Fast Lane Auf Konfrontationskurs

Die Tatsache, dass eine kleine skandinavische Fluggesellschaft eine nicht ganz unbeträchtlichen Anzahl von Flugzeugen einer neuen, leiseren und kraftstoffsparenderen Serie bestellt hat, mag zwar nicht ganz für eine Titelgeschichte im Ressort "Unternehmen & Märkte" der Financial Times gereicht haben. Allerdings hat diese Bestellung Europas ältesten Airlines einen weiteren Schlag versetzt und ist gleichzeitig ein deutliches Zeichen für das Ende der bisherigen Weltordnung im Norden Europas.

Vor zehn Jahren war es noch ein Vergnügen, an Bord eines Flugzeugs zu gehen, das Scandinavian Airlines gehörte. Die Gesellschaft hatte gerade ein Rebranding durch das Stockholm Design Lab hinter sich und eine Zeitlang hatte man wirklich das Gefühl, dass die Richtung stimmte. Moderne skandinavische Werte wurden aufgegriffen und die Airline bekam mehr als nur einen neuen Anstrich: die Flaggen von Norwegen, Dänemark und Schweden (die drei De-facto-Eigentümer der Gesellschaft) erhielten einen neuen Look (wenn auch nicht ohne Widerstand), die Besatzung wurde in den Mittelpunkt der in elegantem Schwarzweiß gestalteten neuen Werbekampagne gestellt und einige Billig-Flieger schnappten sich Strecken, die lange monopolisiert waren.

Ich bin in dieser Woche nun gleich mehrfach mit SAS geflogen und die Erfahrung war eher traurig statt schockierend. Das klapprig wirkende Flugzeug der MD 80-Serie war völlig hinüber - seine Verschraubungen sahen abgenutzt und veraltet aus, die Versiegelung rund um die Tür war gelb und rissig und die Kabineneinrichtung abgewetzt. Der Crew war der Zustand des generellen "Angebots" sichtlich unangenehm. Als wir in Stockholms Arlanda-Flughafen zurückrollten, um Kurs auf Kopenhagen zu nehmen, sahen wir, wie sich das glänzende, neue Flugzeug der Billig-Fluglinie Norwegian der Startbahn näherte und ich begann mich zu fragen, ob es die Marke SAS nächstes Jahr überhaupt noch geben würde.

Auch wenn die nordischen Länder oft als Einheit agieren - wenn sie beim Eurovision Song Contest füreinander stimmen oder sich eine Botschaft in Berlin teilen -, herrscht im Moment der Eindruck vor, als würde diese Front aufbrechen, und zwar nicht nur im Luftfahrtsektor. Während SAS weiterhin Personal spart und Strecken nicht mehr bedient, befinden sich die Finnen und Norweger auf Expansionskurs und nehmen die Dänen und Schweden in die Zange.

Die Bestellung eines Bombardier-Flugzeugs aus der C-Serie, die gerade bekannt wurde, wurde von einer norwegischen Leasing-Firma aufgegeben, die das Flugzeug auf Strecken einsetzen wird, die dem Tochter-Unternehmen Malmö Aviation gehören, die wiederum von Stockholms Bromma Flughafen aus operieren. Finnair weitet gleichzeitig sein Streckennetz in Asien aus, Norwegen ergänzt seine Flotte mit Langstreckenflugzeugen und bietet Internetnutzung während des Fluges an.

Ein Hauch von Luftfahrt-Imperialismus

In einer Ära, in der nationale Fluggesellschaften im Großen und Ganzen als überholt gelten, scheint das Begleichen alter Rechnungen mit einem Hauch von Luftfahrt-Imperialismus lebendiger zu sein als je zuvor. Auf der anderen Seite ist es ja vielleicht auch ein Zeichen von Reife, dass die nordischen Airlines akzeptieren, nicht auf allen Gebieten Spezialisten sein zu können. Werden Finnland und Norwegen aus dem Ganzen als neue Luftfahrt-Mächte für die gesamte baltische Region herausgehen?

Schweden und Dänemark könnten sich in der Zwischenzeit auf ihre eigenen Stärken konzentrieren: zum Beispiel die Entwicklung starker Einzelhandelsmarken, das Verschiffen von Containern rund um die Welt und den Aufbau heiß geliebter Spielzeug-Geschäfte aus Plastikblöcken. Viele Güter und Dienstleistungen, die von Kopenhagen, Oslo, Helsinki und Stockholm angeboten wurden, wiesen immer eine große Ähnlichkeit auf. Eine neu geordnete Region könnte nun zu größeren Spezialisierungen als bisher führen.

Gerade habe ich das Ranking für unsere Monocle-Liste der lebenswertesten Städte beendet (der Gewinner wird in den kommenden Wochen verkündet), und ein Bereich, in dem all diese nordeuropäischen Hauptstädte hart um die Vorherrschaft kämpfen, ist genau die Frage danach, wie gut es sich in einer Stadt leben lässt. Jede einzelne hat den Verlust diverser Industrien und den beschämenden Niedergang einst großer Marken offenbar gut verkraftet. Nun sehen sie eine Chance darin, ihr Know-how über das Schaffen einer hohen Lebensqualität in andere Länder zu verkaufen, beziehungsweise Touristen anzuziehen, die Stichproben davon erleben können.

In Stockholm werden große Projekte umgesetzt, von einer neuen Verkehrsführung über eine Neugestaltung des Hafens und bessere Nord-Süd-Verbindungen bis zum Bau zehntausender Wohnungen mitten im Zentrum der Stadt. Eine Flugstunde weiter südlich plant Kopenhagen eine Verbrennungsanlage, die auch eine Skiabfahrt beinhalten wird, mehr Straßen- und U-Bahn-Linien, einen riesigen neuen Stadtpark, der vom Architekturbüro BIG gestaltet wird, und eine kontinuierliche Sanierung des Hafens, um dafür zu sorgen, dass die Bewohner ohne Bedenken ins Meer eintauchen und sich abkühlen können.

Ein Gebiet, auf dem Kopenhagen wirklich Überlegenheit demonstriert, ist die Gastronomie und eine beneidenswerte Wohnqualität. Klar, an sonnigen Tagen können einige Städte wunderbar aussehen - aber Kopenhagen war am Montag einfach unschlagbar, da all die lokalen Schönheiten Fahrrad fuhren, die Cafés voll waren und die Stadt sich anfühlte, als würde sie mit Sonne auf den Wangen und Wind im Haar ganz offiziell den Sommer einläuten.

Nach einem Abend mit den kulinarischen Köstlichkeiten im neuartigen Restaurant von Küchenchef Bo Bech, "Geist", gefolgt von Kaffees (und Milchshakes) am nächsten Morgen im Granola, vermittelte Kopenhagen nicht den Eindruck, als würde es sich groß Gedanken darüber machen, ob man eine eigene Fluggesellschaft oder wenigstens einen anständigen Flughafen brauche. Und wer würde dieses Land voller Pedalkraft, Koffein und einer Dosis Sonnenschein denn überhaupt verlassen wollen? Besonders, wenn der nächste Stopp auf dem Weg Brüssel heißt.

Autor:
Tyler Brûlé