Jan Weiler über Dublin: Du kommst mir so bekannt vor!

Besonders gut kenne ich mich nicht aus in der Welt. Obwohl ich viel gereist bin, würde ich mich nicht als polyglotten Menschen bezeichnen. Sechs Monate im Jahr bin ich unterwegs, seit über zwanzig Jahren, allerdings nur in Italien und Deutschland. Ich kenne Rom, Pirmasens und Peine, Landshut und Leer, Kiel und Krefeld und so ziemlich jeden Bahnhof dazwischen, weil ich seit 2003 über eintausend Mal als Vorleser aufgetreten bin.
Ich kann in Sekunden einen Koffer packen, navigiere mühelos durch Hunderte von deutschen Städten. Es hat mich aber nie in die Fremde gezogen, ich bin auch etwas ängstlich. Aber man muss auch mal aus seiner Komfortzone raus, Menschen, die viel reisen, haben recht: Es erweitert den Horizont und das kann nicht schaden, es sei denn, es wird einem in der Fremde die Kreditkarte oder eine Niere entwendet.
Wie ich auf Dublin kam? Weil ich zumindest irgendwie das Gefühl hatte, es zu kennen, als Mensch, der gerne liest und Musik hört, begegnet mir die Stadt quasi ständig. Aber live war ich dort noch nie, überhaupt noch nicht in Irland, ich wusste auch, wie ich dann feststellte, wenig darüber. Das fängt schon damit an, dass ich es völlig falsch verortete: viel zu weit östlich und viel zu weit nördlich. Dabei teilt Dublin sich den Breitengrad mit Hamburg.
Man kann über Dublin nicht sagen, dass es in irgendeiner Form bedrohlich aufträte. Es hat keine Häuser, die so hoch sind, dass man den Himmel nicht mehr sieht. Es hat weder tosenden Verkehr noch einen unüberblickbaren Stadtplan. Dublin sagt: Komm rein, lauf rum, fühl dich wie in Dublin. Die Stadt ist wie jemand, den man zum ersten Mal trifft, auf Anhieb mag und von dem man das Gefühl hat, ihn schon ewig zu kennen. Es ist kein Ort für Abenteurer, man muss Dublin nicht erobern oder gar besiegen. Das haben schon ganz andere versucht.
„Dublin ist gut fürs Gemüt. Oder besser: Alle fünf Dublins sind es”

Dass die Leute hier wirklich nett sind, wurde mir vorher mehrfach mitgeteilt und es stimmt auch. Es kann allerdings sein, dass sie hier einfach ganz normal nett sind und mir das nur deswegen auffällt, weil ich in München lebe. München belegte soeben in einer internationalen Umfrage unter auf der ganzen Welt lebenden Expats den 53. Platz in der Liste der freundlichsten Städte der Welt. Platz 53 von 53. Wer aus München anreist, freut sich, wenn er weder im Bus noch in der Bäckerei oder in der Bar vom Personal angeschnauzt wird. In Dublin undenkbar.
Vier Tage umfasst mein Reiseplan, am Ende werde ich 36 Kilometer durch die irische Hauptstadt gelaufen sein und kein einziger wird sich mühsam oder verschwendet anfühlen. Dublin ist gut fürs Gemüt. Oder besser: Alle fünf Dublins sind es. Man besucht nämlich in Wahrheit fünf sehr unterschiedliche Orte, die alle immer gleichzeitig da sind.
Das erste Dublin ist jenes der Touristen und ihrer Gastgeber. Die sind in dieser Disziplin außergewöhnlich erfolgreich. Dublin begrüßt über fünf Millionen Gäste pro Jahr, die genau wie ich zunächst einmal im Temple Bar District landen, einem pittoresken Ortsteil mit ausgedehntem Getränkeangebot. So dicht gedrängt gibt es das sonst nur in der Schinkenstraße auf Mallorca und in der Düsseldorfer Altstadt, aber die können in puncto Bierqualität nicht konkurrieren, denn Dublin hat Guinness. Ein Glas ersetzt spielend ein ganzes Abendessen. Man hat nach dem Trinken das Gefühl, ein Schinkenbrot verzehrt zu haben, und bestellt sofort noch eins, um diesen Eindruck zu überprüfen.
