Schloss Elmau: Ein Haus und seine Geschichte

Schloss Elmau hat alles, was ein Luxushotel braucht: Sterneküche, top ausgestattete Zimmer, ein Spa, das seinesgleichen sucht. Vor allem aber hat dieser Ort eine fast unwirklich schöne Lage, eine besondere Aura und sehr viel zu erzählen.
Text Tinka Dippel
Datum09.06.2026

Zeitlos und unverrückbar steht sie da, jede Stimmung nimmt sie auf und macht etwas damit. Mal spielt sie hinter dem Morgennebel Verstecken mit jenen Menschen, die schon früh in einem der warmen Außenpools ihre Runden drehen. Mal saugt sie das Abendrot an und scheint zu glühen, während ihr Publikum auf den Terrassen einen Aperitif trinkt. Die Wetterstein-Wand hat hier schon viele zum Schweigen und Gucken gebracht. Zum Zuhören auch, wer sich auf ihre tiefgründige Ruhe eingelassen hat, hört ihn deutlich: den Ferchenbach, der vor ihr durch sein Bett rauscht. 

„Das ist das, worum es hier geht, es geht um Stille und Energie, die ständig fließt“, sagt Dietmar Müller-Elmau, der Hotelier, der beharrlich von sich sagt, dass er keiner ist und auch keiner sein möchte. Und Elmau, „das ist überhaupt kein Hotel, es ist mein Privathaus. Mein größter Luxus ist, Fremder im eigenen Haus zu sein.“ Dietmar Müller-Elmau, das ist auch der Mann, der eines der größten Spas des Landes mit seinem Privathaus, das die Welt für ein Hotel hält, verwoben hat und nicht müde wird zu sagen: „Ich bin kein Spa-Mensch.“ Das mag widersprüchlich klingen, soll es auch, Müller-Elmau zelebriert seine Widersprüche nahezu. Sie sind für ihn ein Ausdruck von Freiheit. 

Das Spa ist Müller-Elmaus Mittel zum Zweck, damit all die Musiker auch kommen, die er hierher einlädt, in dieses ruhige Tal an der Grenze zu Österreich. Und sie kommen, um die 150 Konzerte im Jahr finden hier statt. Der Geiger Daniel Hope, der Jazzposaunist Nils Landgren, der Sänger Max Mutzke und viele mehr waren schon hier. Ihre Gage? Dass sie ein bisschen länger bleiben oder wiederkommen dürfen. Das reicht. Der Pianist Igor Levit ist 2026 Artist in Residence, er kommt gleich drei Mal für je zwei Konzerte. 

Schloss Elmau: Ein Hotspot des intellektuellen Austauschs

Mehr als ein Hotel: Schloss Elmau ist ein Ensemble aus gebauter Historie, immer neuen Akzenten und geschützter Natur.

Mit der Musik knüpft Müller-Elmau an die Geschichte von Schloss Elmau an, wo er 1954 geboren wurde. Es war Müller-Elmaus Großvater Johannes Müller, der das Schloss 1914-16 erbauen ließ, in der Elmau, die vor rund 60 Millionen Jahren Meeresgrund war und eine simple landschaftliche Besonderheit mit großem Effekt hat: natürliche Buckelwiesen. Sie stehen heute unter strengem Naturschutz, weil sie einmalig sind in den Alpen. Bauern hatten sich hier schon früher angesiedelt, außerdem ein Gasthof, in dem König Ludwig II. einmal im Jahr Rast machte, wenn er zu seinem Geburtstag im August auf dem Weg zum Königshaus am Schachen war, das nicht weit von Elmau steht. 

Johannes Müller war ein bekannter Philosoph, seine Bücher, in denen er sich kritisch mit Individualismus und Kapitalismus auseinandersetzte, erschienen bei C.H. Beck und waren Bestseller. Sein Elmau war gedacht als ein spiritueller und kultureller Ort, in dem die Gemeinschaft über allem stand. Schon damals kamen viele Geistesgrößen, viele Künstler und namhafte Musiker. Sinnbildlich für diese Zeit sind die langen Tische, an denen alle zusammen aßen.

Es sind jene Tische, die sein Enkel Jahrzehnte später in der Mitte auseinandersägen ließ. „Das gemeinsame Essen war hier das Symbol, und ich habe das gehasst, ich hasse jede Form von Zwang“, sagt er. „Für meinen Großvater war Elmau ein Ort für Urlaub vom Ich. Für mich ist das hier Urlaub des Ich.“ Er hat diesen Großvater nie kennengelernt, Johannes Müller starb 1949, viel von seinem Geist aber blieb, so wie die langen Tische erst mal blieben und die Konzerte. Elmau wurde ein Hotspot des intellektuellen Austauschs. Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, der einstige Bundespräsident Johannes Rau, der Humorist Loriot zum Beispiel waren treue Elmau-Besucher, Loriot hatte sogar sein festes Zimmer mit Blick auf die Wetterstein-Wand. So wuchs Dietmar Müller-Elmau auf: mit der Allgegenwart geistiger Größe, mit der Sehnsucht nach Freiheit und der Liebe zur Musik. 

