Kroatien Zu Besuch in Zagreb

Ein guter Prahler hat viele Geschichten auf Lager. Zagreb ist so: voller Geschichten. Mein Zagreb ist so. Eine Stadt, die ich als Schriftsteller schätze, weil sie mir mit ihren Legenden, Anekdoten und Liedern wie eine Kollegin vorkommt. Städte haben Talente. New York ist eine Modeschöpferin mit irischen Wurzeln. Florenz eine Bildhauerin. Paris verführt. Zagreb - kann erzählen.

Das kommt nicht von ungefähr. Mit ihren Konflikten und Katastrophen hat die Stadt eine fast absurd bewegte Vergangenheit und damit einiges zu sagen. Tataren und Osmanen, Plünderer und Besatzer, Kommunisten und Nationalisten, dazu die üblichen Verdächtigen - Pest, Feuer und im Jahre 1880 ein verheerendes Erdbeben: Zagreb ist wenig erspart geblieben. Erholt hat sich die Stadt dennoch jedes Mal. Ihre Narben sind ihre Geschichten.

Bei meinem letzten Besuch empfängt sie mich mit Regen. Keinem kurzatmigen Schauer, der kommt, fällt und vergessen wird, sondern mit einer uneinsichtigen Sintflut, die uns Tag und Nacht geduckt und grau über Flüsse scheucht, die eigentlich Straßen sind. Unterwegs ist nur, wer keine andere Wahl hat. Der Rest weilt im Kaffeehaus. Die Zagreber lieben ihre Kaffeehäuser. Bei Regen umso mehr. Ich beschließe, Zagreb zuzuhören. Regen schafft beste Stimmung für Geschichten. Ich gehe ihnen nach, zu den Schauplätzen, zu den Erzählern in den Kaffeehäusern. Es schüttet ununterbrochen, und die Stadt erzählt.

Wie jede gute Erzählerin weiß auch Zagreb um den eigenen Namen ein Mysterium zu schaffen. Dass es für all die Versionen der Namensgebung gleich eines 223 Seiten fassenden Buches bedarf, ist sympathisches Übermaß. Die älteste Variante ist wohl auch die bekannteste: Ein durstiger Markgraf hält während einer Dürre an einer Quelle, wo die junge Manduša das tut, was junge Frauen in alten Geschichten an Quellen eben tun: Wäsche waschen, schön sein, solcherlei. Der Markgraf ruft ihr zu, etwas faul und ohne vom Pferd zu steigen: "Mandušo, zagrabi!" - "Manduša, schöpf!" Was sie dann auch macht. Von zagrabi soll also Zagrebs Name stammen. Immerhin, Manduša wurde die Namensvetterin für den Manduševac-Brunnen auf dem Ban-Jelai-Platz.

Im Regen spaziere ich über den großen Platz, auf dem der Brunnen heute unscheinbar wirkt. Als störe selbst ihn das Wetter, als mache er sich kleiner. Im Sommer sitzen junge Menschen auf den Stufen um den Brunnen, er ist in ihren unzähligen Verabredungen das entscheidende Stichwort. Heute bleiben zwei durchnässte japanische Pärchen in der Nähe stehen. Ihre Aufmerksamkeit gilt ihrem Touristenführer, bis sie alle vier plötzlich in Richtung Brunnen schauen. In ihren Augen vielleicht die Vorstellung, wie die junge Manduša dem Grafen das Wasser reicht, vielleicht die Überlegung, was die beiden danach wohl machten; schon ziehen die vier weiter, schnell und ohne sich umzublicken. Auf der anderen Seite des Platzes geben sie ihren Kampf mit dem Wind und ihren viel zu großen Regenmänteln auf und verschwinden hinter den beschlagenen Scheiben eines Cafés.

Ich mache mich auf den Weg in die Oberstadt. Es donnert. An einem Tag wie diesem will ich Schutz finden in einer Geschichte, die vom Schutz erzählt. Durch diese Geschichte kann man regelrecht laufen. Oder Fahrrad fahren. Oder man kann darin beten. Sie handelt vom Steinernen Tor. Und davon, wie ein altes Stadttor eine Kapelle wurde.