Die Erfahrung mache ich im Rahmen eines äußerst touristischen Manövers, welches sich „Musical Pub Crawl“ nennt. Man bucht ein Ticket und trifft sich mit fünfzig weiteren Touristen aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien im Obergeschoss eines Pubs. Man bekommt das erste herrliche Guinness, dann spielen zwei Musiker irische Lieder und erzählen dazu lustige Geschichten. Und zwar richtig gut. Dann zieht die ganze Truppe in den nächsten Pub und die Musiker erzählen und singen und die Touristen trinken und lachen.
Obwohl es sich um ein tausendfach exerziertes und vor allem auf den Verkauf von Bier und CDs (ja, wirklich: CDs) abzielendes Programm handelt, ist es wirklich witzig und informativ. Steve und sein Kumpel berichten von den Ursprüngen der keltischen Musik und von der Harfe als irischem Symbol. Wobei man natürlich darauf hinweisen muss, dass diese Harfe auch das Logo von Guinness ziert. Sie legen überzeugend dar, wie der irische Folk die amerikanische Countrymusik erst ermöglicht hat. Am Ende des Abends stellt sich eine gewisse Seligkeit ein, ich denke dabei an die Worte des berühmten Alltagsphilosophen Homer Simpson: „Bier! Ursache und Lösung aller Probleme.“
Stadtrundfahrt im Doppeldecker

Warum überhaupt Touri-Programm? Ganz einfach: Weil ich ein Tourist bin. Ich fand die Attitüde von angeblich weltgewandten Menschen immer schon seltsam, irgendwohin zu gehen und dann so zu tun, als sei man kein Tourist. Ich finde das prätentiös und etwas heuchlerisch. Man grenzt sich dabei zwar von jenen Schafen ab, die geführte Kneipentouren buchen, das ja. Aber man trinkt am Ende doch dasselbe Bier. Und vielleicht finden es Einheimische gar nicht so geil, wenn die Gäste irgendwo auftauchen, wo man gerne unter sich wäre.
Um den touristischen Charakter meines Aufenthaltes zu vertiefen, habe ich auch eine skurril anmutende Busfahrt gebucht: einen Vintage Tea Trip. Dabei wird man in einen Doppeldeckerbus aus den Sechzigerjahren gebeten. Man sitzt zwischen Kunstblumendeko an gedeckten Tischen und bekommt wahlweise Tee oder Kaffee serviert. An jedem Platz steht eine üppig bestückte Etagere mit süßen und herzhaften Backwaren, die es auf der knapp neunzig Minuten dauernden Fahrt zu verzehren gilt. Die Dame am Mikro warnt, dass die Fahrt „a little bumpy“ werden könne. Man müsse immer darauf achten, besonders beim Trinken. Und beim Essen. Dann macht es einen kleinen Hüpfer und der Sahnekuchen der Amerikanerin vor mir fällt von der Gabel direkt auf ihre Bluse.
Man kommt gut rum mit dem Bus und erfährt dabei: Der Phoenix Park ist doppelt so groß wie der Central Park in New York. Das darin befindliche Wellington Monument ist mit 62 Metern Höhe der größte Obelisk Europas. Ein Löwe des benachbarten Zoos diente als Model für den ersten MGM-Löwen. Und wo wird am meisten Guinness getrunken? Die Antwort ist Nigeria. Die dortige Brauerei sei größer als das beeindruckende Stammwerk in Dublin. Und der Alkoholgehalt der nigerianischen Rezeptur fast doppelt so hoch wie jener des irischen Originals.
