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Mein Ostfriesland

Weiße Sandstrände, wildes Watt und Windmühlen, die sich über sattgrünen Wiesen drehen, durchzogen von idyllischen Kanälen mit reetgedeckten Katen. Ostfriesland ist all das – und doch so viel mehr.

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Die kleinen Hände matschen ausgiebig im Sand, formen Staudämme, hindern das Meerwasser in den großen Pfützen abzufließen. Kreischen, aufgeregtes Gehopse: »Ich habe eine Babykrabbe gefangen! Und da, ein komischer Wurm mit riesigen Augen!« Nordsee, das war Abenteuer pur, das waren nicht enden wollende Tage voller Freiheit: Entdecker spielen, mit Eimerchen bewaffnet Einsiedlerkrebse und Muscheln sammeln. Staunen: Wie das Meer sich allmählich zurückzieht und die Gezeitentümpel übrig bleiben, in denen es vor Leben nur so wimmelt. Wie der nasse Sand durch die Zehen quietscht, die Beine mit einem satten Schmatzen bis zu den Knien im Schlick versinken. Wie der Wind stetig in den Ohren saust – pures Kinderglück. Für uns Niedersächsinnen ist die Nordsee die wohl intensivste Sommer-Kindheitserinnerung. Sozusagen Astrid Lindgrens »Ferien auf Saltkrokan« auf Deutsch. Auch heute noch schlägt das Herz schneller, wenn die Nasen Nordseeluft schnuppern und der Sandstrand wieder unter den Füßen kitzelt. Aber inzwischen, älter geworden, haben wir auch den wortkargen Menschenschlag lieb gewonnen und den frischen Fisch und die ostfriesischen Eintöpfe schätzen gelernt. Und das Kulturangebot: Auf der ostfriesischen Halbinsel versprüht jede Stadt, jede Region ihren ganz eigenen Charme. Leer bezaubert mit seiner Altstadt und hat sich einen Platz in der ersten Liga der Ostfrieslandkrimi-Fans erarbeitet. Emdens Kunsthalle sorgt für weltweite Anerkennung in Kennerkreisen. Fast holländisch muten die Fehnorte mit ihren weißen Klappbrücken an – ein Paradies für Radfahrer. Norden, die älteste Stadt Ostfrieslands, zeigt stolz seine alten Bürgerhäuser und begeistert mit dem zauberhaften Landschaftspark am Schloss Lütetsburg. In Aurich liegen Ostfrieslands Wurzeln mit dem alten Versammlungshügel Upstalsboom, Inbegriff der Friesischen Freiheit, mit der Ostfriesischen Landschaft als Selbstverwaltungsinstitution und dem nahen Kloster Ihlow. Das friesische Jever bezirzt als altes Häuptlingsstädtchen mit seinem herrschaftlichen Schloss und der kleinen Einkaufsmeile mit kreativen Töpfereien und altem Blaudrucker-Handwerk. Wilhelmshavens Südstrand punktet mit großartigen Museen. Und an der Küste reihen sich wie Sprungbretter zu den Inseln die quirligen Sielorte auf, jeder mit seinem ganz eigenen Charakter. RAUS AUS DEM ALLTAG Apropos Inseln: Für uns ist es immer wieder faszinierend, wie geerdet man sich dort wieder fühlt, so völlig aus dem hektischen Alltag ausgeklinkt. Schon, wenn einem auf der Fähre der Wind den Salzgeruch um die Nase weht, weicht alle Anspannung, der Blick schweift in die Ferne, Möwen gleiten neben der Fähre dahin. Angekommen, sind da die Pferdekutschen oder dahinzuckelnde Schmalspurbahnen, die Welt ohne Autos – fast wie eine Zeitreise. Schon werden die Sinne wieder empfänglicher für äußerliche Reize: die Erfahrung, dass einem plötzlich selbst Fahrräder zu schnell und Flugzeuge unendlich laut vorkommen, weil alles hier so viel stiller und langsamer ist als auf dem Festland. Spielende Kinder auf der Straße, die ohne Angst vor Autos Rad fahren, Verstecken spielen, mit Straßenkreide malen ... Originelle Kneipen mit Kultstatus, deren abgewetztes Ambiente manchmal so gar nicht in die Puppenhaus-Atmosphäre zu passen scheint. Oder die Inselgemütlichkeit in den kleinen Teehäuschen und Cafés. Dazu Inseloriginale wie Wattführer, Töpferinnen und Künstler sowie Naturoasen in den Dünen wie der Hammersee auf Juist oder die Seehundbänke vor Borkum. ENTSCHLEUNIGTE INSELN

