Kroatien Ein Land auf dem Balkan

Der Balkan ist wie der Horizont. Je mehr man darauf zufährt, desto weiter rückt er in die Ferne. Von Österreich aus gesehen beginnt er an der slowenischen Grenze. Für die Slowenen ist Kroatien das westlichste Land des Balkans. Und fragt man einen Kroaten, so deutet er in alle Himmelsrichtungen: Der Balkan beginnt natürlich in Bosnien, Bulgarien, Ungarn! Schnaps am Mittag, unpünktliche Busse, alte Frauen mit schlechten Zähnen - Kroatien ist nie und nimmer ein Balkanland.

Wer heute nach Kroatien reist, unternimmt eine Expedition in ein Land zwischen die Grenze zwischen Gestern und Heute. Im westeuropäischen Bildergedächtnis scheinen sich Urlaubskataloge und Kriegsberichterstattung gegenseitig aufzuheben. Kroatien liegt irgendwie dazwischen.

Zu Südosteuropa gehört Kroatien übrigens auch nicht. Schließlich liegt Zagreb westlicher als Wien und nördlicher als Mailand, ein kleines bisschen wenigstens. Nach seiner geographischen Verortung befragt, breitet Kroatien die Arme aus und dreht sich einmal um sich selbst: Mitteleuropa, ganz klar! Aber was soll das eigentlich sein, Mitteleuropa? Sinngemäß hat Henry Miller einst formuliert, dass die Wahrheit immer an den Rändern liege, während die Mitte der Dinge leer sei. Vermutlich hat er nicht geahnt, wie gut diese Erkenntnis eines Tages auf Europa passen würde.

Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal nach Kroatien fuhr, war das noch eine Reise an die Ränder Europas, wenn nicht sogar darüber hinaus. Kaum war ich aus dem Zug gestiegen, ereilte mich ein Kulturschock der besonderen Art. Mein Kopf war noch immer angefüllt mit jenen Fernsehbildern aus "Ex-Jugoslawien", die während des Krieges jahrelang die Nachrichten dominiert hatten. Plötzlich aber stand ich in Zagreb auf dem Tomislav-Platz, umgeben von prachtvollen Gründerzeitbauten, die an Wien oder Krakau erinnerten, und fühlte mich im falschen Film. Das sah doch aus wie ganz normales Europa und nicht wie ein Kriegsgebiet! "Keine Ahnung, was ich erwartet habe", schrieb ich in mein Reisetagebuch. "Wahrscheinlich einen riesigen Bombenkrater, an dessen Rand in Lumpen gehüllte Flüchtlinge sitzen."

Aus heutiger Sicht scheint das nicht zehn, sondern hundert Jahre her zu sein. Die Frage, was uns die Balkan Kriege über den Zusammenhang von "Kriegsgebiet" und "ganz normalem Europa" erzählen konnten, haben wir nicht beantwortet, sondern vergessen. Unter dem Tomislav-Platz befindet sich heute tatsächlich ein "Krater", nämlich eine jener unterirdischen Shoppingmalls, die Klone überall auf der Welt besitzen und an nichts erinnern außer an sich selbst.

Wer an Kroatien denkt, sieht nicht länger zerstörte Häuser, weinende Kinder und Militärkonvois vor dem geistigen Auge. Aber auch keine Olivenbäume, Weißweinkaraffen und pastellfarbenen Sonnenuntergänge. In puncto Bildergedächtnis scheinen sich Urlaubskataloge und Kriegsberichterstattung gegenseitig aufzuheben. Kroatien liegt irgendwie dazwischen. Die westeuropäische Meinung ist nicht einmal sicher, ob die Kroaten im Krieg als Täter oder Opfer fungierten. Die Serben waren die Bösen, die Bosnier die Guten. Und die Kroaten? Dazwischen.

