Aachen Ludwigs Lust auf Kunst

Peter Ludwig war weder ein bayerischer König noch ein russischer Zar, doch einem Fürsten gleich trug der Aachener Unternehmer und Kunsthistoriker mit seiner Frau Irene eine riesige Sammlung sehr unterschiedlicher Couleur zusammen. Sie umfasst Kunst der Antike, des Mittelalters und der Renaissance, der Klassischen Moderne und präkolumbischen Zeit - und vor allem internationale zeitgenössische Kunst.

Die Zahl gerade dieser Werke machte einen stets wachsenden Teil im Besitz des Paares aus. Um ihm eine würdige und öffentlich zugängliche Bleibe in der Heimatstadt der Ludwigs zu geben, ließ die Stadt Aachen die ehemalige Schirmfabrik Emil Brauer zu einem Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst umrüsten.

Peter Ludwig selbst hatte darauf bestanden, das 1991 eröffnete Haus nicht "Museum" oder "Kunsthaus", sondern "Forum" zu nennen. Ludwig wollte Leben und Aktion an diesem Ort, Veranstaltungen, Vorträge und Workshops sollten ihn gemeinsam mit den Kunstwerken zu einer Stätte der Begegnung und Auseinandersetzung im Sinne einer "gelebten Zeitgenossenschaft" (Ludwig) machen. Dieser Wunsch wurde wahr.

Im Gegensatz zu anderen Privatsammlern, die ihren Kunstbesitz nur gelegentlich in Ausstellungen zeigen oder sich eigene Museen bauen, haben die Ludwigs ihre Erwerbungen immer als Anlass für öffentliche Diskussionen gesehen - und dies innerhalb eines umfassenderen kulturellen Angebots. Ein umgerüsteter Industriebau mit seiner variablen Raumstruktur ist für ein solches Programm wie gemacht, besser als jeder konventionelle Museumsbau.

Das von Josef Bachmann 1928 entworfene Fabrikgebäude ist eines der wenigen erhaltenen Beispiele innerstädtischer Industriearchitektur dieser Zeit. Der Aachener Architekt Fritz Eller hatte die schwierige Aufgabe, die Außenhaut des imposanten Baus mit ihren waagerechten Fensterbändern im Stil des "Neuen Bauens" und dem Sheddach zu bewahren und das Innere den neuen Aufgaben anzupassen, besonders dem Ineinandergreifen von Sammlung bzw. Ausstellungen und temporärem Programm.

Er löste das, indem er eine fast 3000 Quadratmeter große Halle mit einem zentralen Platz versah und mit offenen Räumen umgab. Eine Bühne, das "Space" als Veranstaltungsort, ein dreigeschossiger Anbau mit Restaurant und zwei Ausstellungsebenen ergänzen den Bau sowie alle Funktionsbereiche, die ein Museum braucht.

Schon lange vor der Eröffnung des Forums 1991 hatten Peter und Irene Ludwig die Sammlung europäischer und nordamerikanischer Kunst längst um Werke aus den seinerzeit sozialistischen Ländern erweitert. Handelte es sich seit Mitte der siebziger Jahre um Produktionen aus der DDR, so erwarben die Ludwigs kurz darauf auch Kunst aus der Sowjetunion, Ungarn, Bulgarien und Rumänien und Kuba. Es handelte sich nicht nur um Erwerbungen staatlich genehmer Kunst, sondern auch um Werke von Künstlern, die nach sowjetischer Anschauung Dissidenten waren. Diese Ankäufe lösten lebhafte Debatten über die künstlerische Qualität und kulturpolitische Relevanz und Brisanz der Ludwigschen Sammlungstätigkeit aus. Man stritt über Staatskunst und Soz-Art und das prekäre Vermengen von Politik, Kommerz und Kunst.

Kunst für den Ostblock

Peter Ludwig ging noch weiter. Er streckte seinen Arm nach China aus, kurz bevor er 1996 überraschend starb. In einer Mischung aus Kunstverstand, diplomatischem Geschick, Machtanspruch und missionarischem Eifer sah er es als seine kulturpolitische Aufgabe an, dem Westen die Kunst der Ostblockländer näher zu bringen und so den Weg zu einer internationalen Kultur globaler Dimension zu ebnen.

Der internationale Kunstbetrieb hat Ludwigs Pionierrolle, den Blick auf Kunstströmungen jenseits von westlich geprägten Normen zu richten, längst übernommen. Für das Ludwig Forum bedeutet dies bis heute, den Bestand unter veränderten Vorzeichen aufzubereiten und ihn in den jeweils aktuellen Kontext zu stellen. Als Harald Kunde 2002 die Direktion übernahm, konnte er daher auch auf die bis dahin üblichen Länderausstellungen verzichten und etwas Neues wagen: Er setzte neue Schwerpunkte mit großen Einzelausstellungen zu Künstlern internationalen Ranges - etwa Franz Gertsch, Matthias Weischer und Chuck Close.

Im Jahr 2007 wurde mit Ausstellung und Katalog der 80. Geburtstag von Irene Ludwig zelebriert. In ihrer offenen, herzlichen Art ist Irene Ludwig absolut präsent, aber sie wehrt sich entschieden dagegen, im Mittelpunkt zu stehen, "immer in der ersten Reihe zu sitzen". Dem Forum fühlt sie sich tief verbunden und widmet sich seit dem Tode ihres Mannes mit Hingabe der neu gegründeten Peter und Irene Ludwig Stiftung, vor allem der Zusammenarbeit und Förderung der Ludwig-Museen mit deren unterschiedlichen Sammlungsschwerpunkten. Im Jahr 2000 vermachte Irene Ludwig der Stadt 68 Werke zeitgenössischer Kunst - darunter die 2004 restaurierte, liebevoll als "Mona Lisa Aachens" bewunderte "Supermarket Lady" von Duane Hanson sowie Roy Lichtensteins Gemälde "Pow Wow".