Die großen Inseln kommen leider noch nicht ohne Autos aus, aber auch hier ticken die Uhren viel geruhsamer als auf dem Festland. Borkum, einst vor allem als Walfänger- und Leuchtturminsel bekannt, hat aus der langen Anfahrt eine Tugend gemacht: Die weite Entfernung vom Festland macht sie mit ihrem Hochseeklima wett und profiliert sich als Insel für Allergiker. Die autofreie Insel Juist will die klimafreundlichste werden und punktet mit dem schönsten Strand. Norderney mit seinen Prachtbauten und der langen Geschichte als ältestes Seebad der Nordsee steht für mehr Menschen, mehr Veranstaltungen – sie ist die quirligste unter den sieben Schönheiten. Baltrum hat von allen Inseln am wenigsten Einwohner, das spürt man. Klein, gemütlich und außergewöhnlich ist sie, diese autofreie Insel mit den verrückt durcheinandergewürfelten Hausnummern. Langeoog gehört zu den drei größten Inseln und ist schon deshalb etwas wuseliger. Sehr sympathische Entwicklung: Sie etabliert sich in den letzten Jahren als Fairtrade-Insel, immer mehr Öko-Angebote und Produkte aus fairem Handel sind zu finden. Spiekeroog will bleiben, wie es ist, die Insel ohne Autos, (fast) ohne Fahrräder und mit den liebevoll renovierten alten Inselhäuschen. Wangerooge, die kleinste unter den sieben Ostfriesinnen, ist weniger gestylt, man könnte auch sagen: weniger gentrifiziert. Unterkünfte gibt es in allen Preisklassen, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten machen hier Urlaub. Welche Insel nun die schönste ist? Das muss jeder für sich entscheiden. Der Nachhaltigkeitsgedanke macht die Inseln so sympathisch. Es gibt aber auch Schattenseiten, Investoren übernehmen immer mehr Grundstücke, viele Insulaner finden keinen bezahlbaren Wohnraum mehr. Wohin sich das wohl entwickelt? Wird Inselurlaub bald Luxus? Aber egal ob Insel oder Festland: »Weitseeing« statt Sightseeing formt in dieser Landschaft einen ganz besonderen Menschenschlag. Kein endloses Gequatsche, keine falsche Freundlichkeit, fast schon stoische Zurückhaltung. Wie es schon Heinrich Heine auf Norderney in »Die Nordsee, Reisebilder« in Worte fasste: »... und sie sitzen verträglich am Feuer in den kleinen Hütten, rücken zusammen, wenn es kalt wird, an den Augen sehen sie sich ab, was sie denken, die Worte lesen sie sich von den Lippen, ehe sie gesprochen worden.« Wer einem Ostfriesen sagt: »Du musst!«, der wird auf Granit beißen. Der bekommt bestenfalls zur Antwort: »Ich muss nur sterben, sonst nichts.« Ein bisschen trotzig, aufmüpfig, und das nicht erst seit der »Friesischen Freiheit«. Lange haben die Ostfriesen der Christianisierung widerstanden, ein Feudalsystem konnte sich hier im Gegensatz zum restlichen Deutschland nie ausbilden – gelebte Freiheitsliebe. Vielleicht ist es das: Man muss bis heute nichts in Ostfriesland. Man kann. Allerdings – manches sollte man einfach nicht verpassen. Etwa eine Wattwanderung mit einem einheimischen Führer, der den Lebensraum und seine Bewohner wie seine Westentasche kennt. Bei Wind und Wetter raus an die frische Nordseeluft: Spazierengehen, Paddeln, Radfahren – unbe- schreiblich das Gefühl, mit breitem Lenker ganz ohne Eile durch die weite Landschaft zu gleiten. Später ein Stopp im Melkhuske oder ganz in Ruhe im Warmen die ostfriesische Teezeremonie genießen, mit knisterndem Kandis, Sahnewolke und Ostfriesentorte. Einmalig auch die herrlichen Parks und Gärten, die Rhododendren- und Azaleenträume beim Zwischenahner Meer, das stille Moor ... MIT WEITBLICK Vielleicht liegt es an der scheinbar unendlichen Weite, die in dieser Landschaft viele Probleme einfach kleiner werden lässt? Oder an der Stille, dass auch die Gedanken zur Ruhe kommen? Wenn das Highlight inzwischen auch nicht mehr der schlammige Spaß im Watt ist – die ostfriesische Natur mit ihrer Offenheit und Weite fernab der Stadthektik erdet uns bis heute immer wieder aufs Neue. Mit einem Buch auf dem Deich sitzen und lesen. Gemeinsam schweigen, ohne sich unwohl zu fühlen. Nachmittags die Kanne Tee – mehr denn je die perfekte Auszeit. Und im Watt matschen heute unsere Kinder.

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