Hogwarts in Kroatien

Als 1731 heftige Brände Zagrebs Oberstadt in Schutt und Asche legen, übersteht an dieser Stelle einzig ein Marienbildnis die Flammen unbeschadet. In einer anderen Überlieferung stellt sich eine couragierte Mutter Gottes den Flammen in den Weg und hält das zerstörerische Element gar wundersam auf. Die Menschen sind tief bewegt, sie errichten in dem Tor einen Andachtsraum. Durch diesen führt heute eine Straße. Eine Handvoll Männer und Frauen sprechen ihre stummen Gebete, dahinter gehen unbeteiligte Passanten mit Einkaufstüten ihrer Wege. Maria klammert sich an ihr Jesuskind, mustert die auf Zeitungen knienden Gläubigen. Das Prasseln des Regens klingt leiser in dem kleinen, dämmrigen Tunnel. Eine ältere Frau kratzt das geschmolzene Wachs Hunderter Kerzen aus einer Metallwanne. Ich zünde eine Kerze an und denke kurz an einen sonnigen Tag.

Am nächsten Morgen - Regen - treffe ich in einem charmanten Café namens "Booksa" eine schwedische Freundin, die vor Kurzem nach Zagreb gezogen ist. Das "Booksa" ist gleichzeitig Lokal und Buchhandlung, Veranstaltungszentrum und Literaturclub; das schien ihr passend, wenn ich schon Zagreber Geschichten sammelte. Sie selbst hat eine beizutragen, "wird dir gefallen, du magst doch Harry Potter", sagt sie. "Aber wusstest du, dass Jahrhunderte, bevor die Rowling auf die Idee mit ihren Zauberlehrlingen kam, Zagreb schon sein Hogwarts hatte?" Schon bin ich Feuer und Flamme.

Franjo Filipovic, ein Domherr aus Zagreb, konvertierte 1573 in osmanischer Gefangenschaft zum Islam und schickte sich an, ein Heer gegen die eigene Heimatstadt zu führen. Zagreb fand das mäßig amüsant. Filipovic wurde in alle Ewigkeit verflucht und seine Residenz im Zeichen der Schande schwarz angemalt. Dort leben wollte niemand. Erst 1576 zog das Priesterseminar ein. Die Zagreber zeigten sich beunruhigt. Die schwarze Fassade war ihnen ohnehin unheimlich, da half auch ein anderer Anstrich nicht, nun kamen die schwarzen Roben der Schüler dazu, sowie das Gemunkel, diese "Schwarzschüler" studierten ganz andere Künste als das Lateinische und die Bibel. Künste von derselben Farbe wie ihre Kluft: teuflisches Zeug! Hagel machen, Leute vergiften und Pestilenzen beschwören!

Irgendwann stiegen die ersten Drachen in den Himmel über Zagreb. Auf ihren schrecklichen Nacken: Reiter der Schwarzen Schule in schwarzen Kutten. "Wer weiß", sagt meine Freundin augenzwinkernd, "vielleicht spielten die da oben schon Quidditch, bloß nicht auf Besen wie bei Harry Potter, sondern eben gleich auf Drachen. Die typische Zagreber Unbescheidenheit." Eine Geschichte, geschrieben vom Aberglauben vergangener Zeiten, erzählt von einer schönen Schwedin in einem Café mit jungen Menschen, Jazzmusik und feinem Tee. Ich bin beglückt - und besuche am Nachmittag das Zagreber Hogwarts. Das ansehnliche Gebäude, in dem die Schwarze Schule untergebracht war, steht nicht weit von der Kathedrale. Darin beheimatet ist die Katholisch-Theologische Fakultät. Schwarze Künste stehen nicht auf dem Lehrplan.

In der vierten Nacht werde ich vom Donner geweckt. Ich habe geträumt, dass ich in einem Zug nach Zagreb fahre, dass es regnet und der Zug kein Dach hat. Den Zug und meine Lust auf ein erlesenes Frühstück nehme ich zum Anlass, das "Regent Esplanade" zu besuchen. Das 1925 nahe dem Hauptbahnhof eröffnete Hotel war damals speziell auf die Bedürfnisse wohlsituierter Reisender des Orientexpress ausgerichtet. Entsprechend unbescheiden fiel es aus, und es hat wenig von seinem Glanz eingebüßt. Mein unausgeschlafenes Ich wird im Foyer schon vom süßlichen Art déco getröstet, der edle Carrara-Marmor würzt die Süße mit Eleganz nach. Die vertäfelten Wände lassen mich dann gänzlich die dreißiger Jahre herbei sehnen, ich nehme meinen unsichtbaren Zylinderhut ab.