Labor für die europäische Kultur

Den zeitgenössischen Kroatien-Reisenden erwartet weder Jugo-Romantik noch Balkan-Chaos, sondern eine Gesellschaft mit einem klaren Ziel: Europa. Gemeint ist nicht das Europa der tief verwurzelten Traditionen und notorischen Identitätskonflikte. Gemeint ist die EU, also jene Mischung aus freiem Markt und politischem Pragmatismus, die gemeinhin als Zauberformel für Frieden und Wohlstand gilt. Vor allem für Wohlstand. Im Kopf sind die Kroaten längst im europäischen Konsumentenparadies angelangt. Ausgestattet mit der casual uniform aus Turnschuhen und iPhone, lässt man das Gewesene hinter sich, steigt über eine unbewältigte Kriegsvergangenheit ebenso energisch hinweg wie über nationalistische oder ethnische Rest-Gärungen.

Nach und nach wurden sogar die Generäle des "Heimatkriegs" vom Sockel gehoben und gegebenenfalls auf Druck der EU nach Den Haag ausgeliefert. Die frei gewordenen Stellen als Nationalhelden hat man mit "Tycoons" besetzt, also mit jenen neureichen Supermännern, die seit der Privatisierung der Staatsbetriebe das ehemalige Volkseigentum unter sich aufteilen. Statt alten Heimatverteidigern huldigt man Turbokapitalisten, um deren Jachten und Affären sich die Klatschspalten reißen - treffender kann eine Gesellschaft ihren Wertewandel kaum illustrieren.

Was aber, wenn die Zauberformel versagt? Genau wie im Westen hat auch die Europa-Liebe der Kroaten keinen romantischen Kern. Für viele Menschen geht es um existenzielle Bedürfnisse - Arbeit, Sozialhilfe, Ausbildung, medizinische Versorgung, im schlimmsten Fall um Essen und beheizte Wohnräume. Seit der Finanzkrise ist die Arbeitslosigkeit auf fast zwanzig Prozent gestiegen. Manch einer, der noch einen Job hat, bekommt seit Monaten sein Gehalt nicht ausgezahlt. Tag für Tag verabreden sich Tausende Demonstranten über Facebook, um in verschiedenen kroatischen Städten den Rücktritt der Regierung zu fordern. In die Proteste gegen Korruption und Politikerversagen mischen sich erste EU-kritische Töne. Hier zeigen sich die Auswirkungen des Kuhhandels, der auf dem gesamten Kontinent gilt: Europa-Liebe gegen Lebensstandard. Wenn Letzterer nicht steigt, sinkt die Erstgenannte.

Der Balkan, heißt es, sei schon immer ein Labor für die europäische Kultur gewesen. Dort könne man das europäische Wesen auf engstem Raum wie unter dem Vergrößerungsglas beobachten. Kroatien beweist ein weiteres Mal, dass an diesem Klischee etwas dran ist. Wie im Zeitraffer durchläuft das Land die großen Umbauprozesse, die das westliche Europa seit dem Zweiten Weltkrieg von Grund auf verändert haben. Die Trennlinie zwischen "Alter" und "Neuer" Welt verläuft keineswegs durch den Atlantik. Sie ist überhaupt keine geographische Linie, sondern markiert eine Wandlung in Mentalität und Lebensart. Im alten Europa ging es um das Miteinander und Gegeneinander von verschiedenen Kulturen. Nationen und Individuen erkämpften und besangen ihr Recht auf Unterschied. Das neue Europa hingegen handelt von Anpassung. Es zielt auf die Aufhebung von Grenzen, auf Annäherung, Integration,Harmonisierung und Chancengleichheit, kurz: nicht auf die Betonung, sondern auf die Nivellierung von Andersartigkeit. Individualismus ist das Recht, genauso auszusehen, zu essen und zu arbeiten wie alle anderen. Nicht im Eigensinn, sondern in höchstmöglicher Flexibilität liegt die wichtigste Tugend.

