Hotspot Mexico City: Eine Reise durch die coolsten Viertel der Hauptstadt


Früher Freitagabend, die Wartenden haben sich in einem mit Schallplattencovern tapezierten Raum versammelt. Neben der Treppe sitzt eine Frau Anfang zwanzig mit Nasenpiercing und Katzenaugen, die sich als Sophia vorstellt. Kurz darauf wird Einlass geboten in die im ersten Stock liegende Bar. Nineties Soul lautet das Motto des Abends, es laufen Stücke von Lauryn Hill und TLC. Gespräche sind nur im Flüsterton erwünscht. Shhh heißt diese Listening Bar, vor wenigen Monaten eröffnet in einer Neun-Millionen-Metropole (im Großraum sind es 21 Millionen), die kein Ende zu kennen scheint und schon gar keine Ruhe. In Sachen Coolness kann es das zeitgeistig-pulsierende Mexico City locker mit New York oder Berlin aufnehmen, weshalb gerade sehr viele Reisende nicht nur ihre Koffer packen, um diese Stadt zu besuchen – sondern oft auch gleich ihre Umzugskisten.
Neben der Coolness gibt es einen weiteren Grund dafür, dass Mexico City eine Stadt der Stunde ist: die Pandemie. Mexiko war eines der wenigen Länder ohne Covid-bedingte Einreisebeschränkungen, in Kombination mit geringeren Lebenshaltungskosten reizvoll für Bürger der angrenzenden USA, weshalb viele zumindest temporär ihren Wohnort in dessen Hauptstadt verlagerten.
Sie fanden dort eine boomende Kunst-, Kultur-, Design- und Kulinarikszene. Und diese Szene wiederum wurde durch die frische Energie der Neuankömmlinge geboostet. Zu erleben ist diese Frischekur vor allem westlich des historischen Zentrums in Condesa und Roma Norte. Condesa ist eines der größten zusammenhängenden Art-déco-Viertel der Welt, dort liegt der verschlungene Parque España.
Roma Norte: Anziehungspunkt für Hipster aus aller Welt
Roma Norte ist geprägt von Hipster-Laissez-faire, von Vintageboutiquen und Cafés, die es ernst meinen, erkennbar an La-Marzocco-Siebträgermaschinen. Airpod-Träger führen ihre Windhunde spazieren, digitale Nomaden sitzen vor ihren Laptops, ein Mann trägt rosa Tüllrock. Viele sprechen Englisch, was nicht überall im Land selbstverständlich ist, auch nicht in der Hauptstadt. Morgens hängt ein leichter Kartoffelfeuerduft in der Luft, Tacostände und Wagen mit portionierten Papayas, Mangos und Ananas, die mit einer Tüte Chilipulver zum Dippen verkauft werden, säumen die Straßen.
Die Fassaden sind von Pflanzen umrankt, die Straßen verhältnismäßig sauber und mit Fahrradwegen versehen. Wer kein eigenes Zweirad hat, wird bei einem App-Leihdienst fündig, und das selbst ohne eigenes Datenvolumen: Internet por todos, an vielen Stellen der Stadt ist WLAN frei verfügbar. Beim Herumlaufen empfiehlt es sich aber, nicht aufs Smartphone, sondern auf den Boden zu schauen. Dort nämlich brechen die Wurzeln jener Bäume durch den Asphalt, die sehr viel Grün ins Viertel bringen. Teilweise stehen die Gehwegplatten im 45-Grad-Winkel vom Boden ab, im Kampf mit unterarmdicken Wurzeln unterlegen.

Stichwort Herumlaufen: Wer sich Mexico City auf der Karte ansieht, könnte auf die Idee kommen, von Roma Norte bis ins Centro Histórico, das alte Herz der Stadt, sei es nur ein lässiger Spaziergang. Das ist natürlich eine Illusion, wer das eine Viertel verlässt, macht sich mit der Größe und Weitläufigkeit der Stadt vertraut, ihre Fläche ist vergleichbar mit der Londons.
Zu Fuß wäre es eine gute, laute, nicht besonders attraktive Stunde, mit dem Uber sind es etwa zehn Minuten zur Plaza de la Constitución. 240 mal 240 Meter – der Pariser Platz in Berlin würde mehr als dreimal in diese riesige Freifläche hineinpassen, gesäumt wird sie von der sehr beeindruckenden Kathedrale und vom Palacio Nacional. Von dort kann man dann wieder laufen, zum Palacio de Bellas Artes. Der eine Palast ist die Heimat der Politik, der andere die der Kunst, aber eines haben beide gemeinsam: riesige und sehr sehenswerte Murals von Diego Rivera, dem großen mexikanischen Künstler, der international von seiner großen Liebe Frida Kahlo überstrahlt wird.
Essen in Mexico City – wo Foodie-Träume wahr werden