Immerhin ist der Bus gut durchgekommen, Dublin ist nämlich eine enge Stadt. Sie ist etwa so groß wie Ulm (115 Quadratkilometer), hat aber fast fünfmal mehr Einwohner, nämlich knapp 600.000. Das spricht für eine prekäre Einwohnerdichte: 5.100 Dubliner pro Quadratkilometer, das sind so viele Menschen wie in Bangkok. Wenn dann auch noch die Besucherinnen und Besucher hineindrängen, wird es manchmal sogar auf der fünfzig Meter breiten O’Connell Street in der Innenstadt eng. Und in den Museen.
„Irre, wer alles von hier kam und zur Musik- oder Literaturgeschichte beigetragen hat”

Das kulturelle Dublin, das teils vom touristischen schwer zu trennen ist, ist die zweite Stadt in dieser Stadt. Dublin trumpft mit einer eindrucksvollen Liste weltberühmter Künstlerinnen und Künstler auf. Irre, wer alles von hier kam und zur Musik- oder Literaturgeschichte beigetragen hat: die Schriftsteller James Joyce, Oscar Wilde, Jonathan Swift, George Bernard Shaw, Bram Stoker, Brendan Behan, Samuel Beckett, William Butler Yeats, Roddy Doyle und Seamus Heaney. Das sind bloß die allerbekanntesten, und die Liste wird von unendlich vielen Musikerinnen, Musikern und Bands erweitert, Phil Lynott von Thin Lizzy und Luke Kelly, dem Gründer der Dubliners, wurden ähnlich wie Oscar Wilde oder James Joyce sogar Denkmäler gewidmet.
Alle Iren sind mehr als stolz auf deren Wirken, auch wenn auffallend viele der großen Künstler das Land irgendwann verließen, was durchaus ein Muster darstellt, von dem noch zu sprechen sein wird. Woanders erfolgreich zu werden ist seit Jahrhunderten der Traum der irischen Auswanderer, die dabei sehr von dem profitierten, worunter sie litten. Im Museum of Literature am schönen Stadtpark St. Stephen’s Green erklärt mir der zugewandte Museumsführer Luke, was mit diesem Widerspruch gemeint ist.
Es hat, wie so vieles hier, mit den britischen Besatzern zu tun, die das Land und ihre Hauptstadt über Jahrhunderte kolonialisiert und unterdrückt haben. Dabei ging die gälische Sprache weitgehend verloren. Zwar sieht man sie überall im Stadtbild, weil alle Straßennamen und Hinweisschilder zweisprachig sind. Doch das hat eher symbolischen Charakter. Nur schätzungsweise 70.000 Iren sprechen ihre Sprache noch, alle anderen verständigen sich auf Englisch, Luke erklärt mir, dass die irischen Künstler gegenüber Schriftstellern aus Deutschland oder Italien den Vorteil hatten, dass sie ihre Gedichte, Artikel und Romane bereits in Englisch abfassten. Das Werk musste nicht übersetzt werden, was die Veröffentlichung in den wichtigsten Märkten erleichterte.
Während wir durch das Museum gehen, ist immer wieder die Rede von der Unterdrückung der Iren durch den Katholizismus einerseits und die puritanischen Briten andererseits, das Thema zieht sich durch fast jedes Gespräch, das ich in den vier Tagen führe. Da ist auch bei Luke ein Schmerz, ein unauslöschlicher Kummer, eine tiefe Melancholie. Die Iren betonen stets, trotz der aufgezwungenen englischen Sprache und der weitgehend aus dem anglikanischen Raum übernommenen Lebensart ein eigenes Volk und kein Anhängsel zu sein. Vielleicht sind sie deshalb so stolz auf alles originär Irische, wozu unbedingt koboldische Fabelwesen, dunkles Bier und Sportarten wie Hurling gehören. Diese eigenwillige Mischung aus Hockey, Fußball und Rugby wird kaum außerhalb des Landes gespielt, zieht aber ein riesiges Publikum an.
