Brasilien Südamerikas Pantanal

Das ist kein blödes Bade-Blau. Das ist ein Himmel wie ein gewaltiges Kuppelfresko, von Wolkenbergen endlos hochgetürmt, ein Firmament wie Orgelklang, allegro forte und sehr, sehr andachtstief. Ein Himmel für Rekorde. Dieser Himmel, so viel weißt du, spannt sich in genau dieser Pracht von Campo Grande in der Hochebene des Mato Grosso do Sul ein paar hundert Kilometer weit hinüber nach Westen, bis nach Bolivien hinein. Und mittendrin liegt der riesige Suppenteller, der sich Pantanal nennt. Brasiliens Serengeti. Eines der reichsten Tierparadiese der Erde - auf einer Fläche, die etwa der Größe Griechenlands entspricht.

Mit mehr Fischarten als in Europa (263), mehr Vogelarten als in den USA (656), und Säugern meistens von der Sorte, die man nicht mal im Zoo zu Gesicht bekommt, weil dort das Spezialgehege wieder mal renoviert wird. Auf jeden der gerade mal 400.000 Einwohner kommen hier 40 Krokodile - dein Herz klopft angesichts dieser Schöpfungs- Üppigkeit. Als misstraue man deiner Empfänglichkeit, konkurriert der Himmel über dem Pantanal mit einem weiteren, den ein Werbefilm über den Pantanal zeigt. Er läuft in dem Bus, der sich seinen Weg in eben diesen Pantanal bahnt. Er ist noch rekordintensiver und obendrein vertont mit Bob Dylans "Knock, knock, knockin' on heaven's door", in einer brasilianischen Cover-Version, die noch schmusiger klingt: "Bate, bate na porta do céu." So wirst du mit den Highlights eines Spektakels vertraut gemacht, bevor es sich dir erschließen kann. Man nennt das Ökotourismus.

Der Pantanal ist dessen Meisterprüfung. Wie überall in der Welt besteht Ökotourismus darin, den Klienten genau jene Bilder wiederfinden und befriedigt abhaken zu lassen, die ihm vorher in den Kopf gelegt wurden. Du rückst der Natur nicht als Jäger oder Plünderer nahe, sondern als Sammler von Bildern. Und kaum irgendwo, das verspricht dir der Videoclip, sind sie so attraktiv wie hier: schnürende Panter, Wasserschlangen, die Jagd auf Capivaras machen und Kolibris, die auf den Nasenspitzen von Krokodilen balancieren. Lauter Schöpfungs-Hits. The Best of Nature. Wirst du all dem gewachsen sein?

Wie entlastend, dass sich bereits nach zehn Minuten die instinktsicheren Abwehrreflexe deines siebenjährigen Sohnes melden, der lauthals nach einem Videospiel verlangt. Nach einem echten statt dieses Naturfilms, der nur so tut wie eins. Das gibt dir Gelegenheit, mit einem pädagogischen Machtwort "sofort die Glotze ausschalten" zu lassen und den Pantanal gegen seinen optischen Ausverkauf zu schützen. Du willst nur mit diesem Himmel draußen allein sein, dem das Blau allmählich ausgeht. Der zu einem blassen rosafarbenen Abendschimmer ausbleicht und die vereinzelten Bäume der Steppe in schwarze Pagoden verwandelt, Scherenschnitte vor einem Horizont, den Bob Wilson beleuchtet haben könnte.

