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Natur

Brasilien-Reise: Willkommen in Paraty

Sattgrüner Regenwald, imposante Wasserfälle, türkisblaues Wasser und eine denkmalgeschützte Altstadt warten im brasilianischen Paraty auf Reisende. MERIAN nimmt Sie mit zu den sehenswerten Ecken der Stadt und gibt Einblick in deren Geschichte.

Wer nach Paraty im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro reist, sollte sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigen: Sie wurde vom Kolonialismus gebeutelt, Einwohner:innen wurden ihrer Ressourcen beraubt. Auch heute sind koloniale Einflüsse in der Stadt am Südatlantik noch immer bemerkbar. Doch der Geheimtipp unter den brasilianischen Städten hat es geschafft, sich von der Vergangenheit zu erholen und sich einen Großteil der ureigenen Kultur zurückzuerobern. Neben der kulturellen Vielfalt ist besonders die Natur in und rund um Paraty sehenswert, der Wasserfall Cachoeira do Tobogã ist nur eines der Highlights.

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Paraty: Willkommen im Regenwald

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Begibt man sich weg von der Küste, gerade mal acht Kilometer ins Landesinnere, wird man vom angenehmen Schatten der Mata Atlântica begrüßt. Der Atlantische Regenwald erstreckt sich über mehr als 99.000 Quadratkilometer an der Ostküste Brasiliens. 30 Meter hohe Bäume spenden Schatten. Stamm an Stamm weben ihre saftgrünen Blätter einen dicken, feuchten Teppich. Hier tummeln sich Einheimische und Besucher:innen, um Schutz vor der Sonne zu finden und die Wunder der Überbleibsel des Regenwalds zu bewundern. Rund 350 Wasserfälle und zahlreiche Flüsse finden sich in der Region um Paraty. Dazu Orchideen, Faultiere und Affen. 

Ein besonders beeindruckendes Naturwunder versteckt sich im Wald hinter der Kapelle zu Penha. Der Wasserfall Cachoeira do Tobogã ist ein wahrer Publikumsmagnet. Auf einem riesigen Fels können Wagemutige wie auf einer Rutsche in den Fluss tauchen. Neulinge rutschen erstmal im Sitzen, Profis nehmen fünf Meter Anlauf und schlittern den Fels im Stehen hinunter, bevor sie in einem natürlichen Staubecken landen, nur Zentimeter von einem Felsbrocken im Wasser entfernt.

Caminho do Ouro: Gold und Edelsteine

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Unmittelbar neben dem Cachoeira do Tobogã verläuft ein Stück des Dreh- und Angelpunkts der Geschichte Paratys: der Caminho do Ouro (deutsch: „Goldweg"). Er ist seit Ende des 17. Jahrhunderts eng mit der Geschichte des Ortes verwoben. Lange vor der Kolonialzeit lebten Stämme der Tupi-Guarani an den Küsten Paratys. Um den dichten Urwald zu durchqueren, legten sie ein Netz von Wegen an. Einer führte von Paraty ins Hochland. Als Ende des 17. Jahrhunderts Gold und Edelsteine im heutigen Nachbarstaat Minas Gerais gefunden wurden, war der alte Pfad der schnellste Transportweg von den Minen an den Hafen Paratys und von dort nach Rio de Janeiro. Der Caminho do Ouro machte Paraty reich.

Paraty: Vom Kolonialismus geschädigt

Zur Geschichte gehört aber auch, und das sollte bei aller Lust am Reisen und Entdecken nie vergessen werden, die koloniale Ausbeutung Paratys durch portugiesische Siedler:innen: Sie folgten dem Ruf des Goldes und ließen sich auf der Suche nach Nuggets in Paraty nieder. Im 18. Jahrhundert wurden weltweit 1420 Tonnen Gold abgebaut, davon 840 Tonnen in Brasilien. Neben dem Goldabbau gehörte auch der Sklav:innenhandel zur Tagesordnung. Afrikanische Sklav:innen bauten die alten Pfade der indigenen Bewohner:innen aus, um ihn für Ochsen und Karren zugänglich zu machen, arbeiteten in den Minen und wurden nach São Paulo weiter geschickt. 

