Das Brandenburger Tor in Berlin © Lukas Spörl
Städtereisen

Mein Berlin

Unter den Linden oder Kurfürstendamm? Kreuzberg oder Prenzlauer Berg? Neukölln oder Charlottenburg? Berlin ist überall anders, hinter futuristischen Neubauten warten dörfliche Höfe, und manchmal quert, ganz unbekümmert, ein Fuchs die Straße.

Text Gisela Buddée
Fotos Lukas Spörl
Fontäne vor dem Brandenburger Tor in Berlin © Lukas Spörl

Es beginnt jedes Jahr mit einem leisen Windhauch, an einem Tag, da der Winter gefühlte zehn Monate gedauert hat: Der Duft von Lindenblüten liegt in der Luft, ganz frisch noch und flüchtig. Mit jedem Tag wird er intensiver. Dann ist Sommer in Berlin und die Menschen sind freundlich, eine Weile.

Um jemanden zu besuchen, ein neues Museum zu sehen, ein Konzert zu hören, gehe ich immer wieder zur U-Bahn oder wähle eine unvertraute Busstrecke. Dann fahre ich eine Weile durch bekannte Gegenden und steige nach einer halben Stunde oder später in einer anderen Stadt aus, spaziere über fremde Märkte, folge den alten Reifenrinnen von Pferdewagen im Pflaster in Höfe mit Werkstätten und Läden, von deren Existenz ich noch nichts wusste. Ich klettere Stufen zu einer bunt bemalten Ruine hinunter, der Himmel leuchtet durch die Dachbalken, junge Designer zupfen an den Stoffbahnen ihrer neuen Kreationen, während ein Model für Aufnahmen vor einer fotogen verwitterten Wand posiert. Mein Berlin ist eine Stadt voller Überraschungen, immer wieder neu. Eine Stadt, die fremd bleibt und darin vertraut wird, vor hundert Jahren zusammengefügt aus 94 Gutsbezirken, Dörfern und Städten, die alle wiederfindet, wer sie sucht. Um Kirchen und Rathäuser versammeln sich die Kieze, die den Berlinern Heimat geworden sind. Mehr als 13,5 Millionen Touristen im Jahr kommen – ja, warum eigentlich? Hamburg ist schöner, München eleganter, aber Berlin hat den exklusiven Reiz der Hauptstadt. Die Geschichte des ganzen Landes schnurrt hier in einer einzigen Stadt zusammen, und manchmal reicht eine Straße wie Unter den Linden für einen Blick auf 775 Jahre Geschichte. Wer mit Stadtfremden unterwegs ist, hört immer wieder die Frage: Ist das jetzt Osten oder Westen? Wer in den vergangenen Jahrzehnten zugezogen ist, weiß es oft nicht oder nicht mehr. Berlin verändert sich so schnell, dass manchen angst und bange wird, während andere fasziniert zusehen.

An der Bernauer Straße stießen vor wenigen Jahren noch Kapitalismus und Sozialismus zusammen. Neben dem Martin-Gropius-Bau von 1881, hell saniert samt Einschusslöchern vom Krieg, ist mit der Topographie des Terrors die Geschichte des Nationalsozialismus erhalten. Preußischer Kulturbesitz ist auf der Museumsinsel zusammengetragen, dem UNESCO-Welterbe. Die Bäume sind höher und das Tempo ist gemächlicher im alten Westen, aber der Mauerfall hat auch ihn verändert, nur langsamer. Rund um die Gedächtniskirche drehen sich die Kräne. Der Kurfürstendamm hat an Eleganz gewonnen und lädt nach wie vor zum entspannten Bummel ein.

Open-Air-Tanz-Veranstaltung vor dem Bode Museum in Berlin © Lukas Spörl

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