Eine alte stolze Dame

Um so einen exquisiten Ort wie das "Esplanade" ranken sich viele Geschichten. Orson Welles soll sich während seines Aufenthalts in seine spätere Partnerin, Olga Palinkaš, verliebt haben. Auch die Abendunterhaltung sorgte oft für Schlagzeilen. Bei einem Konzert von Josephine Baker kam es zu regelrechten Tumulten. Xenophobe klerikale Parteigänger schrien auf wegen Bakers Hautfarbe, die Damen der Stadt wurden panisch, weil sie den Auftritt der Sängerin zu freizügig fanden. Die Sitten! Die Moral! Die männlichen Zagreber dagegen zeigten eher Symptome einer mittelschweren "Bakeritis": Tagelang noch sollen sie beseelt gelächelt haben, glücklich darüber, Zeugen der Schönheit und des Talents der "schwarzen Venus" geworden zu sein. Mit tänzelnden Schritten verlasse ich die Vergangenheit, lande wieder im Zagreb von heute.

Die Stadt ist kein massentouristisches Leichtgewicht, sie hat auch nicht die Lieblichkeit der Orte an der nahen Adria. Hätte Zagreb ein Gesicht, sagt meine schwedische Freundin, wäre es das einer Dame der alten Schule: streng, leicht überschminkt, irgendwo sicher ein Muttermal. Und die Dame würde Deutsch sprechen, weil das so schick war in ihrer Jugend. Ich frage weiter, was ist dieses Zagreb? Auf dem Dolac-Markt sagt eine der Verkäuferinnen: "Zagreb, das sind wir hier. Wir! Dieser Markt, diese Tomaten! Willst du Tomaten?"

Ein Taxifahrer lacht, Zagreb sei der einzige gläubige Kommunist, den er kennt. Einzelne Steinchen füge ich zu einem Mosaik: Zagreb ist eine eigenwillige, oft streng dreinblickende Dame mit einem winzigen Hund, der im Winter ein Jäckchen trägt. Früher war sie eine glühende Kommunistin, jetzt ist sie glühend gläubig. Sie trägt einen Siegelring, ein Erbstück ihrer Großtante aus der k. u. k.-Monarchie. Mit Verkäuferinnen am Dolac-Markt streitet sie energisch, flucht auf Deutsch, weil ihr die Tomaten zu teuer sind. Sie hat kräftige Waden. Sie geht ins Theater, hat dabei manchmal Tränen in den Augen, manchmal verlässt sie schimpfend den Saal. In acht Jahrzehnten ihres Lebens hat sie wohl acht Avantgarden erlebt. Und überall erzählt sie ihre Geschichten.

Wer seltsame alte Damen mag, wird Zagreb mögen. Wer Kontraste mag, wird Zagreb auch äußerlich schön finden. Hier trifft Quadratisch-Praktisches der sozialistischen Stadtplanung auf die Eleganz der Sezessionsarchitektur. Die filigrane Neugotik der Kirchtürme auf banale 97 Meter Stahl und Glas des Eurotower I. Und in der Altstadt treffen 217 noch von Hand angezündete Gaslaternen auf 3er-BMWs, die unter den Gaslaternen zum Regierungsviertel hinauffahren.

Ich frage die Zagreber, wo man in der Stadt die besten kroatischen Spezialitäten essen kann und bekomme fast ausnahmslos immer die gleiche Antwort: "Beim Serben!" Sie meinen das reizend schäbige "MZ Bistro", in dem ich zagrebaki odrezak esse, eine lokale Variante des Cordon Bleu. Es schmeckt unfassbar gut. Der Laden ist brechend voll. Auf dem Boden matschige Abdrücke Hunderter Sohlen, Stempel des Regens.

Zagrebs Authentizität sind solche Potpourris von Eindrücken und Inhalten, gelegentlich wild zusammengewürfelt. Kontrast als Stil. Oder, um bei dem Bild der alten Dame zu bleiben: Wenn sich die regimekritische Theatertruppe Montažstroj auf der Festung Medvedgrad zu einer Performance trifft, könnte es sehr gut sein, dass man die alte Dame mit dem Siegelring unter den jungen Besuchern antrifft. Klatschen würde sie aber wahrscheinlich nicht.