Wie kam es dazu, dass die Ludwigs gemeinsam eine international vertretene Kunstsammlung aufbauen konnten - außer in Aachen mit Museen und Institutionen in Köln, Oberhausen, Bamberg, Koblenz, Saarlouis, St. Petersburg, Wien, Budapest und Basel und Peking? Die gebürtige Aachenerin Irene Monheim hatte Peter Ludwig kennengelernt, als beide in Mainz Kunstgeschichte studierten. Sie war es, durch die ihr späterer Ehemann Geschäftsführer der Aachener Schokoladenfabrik Monheim ("Trumpf") wurde. Als wohlhabende Bürger Aachens fühlten sich die Ludwigs dazu aufgerufen, ihre Erwerbungen mäzenatisch der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich zu machen. Die Sammler vergaben weltweit Schenkungen und Leihgaben, es wurden Museen gegründet und nach ihnen benannt.

Für Aufsehen sorgten Peter und Irene Ludwig, als sie sich Mitte der sechziger Jahre überraschend der aktuellen Kunst aus Europa und insbesondere den USA zuwendeten. Nach der spektakulären Ausstellung mit Werken der Pop-Art und des Neuen Realismus im Aachener Suermondt-Museum 1968 - Kunstwerke, die teilweise ins Kölner Museum Ludwig abwanderten - kam die Einsicht, für die wachsende Sammlung zeitgenössischer Kunst ein eigenes Ausstellungshaus in ihrer Heimatstadt einzurichten. "Es galt", sagt Irene Ludwig, "die Moderne in Aachen zu verankern."

So wurde 1970 die "Neue Galerie - Sammlung Ludwig" in dem von Jakob Couven entworfenen "Alten Kurhaus" eröffnet. Als Leiter dieses Vorgängerinstituts des Ludwig Forums wurde der Kunsthistoriker Wolfgang Becker gewonnen. Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit: In den politisch, gesellschaftlich und kulturell aufregenden siebziger Jahren verstand er es, Präsentationen von Neuerwerbungen Ludwigs durch ein reiches Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm aktueller Strömungen zu ergänzen und so aus dem Haus und späteren Forum ein dauerndes Experimentierfeld zu machen. Vor allem die seinerzeit noch wenig erprobte Videokunst samt Installationen und Performances fand hier eine Plattform.

Das Ludwig Forum verfügt heute über eine große Sammlung von Videos von ihren Anfängen bis hin zu jüngsten Produktionen. Da die empfindlichen Schätze größtenteils brach lagen und dringend restauriert werden mussten, nahm Direktorin Brigitte Franzen (seit 2009) die Film- und Videokunst in den Focus ihres ersten Jahresprogramms. Künftige Programme orientieren sich an einem jährlich wechselnden Leitmotiv. Dabei sollen sie die Kunstströmungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand der Sammlung experimentell erkunden und diesem Bestand aktuelle Positionen und zeitgenössische Themen gegenüberstellen. Das neu gegründete Grafische Kabinett wird dabei einbezogen.

In den großzügigen Atelierräumen der pädagogischen Abteilung sind das Künstlerprogramm mit Kunstkursen ebenso gut aufgehoben wie Schulkooperationen. Die Kunstvermittlung wird künftig noch enger mit dem Programm des Hauses verknüpft, etwa mit eigens dafür konzipierten Ausstellungen der Gegenwartskunst. Der zeitweise vernachlässigte Skulpturengarten lässt sich durch eine Neugestaltung durch das Büro "atelier le balto" in das Programm des Forums integrieren.

Auch thematisch geht die Aachener Kunstinstitution neue Wege und erreicht damit neue Interessenten: So hat sich das jährlich im Frühjahr stattfindende "Schrittmacher"-Festival junger Tanzkunst einen Namen gemacht, und der von der Peter und Irene Ludwig Stiftung ins Leben gerufene "Innovationspreis darstellende Kunst" hat seit 1995 so renommierte Künstler wie Laurie Anderson, den Regisseur Peter Greenaway und für 2009 die Jazzlegende Abdullah Ibrahim ausgezeichnet.

Besondere Unterstützung erhält das Ludwig Forum vom Förderverein der Freunde des Ludwig Forums. Sein bedeutsamstes Verdienst ist, dass er den "Kunstpreis Aachen" ins Leben rief. Alle zwei Jahre werden namhafte Künstler geehrt, etwa Ilya Kabakov, On Kawara, Katharina Fritsch, Tacita Dean oder Andreas Slominski. 2010 steht die Verleihung zum 14. Mal an.

Mit seinem Gesamtprogramm überschreitet das Ludwig Forum die kunsthistorisch sanktionierten Grenzen in Richtung Video, Film, Musik, Licht, Raum und Architektur. Und damit löst es ideal die Vorstellung von Peter und Irene Ludwig ein, im Ludwig Forum den passiven Konsumenten zu einem aktiven Mitgestalter zu machen.


Jülicher Straße 97-109
52070 Aachen
Tel. 0241 1807104

Di-Fr 12-18, Do bis 20, Sa u. So 11-18 Uhr, Bibliothek Di-Fr 12-17 Uhr, öffentliche Führungen So 12 Uhr, spezielle Gruppenführungen nach Vereinbarung, Eintritt 5 Euro, erm. 2,50 Euro

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Autor:
Renate Puvogel