Lappland Mit dem Schlitten durchs Land

Unser Hund guckt immer so traurig. Nicht, dass es ihm schlecht geht, er döst im Körbchen und kriegt genug zu fressen. Aber oft liegt er vor der Tür und hat einen Blick wie drei Tage Regenwetter.

Als ich nach Lappland kam, sah ich nur glückliche Hunde. Sie heulten, vor Freude, sie dampften und sabberten in den stumpfen Schnee, weil sie gleich einen Kerl von 90 Kilogramm auf einem Schlitten durch die Wildnis schleppen und sich am Abend in den Bodenfrost kuscheln durften. Sie konnten es gar nicht erwarten, sich zu quälen. Ein eisiger Wind schlug uns entgegen, ich zog alles übereinander, was ich dabei hatte, trotzdem kroch mir die Kälte bis in die Knochen.

Wir hatten die härteste Woche für unsere Husky-Tour erwischt. Tagsüber 20 und nachts fast 40 Grad minus! Ihr werdet Eiswürfel pinkeln und in der Sauna schlafen, warnten einige harte Kerle. Sie kannten das bereits und trugen T-Shirts, auf denen stolz I did it! prangte.

Ich bibberte mich durch den Morgen und streifte das dritte Paar Wollsocken über meine komatösen Füße. Dann schaute ich auf die Hunde vor mir, auf ihre Schwänze und wackelnden Hintern, sie sollten mir in den nächsten fünf Tagen ein vertrauter Anblick werden. Daami, Scooby-Doo, Hetfielt, Taz und Marsu stemmten sich kläffend ins Geschirr und hechelten so freundlich, als sollten sie Stöckchen an einem Karibikstrand holen. Sie wollten nur laufen, laufen, laufen und drehten sich um:Wann geht's endlich ab? Schließlich löste ich die Bremse meines Schlittens. Ich durfte sie doch nicht enttäuschen.

Catherine fährt vor, wir hinterher. Sie war früher Pfadfinderin in der Schweiz, schärft sich die Messer selbst und hat die Tasse am Gürtel baumeln. Sie liebt Hunde mehr als Menschen, und wenn eines ihrer Tiere stirbt, wird es im Garten begraben. Vor 13 Jahren war sie zum erstenmal in Lappland, seitdem ist sie süchtig nach dieser wunderbaren Landschaft. Sie hat sich in der Nähe ein kleines Grundstück gekauft, der Zwinger ist größer als ihr Haus. Ich brauche diese Natur, sagt sie, aber über diese Angeber, die sich mit ihren Wampen in ein Eisloch zwängen, kann sie nur lachen.

Im Winter führt sie fast jede Woche eine Schlittentour, keine Touristen-Runden, einmal ums Haus, Hunde streicheln, fotografieren und wieder ab nach Helsinki. Nein, das sollen andere machen, wer ihr in die Wälder folgt, muss schon was aushalten können: Sechs Stunden täglich auf kippligen Kufen, um sich abends auf eine Hütte ohne Strom zu freuen. Das ist mein größter Traum, sagt Sandra. Und das gilt auch für Nicole, Roy, Rene und Sven: Sie alle sehen aus, als würden sie in einem Eisschrank wohnen: Fellmütze, Sturmhaube, Fäustlinge, Overall und einen breiten Schal um den Mund. Sie haben lange für diese Reise gespart, hätte das Geld nur nicht gereicht, denke ich, weil sie sich erstens stets den besten Platz zum Schlafen aussuchen, zweitens schnarchen und drittens ihren Schnaps allein trinken.

1.Tag, 40 km

Meine fünf Hunde preschen so hastig voran, dass ich den Schlitten kaum halten kann. Catherine hat zwölf Huskys vor sich angeschirrt, die unsere Verpflegung schleppen müssen. Wenn wir halten, sollen wir einen spitzen Schneeanker ganz fest in den beinharten Untergrund stampfen. Erst vergangene Woche hat das jemand vergessen und diese Hunde sind erst zehn Kilometer weiter stehen geblieben, weil sich der Schlitten zwischen zwei Bäumen verkeilt hatte.