Dieses weitläufige Zentrum, in dem sich die Megacity viel Platz gönnt, ist ein Erlebnis, genauso wie der Kontrast zur Kleinteiligkeit der Viertel, in denen sich das Alltagsleben abspielt. Und in denen immer wieder große Geschichten geschrieben werden. Elena Reygadas wurde 2023 vom Gastroranking „The World’s 50 Best Restaurants“ zur besten Köchin der Welt ernannt. Man findet sie leicht, ihre Panadería Rosetta ist gut erkennbar an der immer langen Schlange davor.
Wenige Schritte entfernt öffnet sich dann die Tür zu ihrem 2010 eröffneten Hauptrestaurant, dem mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Rosetta. Im begrünten Innenhof einer Kolonialvilla geht die italienische Küche eine reizvolle Liaison mit der mexikanischen ein. Vor allem die Vorspeise bleibt in Erinnerung: fermentierte Karotten mit einer aus über zwanzig Zutaten bestehenden Paste, die alles zugleich ist, herb, pikant, schokoladig, fruchtig. Mole wie diese ist ein Grundpfeiler der mexikanischen Küche, es gibt sie in unterschiedlichster Form im ganzen Land.
CDMX steht auch für Weltklasse-Architektur und Kreativität
Nicht nur für Foodies ist CDMX, wie die Abkürzung für Ciudad de México lautet, ein Paradies, auch Designliebhaber haben die Stadt, spätestens, seit sie 2018 zur World Design Capital ernannt wurde, auf dem Radar. Von hier stammen Weltklassearchitektinnen wie Tatiana Bilbao, zu deren aktuellen Projekten der Bau eines Brandenburger Zisterzienserklosters gehört, und Frida Escobedo, deren New Yorker MET-Flügel mit Spannung erwartet wird.
Während die Architektur oft brutalistische Züge aufweist, zeigt sich das lokale Design und Handwerk verspielt, poppig-bunt und mit geometrischen Mustern, die sich auf Teppichen, Kleidern und Keramik ebenso wiederfinden wie in der Innenausstattung von Unterkünften. Auffallend viele Boutiquehotels ballen sich in Condesa und Roma Norte, oft von außen nicht als solche erkennbar, manchmal mit herrlichen Terrassen versehen. Die sind empfehlenswert, weil Mexico City auf über 2.300 Höhenmetern liegt, herrscht ein angenehmes Klima, mit kühlen Nächten und mäßig heißen Sommertagen. Noch ein Grund, weswegen es so viele Expats hierhinzieht.
Junges Design zwischen Paris und Mexico City

Menschen wie Aude Jan. Vor zehn Jahren verließ sie ihre Heimatstadt Paris, gründete ihr Handtaschenlabel Audette, das französische Eleganz mit der Verspieltheit und kühnen Farbenliebe ihrer Wahlheimat vereint. „Als ich herzog, hatten viele Ausländer Angst, Opfer von Kriminalität zu werden. Ich hingegen empfand es immer schon als sicher“, verrät die zierliche Enddreißigerin. Ihr in Weiß gehaltener Shop mit den wie Kunstwerken inszenierten Lederwaren befindet sich in Roma Norte, ihr Atelier schräg gegenüber: „Ich liebe, dass alles fußläufig oder mit dem Fahrrad erreichbar ist, und das in einer so großen Stadt. Gleichzeitig ist die Natur sehr präsent, viele sind überrascht, wie grün es ist.“
Als Pariserin habe Essen für sie naturgemäß einen hohen Stellenwert, auch da sei ihre Wahlheimat perfekt, deren Küche, ebenso wie die französische, zum UNESCO-Welterbe gehört. Auch Aude Jan berichtet von der zunehmenden Expat-Dichte: „Das ist gut für die Ökonomie, hat aber natürlich auch Schattenseiten, so haben sich die Mieten in den letzten fünf Jahren praktisch verdoppelt.“
Expats und Kartelle: Auch das ist Mexico City

Die Geldpolitik ihrer Heimatstadt ist auch für Saqib Keval und Norma Listman ein Thema, eines, das erst beinahe zum Niedergang und dann zum Erfolgsdurchbruch führte. In einer ruhigen Seitenstraße des ansonsten trubeligen Ausgehviertels Juárez betreiben die beiden das Restaurant Masala y Maiz. Unweit der queer-freundlichen Zona Rosa ist es weniger aufgeräumt, die Häuser im französischen Kolonialstil sind von der Zeit gezeichnet.
Der US-Amerikaner Keval hat äthiopische und indische Wurzeln, seine Lebens- und Geschäftspartnerin stammt aus dem östlich der Hauptstadt gelegenen Texcoco. All diese Einflüsse kommen in ihrem Restaurant zusammen. Als es richtig gut lief für die beiden, wurde ihr Betrieb plötzlich von einem Tag auf den anderen von den Behörden wegen angeblicher Hygienemängel geschlossen. In Wahrheit war ein sogenanntes mordida fällig, denn auch das ist Mexiko: Korruption, Bestechung, Schutzgeld. Statt zu zahlen, machten die beiden das Thema öffentlich, wodurch es zu einer Welle der Solidarisierung vonseiten anderer Gastronomen ebenso wie ihrer Gäste kam. Heute läuft es besser denn je.
Auf dem Weg von Juárez zurück nach Roma Norte gibt es noch mal was auf die Ohren. Am helllichten Samstagmittag verwandelt sich der Parque de la Ciudadela in einen gigantischen Open-Air-Tanzsaal. Unter einem Sonnensegel befindet sich eine Bühne, darauf eine Band mit Trompeter, Bongo- und Rumbarasselspieler. Vorgetragen werden Salsa und mexikanische Volkslieder. Hunderte Paare haben sich zum Tanzen eingefunden, mehrheitlich älteren Semesters. Bedächtig drehen sie ihre Runden, vereinzelt sieht man auch gleichgeschlechtliche Paare und eine allein mit einem Fächer tanzende Dame.
Viele haben sich chic gemacht, die Männer tragen Anzug und Panamahut, die Frauen Pumps und bunt gemusterte Kleider. Wer nicht tanzt, sieht und hört zu, mit einem Bier, Mojito oder einer Horchata in der Hand, wie die traditionelle Reis-Zimt-Zucker-Milch heißt, oder mit einer Portion Tacos von einem der parkenden Wagen. Auch dies ist eine Form der Listening Bar, ganz ohne Anstehen.