Åland Mit dem Fahrrad über die Inseln

"Die größte Attraktion von Åland ist die absolute Stille", spricht der Fotograf. "Oder der Fisch, der hier an der Angel ist", antworte ich. Ein mächtiger Zug spannt die Schnur, und Sekunden später zappelt ein Barsch am aufgezogenen Haken, silbrigweiß, wohl 35 Zentimeter lang. Nicht allzu lange bleibt das Anglerglück ungestört. Auch über uns am blauen Sommerhimmel zappelt es jetzt. Das sind die Rotorblätter eines kreisenden Polizeihubschraubers. Von wegen Stille, Tobias.

Was die wohl suchen? Einen dicken Fisch, wie wir bald hören werden, eine Gang, die mittags im Zentrum von Mariehamn einen Geldtransporter überfallen, zur Ablenkung zwei Autos in Brand gesetzt und 25 Millionen schwedische Kronen erbeutet hat. "Es ist geschehen, was nicht geschehen konnte", schreibt die Zeitung "Ålandstidningen" am nächsten Tag. "Vielleicht hat Åland seine Unschuld verloren." Glauben Tobias und ich überhaupt nicht, sind in Ferienlaune und haben gut reden auf unseren Fahrrädern, mit denen wir den Schärenarchipel zwischen Finnland und Schweden entdecken wollen. Die Sonne scheint, der Fahrtwind kühlt, links bemooste Granitklippen, Birken, Ebereschen, rechts eine abfallende Senke mit roten Holzhäusern in hellem Wiesengrund, vorn das blitzende Wasser eines kleinen Sunds und von Bankräubern keine Spur. Wer sollte uns den Garten Eden rauben? Es wird noch dauern, ehe dieses kleine Inselreich, wo kaum jemand seine Haustür abschließt, im Rest der Welt angekommen ist.

Wir fuhren los in Mariehamn. Die kleine Stadt hat alles, was eine Landesund Inselmetropole braucht: zwei Häfen, zwei Zeitungen, ein Parlament, drei sehr gute Museen, eine Regierung und jede Menge rotgelbblau gekreuzter Landesflaggen, weil Åland seit 1921 innerhalb Finnlands Autonomie genießt. Es gibt jeweils ein Dutzend Ampeln und Eisbuden, auch Höherem verpflichtete Einrichtungen wie Kirche und Flugplatz und natürlich Banken, damit die von den schwedischen Urlaubern eingewechselten Kronen mehr oder weniger zuverlässig gehortet werden können. Woran es einfach fehlt, sind finnischsprachige Beschriftungen, weil die Åländer ganz gut ohne die Finnen auskommen. Eigentlich sind 95 Prozent der Åländer Schweden und als solche überzeugt, Finnland entdeckt, die Eingeborenen aus den Wäldern gelotst, sie das Alphabet gelehrt und ihnen eine Nationalhymne verpasst zu haben, deren Absingen die Kehle sehr trocken macht, wogegen es aber Linderung gibt. Zum Dank dafür dürfen die Åländer heute finnische Pässe beantragen.

Mariehamns herausragender Stolz sind an die tausend Linden und vier Masten, die zu dem großen Museumsschiff "Pommern" gehören. Bertil Byman, Typ Seebär, ist kapten dieser Viermastbark, die seit 1939 im Westhafen ankert. "Der Åländer Reeder Gustaf Erikson hat nach dem Ersten Weltkrieg die weltweit wohl größte Segelschiffflotte billig zusammengekauft", erzählt Bertil. "Frachtsegler waren damals Auslaufmodelle, aber Eriksson wusste sie auf der Weizenroute zwischen Australien und England äußerst gewinnbringend einzusetzen. Heute verdient die ,Pommern' ihr Geld mit den Eintrittskarten von jährlich 30.000 Besuchern." Bertil, der jede Luke, Planke und Winde auf dem 106 Meter langen Schiff kennt, ist nie zur See gefahren. Er war Werbefachmann, Händler in Moskau und Privatlehrer, ehe er sich in die 100-jährige "Pommern" am Westhafenkai verguckte und als Museumschef anheuerte.