Der Pantanal ist pure Magie in seiner Stille. Das Paradies. "Wann sind wir da?" - "Das weiß man erst, wenn man da ist, mein Sohn", antwortest du fromm. Es gibt den Pantanal gleich zweimal. In den Regenmonaten, wenn er voll läuft, ist er ein glitzerndes Gewirr von Wasseradern und Seen. Dann gehen in 24 Stunden rund 180 Billionen Liter hernieder, das ist die Füllmenge von elf Millionen Tankwagen. Der Paraguai- Fluss tritt über seine Ufer in tausenden kleinen Strömen, die sich wild mäandernd neue Becken suchen, satte Weiden überflutend und Myriaden von Fischen mästend. In den Sonnenmonaten verdunsten die Wasser, und rund 3000 Tonnen Piranhas und Dourados, Cat Fish und Rochen bleiben nach Luft schnappend in versiegenden Flussbetten zurück - als free lunch für Kaimane, Capivaras und besonders für die Vogelschwärme, die hier auf ihrem 10.000-Kilometer-Flug von Kanada nach Patagonien Etappe einlegen.

Einst, bevor sich die Kontinente voneinander losrissen, soll der Pantanal mit den Savannen Afrikas verbunden gewesen sein. Deshalb sieht es hier in den Trockenmonaten Mai bis September aus wie in Kenia. Steppengras, Wasserstellen, Bäume. Was weniger nach Kenia aussieht, sondern eher nach Wyoming, das sind die Viehherden der Pantaneiros, die auf den Weiden grasen. Der Pantanal hat drei Millionen Rinder. Tatsächlich: Wer sich über den Pantanal unterhält, muss über Kühe reden. Am besten redet er mit der Lehrerin Marcela, deren Mann Jose Lemos Monteiro Boss der Sodepan ist, der Vereinigung der Pantanal-Rancher.

In ihren Freizeitstunden malt Marcela naive Bilder. Sie malt das Paradies, in dem es vor lieben Kühen wimmelt, die dort am üppig begrünten Flusslauf grasen, belächelt von lieben Pantern und noch lieberen Anakondas, und Hirschen und Papageien sowieso. Auf Marcelas Bildern fehlen die, die das Idyll stören. Umweltschützer, die ihr wie allen anderen Pantaneiros das Leben schwer machen. Die sie als Zuhälter naturverwüstender, trampelnder und scheißender Bulettenmaschinen verteufeln. "Ohne unsere Rinder", sagt Marcela, "wäre der Pantanal ein verwahrlostes Katastrophengebiet. Wir sind die eigentlichen Naturschützer."

Tatsächlich ist mittlerweile bewiesen, dass die Herden nützliche, natürliche Mähmaschinen sind, Kultivierer, die in heißen Monaten das Gras stutzen und Brände verhindern. Darüber hinaus säen die Pantaneiros als Viehfutter eine Grasart aus, die viele andere Tierarten anzieht. Die fazendeiros haben es nicht leicht, ihre Herden werden von Raubtieren und jährlicher Sintflut dezimiert. Darüber hinaus verlangt der Staat rund drei Real (1,20 Euro) pro Vieheinheit, für "Straßen, die nie gebaut werden", wie Marcela bitter anmerkt. Seit neuestem machen auch noch Umweltschützer gegen ein Kanalprojekt mobil, das die Soja-Felder des Pantanal mit Paraguay verbinden soll und den Erntetransport enorm verbilligen würde."Wer den Kanal blockiert, stärkt die Soja-Monopolisten in den USA", sagt Marcela. Das ist ohne Zweifel richtig unter den Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft.

Wer will es Marcella verdenken, wenn sie amerikanische Umweltorganisationen für die fünfte Kolonne der US-Soja-Industrie hält? "Sollen die sich um Umweltschutz in den USA kümmern, da gibt es genug zu tun!" Doch auch ohne die Behinderungen durch bisweilen dilettantische Umweltgesetze wirft die Natur im Pantanal längst nicht mehr genug ab für jene, die von ihr leben wollen. Nicht so viel, wie man sich vorstellen mag bei diesen Größen. Einer ihrer drei Söhne hat sich kürzlich auf einem Bauernhof bei Bielefeld umgeschaut. "Die holen aus ihren 60 Hektar mehr raus als wir aus unseren 20.000 und könnten uns jederzeit aufkaufen." Jetzt planen die Monteiros, in das Geschäft mit Touristen einzusteigen.

