Ein Haus und seine Geschichte: Das Ballyfin Demesne in Irland

Verschlungen ist der Pfad, der unweit des Dorfes Ballyfin zur vornehmsten Adresse des Landes führt. Zweieinhalb Kilometer, die Auffahrt scheint nicht enden zu wollen, sie führt vorbei an saftigen Wiesen, Wäldern und Pferdeweiden und vermittelt den Eindruck, das Ziel sei quasi unerreichbar. Doch plötzlich, eine weitere Kurve, die Landschaft öffnet sich und da steht das neoklassizistische Herrenhaus in seiner vollen Pracht: Ballyfin Demesne. Frei übersetzt: die Ländereien, die Domäne von Ballyfin, und ganz ähnlich wird „Demesne“ auch ausgesprochen.
Dieses Haus wollte schon immer beeindrucken

Auf den Treppenstufen vor den imposanten Säulen reihen sich freundlich lächelnde Hausdamen und Butler nebst Hotelmanager Peter White zur Begrüßung der Gäste auf. Zu denen gehörten schon Weltstars wie Amal und George Clooney.
Dieses Haus wollte schon immer beeindrucken und zwar, bevor man es überhaupt betritt: mit dem 247-Hektar-Anwesen, das außer Wald und Weiden eine weitläufige Parklandschaft, Zier- und Nutzgärten, einen Springbrunnen und einen riesigen See umfasst – Irlands größtes von Hand ausgehobenes Gewässer, wohlgemerkt. Ein immenser Kraftakt war das zur Zeit seiner Entstehung Anfang des 19. Jahrhunderts, heute ermöglicht der See vollkommene Entspannung: per Runde im Ruderboot oder beim Angeln.
Jetzt aber bitten Peter White und das Hauspersonal hinein, und bereits im Entree erzählen historische Gemälde, Vasen und Antiquitäten von den Leidenschaften der ehemaligen Hausbewohner. Das älteste Objekt des Raumes ist das Geweih eines Elches, der vor 10.000 Jahren in Irland lebte und heute laut augenzwinkerndem Butler als bester Selfie-Spot des Hauses gilt. Auf dem Boden der Eingangshalle breitet sich ein 2.000 Jahre altes Mosaik aus, das ein gewisser Sir Charles Coote einst von einer Abenteuerreise aus Pompeji mit nach Irland brachte und das sein gleichnamiger Nachfahre hier verlegen ließ, allerdings teilweise in anderer Anordnung als an seiner Ursprungsstätte.
Afternoon Tea im Schatten der Bäume

Dieser Sir Charles Coote hatte die irischen Architekten Sir Richard und William Morrison mit dem Entwurf von Ballyfin Demesne beauftragt, zwischen 1822 und 1826 wurde es errichtet, ein mehr als 3.000 Quadratmeter großes Meisterwerk mit aufwendig dekorierten Empfangsräumen. Familie Coote liebte das beschauliche Leben auf dem rundum eingezäunten Areal mit den üppig blühenden Rabatten, Gemüsegärten, Obstbäumen, Wäldern, Grotten und Anhöhen. Im Sommer spielte man Tennis auf gemähten Rasenflächen, genoss den Afternoon Tea im Schatten der Bäume, und war im Winter der See zugefroren, wurden Schlittschuhe angeschnallt.
Lady Caroline Coote, die Frau von Sir Charles, hatte ein Faible für Tiere und Pflanzen. Für Pfauen und Tauben ließ sie eine Voliere errichten, im Jahr 1850 entstand die prunkvolle Orangerie mit geschwungenen Glaswänden und Platz für exotische Gewächse. Heute serviert der Küchenchef in diesem gläsernen Raum köstlichen Lunch und selbst gebackenen Kuchen, mangels einer Heizung jedoch nur von April bis Oktober.
Ballyfin Demesne: Nicht nur die Fassade bröckelte einst