„Elmau ist mein Privathaus. Mein größter Luxus ist, Fremder im eigenen Haus zu sein“

Hausherr und kreativer Kopf: Dietmar Müller-Elmau

Er ging nach Amerika, wurde Software-Entwickler, benannte seine Firma nach Beethovens einziger Oper: Fidelio. Seine Software Opera wurde bald weltweit in Hotels eingesetzt und Fidelio zum Marktführer. Er sagt, es sei der Wunsch seines Vaters gewesen, der ihn dazu brachte, nach dem Verkauf von Fidelio zurückzukommen und Schloss Elmau zu pachten. Fortführen wollte er es aber nicht einfach, und das Zersägen der Tische war nur ein Ausdruck davon. Neue Musikformen zogen mit ein, allen voran der Jazz, einige Stammgäste wanderten ab, andere, Loriot etwa, blieben, es wurde viel diskutiert – über Elmau selbst und über die ganz großen Fragen der Zeit, vor allem während der Elmau Symposien, die nun regelmäßig hier stattfanden. 

Nachhaltig war besonders die „Elmauer Rede“ von Peter Sloterdijk, die einen landesweiten Diskurs über die ethischen Grenzen der Gentechnologie auslöste und zur Gründung des ersten Nationalen Ethikrates führte. Und dann brannte Elmau, im August 2005 war das. Das Schloss stand in Flammen, die Brandursache wurde nie final geklärt, als wahrscheinlich gilt ein technischer Defekt. Nur ein Drittel des Haupthauses blieb stehen. Natürlich sei das ein Schock gewesen, sagt Dietmar Müller-Elmau, dann die Erleichterung, dass alle gerettet waren. „Der Brand war eine Ironie der Geschichte.“ 

Dietmar Müller-Elmau wurde Mehrheitseigner und Bauleiter, gestaltete nun von Grund auf sein Elmau. Das Schloss heißt jetzt Hideaway und ist ein Patchwork aus Historie und Neubau. Wer von Garmisch-Partenkirchen kommend in rund 20 Minuten mit dem Auto dorthin gekurvt ist – vorbei an Wanderparkplätzen, einem Friedwald, Buckelwiesen, winzigen Holzhütten – fährt darauf zu und auf das Badehaus, das links vom Eingang steht und drei Pools, diverse Saunen und Dampfbäder beherbergt.

Viele Bilder von Elmau gingen um die Welt

Ikonisch ist dieses breitarmige Gespräch zwischen Angela Merkel und Barack Obama.

Hinter dem Haus liegt eine große Terrasse, liegen noch mehr Buckelwiesen, schlängelt sich ein Weg zum Retreat, das erst etwas mehr als zehn Jahre alt ist. Wie ein riesiges Sofa lehnt sich dieses neue, stark von Asien inspirierte Haus an den Hang und richtet alles aus auf die gigantische Natur-Leinwand des Wetterstein. Das Retreat entstand im Vorfeld jenes Ereignisses, das Elmau endgültig zu einer internationalen Berühmtheit machte. Im Juni 2015 fand hier der G7-Gipfel statt. Der Aufwand war riesig, nicht nur für dieses Hotel, sondern für die gesamte Region. Viele Bilder von Elmau gingen um die Welt, eines besonders: Barack Obama, die Arme entspannt über eine Bank gelegt, Angela Merkel vor ihm mit ausgebreiteten Armen und dahinter, halb unter Wolken versteckt, das Wetterstein-Gebirge. Zahllose Artikel haben sich allein mit der Interpretation dieses Fotos beschäftigt.

Elmau ist der einzige Ort auf der Welt, der sich zweimal diese Machtkonzentration ins Haus geholt hat, im Juni 2022 kamen die Präsidenten und Kanzler zurück. Merkel und Obama waren da nicht mehr dabei, aber Joe Biden zum Beispiel und Olaf Scholz. Wie sehr sie alle den Blick auf das noch mächtigere Gebirge und die kleinen Wanderungen geschätzt hätten, davon erzählen sie gern in Elmau. 

Frei von Vorschriften und Vorstellungen

Der Brand im Jahr 2005 markierte einen Neuanfang, Elmau wurde komplett neu gestaltet, mit dem Retreat (hier zu sehen).

Es gibt hier tausend Möglichkeiten: Wandern, Mountainbiken, Schwimmen, Golfen, Skifahren, Klettern. Retreats aller Art, Yoga, Longevity, Pilates, Tanzen. Kinder sind willkommen – „Ich würde in kein Hotel gehen, das keine Kinder nimmt. Ohne Kinder gibt es keine Zukunft, kein Leben“, sagt Müller-Elmau –, können Fußballcamps machen, kickern, sich im AI Creativity Lab austoben. Zum Haus gehören mehrere Restaurants, eine Bibliothek, ein zentral im Haupthaus gelegener Buchladen und ein Shop, der unter anderem jene Kissen verkauft, die sehr viele Gäste nach Hause tragen. Sie sind terrakottafarben und kunstvoll mit einem indischen Elefanten bedruckt. Der stehe für Urteilskraft und Erinnerungsvermögen, sagt Dietmar Müller-Elmau: „In dieser Welt von Elmau, diesem Chaos, das ich hier anrichte – Einrichtung und Materialien aus aller Welt, Gäste aus aller Welt, Mitarbeiter aus aller Welt, Essen aus aller Welt – braucht man Orientierung.“ 

Das Chaos ist dann doch überschaubar, aber es wird schon deutlich, dass der Kopf hinter diesem Gesamtkunstwerk Elmau sich gerne frei macht von Vorschriften und Vorstellungen. Die Bademäntel für das Spa etwa sind hier nicht weiß. Senfgelb, Tomatenrot, Türkis oder Orange sind sie. Man hätte gerne die G7-Gäste darin gesehen. Denn wie bunte Wichtel wirken die Menschen, die in diesen Mänteln über das natur-buckelige Gelände wandeln.