Fast Lane Reiß dir die Klamotten runter, Rio!

Wahrscheinlich ist es Ihnen nicht entgangen, dass ich ein ziemlich vorhersagbares Reiseschema habe (ein Mal im Monat Tokio; sechs Mal im Jahr Mailand, einmal im Quartal Hongkong, Paris, Genf, Zürich, Osaka und New York; zwei Mal im Jahr Los Angeles, Madrid, Singapur, Toronto und Taipeh sowie sporadisch Stockholm, Kopenhagen, Beirut, Washington und San Francisco). Insofern war es eine willkommene Überraschung, als mein Kollege Anders zusammen mit meinem Assistenten Alexander den Kalender vor ein paar Wochen nach freien Terminen für einen Trip nach Rio de Janeiro durchblätterten.

Bis dato spielt Brasilien eine viel zu geringe Rolle auf meinen Business- oder Urlaubsreisen - und wenn es es dann doch mal tut, dann nur als mit Meetings vollgestopfter 48-Stunden-Trip von London nach São Paulo und zurück. Als ich erstmals mitbekam, dass Rio zur Diskussion stand, dachte ich zunächst, es wäre einer dieser typischen Trips, die Alex nur dünn mit Bleistift einträgt, da sie im Laufe des Tages meist eh wieder hinten runter fallen.

Doch zu unserer nicht geringen Überraschung hing der Eintrag vier Tage später immer noch an gleicher Stelle, und so wurde eine ganze Woche festgelegt, die auch dann nicht in Gefahr geriet, als sie von Terminanfragen aus New York und Toronto bedroht wurde. So wie die Stadt schon Madrid und Tokio in der Endausscheidung für Olympia 2016 weggehauen hatte, hatte sie am Ende also auch über ihre amerikanischen Mitbewerber triumphiert, als ich mich am vergangenen Dienstag in meinen Sitz für den elfstündigen Flug von London aus fallen ließ.

Mein letzter Aufenthalt in Rio de Janeiro - zugleich mein einziger - liegt zehn Jahre zurück. Er bestand aus einem Tag am Pool des Copacabana Palace und einem späten Weiterflug nach New York. Als ich nun Dienstagabend in Rio ankam, sah es zunächst ganz danach aus, als würde ich den Mittwoch genauso verbringen wie bei meinem letzten Besuch (am Pool geparkt). Aber dann beschloss ich, dass es eine Schande wäre, den Tausenden von Cariocas bei ihren morgendlichen Trainingseinheiten keine Gesellschaft zu leisten und überredete Alex, den Fitnessraum auszulassen und stattdessen mit mir eine Runde am Strand zu laufen.

Um 7.30 Uhr waren es bereits 27 Grad und auf der Promenade entlang der Copacabana stauten sich die Jogger. Beim Herumstampfen auf Asphalt dauerte es keine fünf Minuten, bis man verstand, wie es Rio gelungen war, die IOC-Delegierten davon zu überzeugen, dass die Stadt der beste Kandidat für die Ausrichtung der Olympischen Spiele sei. Die Bewerbung von Tokio mag technologisch spitze gewesen sein, die von Chicago besonders selbstbewusst und Madrid am vielseitigsten, aber Rio hatte eine sehr einfache, nichtsdestotrotz effektive Waffe, mit der die anderen nicht mithalten konnten: Haut.

Die nackte Wahrheit

Egal wie sehr ein IOC-Inspektor bemüht gewesen sein mochte, sich auf die Sicherheitsproblematik in den Favelas zu konzentrieren, auf den allgegenwärtigen Stau und das Fehlen geeigneter Sportstätten - es muss unglaublich schwer gefallen sein, all das sportlich durchtrainierte, bronzefarbene Fleisch in enger Badebekleidung auszublenden. Als im vergangenen Oktober in Kopenhagen dann die Zeit für die Wahl gekommen war, stiegen in den IOC-Delegierten offensichtlich die angenehmen Erinnerungen auf: an lederbraune Omas in weißen Bikinis beim Morgenspaziergang, an Männer mit perfekten Körpern, die Klimmzüge am Strand machen, sowie hübsche Muttis, die mit Kinderwagen joggen. Das bescherte Rio den Sieg.

Cariocas sprechen immer noch über den Verlust des Hauptstadtstatus' an Brasilia und wie sich Rios Ego davon nie wieder richtig erholt habe. Nun sehen sie die Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele zwei Jahre später als gute Möglichkeit, der Stadt einen Barcelona-ähnlichen Schub zu verpassen: die Infrastruktur zu überarbeiten, die Zahl der Touristen zu steigern, Design-Studios und Think Tanks anzulocken und Rio damit in einen der attraktivsten Plätze der südlichen Hemisphäre - wenn nicht der ganzen Welt - zu verwandeln. Von den reichen Enklaven von Leblon und Ipanema aus gesehen, scheint das plausibel, aber wer sich ins Zentrum der Stadt vorwagt oder an den verrottenden, rostigen Docks entlangfährt, dem kommen die Vorstellungen der Stadtoberhäupter doch ein wenig überambitioniert vor - vielleicht aber auch nicht.

Bürgermeister Eduardo Paes und sein junges Team mögen die Bewohner mit den kürzlich eingeführten Rudy-Giuliani-artigen Initiativen zur Bewahrung der öffentlichen Ordnung zwar verärgert haben, aber allen ist klar, dass die Stadt mehr braucht als ein bisschen körperliche Disziplin und Fitness, um wieder in gute Form zu kommen.

Letzten Dienstag unterhielt ich mich mit Paes über seine Pläne für die Stadt. Wir standen auf dem Dach des Fasano Hotels - Ipanema zu unseren Füßen, die blinkenden Lichter der Favelas im Hintergrund -, und der Bürgermeister betonte, dass sich das Leben in Rio seiner Meinung nach nicht an Modellen wie Genf oder Zürich orientieren sollte. "Der Lebensstil würde hier nie funktionieren. Und es gibt so viele andere Möglichkeiten, Lebensqualität zu messen", erklärte er.

Um die entspannte liberale Haltung der Stadt sind viele Diskussionen entbrannt; ihr sich sanft wiegender Rhythmus und der einmalige Brasilien-typische, demokratische Faktor, dass die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden, wenn sie alle mit zu 96 Prozent freigelegten Körpern am Strand liegen. Aber reicht das, um der Stadt dabei zu helfen, Armut, schwindelerregende Verbrechensraten, Korruption und die unterentwickelte Infrastruktur zu bekämpfen? Definitiv nicht - aber man spürt, dass es einen Impuls gibt, den Rhythmus der Stadt weg vom sexy, gemächlichen Schlendern hin zu einem entschiedenen, unerschütterlichen Voranschreiten zu beschleunigen. Zurück auf die Bühne der Welt, mit einem aufsehenerregenden Aufblitzen von Haut.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk