Mit Stil Das Pretty-Woman-Prinzip

Die meisten meiner Journalistenfreunde haben mittlerweile Bücher geschrieben (über offline sein, das Älterwerden, das Männerverbessern) oder sich eine Zweitkarriere als Lehrkraft, Berater, Psychologe aufgebaut. Mir hingegen bleibt als Alternative höchstens eine Ausbildung zur Yogalehrerin (der Markt dürfte allerdings spätestens in zwei Jahren gesättigt sein). Ansonsten könnte ich vielleicht noch als Verkäuferin in einer Boutique aushelfen. Da habe ich jedenfalls international Erfahrungen gesammelt. Zwar eher von der anderen Seite, aber auch das schult ja ungemein.

Die amerikanischen Shop-Advisors

Als Tourist weiß ich immer noch nicht genau, was man auf die unvermeidbare Frage "Hi how are you today", eigentlich antworten soll. Ansonsten gibt es hier keine Missverständnisse - es gilt, jeden Kunden auf seinem Pursuit of Happiness nach Kräften zu unterstützen. Als ich das letzte Mal in Los Angeles bei war und nach dem Anprobieren das übliche "How did it go" mit einem "Ich glaube es ist leider zu groß" beantwortete, sagte das kleine asiatische Mädchen aufmunternd: "At least you tried!" So kann man das natürlich auch sehen.

Die englischen Sales-Clerks

Die Engländer sind ausgesprochen smart in ihrer Verkaufsstrategie. Während sich die Amerikaner mit einem "I love your dress!" einschleimen oder die Deutschen sagen "Ich würde mir das auch sofort kaufen!", erfinden sie etwas wie "Das habe ich auch anprobiert - war mir aber zu klein." Man hat also gerade die Chance, ein super Teil zu erwerben, das sogar die trendige Verkäuferin haben wollte, ihr, ganz im Gegensatz zu mir, aber nicht passte. Danach ist das Teil so gut wie gekauft. Vorher lügen Engländer übrigens sehr viel besser als nach der Anprobe. Wenn man aus der Kabine kommt und die Verkäuferin statt einem "good choice" wortlos anfängt, den T-Shirt Stapel neu zu ordnen - besser nicht gleich zuschlagen.

Die "Non"-Französinnen

Hoffentlich erwischen Sie bei oder im einen der schwulen Verkäufer. Die bedienen zwar noch lieber die Männer, aber auch gern die Frauen, was man von vielen ihrer Kolleginnen nicht behaupten kann. Vorbei sind zum Glück die Zeiten, in denen man in den Pariser Boutiquen konsequent in der Landessprache bedient wurde. Egal ob die Kundschaft ein Wort verstand oder nicht. Inzwischen haben sich die französischen Shop-Girls und -Boys auch auf ihre internationale Klientel eingestellt und gehen meist zweisprachig zu Werke. Merci dafür.

Die deutschen Verkäuferinnen

Oberstes Gebot, das ich auf einer Reportage über Louis-Vuitton-Boutiquen einmal lernte: In jeder noch so abgewetzten Stone-Washed-Jeans kann eine schwarze Amex stecken. Das alte Pretty-Woman-Prinzip also. Eigentlich sollte sich jede deutsche Verkäuferin zum Arbeitsbeginn noch einmal die Filmszene anschauen, als Julia Roberts auf dem Rodeo Drive in Beverly Hills abgesnobbt wird, und dann durchrechnen, wieviel Kommission den Kollegen etwa entgangen ist - bei 5 Prozent, locker 500 Dollar.

Die Berliner Shopgirls haben übrigens in den letzten Jahren ungemein aufgeholt. Bei in Mitte gratulierte mir die Frau an der Kasse vor ein paar Wochen überschwänglich: "Du weißt ja nicht, was Du für ein Glück hast!" (Das ist der Moment, in dem man auf den Einkaufsgutschein für den 100.000 Kunden wartet) "Diese Haarspangen sind restlos ausverkauft. Das ist das allerletzte Paar, das ich vorhin zufällig im Lager gefunden habe." Keine Ahnung, ob die Masche auch bei einem Kleid für 99 Euro funktioniert, bei 5,90 Euro war sie jedenfalls ein voller Erfolg.

Die brasilianischen höheren Töchter

Unter den Rich Kids gilt es als chic, einmal in der teuersten Boutique des Landes, bei in Sao Paulo, gearbeitet zu haben. Als Kunde absolut von Vorteil: Die Damen sind gut erzogen, interessieren sich aber nicht sonderlich für einen, sondern mehr für die Klamotten, die sie im Zweifelsfall alle schon selbst geshoppt haben. Wenn man also wirklich mal eine Frage hat, wie sich das Kleid von Marc Jacobs so beim Tragen verhält - das junge Mädchen mit dem wirklich gut operierten Busen wird es wissen.

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Autor:
Silke Wichert