Ende des Wohlstands

Die Periode des Wohlstands endete so schnell, wie sie damals begonnen hatte. Der Caminho Novo, der „Neue Weg", wurde gebaut – eine direkte und schnellere Verbindung zwischen Minas Gerais und Rio de Janeiro. Der Caminho do Ouro hatte ausgedient. Paraty geriet zunehmend in Vergessenheit. Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts belebte der Kaffeehandel den Caminho do Ouro und damit auch Paraty noch einmal. Dann beschlossen Großgrundbesitzer:innen, eine Eisenbahnlinie zwischen São Paulo und Rio de Janeiro zu bauen. Paraty und der Caminho do Ouro verschwanden von der Bildfläche. Von 16.000 Einwohner:innen im Jahr 1851 schrumpfte die Stadtbevölkerung auf rund 600 zum Ende des 19. Jahrhunderts. Paraty fiel in einen Dornröschenschlaf.

Neubeginn in Paraty: Die Straße Rio nach Santos

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1970 schlugen Dutzende Arbeiter:innen eine Schneise durch den dichten Regenwald und bauten eine Straße, die Rio und Santos verband. Von nun an zog auch in Paraty wieder Leben ein. Die Abgeschiedenheit, die in den fünfziger und sechziger Jahren viele Hippies und Künstler:innen angezogen hatte, war vorbei. Leerstehende Kolonialbauten wurden restauriert, man eröffnete Restaurants und Galerien. Die alten Häuser wurden in Schuss gebracht, Gästehäuser und Hotels eröffnet. In alten Cachaça-Destillerien polierte man die Anlagen auf.

Heute leben mehr als 37.000 Menschen in der Stadt. Tourismusagenturen bieten am Hafen Paratys Schonerfahrten zu den atemberaubenden Stränden und Buchten entlang der Küste an, in Jeeps können die Urlauber:innen die Wasserfälle und natürlichen Staubecken der Umgebung besuchen oder zu Fuß an Touren durch die denkmalgeschützte Altstadt teilnehmen. Auch die Cachaça-Destillerien öffnen Interessierten ihre Pforten. Sie informieren über die Herstellung des brasilianischen Zuckerrohrschnaps – mit anschließender Verköstigung.

Die Überlebenskünstlerin Paraty

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Paraty heißt jede:n willkommen. Wer hierher reist, merkt: Die Stadt hat sich heute so gut wie möglich vom Kolonialismus erholt und sich einen Großteil der eigenen Kultur zurückerobert. Rucksacktourist:innen auf der Suche nach Entspannung, Reisegruppen auf der Suche nach Kultur, Gourmets und vor allem (Überlebens-)Künstler:innen auf der Suche nach Gleichgesinnten. In den Straßen trifft man noch heute auf Hippies, die Selbstgebackenes oder Selbstgebasteltes zu kleinen Preisen verkaufen. Sie leben in günstigen Unterkünften außerhalb der Stadt oder schlafen am Strand. Menschen aus Argentinien, Brasilien und Europa leben an einem Flusslauf im Mata Atlântica. Jedoch nicht unter freiem Himmel sondern in einer großen, halboffenen Höhle, die ihnen Schutz vor den häufigen Regenfällen in der Region bietet.

„Casa da Montanha“

Auch bei Gastgeber Chico finden Reisende immer eine Bleibe. Chico ist Mitte 50, hat leicht ergrautes Haar und stets ein Lächeln im Gesicht. Er bewohnt ein Haus in der Nähe des Cachoeira do Tobogã. In seinem „Casa da Montanha“ (etwa: Haus am Berg) nimmt er jeden auf. Für 30 Real (10 Euro) bekommt man ein Bett, Früchte und eine Begegnung fürs Leben. Als Künstler verwertet Chico alles, was an Abfall im Alltag anfällt. Plastiktüten werden ausgewaschen und als Kissenfüllung verwendet, Biomüll kompostiert, Plastikabfall in Plastikflaschen gesteckt und zu Möbeln verarbeitet. Das Trinkwasser kommt aus der Quelle am Berg, und die Wasserleitungen für Dusche und Toilette führen direkt vom Fluss in einen Wassertank auf dem Hausdach.

Wenn sich das kühle Tuch des Abends auf die Stadt senkt, macht Chico sich auf den Weg in die Altstadt. Bepackt mit Bildern, Marionetten und kleinen Figuren aus Pappmaché spaziert er vom Berg hinunter in die Stadt. Es ertönen Saxophonklänge aus den Gassen, Akrobat:innen turnen in den umstehenden Bäumen und Künstler:innen errichten kleine Straßengalerien. Langsam ziehen dann Rucksacktourist:innen, Reisegruppen und Gourmets an ihnen vorbei – und genießen.

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