Ein Haus und seine Geschichte: Das Hotel Adlon in Berlin

Lorenz Adlon würde diesen Anblick lieben: Wie die Gäste seines Grandhotels durch dessen Eingangstür drängen, noch ganz gefangen im Berliner Straßenstress. Und wie sie dann nach ein paar Schritten stehen bleiben, das Gepäck abstellen und sich andächtig umsehen. Das tun selbst diejenigen, die ohne Koffer nur zum Nachmittagskaffee mit Klavierklangteppich erscheinen. Stehen bleiben, ein Blick in die weite Runde, ankommen. Lorenz Adlon könnte sie alle dabei aus einem der gut gepolsterten Sessel im Foyer beobachten – das Plätschern des Elefantenbrunnens im Hintergrund, auf dem Teller vor sich ein Stück nach ihm benannter Torte –, und er könnte sich sicher sein: Das Adlon ist auch fast 120 Jahre nach seiner Eröffnung eine Legende.
Das hat natürlich einmal mit seiner Lage zu tun: Pariser Platz, vis-à-vis dem Brandenburger Tor und in Blickweite des Reichstags. Vor allem aber hat es mit der sagenhaften Geschichte des Hauses zu tun, die sich seinen Gästen gleich im Foyer präsentiert, hier und da aufgefrischt von zeitgenössischem Wohlfühl-Design. Die gewölbten Kassettendecken? Ein Adlon-Klassiker. Das leicht gedimmte, honiggoldene Lichtkonzept und die fließend halbrunde Rezeption? Sehr heutig. Die große blaue Glaskuppel? Eine originalgetreue Nachahmung des im Krieg zerstörten Prunkstücks, ebenso wie die Uniformen der Hotelpagen, deren Schnittmuster 1907 entstand.
Das Adlon war eine Weltsensation

„Adlon oblige“ lautet das Motto – Adlon, nicht Adel, verpflichtet, entschied der Hotelgründer Lorenz Adlon, der selbst aus recht bürgerlichen Verhältnissen stammte. Der Mainzer Gastwirt und Weinhändler träumte 1905 von einem Grandhotel in Berlin, so wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon in Paris, in London und Wien zu finden war. Die deutsche Hauptstadt hatte dergleichen nicht zu bieten. Also schlug Lorenz Adlon dem Kaiser sein Konzept einer Luxusherberge vor. Zwei Jahre später eröffnete Wilhelm II. das Adlon mit Feierlichkeiten, die einem Staatsakt glichen, und blieb anschließend über Nacht. Sein Stadtschloss und das Potsdamer Palais waren ihm angeblich zu ungemütlich. „Kinder, geht doch zu Lorenz Adlon! Bei mir im Schloss ist es kalt und es zieht“, soll er dem Hochadel, Diplomaten und Staatsgästen fortan geraten haben.
Tatsächlich war das Adlon eine Weltsensation, mit seinen damals 305 Zimmern, mit Elektrizität und Telefonen, Kühlung im Restaurant und Heizung auf den Zimmern. Selbst die Badewannen waren in gewisser Weise aufsehenerregend und daher mit einem Warnschild versehen: Die ausgeklügelte Klempnerarbeit im Haus sorgte dafür, dass sie innerhalb von nur zwei Minuten vollliefen.
Die berühmten Gäste des Hotel Adlon

Die heutigen 307 Zimmer und 78 Suiten bieten keinen Stoff mehr für Sensationen, sie sind aber immer noch so ausgestattet, dass viele Royals und Stars während ihrer Berlin-Besuche hier residieren. Das Mobiliar ist klassisch, die Stoffe sind schwer, das Parkett ist echte Eiche, der Marmor in Bädern und Treppenhäusern kommt aus Carrara. Über dem Flügel in der Royal Suite hängt ein signiertes Porträt von Queen Elizabeth II. und Prince Philip, im selben Raum eines des schwedischen Königspaars und eines von Margrethe II. von Dänemark. Morgens steht der Butler im Suite-eigenen Butlerzimmer zum Zeitungbügeln bereit.
Haushistoriker Erik Flemming sammelt seit Jahren die kleinen und großen Geschichten um das Adlon, dessen Hochglanzzeit in den wilden 1920er-Jahren er mit alten Programmheften, Speisekarten, Fotos und Zeitungsausschnitten belegen kann. Hier im Foyer stellte Lorenz Adlon einst dem Regisseur Emil Jannings eine unbekannte Varieté-Künstlerin namens Marlene Dietrich vor. Greta Garbo unterschrieb im Adlon ihren ersten Filmvertrag. Superstar Josephine Baker löste eine Hysterie unter den Gästen aus. Pola Negri wurde selbst hysterisch beim Streit mit einem Gerichtsvollzieher, der an die Tür ihrer Suite klopfte. Und Charlie Chaplin war schon von den Menschenmassen schlicht überfordert, die seinen Weg ins Hotel säumten. Dagegen waren Roosevelt, Vanderbilt und Eddison eher stille Gäste.
Man kann oft nicht sagen, was hier alt und was neu ist

