Antwerpen im Wandel: Neue Hotspots am alten Hafen

Die belgische Hafenstadt Antwerpen hat in den vergangenen Jahren einen beeindruckenden Wandel vollzogen. Rund um historische Werften schießen coole Cafés, beeindruckende Museen und spannende Gastronomie aus dem Boden.
Datum07.05.2026

Selbst die Einwohner kamen bis vor einigen Jahren kaum hierher. Das lag nicht etwa an der Entfernung zum Zentrum. Vielmehr war das Viertel um den alten Hafen von Antwerpen zu verrufen. Mit seinen leerstehenden Lagerhallen, Speicherhäusern, Docks ging es fast bruchlos in die historische Touristen-Altstadt mit ihrer weltberühmten Liebfrauenkathedrale über. Doch das schmuddelige Image des Quartiers ist mittlerweile Geschichte.

Heute ragt aus dem Bonapartedok das Museum aan de Stroom (MAS), das Museum am Fluss. Im Willemdok gleich daneben liegen Luxusjachten am Kai und schicke Restaurants. Het Eilandje, das Inselchen, heißt das Hafenviertel, das im Norden von Antwerpen liegt. Innerhalb von weniger als zehn Jahren hat sich die alte Hafengegend vom „No Go“-Viertel zum „Place to be“ gemausert – und das nicht nur für Antwerpener. Die britische Zeitung „The Independent“ kürte das Eilandje schon 2018 in einem Artikel zu einem der zehn angesagtesten Viertel Europas. Ein Rundgang durch Eilandje. 

Frischer Wind im Hafenviertel Eilandje

Eindrücklicher Bau: das MAS in Antwerpen

Das Eilandje ist hip. Lagerhallen und Speicherhäuser wurden umfunktioniert zu kulturellen Hotspots, kreativen Pop-ups, coolen Clubs und schicken Cafés, Restaurants und Lofts. Als Initialzündung für die Metamorphose des alten Hafenviertels gilt das MAS. Über 60 Meter hoch ragt das Museum seit 2011 spiralförmig und rotbraun aus dem Bonapartedok. Es beherbergt die historischen, ethnischen und maritimen Sammlungen der Stadt.

15 Jahre später ist der auffällige Bau das Wahrzeichen von Eilandje und das Symbol für ein großangelegtes städtisches Entwicklungsszenario. Dieses definierte der Bürgermeister Bart De Wever einst so: „Wir versuchen, eine Stadt, die mit dem Rücken zum Wasser lebte, in eine Stadt zu verwandeln, die mit dem Gesicht zum Wasser lebt“. Dazu gehörte neben der Neugestaltung der Uferpromenade entlang der Schelde auch die Sanierung des alten Hafens.

MAS und Havenhuis: Neue Sehenswürdigkeiten in Antwerpen

Von den über 170 Hektar, die das Eilandje misst, sind gut ein Drittel Wasserflächen in den Docks. Zu den ältesten Anlegern gehören das Bonapartedok und das Willemdok, Überreste einer Zeit, in der die Stadt noch unter französischer Herrschaft stand. Dort, wo Napoleon eine Militärbasis schaffen wollte, schuf Antwerpen jüngst neue Erholungsmöglichkeiten: Seit einigen Jahren kann man hier Kajak fahren und sogar schwimmen.

Hier liegt auch das nicht zu übersehende MAS. Jede Etage des Turm-Museums gleicht einer Containerbox, die sich hier an den Kais früher stapelten. Zudem ist jedes Stockwerk um jeweils 90 Grad gedreht. So schuf das berühmte niederländische Architekturbüro Neutelings Riedijk genügend Platz für die wellenartigen Glas-Galerien, die Besuchern überraschende und wechselnde Ausblicke auf die flämische Stadt gewähren: auf die Schelde im Westen, das historische Zentrum im Süden und im Norden auf das Havenhuis (Port House/Hafenhaus).

Von Schiffen und Diamanten inspiriert

Blick auf das Havenhuis von Antwerpen

Jenes Gebäude ist ein weiterer Hingucker. Das Havenhuis liegt am Kattendijkdok, dient als neuer Sitz der Hafenbehörde und stammt aus der Feder der 2016 verstorbenen Zaha Hadid. Die britisch-irakische Stararchitektin hat den spektakulären Glasbau auf eine ehemalige Feuerwache gestülpt. Zehn Jahre nach Hadids' Tod und der Eröffnung, die im selben Jahr stattfand, scheint der transparente Komplex wie der Rumpf eines Segelschiffs über dem historischen Gebäude zu schweben.

Doch nicht nur die für Antwerpen so wichtige Schifffahrt wird thematisiert. Die facettierte Oberfläche des Havenhuis glitzert bei Sonne und dank nächtlicher Beleuchtung wie ein Diamant. Ein Fingerzeig auf die Lokalhistorie, denn seit über fünf Jahrhunderten ist die Hafenstadt das größte Diamantenzentrum der Welt.

Besichtigt werden können der spektakuläre Bau und seine Aussichtsplattform nur im Rahmen einer Führung. Die Anmeldung lohnt, denn von hier aus erfassen Besucher das gesamte Inselchen: Bonapartedok, Willemdok, Kattendijkdok, Kempischdok, Asiadok, Oude Dokken, Cadix und Montevideo.

