Ein Ort zum Träumen: Das Gartenreich Dessau-Wörlitz

Ein Vulkan in der Elbaue, eine Synagoge mitten im Ort, die erste gusseiserne Brücke Deutschlands: Vor 250 Jahren übersetzte Fürst Franz die Ideen der Aufklärung in Parks und Schlösser. Sechs davon stehen heute im UNESCO-Welterbe Gartenreich Dessau-Wörlitz. Ein Rundgang von Wörlitz über Oranienbaum bis Mosigkau.
Text Merian Redaktion
Datum14.09.2026

Sechs Schlösser, sieben Parks, Spazierwege, Teiche, uralte Bäume und ein Vulkan: Das Gartenreich Dessau-Wörlitz liegt östlich zwischen Magdeburg und Halle, schmiegt sich an die Elbe und zählt zu den schönsten Anlagen des Landes. 

 „Unendlich schön“ fand das schon Goethe. Ein Grund mehr, sich das Gesamtkunstwerk an den Elbauen von Sachsen-Anhalt einmal näher anzuschauen. Merian stellt die Besonderheiten des Gartenreichs Dessau-Wörlitz vor und gibt Tipps für einen Besuch. 

An den Elbauen entsteht ein Gartenreich

Mit den Gondeln lässt sich das Gartenreich besonders stilecht erleben.

Vor rund 250 Jahren fasst Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740 bis 1817) einen kühnen Plan: ein Gesamtwerk aus Parkanlagen, Denkmälern und Residenzen. Reisen nach England liefern „Fürst Franz“ – wie er genannt wird – die Vorlage, sein Baumeister Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff überträgt sie in die Flussauen der Elbe. So entstand ab 1764 der erste Landschaftsgarten im englischen Stil auf dem europäischen Kontinent. Die Premiere wurde ein voller Erfolg. Bis heute gilt das Gartenreich in Sachsen-Anhalt als eine der prächtigsten Anlagen.

Im November 2000 nahm die UNESCO das beeindruckende Ensemble deswegen in die Welterbeliste auf. „Es ist ein Ort, der in seiner Brillanz und Perfektion für sich steht, der keiner Inszenierung und keiner Events bedarf, um zu leuchten“, sagte einst Brigitte Mang, von 2017 bis 2022 Direktorin der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz.

Das gesamte Gartenreich zwischen Dessau und Lutherstadt Wittenberg umfasst mehr als 140 Quadratkilometer. Wer bei einem Besuch so viel wie möglich sehen will, sollte dafür mindestens drei Tage einplanen.

Schloss Wörtlitz als Krönung

Das Schloss Wörlitz ist das Aushängeschild des Gartenreichs Dessau-Wörtlitz.

Ab 1769 ließ Baumeister Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf das Schloss Wörlitz errichten, damals als ersten klassizistischen Schlossbau des Landes. Nur vier Jahre später ist das repräsentative Gebäude bereits fertiggestellt, 1773 wird es eingeweiht und mit ihm der 112 Hektar große Park drumherum. Bis heute ist das Schloss 15 Kilometer östlich von Dessau der erste Anlaufpunkt für die meisten Ausflügler. 

Das Gotische Haus wächst von 1773 bis 1813 in mehreren Etappen. Zur Wasserseite wird es von einer venezianisch anmutenden Fassade geschmückt, zum Garten hin lässt sich Tudorgotik nach dem Vorbild des englischen Landhauses Strawberry Hill erkennen. Zwei weitere Bauten zeigen, dass Aufklärung, Freiheit und gesellschaftlicher Fortschritt zu den Tugenden des Fürsten zählten. Die Synagoge von 1790 folgt der Form eines römischen Rundtempels und steht mitten in der Anlage statt nur an dessen Rand. Die Eiserne Brücke von 1791 ist ähnlich fortschrittlich, kopiert die englische Iron Bridge und gilt als erste Gusseisenbrücke Deutschlands.

Holländischer Barock im Schloss Oranienbaum

In der Orangerie Schloss Oranienbaum gedeihen unter anderem Zitruspflanzen.

Südlich von Wörlitz findet sich ein weiteres Kleinod: die Parkanlagen rund um Schloss Oranienbaum. Das Gebäude ist ein Schmuckstück des Barock und wurde um 1683 von niederländischen Baumeistern für die Fürstin Henriette Catharina von Oranien-Nassau errichtet. 1811 kam die 175 Meter lange Orangerie hinzu, eine der größten Europas. Die Sammlung von Zitruspflanzen und anderen seltenen Gehölzen gedeiht bereits seit dem Bau, einige Pflanzen sind demnach mehr als 200 Jahre alt. Hinter dem Schloss erstreckt sich ein chinesischer Garten mit Pagode. Anlässlich von besonderen Veranstaltungen wie dem Tag des Denkmals wird die sonst verschlossene Pagode für Besucher geöffnet. 