Sie wollen pousadas auf ihrer Farm bauen, Pensionen. Nicht mehr von der Natur leben, sondern von ihrem Sex-Appeal, den sie auf Ökofreunde aus Deutschland, Japan und den USA ausübt. Das ist der Trend. Die meisten Trips beginnen in Bonito, das gar nicht im Pantanal liegt, sondern auf seinem südlichen Tellerrand, doch es ist einfach zu schön, um ausgelassen zu werden. Wahrscheinlich hat man es nach den Seufzern benannt, die hier gehaucht werden: bonito! Schön! Wenn das Paradies tatsächlich ein Rousseauscher Streichelzoo ist, dann kann man in Bonito dafür üben.

Die kristallklaren Bassins, die sich an der Quelle des Olho d'Agua bilden, sind begehbare Aquarien, in denen rot geflammte Tropenfische zwischen deinen Beinen spielen. Gut gelaunte Fische, denn sie werden gefüttert und absolut nie geangelt bei Strafe allerhöchster ökotouristischer Verdammung. Du stehst also in diesem grünbeschatteten, sonnengesprenkelten Teich wie in einem Bild von Monet und bist Freund der Kreatur. Und nach einem Schlauchboot-Trip über einige harmlose Stromschnellen hinweg, vorbei an einer Anakonda, die im Ufergestrüpp dösend ein Wasserschwein verdaut, steigst du hinab in die Gruta Azul, deren Grundsee zu gewissen Januarstunden in einem Sonnenlichtbalken blau aufglühen soll.

Das Paradies verdirbt die Sitten

Natürlich hat das Paradies auch hier unten seine Regeln. Einst, erzählt der Führer, habe man zwischen den Stalaktiten ein Fototeam erwischt, das nackte Mädchen aufgenommen habe. Nymphen am blauen See. Seitdem gilt ein generelles Verbot für Stative und Nackte. Es ist eine alte Geschichte, neu aufgelegt fürs Ökoparadies, und immer noch fehlerhaft: Die Schlange darf machen, was sie will, und die Nackte wird vertrieben. Als müsse es nicht genau umgekehrt sein!

Von Bonito sind es nur runde fünf Stunden zum Refúgio Ecológico Caiman oder kurz: Fazenda Caiman, die unter den 500 Pantanal-Herbergen die berühmteste ist. Ihren Namen verdankt sie den Krokodilen, die schlapp unter einer nahen Schleuse im Wasser liegen und einen pädagogisch äußerst ungünstigen Einfluss ausüben. Dass arbeiten muss, wer überleben will, gilt für sie nicht. Sie liegen in den Wasserstrudeln mit aufgesperrten Rachen, die sie nur zuklappen lassen, wenn ein Fisch in ihre Zahngehege geschwemmt wird. Seit dem Abschussverbot der frühen achtziger Jahre und den Krokoleder-Boykotten der Boutiquen in São Paulo und anderswo lohnt sich das Wilderer-Geschäft nicht mehr. So vermehren sich die Kaimane ungestört, "bis zur Plage", wie einer der Führer, ein ehemaliger fazendeiro, murmelt. Und sie kriegen alles hineingestopft, ohne eine Kralle zu rühren.

Das Paradies, so viel steht fest, verdirbt die Sitten. Wieso, fragt sich da ein siebenjähriger Junge, kriege ich dann kein Videospiel, Eis, Coca-Cola, nur weil ich da bin? Oder wenigstens einen blauen Stoff-Ara oder eines dieser Leoparden-T-Shirts aus dem üppig bestückten Souvenirshop der Fazenda? Gleich am nächsten Morgen - und mit Morgen meint man im Pantanal so etwas wie Schöpfungsfrühe, also Millionen Jahre bevor man normalerweise aufsteht - geht es im Jeep über die rotbraune Piste hinaus in die Savanne. Ibisse staksen durchs Gras, ein Tuiuiú senkt seinen schwarzen Schnabel wählerisch ins Schilf, auf einem Baumwipfel streitet ein Ara-Pärchen, und plötzlich bremst das Vehikel. Der Führer weist nach vorne auf die Piste, auf die beiden Wildschweine rund 100 Meter weiter, und dein Sohn fragt: "Was machen die da?" "Erklär' du es ihm", sagt deine Frau und beugt sich über den Reiseführer. "Sie machen Kinder", sagst du. "Quatsch, die kämpfen", sagt dein Sohn, "so früh am Morgen". "Und so lange", sagt deine Frau verträumt.