Sentimentalitäten gegen Jeans und iPod

Kroatien will aufholen. Dementsprechend befinden sich die Kräfte des Alten und des Neuen in einem erbitterten Kampf. Auf der einen Seite wird bestochen und gemauschelt, auf der anderen aufgeräumt und ausgemistet. Die Fronten verlaufen kreuz und quer durch die Gesellschaft, nicht selten sogar mitten durch einzelne Personen. Der durch eine Autobombe getötete Ivo "Puki" Pukani war als Journalist und Zeitungsverleger unermüdlich damit beschäftigt, Licht in die Korruptionsaffären seines Landes zu bringen - und soll gleichzeitig seine wachsende Macht genutzt haben, um sich selbst als kräftig verdienender Akteur am mafiösen Spiel zu beteiligen. Ivo Sanader, ehemaliger Premierminister, bildete eine wichtige Triebfeder für die Modernisierung. Er brach mit dem feierlich-nationalen Erbe Franjo Tudjmans, entmachtete die ultrarechten Kreise seiner Partei und wirkte als Galionsfigur auf Kroatiens Weg in die EU - bis er nach Ende seiner Amtszeit wegen großformatiger Wirtschaftskriminalität verhaftet wurde.

In postkommunistischen Gesellschaften ist die unheilige Ehe zwischen Politik, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen das traurige Standardprogramm. Korruption stellt eine schwer zu stoppende Epidemie dar, die eine Gesellschaft von der höchsten bis zur untersten Ebene erfasst. Mangels Vertrauen in die politische Klasse arbeiten viele Kroaten schwarz, weil sie einem Staat, der ihnen wenig zu bieten hat, ihre Steuern nicht gönnen. Weil die Liebe zum Geld keine echte Gemeinschaft, sondern ein Zweckbündnis aus Millionen von pragmatisch denkenden Einzelwesen hervorbringt, taugt sie allein wenig, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

Die aktuelle Krise, heißt es, gefährde Kroatiens Weg in die EU. Aber hinter der momentanen EU-kritischen Stimmung wirkt ein viel wichtigerer Reflex. Intuitiv und besser als manch ein westeuropäisches Land hat Kroatien verstanden, was Demokratie im 21. Jahrhundert ausmacht: Sie entwickelt sich vom Wertesystem zur Corporate Identity. Daraus folgt: Mafiöser Filz, totgebombte Journalisten und verhaftete Premierminister sind ein Imageproblem. Genau wie verfolgte Minderheiten und glorifizierte Kriegsverbrecher. In einer Gesellschaft, die diesen Zusammenhang begriffen hat, haben Korruption, Nationalismus und andere balkanisch-rückständige Sentimentalitäten gegen Jeans und iPod langfristig keine Chance.

Es ist, als habe eine turbulente Geschichte aus Fremdherrschaft, Exil, Vertreibung und Gastarbeiter-Völkerwanderung die Kroaten zu wahren Überlebens- und Anpassungskünstlern geformt. Junge Kriegsflüchtlinge waren gezwungen, nacheinander in verschiedenen Ländern zu leben. Sie haben spielend Englisch, Deutsch, Italienisch und Schwedisch gelernt, an wechselnden Orten studiert und Arbeit gefunden. Die Begriffe "Identitätskrise" oder "Migrationshintergrund" hat man aus ihren Mündern niemals gehört. In puncto Flexibilität und Pragmatismus macht den prototypischen Mitteleuropäern niemand etwas vor.

Wenn der Balkan wie der Horizont ist, dann bewegt sich Kroatien in atemberaubendem Tempo in die entgegengesetzte Richtung, schnurstracks in die leere Mitte Europas. Angesichts der jugoslawischen Historie ist es unmöglich, dies zu bedauern. Die melancholischen Töne zwischen diesen Zeilen sind Folge eines persönlichen Problems. Fahren Sie hin, vielleicht werden Sie mich verstehen. Wer Kroatien derzeit bereist, unternimmt eine Expedition an die Grenze zwischen gestern und heute, zwischen alt und neu. Er wird feststellen: Sie verläuft quer durch das eigene Herz.

Autor:
Juli Zeh