Red Star Line Museum: Von Antwerpen nach New York

In ebendiesem letzten Viertel namens Montevideo liegen die historischen Hallen der 1872 gegründeten belgisch-amerikanischen Reederei Red Star Line. Bis zu ihrer Auflösung in den 1990er Jahren pendelten die Schiffe des Unternehmens über Jahrzehnte hinweg zwischen New York und Antwerpen. Über die bewegte Geschichte, die viele persönliche Schicksale umfasst, können sich Interessierte dienstags bis sonntags im hiesigen Red Star Line Museum infomieren. Das Ausstellungshaus wurde 2013 gewissermaßen als Gegenstück zu New Yorks Immigrationsmuseum Ellis Island eröffnet. Anschaulich erzählt das Museum die Schicksale der Auswanderer, unter ihnen auch jenes von Albert Einstein, der wie viele andere deutsch-jüdische Menschen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA aufbrach.

Internationale Einflüsse und neue Ideen

Container und coole Vibes: der Hafen von Antwerpen

Montevideo und Cadix sind übrigens nicht nur die Namen der hiesigen Quartiere, sondern auch internationale Häfen, die von Antwerpen aus angelaufen wurden. Beide Unterviertel stecken noch mitten im Wandel. Edle Apartments schießen aus dem Boden, mit Droogdokkeneiland und Schengenplein sind riesige Grünflächen entstanden. Auch kulinarisch hat sich hier einiges getan. Da wäre etwa die Brasserie La Pipe d'Anvers in der Cadixstraat mit ihrem flämischen Biergulasch, Belgiens traditionellem Schmorfleisch-Gericht mit Rindfleisch. Ebenfalls ein herausragendes Projekt: Der Instroom, der im hiesigen Droogdokkenweg seinen Anfang nahm. Unter der Aufsicht des belgischen Top-Chefs Seppe Nobels zelebrieren Geflüchtete im Bistro eine multikulturelle Küche, die Erwähnung im Michelin-Guide findet. Mittlerweile ist das Lokal weiter südlich in die Beatrijslaan gezogen. 

Alt trifft auf neu am Hafen von Antwerpen.

Wer im Viertel bleiben will, findet in der Indiestraat an der östlichen Kaimauer des Kattendijkdok einen weiteren Einkehrtipp: die Brouw Compagnie. Johan Van Dyck hat die unabhängige Brauerei im Jahr 2017 eröffnet und gehörte damit zu den ersten Pionieren, die sich hier angesiedelt haben. „Für viele war diese Entscheidung mutig“, erzählt er. Mittlerweile finden regelmäßig auch Kreuzfahrturlauber hierher, deren Schiffe im Kattendijkdok anlegen. Kein Wunder: Für seine Biere hat Johan bereits mehrere Goldmedaillen gewonnen. Zu seinen Signature Brews zählen das historische Antwerpener Seefbier sowie das Bootje's Bier, das als Hommage an die Red Star Line gebraut wird. Probieren kann man sie inmitten von Sudhaus und Gärtanks des Compagnie. 

Eilandje: Von alten Schriften und jungen Restaurants

Trendy, jung und hip: Ein Image, das noch vor rund 25 Jahren schwer vorstellbar gewesen sei, meint auch Marie Juliette Marinus, die Stadtarchivarin von Antwerpen. Seit Anfang der 1990er Jahre sichtet und sortiert sie Akten und Bilddokumente der Stadt, die ohne Umland gut 560.000 Einwohner zählt und mit etwa 1,2 Millionen. „Der Verfall des Viertels hat in den 60er Jahren mit der Ausdehnung des Hafens nach Norden begonnen“, sagt sie. Wie auf einer Karte im Archiv zu sehen ist, erstreckt sich hinter dem Eilandje der neue Hafen ein halbes Jahrhundert später auf einer Fläche, die drei Viertel des Fürstentums Liechtenstein entspricht. Der zweitgrößte Hafen Europas – nach Rotterdam und vor Hamburg.

Das Stadtarchiv liegt seit 2006 in den oberen Stockwerken im Felix Pakhuis am Jachthafen Willemdok. Die Behörde gehörte zu den ersten, die in das alte Hafenviertel umgezogen sind. „Als wir von unserem Umzug in das Viertel erfuhren, glaubten wir, uns verhört zu haben“, erinnert sich Marie Juliette schmunzelnd. Wo heute 30 Kilometer Schriftgut lagern, lagerten einst Kaffee, Getreide und Käse. Heute steht das 1860 als Speicherhaus errichtete Felix Pakhuis mit seinem zentralen 77 Meter langen Glas-Durchgang unter Denkmalschutz.

„Ich konnte von meinem Bürofenster aus verfolgen, wie das Viertel zu neuem Leben erweckt ist“, sagt die Archivarin. Früher habe man hier vergeblich nach empfehlenswerten Restaurants gesucht. Mittlerweile hat man die Qual der Wahl, gleich ob eher einfach wie im Sil'eau am Napoleonkaai oder gehoben wie im Pont-Neuf nur wenige Meter weiter.

Informationen zu Antwerpen

Anreise

Mit dem Thalys oder IC von Köln bis Brussel-Zuid/Bruxelles-Midi (Brüssel), von dort weiter nach Antwerpen. Mit dem Auto sind es von Köln über Aachen bis nach Antwerpen rund 200 Kilometer. 

Übernachtung

Hotels mit guter Ausstattung samt Frühstück sind ab 150 Euro pro Nacht buchbar. In Eilandje finden sich neben Hotels auch private Airbnbs mit tollem Hafenblick und teils auf dem Wasser.

Tourismus 

*Hinweis: Dieser dpa-Artikel wurde erstmals am 12.12.2022 veröffentlicht und durch die Redaktion aktualisiert.