Dublin: „Die Musikalität der Bevölkerung ist legendär“



Ich stehe in einem Pub und versuche, aus einer Live-Übertragung schlau zu werden. Ein ebenso betrunkener wie fröhlicher Dubliner versucht, mich in die Geheimnisse des Sports einzuweihen, von dem ich noch nie gehört habe. Das Spiel findet im Croke Park statt, der riesigen Arena von Dublin, in der nie Fußball gespielt wird, dafür Rugby und eben Hurling. 82.000 Zuschauer fasst das Stadion, und jeder Platz ist besetzt. Hurling ist ein wichtiger Bestandteil des irischen Lebens, der Außenstehenden verborgen bleibt.
Dafür teilen sie hier ausgiebig ihre Vorlieben für Literatur und Musik. Wenn man durchs Temple-Bar-Viertel läuft, kommt man an zahllosen Pubs mit Livemusik vorbei. So viele gute Musikerinnen und Musiker kann es doch unmöglich geben, um diese ganzen Kneipen beschallen zu können. Aber die Musikalität der Bevölkerung ist legendär. Kein Land außer Schweden hat so oft den Eurovision Song Contest gewonnen. Und die Liste der berühmten Bands, Sängerinnen und Sänger aus Dublin und Umgebung ist beeindruckend. U2, Sinéad O’Connor, die erwähnten Thin Lizzy und ganz aktuell Fontaines D.C. kommen aus der Stadt oder ihrem Umland.
Ein langer Fußmarsch vorbei am von mir vornehm ignorierten weltberühmten Trinity College führt in ein Studio, in dem sie alle aufgenommen haben. Auch Bruce Springsteen, die Rolling Stones und die Gorillaz. Im Windmill Lane Recording Studio versammeln sich die Nerds aus aller Welt, um Mischpulte zu bewundern und sich noch einmal erklären zu lassen, was sie ohnehin schon wissen. Zwei Toningenieure aus den USA und ein italienischer Familienvater, dessen Kinder keinen Schimmer haben, in welch weihevoller Umgebung sie sich gerade aufhalten, saugen jedes Wort, jede kleine Geschichte des Studios auf.
Zum Beispiel jene über Mick Jagger. Der rief eines Tages an, um sich nach einem Termin zu erkundigen, bei dem man eruieren könne, ob das Studio etwas für die Stones sei. Worauf der Chef des Hauses, Brian Masterson, kommentarlos auflegte, weil er annahm, dass ihn jemand verscheißern wollte. Fünf Minuten später rief Jagger wieder an und versicherte glaubhaft, dass er es wirklich sei, worauf sich Masterson wortreich entschuldigte. Jagger nahm es gelassen und sagte: „Glaub mir, das passiert mir jeden Tag. Jeden verdammten Tag meines Lebens.“
„Der Exportschlager Irlands sind die Iren“

Das dritte Dublin treffe ich in der Henrietta Street: das historische Dublin, welches viel zu erzählen hat über die tapferen Iren, die in ihrer Geschichte immer wieder überfallen und ausgebeutet wurden und das Beste daraus machten – abhauen oder dableiben und wieder von vorne anfangen. Das Museum 14 Henrietta Street berichtet vom Schicksal der Dagebliebenen und wurde vielfach ausgezeichnet für die Qualität der Ausstellung, die eigentlich nur aus einem einzigen Exponat besteht: dem Haus. Dieses gehörte im 18. Jahrhundert einem reichen Herrn mit dem schönen Namen Molesworth und seiner zweiten Frau, die er geheiratet hatte, weil die erste ihm zwar acht Mädchen, aber keinen Sohn gebar. Kind Nummer elf war dann endlich der erhoffte Stammhalter.