Tatsächlich sind die Schweine der buchstäbliche Höhepunkt des Pantanal in seiner Eigenschaft als durchaus beeindruckende Hitparade der Natur. Denn genau das ist er für den Ökotouristen - in der Boutique liegen Checklisten aus, in die man seine fotografischen Abschüsse eintragen kann. Nachdem also das porco monteiro fotografiert ist, wird in der Gruppe nervös geblättert. Nandu? Haben wir. Schlangenhalsvogel, Falke, Jabirustorch? Abgehakt. Blauer Ara, Wasserschwein, Pampashirsch? Längst erledigt. Es gibt nichts mehr zu tun! Die Silberlöwen und Waschbären und Ottern verbergen sich hartnäckig in diesen Tagen, und in deiner Gruppe murmeln einige von der Üppigkeit der Serengeti - es ist nur logisch, dass die Tierparadiese des Planeten unter den Bedingungen der Globalisierung in direkte Konkurrenz zu einander treten.

Und genau das ist der Punkt, an dem der Pantanal sich öffnet. An dem er lässig seinen touristischen Höchstleistungscharakter abstreift. Nun kannst du die Flussfahrten unter der Himmelskuppel genießen, die Ausritte, die Stille, die durchbrochen wird von Vogelschreien, und dich interessiert nicht mehr, wer da kreischt. Du bist glücklich in deiner Ahnungslosigkeit, und du weißt, du bist angekommen. Die Fazenda Caiman liegt im südlichen Teil des Pantanal. Am westlichen Rand liegt Corumbá, die Grenzstadt zu Bolivien, die in einem weniger beschaulichen Rhythmus schlägt. Es ist die wichtige Endstation eines Pantanal-Trips, denn es ist der Punkt, an dem du wieder aufwachen darfst.

In Corumbá landen die Angler aus São Paulo, Rio und Porto Alegre. Sie lassen sich mit der "Kalypso" den fischsatten Rio Paraguai hinaufschippern, haben Bier an Bord und Karaoke und Kühlkammern für den Fang, und plündern, was die Wasser hergeben. Ansonsten laufen Schmuggler mit Plastiktüten voller Kokain aus dem bolivianischen Barackengewirr über die Grenze, und ab und zu steigt ein gewisser John Grisham im Hotel Nacional Palace ab, der dem Pantanal mit seinem Bestseller "Das Testament" ein raues Denkmal gesetzt hat. Grisham, Laienprediger in Shorts und T-Shirt, freundlich und sehr inkognito - von hier aus bricht er auf zu seinen Missions-Trips, zu den isolierten Indiosiedlungen im Norden, mit Medikamenten gegen die zahlreichen Krankheiten, mit Werkzeugen für den Kampf gegen die Natur und der Bibel gegen den Lebensverdruss.

Hier, in Corumbá, ist der Pantanal ein soziales, ein menschliches Problem, und bisweilen die Hölle. Das Paradies gibt es dort nur in den Werkstätten von Senhor Vandoni de Barros, in denen die Straßenkinder ein paar Pfennige verdienen können. Kids aus den Elendsquartieren. Sie formen die Tiere des Pantanal aus Ton. Die Tiere sitzen zu Füßen und auf der Schulter des Heiligen Franziskus und lassen sich von ihm aus der Bibel vorlesen. Und aus einem billigen Transistorradio plätschert ein bekannter Song: "Bate, bate na porta do céu - Knock, knock, knockin' on heaven's door".

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Autor:
Matthias Matussek