Im Sjökvarteret am Osthafen, bei der Museumswerft, halten die Schiffbauer Mariehamns Seglertradition hoch. Ihr Prachtstück ist der Dreimastschoner "Linden", auf dem man vierstündige Segeltörns durch die Schärenwelt erleben kann. Je weiter wir uns von Mariehamn entfernen, umso weniger Autos fahren an uns vorbei, Radwege vermissen wir nicht. An einigen Steigungen werden wir daran erinnert, dass wir auch Gepäck für vier Tage transportieren. So erweist sich am Abend der Golfplatz von Kastelholm mit seinem Restaurant als Oase. Die zwei 18-Loch-Bahnen, über die uns Clubvizechef Jesper Eliasson führt, sind dem Wasser und dem Schloss Kastelholm nahe und gehören gewiss zu den schönsten Courses in Nordeuropa.

Für mit der Yacht anreisende Golfer gibt es eine große Marina. Wir Packsack-Radler fahren ins familienfreundliche Kastelholms Gästhem von Rose-Marie Lundberg. Dort treffen wir beim Frühstück am nächsten Morgen 18 Golfdamen aus Schweden. "Nur Hexen", kommentiert Fotograf Tobias seinen Rundgang durch die Säle und Kammern von Kastelholm, "nicht recht fotogen." Er hat eine Ausstellung über die Verfolgung von sonderlichen Frauen im Mittelalter besichtigt. Die Außenansicht des malerisch am Sund gelegenen Wasserschlosses, sagt er, sei harmonischer. Mir aber ist ein bisschen nach Hamlet, und darum suche ich die Kammer im Burgturm, wo 1571 Schwedenkönig Johan III. seinen Bruder und Vorgänger Erik XIV. eingesperrt hatte. Einige Jahre zuvor war es umgekehrt gewesen: Erik hatte Johan zuerst in Turku, später auf Schloss Gripsholm in den Knast geschickt. Royals unter sich.

Freundlicher geht es in der Nähe des Schlosses in einer alten Stube zu, deren Lichtblick die junge Christina ist mit ihrem strahlenden Wesen und weißblondem Haar. Sie führt Aufsicht im Freilichtmuseum Jan Karlsgården. Ja, ja, als Ethnologiestudentin fühle sie sich mitten im bäuerlichen 19. Jahrhundert am richtigen Platz. Im Sommer könnte Christina durchaus so leben wie damals - gäbe es nur einen Hahn mit fließendem Wasser und als Lektüre einen Kriminalroman. Wir haben das 19. Jahrhundert verlassen und werden doch wieder schnell davon eingeholt. Das Ruinenfeld der Festung Bomarsund taucht auf. Die Ålandinseln, wie Finnland unter russischer Hoheit, wurden 1854 zum nördlichsten Schauplatz des Krimkrieges. Im August kreuzten 25 Schiffe und 10.000 Mann einer englisch-französischen Flotte in åländischen Gewässern und beschossen Bomarsund, den westlichsten Vorposten Russlands, bis nach zwei Tagen die Russen kapitulierten. Die Festungsreste sind kärglich, die Laune aber ist überschwänglich, wenn im August die Russischen Tage von Bomarsund mit einem Friedenslauf,Markt, Tänzen und Musik gefeiert werden.

Die Vergangenheit ist greifbar, der nächste Kiosk fern

Unser immer wiederkehrender Wegweiser über die Inseln ist ein Schild mit Posthorn. Wir folgen dem fast 400 Jahre alten Postweg, der Stockholm mit Turku (Åbo) verband. Die åländischen Bauern waren verpflichtet, die Routenabschnitte zu unterhalten und auch für die Transporte über Wasser zu sorgen, kostenlos.

Gratis fahren auch wir jetzt auf der "Alfågeln" von Vårdö nach Kumlinge, Fähren sind nach finnischem Verständnis nichts anderes als schwimmende Landstraßen. Für Autos wird auf nur wenigen und langen Strecken gezahlt. Kapitän Olav Hansen hat das Kommando über ein fast volles Schiff. 40 Autos, vier Transporter - viel Sommerhausverkehr in dieser Jahreszeit. "Natürlich wird auch im Winter gefahren", sagt der Schiffsführer, "und mit dem Eis wird die 'Alfågeln' allein fertig." Das Eis dagegen mit schrottreifen Autos, in denen übermütige Jugendliche auf der weißen Weite herumkurven, bis das Benzin alle ist. Dann gehen sie nach Hause, und das Tauwetter tut das Seine.

