Südamerika Die Gauchos aus Argentinien

Schwer sinkt die Sonne ins weite Land, die letzten Strahlen des Tages beleuchten ein Spektakel. Von den Weiden am Horizont nähern sich hunderte hellbrauner und schwarzer Gestalten, eine Invasion. Es sind 1200 Kühe der Rassen Angus und Hereford - nur knapp ein Zehntel des Bestands auf der Estancia Arsa, aber in der Masse eine gigantische Herde. Schnaubend traben die Tiere heran, kläffende Hunde rennen hinterher. Reiter treiben die Meute schreiend durch Tore in den Holzzäunen. Alle sind sie da. Der alte Navarro und der junge Diego. Medina, den sie Indio nennen. Jérez, gerufen El Vasco, der Baske. Néstor Martínez, den jeder nur als Cacho kennt, und die anderen fünf.

Auf ihren Pferden werfen die Männer lange Schatten, im weichen Licht sehen sie ein bisschen aus wie Cowboys einer amerikanischen Zigarettenreklame. Aber wir sind in Argentinien, für sie ist dies nur das Ende eines Arbeitstages. In der Nähe ist die Chefin.

Adela Santamarina wacht im Geländewagen über das Manöver, sie ist die Patronin. Ihr gehören diese 14.000 Hektar bei Villa Gesell, 350 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Buenos Aires. 140 flache Quadratkilometer, nahe der Dünen am Atlantik. Ihr Großvater kam einst aus Spanien und machte sein Geld mit Leder. Doch als Kühlhäuser und Kühlschiffe erfunden waren, brachte das Vieh auf andere Weise mehr Profit: Fleisch. Die ebene Provinz Buenos Aires, fast so groß wie Deutschland, bevölkern ungefähr 35 der 55 Millionen argentinischen Rinder.

Gut 10.000 davon wachsen auf dem Land bei Villa Gesell heran, das Fleisch von hier gehört zum besten des Landes. "Ein Geschäft - und eine Lebensform", sagt die Millionärin Santamarina, eine kleine, humorvolle und resolute Frau von Anfang Siebzig mit wettergegerbter Haut. Ihr Mann ist lange tot, die Kinder zogen in die Hauptstadt und in die USA, die Witwe führt wacker die Ranch. Aber was wäre ihr Imperium ohne die zehn Arbeiter, von denen jeder um die 1000 Hektar betreut und 1000 Kühe.

Natürlich kann man sie Gauchos nennen, warum nicht. Der Begriff steht für die reitenden Söhne der Republik, fürs argentinische Image ist er so wichtig wie der Tango. Man denkt an raue Kerle, die im Galopp über die Prärie jagen, am offenen Feuer halbe Kühe grillen und mit Gitarren die Freiheit besingen. José Hernández schrieb 1872 die urwüchsigen Verse vom "Gaucho Martín Fierro", einer Art Don Quijote aus der Pampa und einer Zeit, als viele Felder noch keine Zäune hatten.

Ein weltbekannter Ursprung des Gaucho-Mythos liegt sogar nur eine Stunde von hier entfernt. Im Ort Ayacucho zäumte 1925 ein in der Schweiz geborener Argentinier namens Aimé Félix Tschiffely seine kreolischen Rösser auf und ritt davon. Im September 1928 trabte er auf die Fifth Avenue von New York, 15.000 Kilometer weit weg. Die Schwarzweißfotos gingen um den Planeten, Tschiffely wurde berühmt und kehrte im Auto zurück.

Die Realität hält solchen Geschichten nicht immer stand. Einige Gauchos sind bis heute Leibeigene. Manche machen Folklore für Touristen. Die meisten Gauchos der Gegenwart aber sind peones, Knechte. Adela Santamarina mag das Wort nicht, "klingt wie Sklaven". Sie bezahlt ihre Leute vergleichsweise gut, 1500 Pesos im Monat, 500 Dollar, plus Prämien, freie Kost und Logis, Krankenversicherung und Anrecht auf Pension.

Ihre Angestellten sitzen seit der Kindheit im Sattel, und Ramón Medina kommt dem Klischee des verwegenen Gauchos am nächsten. Aber er ist auch ein Ritter von trauriger Gestalt. Unter seinem Schlapphut aus Nutriafell fallen grauschwarze Zotteln auf die Schultern. Ihm fehlen mehrere Zähne, er trägt eine zerfranste Jacke aus gefüttertem Cord und Gummistiefel. Medina ist 56, er hat hagere indianische Gesichtszüge. Darum auch sein Spitzname, Indio. Mit zwölf kam er aus Corrientes im armen Nordosten, Lesen und Schreiben lernte er erst beim Militär. Manchmal nuschelt er. Oft sagt er stundenlang nichts.

Medina alias Indio wohnt am Rand der Farm, in einem einsamen Wachposten mit Strom aus einem Generator. Er besitzt 14 Hunde, ansonsten ist er abends allein. Sitzt vor seinem Mate, herbem Tee in bauchigem Gefäß mit Strohhalm aus Metall, er schläft bis um fünf und reitet zur Arbeit. Leise erzählt er von 18 Brüdern und davon, dass er eine Zeitlang viel trank, "fünf Liter Rotwein am Tag". Inzwischen geht es wieder. Unter seinem silberbeschlagenen Bauchgurt aus weinrotem Leder, der rastra, trägt er das wichtigste Werkzeug seiner Profession, sein Messer, das er ständig am Schleifstein schärft. An der kahlen Wand hängen zwei Seiten aus einem französischen Magazin mit seinem Bild, Titel: "Gauchos der Pampa."