Stilvolle Angeber, Zuhörer und Erzähler

Von dieser mittelalterlichen Festung auf Medvednica, dem Bärenberg, hat man einen guten Blick über Zagreb. In einer Art Altar lodert als Denkmal für gefallene kroatische Helden die ewige Flamme. Genauer gesagt, lodert sie jetzt wieder. 2010 war sie erloschen, denn die Verwaltungen der Stadt Zagreb und des Landes Kroatien konnten sich nicht einigen, wer die Gasrechnung zahlen soll.

Die Nachbarn vom Balkan sagen den Zagrebern eine gewisse Arroganz nach. Zagreber geben gern an, tun das aber mit Stil. Denn: Sie haben wirklich was vorzuzeigen. Zu den Lieblingsdingen, über die ein Zagreber spricht, gehören - die Zagreber selbst. Die Angeberei ist hier quasi institutionalisiert. Die Institution nennt sich špica. Es handelt sich um einen Aufmarsch von Schickeria und Stadtprominenz, wie sie alle Großstädte kennen, bloß kommt man in Zagreb pünktlich und immer am gleichen Ort zusammen. Jeden Samstag zwischen 11 und 14 Uhr flanieren gut angezogene, gut gebaute und gut operierte Menschen in den Straßen um den Ban-Jelai-Platz miteinander, füreinander und für die Fotografen. Am fünften Regentag setze ich mich zur rechten Zeit in eines der Cafés in der Ljudevita-Gaja-Straße und tue so, als gehörte ich dazu. Viel ist aber nicht los - die špica ist mit ihren sorgfältig gestylten Frisuren bei Regen besonders empfindlich.

Am Sonntag kommt endlich die Sonne heraus. Ein Ruck geht durch die Stadt; es ist, als kehre die Farbe zurück ins Gesicht eines Genesenden. Die Massen, die tagelang die Kaffeehäuser belagerten, besetzen nun jeden freien Platz auf Terrassen, in den Gärten. An jeder Ecke stehen plötzlich Musiker, sie singen, jemand jongliert, die Stimmung ist fast theatralisch, und am Manduševac-Brunnen sitzen wieder junge Menschen, in Gespräche und ihre Telefone vertieft. Halb Zagreb pilgert an so einem Tag zum Bundek-See. In den Achtzigern und Neunzigern wurde der See vernachlässigt und dümpelte eher in Richtung Sumpf dahin. Fischen und Vögeln mag das egal gewesen sein, den sonntäglichen Stadtausflüglern nicht. Nach einer umfassenden Sanierung kommen sie heute wieder in Scharen.

Ich klettere auf die Böschung, die Bundek vom Sava-Fluss trennt. Der Fluss ist nach dem Regen völlig überdreht, eine braune Masse, bedrohlich schnell. In der Menge der Schaulustigen erspähe ich eine ältere Dame in Schwarz. Sie ist stark geschminkt, ihr langes Kleid mit hohem Kragen wirkt wie aus einer anderen Zeit. Ich suche den Siegelring an ihrem Finger, finde aber keinen. In ihrer Hand die kleine Hand eines Jungen. Sie spricht zu ihm. Ich stelle mir vor, dass sie ihm eine Geschichte von der wilden Sava erzählt.

Geschichten sind der Grund, warum wir reisen. Auch dann, wenn wir ihren Ausgang kennen. Wer nach Zagreb kommt, ist aber nicht nur Zuhörer. Auf die Ankömmlinge wartet eine neugierige Stadt an dieser Kreuzung der Welten, wo Abendland und Morgenland sich auf einen türkischen Kaffee und ein bisschen Angeberei treffen. Zagreb hört auch gern zu - der Reisende wird schnell zum Erzähler. Ich erwische mich dabei, wie ich in meinen Gesprächen vom Fragesteller zum Antwortenden werde. Wie ich einen der letzten Hutmacher Zagrebs in der Petrinjska-Straße besuche, er mir von der McDonaldisierung der Stadt erzählt, ich aber irgendwann über Deutschland spreche, über Fußball, übers Schreiben.

Zagreb ist eine kraftvolle Stadt, auch wenn es regnet. Ihre Individualität schöpft sie aus der kreativen Unrast ihrer Kontraste, ihr Wesen sind ihre Geschichten. Sie ist eine alte, etwas eigenwillige Dame mit Siegelring, mit jungem Herz und der schnellen Zunge einer begnadeten Geschichtenerzählerin.

Autor:
Sasa Stanisic