Mittags wärmen wir uns am Lagerfeuer. Wir spießen Rentierwürste auf Zweige und halten sie über die Glut. Die Hunde schnappen durstig nach Schnee, dann fallen sie in einen Tiefschlaf. Catherine kümmert sich um alles, sie brüht uns Tee auf, und während meine werten Mitreisenden ihren Wodka unter sich kreisen lassen, erklärt sie uns das finnische Hundisch. Oikea heißt rechts, vasen links, suoran geradeaus, seis stopp und tulle, tulle komm, komm. Wenig später probiere ich meine neuen Kenntnisse aus, aber was ich auch rufe, sie wackeln nicht mal mit den Ohren. Mein Leittier ist Daami, eine Hündin. Frauen wissen, wo es lang geht, sagt Catherine.

Um 17 Uhr kommen wir an der Hütte an, doch bevor es dunkel wird, muss jeder wie jeden Abend richtig anpacken. Zuerst das Eis auf dem See aufhacken, das Wasser in Kübel schütten, Feuer im Haus und in der Sauna machen, dann Hunde und Touristen füttern.Als das Wasser heiß ist, kriegen die Hunde eine warme Suppe, in der sich klumpige Fleischbrocken auflösen. Das Zeug stinkt faulig, doch sie stürzen sich gierig auf die Näpfe, als gäbe es nichts besseres auf der Welt. Ich selbst esse drinnen mit Handschuhen, Mütze und Stirnlampe, wir haben uns einen Lachs aufs Brett genagelt und zum Räuchern vor den Kamin gestellt. Beim Öffnen der Münder kann man unseren Atem sehen. Draußen zeigt das Thermometer 38,5 Grad minus an, so eine Temperatur konnte ich mir bisher nicht vorstellen, nicht drei Flugstunden von Zuhause entfernt. Meine Füße sind eiskalt, ich soll mir Huskywolle zwischen die Zehen stopfen. Es klappt, ich habe keine Angst mehr vor der Amputation.

2.Tag, 33 km

In aller Frühe gibt es Kaffee in der Tasse von gestern, sie riecht noch nach Zahnpasta. Die Sicht ist heute ziemlich bescheiden, ich stehe auf den schmalen Kufen und bewege meine Zehen. Immer bewegen, sagt Catherine, sonst werden sie nicht warm. In einer scharfen Kurve passiert es, Hetfielt will mal für kleine Hunde und stoppt so plötzlich, dass die hinteren Kläffer über ihn stürzen. Ich brülle vasen, seis, tulle, tulle, alles durcheinander, doch der Schlitten kracht um und begräbt mich im staubigen Weiß. Ich kann noch den Schneeanker um einen Baum wickeln, dann liege ich mit dem Gesicht zuerst auf dem Boden und bewege meine Zehen. Sie sind jetzt schön warm. Überhaupt wird es nun wärmer, mindestens 19 Grad Minus, es kommt mir nach dieser kalten Nacht fast wie Grillwetter vor. Die Sonne kommt heraus, in diesen Märztagen wird es jede Woche eine Stunde länger hell.

Wir erreichen unser nächstes Quartier, doch die asoziale Wahrheit ist: Je mehr wir muffeln, desto kleiner werden die Hütten. Als Rene seine Stiefel abstreift, verduftet auch mein Hunger. Abends erzählt Catherine von Fuchur und Ronja, sie ist stolz auf ihre Hunde, wenn sie sich streiten, zieht sie die beiden freundschaftlich am Schwanz.

Scharfe Kurven, kalte Füße

3.Tag, 45 km

Dieser Sven! Macht nichts, meckert nur rum und schnarcht, dass die Hütte wackelt. He, lang mir das Müsli rüber, brummt er. Ich schaue aus dem Fenster, der Blick nach draußen stimmt mich wieder milde. Blauer Himmel und höchstens 25 Grad minus. Wir stecken die freudig erregten Hunde ins Geschirr und fahren weiter. Auf dem Eis der Seen schleicht uns die Kälte in die Knochen, im Sommer soll es hier sehr schwül sein, man kann nirgendwohin vor den Mücken fliehen. Die Fenster sind dann hier ebenso geschlossen wie im Winter.

