Cruise Captain im Interview: „Ich bin die Bürgermeisterin eines schwimmenden Dorfes“

Ob in arktischen Gewässern oder vor der Küste Südamerikas: Serena Melani lebt und arbeitet auf den Meeren der Welt. Als Senior Captain bei Explora Journeys bringt sie Kreuzfahrt-Passagiere sicher an die schönsten Flecken Erde. Im Interview mit Merian spricht sie über ihre Rolle und ihre Aufgaben an Bord, erzählt von Herausforderungen und davon, welche Routen sie besonders schätzt.
Merian: Wir sprechen, während Sie sich mitten auf dem Ozean befinden.
Captain Serena Melani: Ich liebe die Transatlantikroute und die Überquerung der großen Ozeane. Jeden Tag sieht man einen anderen Horizont, ist weit entfernt von allem. Wir sind zusammen in unserer Blase, Gäste und Crew.
Wie kamen Sie zur Seefahrt?
Ich wurde in Livorno in der Toskana geboren und hatte den Traum, etwas Eigenes, Einzigartiges zu machen. Livorno war ein wichtiger Frachthafen, also dachte ich, vielleicht nehme ich eines dieser Schiffe und segle um die Welt. Mit 16 begann ich als nautische Kadettin. Man sagte mir: „Du wirst nach ein paar Jahren aufhören, um eine Familie zu gründen.“ Heute lache ich darüber, dieses Jahr bin ich seit 36 Jahren auf See. Viele davon war ich die einzige Frau an Bord.
Eine Pionierin.
Ja, auch zu Explora Journeys kam ich als erste Kapitänin der Flotte, als Senior Captain, im Januar 2022. Es gibt weltweit nur zwölf Kapitäninnen in der Kreuzfahrtindustrie, und nie zuvor hat ein weiblicher Captain eine neue Marke eingeweiht und aus dem Dock gesteuert.
Captain Melani: „Ich bin wie eine Dirigentin“
Gibt es heute noch Menschen, die einen weiblichen Captain infrage stellen?
Gestern Abend machte ein Gast einen Scherz, bekreuzigte sich und sagte, er sei froh, dass ich beim Essen sei und nicht am Steuer. Ich sagte, wenn er mir nicht vertraut, wird er keine besonders angenehme Reise haben. Deshalb ist die Entscheidung der Reederei, eine Frau als Senior Captain einzusetzen, so wichtig – um die Perspektive zu verändern. Wenn jemand den „Captain“ ankündigt, gibt es in den Köpfen der Menschen keinen Platz für eine Kapitänin, eine kleine, blonde italienische Frau. Ich muss diesen Platz schaffen.

Was bedeutet es, Captain zu sein?
Ich bin wie eine Dirigentin. Wir haben 670 Crewmitglieder – im Hotelbereich, im nautischen Bereich, im Maschinenraum, bei Sicherheit und Instandhaltung – jeder hat seine Rolle. Ich muss sicherstellen, dass sie in Harmonie arbeiten und die bestmögliche Melodie für unsere Gäste spielen. Und natürlich bin ich auch für das Fahren zuständig. Meine wichtigste Aufgabe ist die Sicherheit an Bord, ich trage die Verantwortung.
Was unterscheidet Sie von männlichen Kollegen?
Erstens: Ich musste eine Entscheidung treffen: keine Kinder zu haben, weil ich sie mit diesem Beruf nie sehen würde. Dieser Beruf ist mein ganzes Leben, für meine männlichen Kollegen, die Familien zu Hause haben, ist er ein Teil ihres Lebens. Zweitens: Jedes Mal, wenn ich an Bord komme, lasse ich das Ego an der Pier zurück, vor allem anderen kommen das Schiff und seine Besatzung. Drittens: Ich muss immer wieder beweisen, dass ich diesen Job kann, von Männern wird das nicht verlangt.
Was Kreuzfahrt-Gäste nicht sehen
Erinnern Sie sich an Ihr erstes Kommando?
Meine erste offizielle Ernennung war im Februar 2016. Es war eine schwierige Reise um Südamerika. Wir hatten mehrere Probleme: technische, gesundheitliche, das Wetter. Ich ging durch alles mit einem Lächeln – und hörte jeden Tag Gloria Gaynors „I Will Survive“. Es war eine harte Taufe, aber danach konnte mich nichts mehr so leicht erschüttern.
Seeleute gelten als abergläubisch, sind Sie das auch?
Bei uns auf der Brücke steht ein Teller mit Salz, Knoblauch und Pfeffer gegen Unglück, eine italienische Tradition. Ich habe meinen Ring mit Aquamarin – das ist der Stein der Seeleute. In alten Zeiten warf man Aquamarin als Geschenk für Neptun ins Meer. Seeleute sind deshalb abergläubisch, weil die Natur mächtig und unberechenbar ist.
Welche Herausforderungen bekommen Gäste nie zu sehen?
Hinter den Kulissen passiert sehr viel. Ich bin die Bürgermeisterin dieses schwimmenden Dorfes, bin in Hotelabläufe involviert, in Gästebelange, Logistik. Bei schlechtem Wetter verbringe ich die meiste Zeit auf der Brücke, manchmal 24 Stunden am Stück. Auch in Alaska wegen enger Passagen und starker Strömung. Gäste wissen das nicht.
Arbeiten an den schönsten Orten der Welt
Sie müssen gut im Umgang mit Menschen sein. Was ist Ihr Geheimnis?
Sei ehrlich. Sei du selbst, kopiere nicht den Führungsstil anderer. Kenne dich selbst und deine Grenzen, damit du Menschen authentisch begegnen kannst. Gäste und Gastgeber spüren das.

Welche Routen berühren Sie besonders?
Ich liebe Alaska – ein sehr besonderer Ort, aber auch eine Herausforderung zum Navigieren. Ich mag auch die Elbe in Hamburg, war oft dort, als ich auf Frachtschiffen fuhr. Auf dem Tejo nach Lissabon zu kommen, ist immer ein emotionaler Moment.
Was ist Ihr Lieblingsplatz an Bord?
Der Außenbereich des Crema Café, einer italienischen Bar an Bord der Explora I, auf Deck 5. Der Blick, das Gefühl, der Geruch des Ozeans: Hier fühle ich mich entspannt und belebt.