Rokokoschloss Mosigkau

Das liebevoll „kleines Sanssouci“ genannte Rokokoschloss Mosigkau entstand zwischen 1752 und 1757 für Prinzessin Anna Wilhelmine, eine Tochter von Fürst Leopold I. und Tante von Fürst Leopold III. Friedrich Franz. Im Galeriesaal finden sich wertvolle Werke flämischer und niederländischer Meister, darunter Rubens, van Dyck, Jan Brueghel den Älteren, Jordaens und Goltzius. Die Bilder hängen bis heute so dicht an dicht, wie der Barock es vorsah. Erhalten blieb diese Anordnung, weil die Stiftsdamen des Hauses sich später weigerten, auch nur ein Werk zu verkaufen.

Die Insel Stein und ihr Vulkan

Miniaturen aus Neapel auf der Insel Stein: der Vesuv von Wörlitz neben der Villa Hamilton.

Zwischen 1788 und 1794 schüttete Fürst Franz mitten im Wörlitzer See eine Insel auf und setzte ihr einen Vulkan auf den Rücken. Das Vorbild lieferte der Vesuv, den der Fürst einst auf einer Italienreise selbst erlebt hatte. Die Villa Hamilton am Fuß des Kegels erinnert an William Hamilton, den britischen Gesandten in Neapel, der die Ausbrüche systematisch beobachtete. Zu besonderen Anlässen lässt die Kulturstiftung den Krater tatsächlich Feuer speien, zuletzt im August 2025 zum 25. Welterbe-Jubiläum. Wer die Insel besuchen will, nimmt ganz bequem die Fähre.

Luisium und Georgium

Im Schloss Georgium befindet sich die Anhaltische Gemäldegalerie.

Zwei weitere Höhepunkte waren Verwandten von Fürst Franz zugedacht. Das Luisium, ab 1774 von Erdmannsdorff gebaut, gehörte Fürstin Louise und wirkt bis heute wie ein Rückzugsort: ein kleiner Landsitz, weite Wiesen, ein Schlangenhaus am Wegrand. Das Georgium in Dessau ging an den jüngeren Bruder Johann Georg. Dort zeigt die Anhaltische Gemäldegalerie ihre Alten Meister, seit Ende 2023 wieder in den sanierten Räumen des Schlosses.

Die Gondelstation liegt unterhalb des Schlosses. Zwischen Ostern und Oktober fahren Fährleute Besucher in rund 45 Minuten über den See, vorbei am Gotischen Haus. Zusätzlich verkehren mehrere Handseilfähren im Park. Bei niedrigem Elbpegel verkürzen sich die Routen, da die Kanäle zu wenig Wasser führen.

Veranstaltungen im Gartenreich Dessau-Wörlitz

Ein Auenland als Welterbe: Romantisch gondeln Besucher durch das 142 Quadratkilometer große Gartenreich Dessau-Wörlitz.

Fast das ganze Jahr über finden im Gartenreich verschiedene Veranstaltungen statt. Von Mai bis August bespielt der Gartenreichsommer die Parks mit Konzerten, Lesungen und Kleinkunst. Beim Seekonzert in Wörlitz sitzen Besucher in der Gondel und essen zu Abend, während von Brücken und Ufern Musik spielt. Dazu kommen Wandelkonzerte durch die Schlossparks Oranienbaum und Luisium, der Kleinkunsttraum in Oranienbaum und die Reihe „Lektüren im Luisium“.

Bis in den Oktober finden weiterhin regelmäßige Führungen statt, dazu besondere Veranstaltungen wie Fastenwanderungen oder Taschenlampenführungen. Von November bis April finden vereinzelte Events, etwa in der Adventszeit oder an Silvester, statt. 

Besuch im Gartenreich: Anreise und Preise

Vom Bahnhof in Dessau fährt die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn knapp 20 Kilometer durch das Welterbe bis nach Wörlitz und benötigt dafür etwa 35 Minuten. Sie verkehrt in der Saison von Ende März bis Ende Oktober. Die Parks stehen ganzjährig offen und kosten keinen Eintritt, die Schlösser öffnen von Ende März bis Anfang November, ein Ticket kostet um die zehn Euro. Wer mehrere Häuser besichtigt, fährt mit der 3-Schlösser-Karte günstiger. Orientierung und weitere Informationen bietet die kostenlose Gartenreich-App. Drohnen sind im Gartenreich nicht gestattet.

Weitere Informationen und genaue Öffnungszeiten finden Sie auf der Gartenreich-Webseite