Auf Kumlinge gibt es eine kleine Feldsteinkirche mit schönen, 600 Jahre alten Kalkmalereien und die Kumlinge Filialapotek mit einer charmanten Einrichtung aus den dreißiger Jahren. Die Apothekerin ist froh, dass ein selten verschriebenes Medikament auf der "Alfågeln" mitgebracht wurde. Nina Carlsson kam vor 24 Jahren aus Helsinki auf die kleine Insel und hat keinen Tag bereut. Sie hat einen Kundenstamm von 360 Menschen in den umliegenden Schären. Zurzeit kommen viele Feriengäste in die altmodische Apotheke. Wie die Familie, die gerade hereinspaziert und Brandsalbe verlangt. Sowas kommt nur in Jahrhundertsommern vor.

Wir haben uns an den Ålandian way of ride gewöhnt, gelassen und geruhsam treten wir in die Pedale. Alle Straßen haben einen rötlichen Granitbelag, alle Kühe haben gelbe EU-Nummern im Ohr, alle Kirchen haben ein schönes Votivschiff. Tobias, als Fotograf bisher eher mit Saigon und Surabaya vertraut, sucht auch in Seglinge längst nicht mehr "das bunte Leben im Zentrum", sondern hat sich damit abgefunden, dass ihn ein Ortsname auf der Karte regelmäßig mit nur einer Wegkreuzung samt Supermärktlein, Benzinzapfsäule, Bankfiliale und Kirche betrügt. Kneipe? Sie müssen hier wohl alle trocken sein.

Wir kommen nach Isakssons Stugby in Hastersboda auf Föglö. Otto Hojar, Eigentümer des Ferienhausdorfes in einer wunderbaren Wald-, Klippen- und Wasserlage, begrüßt uns in fließendem Deutsch und lädt uns zum Bleiben ein. Eine Stunde später tuckern wir, mit Angelgerät bewaffnet, auf dem Wasser. Komischer Geruch. "In Russisch-Karelien brennen die Wälder", sagt Otto. "Und Karelien ist weit!" Spät geht es in die Sauna. Nach den Saunagängen kühlen wir uns im letzten Licht des Tages in der Ostsee ab.

Frühmorgens, unterwegs auf der letzten Etappe, weichen wir einem totgefahrenen Fuchs aus. "Wenn er nicht blind und taub war", befindet Tobias, "liegt eindeutig Freitod vor." In Degerby ist das Warten auf die Fähre kurzweilig. Am Hafen finden wir ein Café zum Frühstücken, ein winziges Museum und den "Jungfrauentanz", ein aus Steinen gelegtes Labyrinth. Diese Irrgärten wurden bis vor 150 Jahren in der Nähe von Häfen "bespielt". Den Parcours ertanzend, erbaten die Fischerfamilien Wind, sichere Fahrt, guten Fang und glückliche Heimkehr.Wir aber vertrauen der Fähre "Knipan" und sind eine halbe Stunde später auf Lumparland.

Wir machen einen Abstecher zur Schäre Ängö, wo uns Vidar Häggblom sein Wasserreich zeigt. 22 Schären nennt er sein eigen, ist sich ziemlich sicher, sie alle irgendwann mal betreten zu haben. Er und der eine oder andere Elch. "Die schwimmen", erzählt er, "sogar bei Treibeis zwischen den Inseln herum." Die Schäre, die wir jetzt mit dem Motorboot passieren, sieht mit ihren weißen Baumkadavern aus wie das Bühnenbild für ein Beckett-Stück. Annektiert von Kormoranen. Vidar, der sie herzlich hasst, weil er eine gute Fischausbeute lieber seinen Angelgästen gönnt,wird sich damit trösten, dass er sein Geld vor allem woanders verdient: in seinen großen Apfelplantagen. Åland-Äpfel sind Exportklassiker, und in Tjudö auf Finström wird "Ålvados" gebrannt, ein feiner, aromatischer Apfelschnaps.

Am Waldrand von Krogstad auf Lumparland haben sich Betonquaderskulpturen versammelt. Sie wirken wie Roboter, strahlen Bedrohlichkeit aus. "Bei mir geht es immer um die Macht über die Menschen", sagt Guy Frisk. Drinnen, im großen Atelier, sehen wir uns viel freundlichere Bilder an, Landschaften der Stille. "Was Menschen gemacht haben, vergeht", betont der Künstler noch einmal. "Aber achtet immer auf die Natur!" Das haben wir vier Tage lang getan. Noch 27 Kilometer bis Mariehamn. Mal sehen, wie weit sie dort mit ihrer Suche nach den Bankräubern gekommen sind.

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Tibor Ridegh