Zu jener Zeit war das riesige Townhouse eine Begegnungsstätte der Reichen und Adligen, in der ersten Etage wurden Tanzabende und Lesungen gegeben. Eindrucksvoll das Himmelbett, in dem über viele Jahrzehnte hinweg Menschen gezeugt und geboren wurden und auch starben. Sie alle lagen in diesem Bett auf mindestens vier Matratzen, um den Abstand zum Fußboden möglichst hoch zu halten. Wegen der Ratten, die bereits dort lebten, als die Molesworths da wohnten, und auch nicht verschwanden, als diese das Haus aufgaben und wie viele vermögende Dubliner nach London zogen. Damit begann die Transformation von 14 Henrietta Street. Das Haus wurde in siebzehn Wohnungen umgewandelt, und die restaurierten Räume zeigen die teils bedrückenden Verhältnisse, in denen die bis zu einhundert Bewohner über die Jahrhunderte dort lebten. Mit einer Toilette, oft bitterarm und kinderreich. Erst 1979 wurde das Haus geschlossen und 2018 als Museum wieder geöffnet.
Wer Irland verließ und auswanderte, begründete überall auf der Welt den Ruf der Iren, robust, empathisch und abenteuerlustig zu sein. Millionen von Iren machten sich über die Jahrhunderte auf, flohen vor Hungersnöten und Briten oder wurden nach Australien verbannt. Mehrere Kartoffelmissernten führten ab 1845 zu einer Hungersnot, die mindestens eine Million Menschen das Leben kostete. Weitere zwei Millionen wanderten aus, bis 1910 erhöhte sich diese Zahl auf fünf Millionen. Bei gerade mal acht Millionen Einwohnern ein dramatischer Aderlass, von dem sich das Land nie richtig erholt hat. Die britische Verwaltung half nicht oder nur widerwillig. Man kann auf jeden Fall sagen, dass der wesentliche Exportschlager Irlands die Iren selbst sind, was für den Rest der Welt ein Glück ist.
Hightechboom mit Folgen

Die Kartoffelknappheit wurde inzwischen vollumfänglich behoben, was seinen Ausdruck in einem Überangebot von Pommes frites findet. Die Iren und ihre internationalen Gäste bekommen an jeder Ecke Pommes und ernähren sich auch sonst recht kohlenhydratreich weitgehend von Sandwiches, Burger, Toast und süßen Backwaren aller Arten. Aber es geht auch anders, Dublin hat sechs Sternerestaurants. Sie sind auch ein Symbol für das vierte Dublin, das ich kennenlerne.
Es ist ein modernes Dublin, das Ähnlichkeiten mit Stockholm und Kopenhagen aufweist. Die Matchaisierung der Gesellschaft ist hier weit fortgeschritten, Dublin hat einundzwanzig Starbucksfilialen und die Gentrifizierung ganzer Stadtteile hat auch mit dem Erfolg Irlands als Steuerparadies für amerikanische Hightechfirmen zu tun. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman nannte die Strategie des irischen Staates in den Zehnerjahren „Leprechaun-Wirtschaft“, nach dem Nationalkobold der Iren, der gerne Goldmünzen verschenkt, die er sich danach wieder zurückholt.
Eine Änderung im irischen Steuerrecht bewog als erstes Unternehmen Apple dazu, seine Europazentrale in Irland nicht als Zweigstelle, sondern als inländisches Unternehmen aufzubauen und fortan die Gewinne aus mehreren Geschäftsfeldern nicht mehr in den USA zu versteuern, sondern in Irland. Der Buchungstrick mit Verlagerungen von Gewinnen des Weltkonzerns ins irische Steuersystem ließ das Bruttoinlandsprodukt 2016 plötzlich um sagenhafte 26 Prozent anschwellen, ohne dass Apple allerdings dort tatsächlich Steuern zahlen musste. Andere Unternehmen zogen nach, Irland erlebte einen Hightechboom, inzwischen haben mehr als eintausend internationale Firmen dort ihren Sitz.