Während der Nazi-Herrschaft sei das Adlon eine Art „neutrale internationale Bühne“ gewesen, erklärt Erik Fleming, obwohl NS-Funktionäre ein- und ausgingen und das Haus komplett verwanzt war. Die Widerständler des 20. Juli hätten hier trotzdem noch am Vorabend ihres Attentats zusammen diniert. Die schweren Luftangriffe ab 1943 überstanden die Hotelgäste übrigens im hauseigenen Bunker unter dem Pariser Platz, der nach der Wende bei Ausgrabungen wieder zutage kam.
Und dann das vorläufige Ende der Legende: Am letzten Tag des Weltkriegs ging ein Großteil des Adlons in Flammen auf. Die Zigarette eines russischen Besatzers, die im Weinkeller zwischen 1,5 Millionen Flaschen vergessen wurde, lautete die offizielle Erklärung. Der letzte stehen gebliebene Seitenflügel des Grandhotels war in der DDR ein Lehrlingsheim mit Mauerblick. Auch dieses Gebäude wurde irgendwann gesprengt, die Ruine zugeschüttet.
Wer heute im Foyer des Adlon sitzt, durch die luftige Beletage flaniert, im Gourmetrestaurant Lorenz Adlon Esszimmer mit dunkel gebeiztem Belle-Époque-Flair diniert oder einen Drink in der Elephant Bar nimmt, kann oft nicht sagen, was hier alt und was neu ist. Meist ist es beides. Das Haus wurde nach der Wende auf seinen alten Fundamenten und nach Originalplänen wiederaufgebaut, mit den typischen halbrunden Fresken, vielen sorgfältig kopierten Details und viel Blattgold. 1997 eröffnete der damalige Bundespräsident Roman Herzog das Adlon wieder. Wenn schon kein Staatsakt, so doch eine Geste, die bewies, welche Bedeutung das Grandhotel für Berlin hat.
„Die Wiedergeburt einer Legende“, titelte die New York Times. Hoteldirektor Christian Hirt erinnert sich an den Moment: „Ich bin 1996 in die Hotellerie gekommen, kurz vor der Wiedereröffnung des Adlon, und ich war damals wahnsinnig beeindruckt. Es ist der Traum jedes Hoteliers, hier einmal zu arbeiten. Man konnte sich nicht dafür bewerben, man wurde angesprochen. Das war eine Berufung, eine Ehre.“
Hotel Adlon in Berlin: Das inoffizielle Gästehaus der Regierung

Seit 1997 gilt wieder der Spruch der Kaiserzeit: „Man trifft sich im Adlon.“ Das Hotel am Pariser Platz ist erneut das inoffizielle Gästehaus der Regierung. Nelson Mandela, der Dalai Lama, Gorbatschow, Clinton und Bush kamen hier gut unter. Heute sind Keir Starmer und Emmanuel Macron schon fast Stammgäste und Friedrich Merz kommt des Öfteren zum Essen vorbei. Und ja, es war auch einer der Adlon-Balkone, auf dem Michael Jackson sein Baby über die Brüstung hielt. „Wenn man hier sitzt, sieht man die Welt vorbeilaufen“, bestätigt Erik Flemming, der heute noch Post aus aller Welt erhält, mit Silberbesteck, Uniformen, Zeugnissen und Ansichtskarten des alten Grandhotels der Vorkriegszeit. Das war damals so berühmt, dass Briefe aus Übersee, die nur an „Hotel Adlon“ adressiert waren, ihr Ziel erreichten.
Heute hält neben seiner Geschichte und illustren Gästeliste eine Idee aus der Küche das Adlon in den Medien. Im Hauptrestaurant, der Brasserie Carré, wird Berliner Streetfood in Luxusversion serviert. Die Adlon Currywurst kommt mit Blattgold-Dekor. Auch ein Adlon Döner aus Filetspitzen und die Adlon Stulle mit Gruyère und Kaviar stehen auf der Karte – gefundenes Fressen für Influencer, die nicht nur ein junges Publikum ins Restaurant und in den von Auszubildenden geführten Coffeeshop bringen, sondern auch dafür sorgen, dass in dieser Gastronomie kein Nachwuchsmangel herrscht.
Und dann sind da noch die Filme, TV-Serien und Bücher, die sich das Grandhotel als Setting aussuchen. Bei allem Trubel sei sein Lieblingsort immer noch das Foyer, erklärt Hoteldirektor Christian Hirt. Das sei einfach magisch, vor allem um 17 Uhr, wenn das Licht gedimmt und am Piano die Titelmelodie aus dem ZDF-Dreiteiler „Das Adlon. Eine Familiensaga“ gespielt werde. Dazu plätschert wie immer der Elefantenbrunnen. Die Geschichte von den Elefanten, die ein Maharadscha in den 20er-Jahren quer durchs Hotel geritten haben soll, woraufhin man ihnen diesen Brunnen widmete, ist nur eine Legende. Aber wen stört’s, sie passte verdammt gut ins Bild des Adlon.