm zeigt Herr Tymiec zum Dach seiner Scheune hinauf.Von drei Nistplätzen ist nur der mittlere belegt. "Bis vor kurzem wohnten alle Störche auf der anderen Straßenseite", sagt er. "Niemand weiß, warum. Und nun kriege ich so einen eifersüchtigen Burschen, der keine Nachbarn duldet."

Tatsächlich: Während der schwarzweiße Hausherr und seine Frau ausgeflogen sind, um auf den Feldern Material für das Nest zu sammeln, wagt sich ein Jungstorch auf den First und begutachtet interessiert das Bauland hoch in der Luft. Es dauert nur Sekunden, bis sich ein Schatten, zu schnell für eine Wolke, über ihn senkt. Ein 20 Zentimeter langer roter Schnabel funktioniert auch als Florett und der Nachwuchskalif sucht entsetzt das Weite. Stolzes Klappern auf der siegreichen Seite. "Schön sind sie ja", meint Herr Tymiec und lacht, "aber einen goldenen Charakter haben sie nicht gerade."

In Deutschland hat man es schon fast vergessen: Die Beziehung zwischen Mensch und Storch ist seit Urzeiten außerordentlich eng. Herr Adebar stolziert durch die wichtigsten Fabeln, besitzt mit dem "Kalif Storch" ein eigenes Märchen und stellt natürlich die Mitarbeiter des größten Baby-Fed-Ex der Welt. Wenn das keine Vertrauenspositionen sind. Bauer Andrejew raucht eine Zigarette, die winzig aussieht zwischen seinen Wald-und-Wiesenfingern, und gibt eine Erklärung für die menschliche Storchenliebe zum Besten: Der Storch stamme nämlich vom Homo sapiens ab.

Den Luftraum über der Grenze kontrollieren Kalifen

Als Gott mit der Schöpfung beschäftigt war, hatte er einen Auftrag für den bereits erschaffenen Menschen. " Nimm diese Kiste", sprach der Herr, "und schmeiß' sie von dem Felsen da ins Meer. Und nicht reingucken, hörst du?" Aber der Mensch war, wie Menschen eben sind. Er öffnete den Deckel einen Spaltbreit, um hineinzusehen. Sogleich floh allerhand Kriechgetier ans Tageslicht, Mäuse, Würmer, Frösche und Insekten, und verteilte sich über die schöne neue Welt. Der Mensch erschrak fürchterlich, ging zu seinem Schöpfer und beichtete das Vergehen.

"Idiot", rief der Herr, verwandelte den Ungehorsamen in einen Storch und sagte: "Nun sieh zu, dass du das Zeug wieder einsammelst." Der neue Vogel stakste los und machte sich an die Arbeit. Dass er dazu so ein feines, schwarz-weißes Gewand trägt, ist wohl dem manchmal etwas merkwürdigen Humor Unseres Herrn zu verdanken. Seitdem, so heißt es im Ermland, suche der Storch die Nähe der Menschen.

Augenscheinlich vor allem die der polnischen Menschen. Während in Deutschland und Dänemark die Populationen der stattlichen Stelzvögel frappierend zurückgegangen sind, treffen sich im Ermland jedes Frühjahr große Kolonien zum Nisten, Paaren und Brüten. Mit bis zu 42 Brutpaaren ist ywkowo der größte Standort. Insgesamt haben fast 100.000 Störche ihren Hauptwohnsitz in Polen. Anna Andrejew hat ein triumphierendes Schlagwort dafür: Jeder vierte Storch der Welt ist ein Pole!

Als Vogelfachmann hat man weniger märchenhafte Erklärungen für gefiederte Verhaltensweisen. Krzysztof Molewski schreibt eine Doktorarbeit über Ciconia ciconia und arbeitet als Vertreter des Nordpodlasischen Vogelschutzbundes mit vollem Einsatz daran, den polnischen Storchensommer für Mensch und Vogel so angenehm wie möglich zu gestalten.

Seine Ansichten über die Storchenpsyche sind eher aufgeklärt: Während wir uns von den klappernden Hausdachgenossen Sesshaftigkeit, Glück im Leben und Kinderreichtum wünschen, verlangt der Storch vor allem gemähte Wiesen, weil er in zu

hohem Gras seine Beute nicht sehen kann, frisch gepflügte Äcker voller Mäuse, Maden und Mistkäfer sowie bequeme Nistplätze auf fester Unterlage. Welche Astgabel bietet schon Platz für ein zwei Meter breites Nest, das in Extremfällen bis zu einer Tonne wiegt? Viel schöner ist es auf Dachfirsten und Elektrizitätsmasten, auch wenn erstere gern mal einsinken und letztere manchen flatternden Jungvogel das Leben kosten.