Mittags essen wir in Nirrojärvi Gemüsereis mit Stäbchen, die wir aus Ästen schnitzen, die hübschen Berge um uns herum sehen aus wie aufgehäufter Puderzucker. Die Wege werden immer enger, manchmal stoßen wir uns die Köpfe in den dichten Wäldern. Abends darf Fuchur in den Raum neben der Sauna, kaum ist er von der Kette, benimmt er sich wie unser Familienhund. Liegt auf dem Teppich und schaut gierig zum Tisch, eigentlich fehlt nur noch der Fernseher. Catherine kocht das finnische Nationalgericht Poronkäristys, man drückt sich ein Loch in das Püree, schaufelt geschnetzeltes Rentierfleisch mit Preiselbeeren drüber und legt Salatgurken an den Rand: ungeheuer lecker.

4.Tag, 42 km

Leichter Schneefall, wir gleiten durch eine Lichtung, dann schlagen uns abermals Zweige ins Gesicht. An einem steilen Anstieg helfe ich den Hunden schieben, nicht zu viel, ruft Catherine, sonst haben sie keine Lust mehr! In diesem grellen Weiß verliert man fast jegliches Zeitgefühl, aber kann es auf einer Reise Schöneres geben? Die Hunde hören wieder nicht auf mich, sie mögen am liebsten den hellen finnischen Singsang, da habe ich keine Chance. Vor allem Hetfielt macht, was er will, die wuschelige Mischung aus Rentierhund und Husky läuft mürrisch an der Leine. Er ist stur, bellt wenig und schaut selten auf, wenn man mit ihm spricht. Trotzdem muss man ihn einfach gern haben.

Nach einem langen, kalten Tag erreichen wir völlig erschöpft unseren nächsten Schlafplatz. Erst werden die Hunde gefüttert, dann die Schweizer. Es gibt Felchen mit Kartoffeln und zum Nachtisch Leipäjuusto, einen Brotkäse, der in einer süßen Sahnesoße schwimmt und in den Kaffee getunkt wird. Sven wäscht wieder nicht ab, nach der Küchenarbeit blättere ich bei Kerzenschein im Hüttenbuch herum. Annette schreibt: Als Thomas nackt aus der Sauna kommt, fangen die Hunde an zu bellen.

5.Tag, 42 km

Um sieben geht der Wecker, aber es dauert, bis wir uns aus den Schlafsäcken schälen. Es sind nur noch acht Grad minus draußen, ich pelle mich aus meiner Fellmütze und sehe endlich das ganze Land. Scooby-Doo macht sich einen großen Spaß daraus, sich im Liegen anschirren zu lassen, Hetfielt blickt gelangweilt auf: Bleib ruhig, Deutscher, heute ist Freitag. Hat er etwa gegrinst?

Es schneit, nicht von oben, sondern von vorn, wie immer von vorn. Ich helfe heimlich bei den Steigungen, ist ja der letzte Tag. Als wir am Nachmittag über die Straße brettern, wissen die Hunde: Es geht nach Hause. Sogar Hetfielt bellt, eine Stunde später sind wir im Camp, über 400 Hunde grüßen mit ohrenbetäubendem Lärm. Manchmal schleichen sich nachts Touristen an und zerren die Hunde aus dem Zwinger, um ein letztes Foto fürs Familienalbum zu machen. Am Nachmittag sitzt Sven mit einer Büchse Bier in der Sauna. I did it! Er hat was zu erzählen, er war hinterm Polarkreis und nicht im Liegestuhl auf Gran Canaria. Ein paar Tage danach, zurück zu Hause, gehe ich mit unserem Hund Gassi. Er sieht traurig aus. Es ist früher Abend und drei Grad plus. Der Himmel ist klar, oben funkelt der Nordstern. Ich schließe die Augen. Hat da nicht Hetfielt gebellt?

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Autor:
Michael Schophaus