Entsprechend groß ist die Zahl der einkommensstarken Expats und Fachkräfte, die in geringer Zahl aus Dublin stammen und gerne hübsch am Wasser leben. Dort sieht es aus, als seien die Architekten und Bauherren auf LSD gewesen. Sehr schick, aber auch sehr druff. Wer über die neue kaugummieske Samuel-Beckett-Brücke spaziert, bekommt einen Eindruck von dem Lebensstil, der hier zwar ausgestellt wird, den sich aber kaum jemand leisten kann.
Der Boom und die scheinbar glänzenden Wirtschaftsdaten sind nicht wirklich bei den Dublinern angekommen, die im Pub stehen und Hurling im Fernsehen anschauen. Verteufeln möchte dieses neue Dublin aber auch niemand. Sie sind stolz darauf, als erstes Land der Welt die Schwulenehe legalisiert zu haben. Das ist auch ein Zeichen der Loslösung vom konservativen Katholizismus, der das Land über Jahrhunderte geprägt hat.
Zwischen Europas Apple-Zentrale und der Halbinsel Howth liegen Welten

Und dann fahre ich mit dem Zug raus aus der Stadt auf die Halbinsel Howth, für mich Dublin Nummer fünf. Es gehört dazu und ist doch eine andere Welt. Wenn man mit Shane an der Küste steht, von der man die Stadt gut sehen kann, und ihn fragt, ob er öfter rüber in die City fährt, schüttelt er sanft den Kopf und sagt leise: „So selten wie möglich.“ Früher war er mal Manager bei einer Airline, aber jetzt, mit über sechzig, möchte er nur noch zu Hause sein, in Howth. Er arbeitet hier als Fremdenführer, betreibt mit dem Sohn eine kleine Firma, die Wanderungen durch die Natur anbietet, Bootsfahrten und längere Expeditionen. Er steht auf einer hohen Wiese und zeigt mir die Blumen. Sie sind jetzt purpurfarben, im März waren sie noch gelb. Der Schutz dieser Gegend ist seine Lebensaufgabe geworden. Hier wird nicht gebaut werden. Keine Villen, keine Hotels, keine Zweitwohnsitze. Er und seine Mitstreiter haben es verhindert.
Das vierte Dublin hat keine Chance beim fünften. Shane ist ein wundervoller Erzähler, Erklärer und Aktivist für ein gutes Leben. Ich bin auf Anhieb verliebt in diese Außenstelle Dublins. Es gibt eine Steilküste, Leuchttürme mit weißen Leuchtturmhäusern, Heidelandschaft, einen kleinen Hafen, viele hübsche Häuser und zahnlose Fischer. Und in zwanzig Minuten ist man in der Stadt, wenn man möchte. Optimal eigentlich. Shane deutet mit der Hand die Küste runter auf ein Haus und sagt: „Da wohnt Larry Mullen.“ Das ist der Drummer von U2. Ich verkünde, dass ich mir vorstellen könne, hier ebenfalls zu leben. Bei Fish und Chips in dem seiner Meinung nach dafür besten Laden namens King Sitric erklärt Shane mir, dass Howth tatsächlich wunderschön sei, man müsse aber die Zeit zwischen Oktober und April aushalten. Da sei es dunkel. Immer. Ich verschiebe meine Umzugspläne.
Shane erzählt von den Mythen der Insel und wie sie in ihrer Jugend U2 gesehen haben. Die waren damals noch Schüler und hießen anders. Und sie waren echt schlecht. Er lacht und wir gehen zum Hafen. Wir fahren mit dem Boot raus und Shane zeigt mir Felsen, auf denen Robben herumliegen wie betrunkene Dubliner, und einen von Möwen komplett vollgeschissenen Felsen. Ich darf dann das Boot steuern und Shane: singt. Und ich denke: Verdammt, die machen hier alles richtig.