Auch auf der Kirche in Lwowiec (Löwenstein) finden sich neun Riesenhorste, wackeln bedenklich auf baufälligen Zinnen und bereiten gelegentlich der katholischen Gemeinde am Sonntag das zweifelhafte Vergnügen einer weiß-ätzenden Dusche.

Touristen statt Tomaten

In solchen Fällen unterstützt der Vogelschutzbund die Sanierung von Hausdächern, baut Plattformen als Nisthilfen, isoliert Stromleitungen und hält die Ermländer davon ab, die Nester des zweitbesten Freundes des Menschen kurzerhand von ihren Dächern zu stoßen.

Trotz des in Ostmitteleuropa generell noch schwach entwickelten ökologischen Bewusstseins ist das Verhältnis von Mensch und Vogel im Großen und Ganzen freundschaftlich. Während in die Störche den luftkriegsgebeutelten Irak weiträumig umfliegen, schauen die Bauern besorgt auf ihre Kalender. Sie werden doch wiederkommen, erst das Männchen, dann das Weibchen, ihr Eigenheim vom letzten Jahr ausbessern und den Luftraum über den Höfen mit Leben und Liebe füllen?

Noch kommen sie. Aber Storch und Mensch in Polen teilen ein ähnliches Problem. Der Vormarsch moderner Landwirtschaft mit Monokultur auf viel zu großen Flächen, mit dem Einsatz von Pestiziden und Trockenlegung der Feuchtgebiete bedroht Lebens- und Nahrungsgrundlagen von Kleinbauern und Großvögeln. Mit Hilfe verschiedener, auch internationaler Fördermittel kauft der Vogelschutzbund so viel Land wie möglich zusammen, um die kleinen, storchengerechten Felder und Wiesen vor der Umstrukturierung zu bewahren. Zywkowo hat sogar schon einen Umweltpreis der amerikanischen Henry-Ford-Stiftung gewonnen.

Wie so häufig gibt es den Artenschutz ausschließlich für Tiere. Andrejews vier Töchter sind längst in die Stadt gezogen, nur der elfjährige Sohn lebt noch auf dem Hof; das bisschen Milch- und Getreidewirtschaft ernährt die Familie nicht. Trotzdem will nicht jeder weg. Piotr zum Beispiel, stets adrett in Schwarz und Weiß wie ein Storch, arbeitet rund um die Uhr

in Herrn Tymiec' Pension und studiert "nebenher" Pädagogik an einer Fernuniversität. Er ist auch ukrainischer Herkunft und die ukrainische Schule im nahen Górowo IIaweckie (Landsberg) ist einer der größten Arbeitgeber der Gegend. "Man kann es auch hier schaffen", sagt er und zuckt die Achseln. Die Arbeitslosigkeit in der Gemeinde beträgt über 40 Prozent.

Dabei hat die Hauptstadt der Kalifen noch Glück. Die Störche locken Ornithologen,Touristen und Journalisten aus allen Teilen der Welt hierher. Zywkowos Gästebücher enthalten Einträge in den Sprachen Europas und Amerikas, aber auch chinesische und japanische Schriftzeichen sind zu finden. Am liebsten kommen die Deutschen. Andrejews haben einen massiven Storchenbeobachtungsturm auf ihr Grundstück gebaut, ein kleines Storchenmuseum eingerichtet und verkaufen Eintrittskarten für einen Zoty, umgerechnet 22 Cent. Das Haus von Herrn Tymiec mit seinen dicken Mauern, zwei offenen Kaminen und der entspannten, familiären Atmosphäre hat Platz für 14 Übernachtungsgäste. Touristen statt Tomaten.

Aber jeder Schritt nach vorn ist mühsam und führt manchmal gegen die Wand."Irgendwann bist du für Kredite zu alt und für die Rente zu jung", sagt Bauer Andrejew. Er kann sich die Einrichtung von Touristenunterkünften gar nicht erst leisten.

Das Storchengeklapper in der Abenddämmerung vertreibt alle trüben Gedanken. "Hör auf zu jammern", ruft Anna, "alles ist gut!" Die Sonne steht schon tief über den Dächern der neun Gehöfte, die Nester sind wieder ein Stück höher geworden, scharf heben sich die Silhouetten der Kalifen gegen den verblassenden Himmel ab. Man legt automatisch den Kopf in den Nacken und da ist es wieder, dieses glückliche Lächeln.

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Juli Zeh