Die meisten Mitarbeiter leben auf der Estancia, so war es immer. Vor dem Anwesen der Besitzerin ducken sich Häuser für Familien und Junggesellen. César Navarro, 65, ist Leiter der Truppe, er fing vor 35 Jahren bei Adela Santamarina und ihrem italienischstämmigen Gatten Antonio Romano an. Vorher war er bei einem anderen Patron. Die meisten seiner Kinder sind auf dem Gelände von Arsa geboren, gingen hier zur kleinen Schule, die mittlerweile geschlossen ist, wurden in der Kapelle getauft und getraut. Es gab Jahre, da verließ Navarro seinen Arbeitsplatz monatelang nicht, wozu auch. Statt Autos gab es früher nur Pferde und Kutschen, das größte Vergnügen war die pulpería, die Bar hinter der Hauptstraße.

Die Welt des Gauchos ist weit und leer

"Hat sich viel geändert, stimmt's, Cacho?", brummt Navarro und zwirbelt seinen Schnurrbart. Vor Fremden ist auch er wortkarg. Cacho nickt, es ist abends, sie sitzen am offenen Kamin im Gemeinschaftsraum, der Mate macht die Runde. "Aber die Arbeit ist dieselbe geblieben, es wurde eher noch mehr."

Tags darauf, an einem nasskalten Morgen, geht der tacto weiter, ein Höhepunkt der Saison. Ein Tierarzt rammt dabei den Wiederkäuern seinen mit Gummihandschuh bewehrten Arm in den Darm, bis er einen Widerstand ertastet - oder eben nicht. Wenn ja, ist das Tier trächtig und darf sein Kalb gebären. Wenn nein, bekommt es nach neuer Begegnung mit einem der hauseigenen Stiere noch eine Chance. Wiederholungsnieten und auch ältere Exemplare werden auf den Schlachthof gebracht, zu Großmärkten wie dem von Liniers in Buenos Aires.

Die Viehzucht ist in der Krise, Argentinien verliert an Bestand. Viele verkaufen ihre Tiere, bauen lieber Soja an und kassierten damit zeitweise acht bis zehnmal so viel pro Hektar. "Wir werden uns an Sojaschnitzel gewöhnen müssen", spottet Adela Santamarina und findet: "Das Problem an Argentinien sind die Argentinier". Weil es vielen nur ums Geld gehe. Sie selbst will bis zu ihrem Tod weitermachen.

"Leer", ruft der Veterinär nach dem nächsten Rind: nicht trächtig. Cacho schneidet zur Markierung ein Stück vom Schweif oder Ohr ab und schmeißt es in eine rostige Tonne. Navarro prüft das Gebiss. El Vasco öffnet mit einem Ruck das Gatter. Medina und Diego schieben mit ihren Pferden weitere Prüflinge nach.

Es scheppert und kracht, es spritzt Schlamm und Exkremente. Eine Kuh wird nervös und bricht aus, stolpert mit aufgerissenen Augen und Schaum vor dem Maul über den Bretterzaun und verheddert sich brüllend im Draht. Die Gauchos sind in solchen Momenten Toreros und scheuchen sie tänzelnd zurück ins Gehege. Adela Santamarina wurde von einem vierbeinigen Koloss einmal umgeworfen und brach sich beide Handgelenke. Heute steht sie wieder am Geländer und verpasst ihren Rindern Mineralspritzen. Sie ärgert sich über Diego, der für ihren Geschmack zu oft mit der Lederpeitsche prügelt, für Kühe brauche man Geschick und Psychologie. Aber Diego ist noch neu, Anfang zwanzig. Er hat eine von Navarros Töchtern geheiratet, Santamarinas Haushaltshilfe, und schon einen Buben, der gerne Spiderman-Kostüme trägt, nur zu Festtagen mal Halstuch, Kappe, Gurt und die weiten Bombacha-Hosen, die Kluft der Vorfahren. Ändern sich die Zeiten? Diego sagt, man könnte in einem anderen Job eventuell mehr verdienen. "Aber ich will nie weg. Ich bin Gaucho."

Cacho bringt mittags mit dem Pick-up Brennholz und ein gewaltiges Stück Fleisch, noch nicht von den Rippen gelöst. Jeden Montag schlachten sie eine Kuh für sich, ab und zu fangen sie das Opfer noch mit dem Lasso. Am Tatort wird ein Kuhfell aufgespannt. Cacho macht Feuer neben dem Schuppen, an dessen Wand "River campeón" steht, River ist ein Fußballclub. Der Braten brutzelt, sie schneiden Fleisch von den Knochen, essen es mit dem spitzen Messer und Brot. Dazu gibt es rohe Würste aus selbst erlegten Wildschweinen, Wein aus der Flasche und Mate. Cacho sagt, "du wirst hier nicht reich, aber es stört dich keiner, und niemand beklaut dich wie in der Stadt". Es wird gelacht, geschmatzt, geschwiegen. Adela Santamarina sagt, man müsse ihre Codes kennen. Sie selbst isst daheim in ihrem Speisesaal am Tisch.

Am Abend nach der Nachmittagsschicht fährt die Patronin über den Feldweg zurück zu ihrem Hof, die Helfer trotten im Sonnenuntergang auf ihren Pferden nach Hause. Indio Medina mit seinen Hunden. Navarro mit Zahnstocher und Zigarette. Diego hält in einer Hand die Zügel, in der anderen sein Handy.

Autor:
Peter Burghardt