Europop Malochertown versus Puppenstube

Seit meinem letzten Besuch in Rotterdam hat die Stadt einen neuen Touristen-Gimmick eingeführt: Ein gelber Bus mit eigentümlicher Frontpartie beginnt am Maritiem Museum seine Tour durch das Zentrum, überquert die erhabene Erasmus-Brücke und gleitet über eine Rampe kurzerhand in die Fluten der Maas. Ein beginnt, der auf skurrile Art zur rasanten Modernisierung der einstmals so herben Logistik-Metropole passt.

Der weltgrößte Ölhafen und 40 Kilometer Container-Piers sorgten für maritime Geschäftigkeit. Doch ansonsten definierte sich Rotterdam über eine trotzige Abneigung gegen das niedlich-verzärtelte Amsterdam. Dieser Gegensatz wurde nicht nur im Fußballstadion De Kuip ausgelebt, wenn Feyenoord auf Ajax traf. Auch die Popszene mischte mit. Ein Plattencover der Techno-Truppe Rotterdam Termination Source zeigte das städtische Wahrzeichen, den 186 Meter hohen Euromast, der im Comic-Stil den Amsterdamern frech in die Grachten pinkelt. Der Image-Wettstreit Malochertown gegen Historische Puppenstube kannte viele Facetten.

Mittlerweile hat Rotterdam seinen Minderwertigkeitskomplex abgeschüttelt. Der Underdog hat ausgedient. Bereits am Hauptbahnhof ist der akustische Empfang standesgemäß - die Gäste werden hinter Absperrzäunen mit Getöse begrüßt. Bis 2012 bekommt die zum Verkehrsknoten erweiterte Centraal Station eine futuristische Eingangshalle, von der künftig ein Boulevard Richtung Maas führen wird. Das unterirdische Terminal für die Randstaat-Regionalbahn nach Den Haag ist bereits fertig. Ringsumher lässt ein Kran-Ballett den "Rotterdam Central District" (RCD) mit 600.000 Quadratmetern für Büros, Geschäfte und Wohnungen entstehen. "Eine Stadt mit einem Welthafen muss ein Zentrum besitzen, das internationale Ausstrahlung hat", gibt Hafenchef Hans Smits die Dimensionen vor.

Ich bin auf dem Weg zur Szenemeile Witte de Withstraat, um mehr über das neue Musikfestival zu erfahren, das Ende November im ehemaligen Kinozentrum De Gouvernestraat steigt. Die städtische Musikszene möchte zeigen, dass sie längst mehr zu bieten hat, als die ewigen Brachial-Beats ihrer Gabber-Techno-Subkultur. In den letzten Jahren ist im Viertel Maagd van Holland (MaHo) und in der Witte de Withstraat ein lebendiges Netzwerk entstanden. Hier, in der Nähe des Museumsparks mit den Instituten Boijmans van Beuningen, Cabot Museum und Kunsthal haben sich Galerien und edle Modeläden wie der von Margreeth Olsthoorn angesiedelt. Wir treffen uns im De Witte Aap, das tagsüber als rustikales Biercafé funktioniert und sich an speziellen DJ-Abenden in einen pumpenden Dance-Club verwandelt. Auch im kleinen Maßstab setzt Rotterdam auf Transformation.

Zur städtebaulichen Vorzeigezone ist seit der Jahrtausendwende die Halbinsel Kop van Zuid am Ende der Erasmusbrücke herangewachsen. Eine Hafencity mit hohem Lebendigkeits- und Kulturfaktor. Unterhalb der Brückenrampe residiert das knallrote Multifunktionshalle Luxor Theater, im restaurierten Abfertigungsgebäude Las Palmas befindet sich das Holländische Fotomuseum und seit September ist auch das Programmkinozentrum Lantere am Wilhelminapier zu finden. Ich radle per Leihfahrrad durch die aufgemotzte Zone und lasse das Wechselspiel zwischen alt und brandneu an mir vorbeiziehen.

Der Ufer-Wohnpark mit den Türmen Chicago, New Orleans oder Havanna geht seiner Fertigstellung entgegen. An der Kap-Spitze hat sich die einst verwaiste Hauptverwaltung der Holland-Amerika-Lijn zum Retro-Hotel New York verwandelt, das von einer himmelstürmenden Corona umgeben ist. Das "Montevideo" neben dem World Port Center von Renzo Piano ist heute der höchste Wohnturm der Niederlande. Weiter hinten hat Renzo Piano die Zentrale des Telekom-Konzerns KPN mit seiner abgeschrägten Fassade errichtet. Auch der Rotterdamer Vorzeige-Architekt Rem Koolhaas lässt hier bis 2013 seine vertikal übereinander gestapelte und 150 Meter hohe Kistenburg "De Rotterdam" entstehen.

Über die Willemsbrug geht es zurück in den Oude Haven, wo Het Potlood (Der Bleistift) und die Kubushäuser Blaakse Bos von Architekt Piet Blom an der innerstädtischen Wasserkante stehen. Hier begann einst mit postmoderner Geste und einigen nachgebauten Terrassenkneipen der Aufstieg von Rotterdam zum Architekturmekka. Ein Projekt mit Langzeitwirkung. Ich bestelle ein Amstel am Leuvehaven und blicke den modernen Spido-Booten nach, die zur Rundfahrt durch den Europoort starten. Die Radwanderung entlang der endlosen Piers dauert mindestens einen halben Tag. Ich werde zurückkommen, wenn der Herbstwind nicht so pfeift.

Autor:
Ralf Niemczyk