Einhundert Jahre bewohnten die Cootes Ballyfin, ihre Familienporträts sind im hellblau gestrichenen Treppenhaus zu bestaunen. Die markante Wandfarbe soll von jenem Gemälde inspiriert sein, das ein Mädchen zeigt, dessen Kleid in der Taille mit einem blauen Band geschnürt ist. Für die Cootes hieß es 1922 nach dem irischen Unabhängigkeitskrieg und nach wirtschaftlichen Einschnitten Abschied nehmen. Sie verkauften ihr Anwesen an die einzige zahlungskräftige Institution jener Tage: die katholische Kirche. Nun wehte ein rauerer Wind in den einst so noblen Gemäuern. Als die katholische Brüdergemeinschaft Patrician Brothers das Haus zur Schule umfunktionierte, roch es nach Vieh, denn man versorgte sich selbst mit Schweine- und Rinderhaltung, mit einer Molkerei und dem Gemüsegarten.
Und wo früher Tennis gespielt wurde, rauften sich die jungen Burschen lieber beim bodenständigen Handball. Als auch für die Patrician Brothers der wirtschaftliche Druck zu groß wurde, verließen sie Ballyfin im Jahr 2001. Über Jahrzehnte verfiel das Gebäude, alterte im Zeitraffer. Bäume wucherten aus der verrostenden Orangerie, die wertvollen Ebenholzböden des Salons, einst vom Tischler des britischen Königshauses gefertigt, lagen verstreut auf dem Dachboden. Nicht nur die Fassade bröckelte.
Der Retter, der Ballyfin Demesne wach küsste

Ballyfin schlummerte in einem tiefen Dornröschenschlaf, aber wie in jedem guten Märchen kam auch hier ein Retter des Weges, der die schlafende Schönheit wach küsste: Der amerikanische Geschäftsmann Fred Krehbiel kaufte das Anwesen 2002 mit dem Plan, die guten alten Zeiten aufleben zu lassen, und zwar nach dem Cootes’schen Motto „coute que coute“, koste es, was es wolle. Neun Jahre – deutlich länger als die ursprüngliche Bauzeit – ließ er das Haus renovieren. Die besten Handwerker Irlands setzten kunstvolle Intarsienböden, Stuckarbeiten und Goldverzierungen instand. Krehbiel kaufte Möbel aus der Zeit der Cootes, manches sogar aus dem ehemaligen Besitz der Familie. Die Orangerie schickte er, in mehr als 3.000 Einzelteile zerlegt, zur Restaurierung nach England.
Prunkvolle italienische und französische Luxushotels hatte Krehbiel im Sinn, und 2011 eröffnete das Fünf-Sterne-Hotel schließlich, ein Refugium, das Prunk und Opulenz verkörpert, sich im Innern jedoch zugleich nach einem gemütlichen, wärmenden Zuhause anfühlt. Nach Fred Krehbiels Tod im Jahr 2021 übernahmen dessen Söhne Jay und Liam Ballyfin.
General Manager verrät: Die beste Jahreszeit für einen Besuch
Kostbare Originalkunstwerke, eine ursprüngliche Farbpalette und feinste Stoffe verleihen den zwanzig Gästezimmern und Suiten stimmige Individualität. Ob in der Bibliothek mit rund 4.000 Büchern und der Geheimtür zum Wintergarten, in der vom Pantheon inspirierten Rotunde oder im prächtigen Gold Room mit Tapeten und Möbeln aus goldenen Stoffen – die angenehme Ruhe und Langsamkeit, die Ballyfin schon vor zweihundert Jahren ausmachte, erfüllt das Haus noch heute. Im Salon knistert das Kaminfeuer, die Holzdielen knarzen deutlich. Wer ein Zimmer auf der Vorderseite des Hauses bewohnt, schaut hinaus auf den See. Auf der Rückseite plätschert vor den Fenstern Wasser über eine große Kaskade, die 2002 ergänzt wurde, sich aber perfekt ins historische Setting einfügt.
General Manager Peter White liebt besonders den April im Ballyfin, wenn sich drum herum Teppiche von Bluebells unter dem alten Baumbestand ausbreiten. Aber auch der Oktober mit seiner Herbstfärbung habe seinen Reiz. Und in den Wintermonaten besticht die Heimeligkeit des Hauses. Das wird gehegt und gepflegt und jeden Februar von oben bis unten komplett gereinigt, „danach sieht sie ganz wunderbar aus“, sagt Peter White. Auf die Nachfrage, worauf sich das „sie“ beziehe, antwortet der gebürtige Australier schmunzelnd: „Von außen wirkt Ballyfin Demesne ja eher maskulin. Aber im Innern ist sie durch und durch weiblich.“
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