„Fühlten uns wie Rockstars“: Rea Garvey über die Reise seines Lebens

Lange vor seinem Hit „Supergirl“ fand der irische Musiker Rea Garvey in Deutschland endlich ein großes Publikum – und schließlich auch die große Liebe. Hier berichtet er über den Beginn seiner Karriere, über FKK und warum er seine neue Heimat ab dem ersten Tag liebte. 
Text Merian Redaktion
Datum07.03.2026

In der Merian-Rubrik „Reise meines Lebens“ erzählen Menschen aus Schauspiel, Literatur, Show, Mode und Sport von denkwürdigen Auszeiten, die sie besonders geprägt haben. Von den Seychellen ohne Tourismus, vom Kaffeeduft in Beirut und von denkwürdigen Sonnenuntergängen in der Mongolei. In dieser Ausgabe berichtet Musiker Rea Garvey über seine Ankunft in Deutschland.

Es war in den frühen Neunzigern, als ich mit meiner damaligen Band, den Reckless Pedestrians, auf Abenteuerreise in die große, weite Welt aufbrach. Für uns hieß das: Deutschland! Unser Geiger hatte eine deutsche Freundin, die uns ein paar Gigs organisiert hatte. So nahmen wir zunächst Kurs auf Gummersbach, um bei ihren Eltern einzufallen und zum ersten Mal Sprudelwasser zu trinken, das gab es bei uns in Irland noch nicht. 

Vor unserer Abreise hatten wir ein paar deutsche Sätze gelernt, die wir als junge, naive und feierfreudige Männer für Basiswissen hielten: „Ich möchte bitte ein Bier bestellen“ oder „Ich bin ein Student des Lebens, der hofft, etwas Deutsch zu lernen, wie zum Beispiel Ihre Telefonnummer“. Zwei Gitarren hatte ich dabei, ein kleines Mischpult und einen Rucksack – und dieses Bild von Deutschland im Kopf: Wenn man hart arbeitet, kommt man weiter. Für mich lag darin die Hoffnung, endlich von meiner Musik leben zu können, wenn ich mich nur genug anstrengte. In Irland konnte ich das nicht, da stand ich jeden Monat für die Stütze beim Arbeitsamt an oder jobbte im Callcenter. 

Rea Garvey: „Das ostdeutsche Publikum war voller Energie“

Ich weiß, Deutschland ist kein Land, bei dem alle ins Schwärmen geraten wie bei Italien. Aber ich liebte es vom ersten Tag an. Die Menschen waren warmherzig und einladend, als Musiker hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, wahrgenommen zu werden – obwohl wir anfangs nur in Fußgängerzonen und Kneipen spielten. Je weiter wir nach Osten kamen, desto mehr fühlten wir uns wie Rockstars. Das ostdeutsche Publikum war voller Energie, wenn wir die Bühne betraten, jubelten sie, als wären wir mindestens U2. 

Greifswald und Frankfurt an der Oder wurden bald zu festen Stationen jeder Tour, weil es uns dort so gut gefiel. Manches, was wir in Deutschland erlebten, war aber auch gewöhnungsbedürftig. Ohne je von diesem Phänomen gehört zu haben, an einem FKK-Strand zu landen, zum Beispiel. Ich kam aus einem irischen Dorf, war streng katholisch erzogen, Nacktheit war bei uns tabu. Meine Bandkollegen und ich ließen selbstverständlich die Badehosen an, bis man uns signalisierte, dass dies nicht angemessen sei. Also überwanden wir uns, zogen blank und präsentierten unsere schneeweißen Hintern. Es war eine schwere Prüfung.

Coachsurfing durch die Bundesrepublik

Kam als junger Musiker mit seiner Band nach Deutschland: Rea Garvey

Auch Klischees begegneten uns: hier und da eine etwas übertriebene Regeltreue etwa oder eine erschlagende Menge an Biersorten. Einmal flüchteten wir aus einer Kneipe, in der wir zu spät erkannten, dass Bomberjacken und Springerstiefel nicht nur Styling sind. Davon abgesehen habe ich mich aber immer wohlgefühlt. 

Es fiel mir leicht, auf die Leute zuzugehen, ich wollte unbedingt Deutsch lernen und habe mir jeden Tag einen neuen Satz überlegt, bin losgegangen und habe ihn ausprobiert. Vielleicht sind wir Iren generell beliebt, weil wir gerne das Leben feiern. Davon ließen sich unsere neuen deutschen Freunde anstecken. Bald warteten über das ganze Land verteilt gemütliche Sofas auf uns, auf denen wir kostenlos übernachten konnten. 

Rea Garvey: „Nach Berlin zu kommen, war magisch“

Besonders mochte ich die unfassbar schöne Landschaft um den Bodensee: Apfelplantagen, Weinberge und das mal tiefe Blau, mal leuchtende Türkis des Sees vor Alpenkulisse. Magisch war es auch, nach Berlin zu kommen. Unser erstes Konzert dort fand in einem besetzten Haus statt, mit verbarrikadierten Fenstern und Türen. 

Wir kamen uns vor wie Pioniere. So kurz nach dem Mauerfall in dieser Stadt im Umbruch – für uns Musiker ein verdammter Traum! Eine starke Verbindung habe ich bis heute zu Hamburg. Meine Frau Josephine, die ich vor 25 Jahren kennenlernte, wohnte dort, ich in Freiburg. Anfangs war sie die Managerin meiner ehemaligen Band Reamonn, nach einem Monat dann auch meine Freundin. 

„Diese Lebensart gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein“

Mein Lebensmittelpunkt war fortan die Mitfahrzentrale, verliebt zu sein ist das beste Gefühl der Welt, und ich verbinde es mit Hamburg, vor allem dem Schanzenviertel, wo mich jede Ecke an diese junge, große Liebe erinnert. 

Heute leben wir teils in Berlin, überwiegend aber in einem kleinen hessischen Dorf. Dort auf dem Land in eine Straußwirtschaft zu gehen, wenn die Winzer ihre Weine und regionale Speisen wie Kesselfleisch, Maultaschen oder Flammkuchen anbieten, liebe ich sehr. Diese Art, das Leben zu leben und zu genießen, ist absolut mein Ding. Sie erinnert mich an Irland und gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein.

„Before I Met Supergirl“ – Rea Garvey

Diese und weitere Erinnerungen von Rea Garvey sind unter dem Titel „Before I Met Supergirl“ im Herbst 2025 erschienen (Allegria, 336 Seiten).