Dunkle Materie: Das steckt hinter Dark Tourism

Müll, Bier, Schweiß – auf der Reeperbahn riecht es, als hätte Hamburgs berüchtigte Ausgehmeile gerade selbst drei Nächte lang durchgefeiert. Dabei ist erst Freitagnachmittag. Grell scheint die Sonne und bringt dabei das zum Vorschein, was das ausschwärmende Partyvolk im Flackerlicht der späten Stunden nicht sieht. Auch nachmittägliche Spaziergänger würden wohl vorbeilaufen an dem, was eine energiegeladene Frau gerade ihrer Gefolgschaft zeigt. Tourguide Sarah wohnt und arbeitet dort, wo Junggesellen, Fußballfans und Tanzwütige das ganze Jahr über feiern: mitten auf St. Pauli.
Anders als viele ihrer Kollegen geleitet sie ihre Gruppe nicht zu bekannten Sehenswürdigkeiten wie dem Beatles-Platz. Stattdessen zeigt sie ihren Besuchern ein anderes Viertel, ein düsteres, geheimnisvolles, ein bewegtes und ein mitunter brutales. „St. Pauli ist kein gewöhnliches Viertel. Kriminalität hat hier, auch wegen der Nähe zum Hafen, schon immer eine Rolle gespielt“, sagt Sarah. Wie gefährlich dieser schillernde Mikrokosmos einst war, erzählt sie vor der legendären Boxkneipe Zur Ritze: von blutigen Auseinandersetzungen der Zuhälter-Banden mit berühmten Luden wie „Karate-Tommy“, vom Aufstieg der Hells Angels und von der Kokainschwemme in den 80er-Jahren, die alles veränderte.
Was versteht man unter Dark Tourism?
Der Begriff Dark Tourism (zu Deutsch „Dunkler Tourismus“) bezeichnet Reisen und Ausflüge an Orte, die mit Verbrechen oder Tod in Zusammenhang stehen. Das Spektrum an Zielen ist groß und reicht von dezidierten Ausstellungen – etwa in Foltermuseen – bis hin zu historischen Schauplätzen wie Katakomben, Mausoleen und ehemaligen Gefängnissen. Ebenfalls dem Dark Tourism zuordnen lassen sich Lost Places oder Friedhöfe. Ein weiterer Aspekt: touristische Angebote mit einem Fokus auf Grusel und/oder Verbrechen. Dazu zählen Einrichtungen wie das Dungeon-Franchise oder Geister- und Krimi-Touren, die mittlerweile in vielen europäischen Städten veranstaltet werden.

Mehrmals pro Woche führt das Team vom St. Pauli Office Gäste auf den Spuren des Verbrechens über den Kiez. Mittlerweile wird das Angebot besser angenommen als die regulären Rundgänge. Die dunklen Geschichten erzählt Sarah anschaulich direkt an deren Schauplätzen: „Manche Fälle sind den Teilnehmern schon bekannt, andere hingegen schockieren auch die Hartgesottenen.“
Dark Tourism entwickelt sich zum Reisetrend
Dark Tourism, so heißt der Trend, der Sarah, vielen anderen Tourguides und ganzen Destinationen zahlreiche Gäste bringt. „Der Begriff bezeichnet Reisen zu Orten, die in irgendeiner Form mit Leiden, Schrecken, Tod und Grauen verbunden sind“, erklärt Professorin Sylvia Kesper-Biermann von der Universität Hamburg. Im Zuge ihrer Studien zur Geschichte von Kriminalität und Strafrecht stieß die Historikerin zum Beispiel häufig auf das Phänomen von Foltermuseen: „Bis heute gibt es in Europa mehrere solcher Museen, in denen man Foltergegenstände besichtigen und sich über explizite Methoden informieren kann, etwa im berühmten Tower of London.“
Lost Places, Friedhöfe und Gefängnisse: Dark Tourism ist verbreitet

Ausstellungen wie diese sind nicht die einzigen düsteren Orte, die öffentliches Interesse hervorrufen. Rund um True Crime, also wahre Verbrechen, haben sich nicht nur Medienformate wie Podcasts, Shows und Doku-Reihen entwickelt, sondern auch ein ganzer Tourismuszweig. In immer mehr Städten gibt es Krimitouren und Nachtwanderungen, Führungen durch Lost Places und historische Kulissen wie Gefängnisse, Friedhöfe und Katakomben, die zu attraktiven Reisezielen geworden sind. Warum? Oft lockt der Gruselfaktor, teils spielt auch ein historisches Bewusstsein eine Rolle. „Wie Orte der Erinnerungskultur und unheimliche Attraktionen touristisch aufbereitet sind, darüber gibt es Forschungen“, sagt Kesper-Biermann. Die genauen Motive der Besucher hingegen seien seitens der Wissenschaft bisher weitgehend außer Acht gelassen worden.
Nur 100 Meter Luftlinie östlich der „Ritze“ liegt eine andere Kaschemme, die vor allem in den 1970er-Jahren noch gefährlicher war und deswegen bis heute berüchtigt ist. „Zum Goldenen Handschuh“ stand damals und steht noch heute auf dem vergilbten Eingangsschild. Der Zusatz darunter ist neuer: „Honka-Stube“. Ein Name, der selbst bei eingefleischten True-Crime-Fans und trotz des schwül-heißen Wetters ein kaltes Frösteln hervorruft. Zu schaurig sind die Details rund um das Leben und Töten des Frauenmörders Fritz Honka, die Sarah lautstark über die Straße ruft. Verzogene Minen, zustimmendes Nicken, ein abgebrühter Kommentar – die Zuhörenden reagieren höchst unterschiedlich. „Genau sagen kann ich es nicht“, antwortet eine aus Bremen angereiste Teilnehmerin auf die Frage, warum sie hier ist. „Die Erzählungen machen mich nicht ängstlicher, im Gegenteil. Es fühlt sich eher an wie eine Prävention, nach dem Motto: ‚Das kann einem also alles passieren.‘“
Warum gibt es Dark Tourism? Die Beweggründe

Die Bandbreite der Motive ist ebenso groß wie die der jeweiligen Orte“, meint Kesper-Biermann. Sie nennt drei zentrale Aspekte, die sich etwa aus Online-Rezensionen ableiten lassen: „Tod ist im Alltag der westlichen Gesellschaft wenig bis kaum präsent.“ Im Rahmen des Dark Tourism könnten Menschen – ähnlich wie bei Fernsehkrimis oder True-Crime-Formaten – selbst entscheiden, wie, wann und in welcher Intensität sie mit dem Thema in Berührung kommen. Obwohl man gefühlt nah dran sei, begegne man Erlebnissen wie Tod und Verbrechen mit ausreichend Abstand und als Beobachter. Als weiteren Punkt sieht die Historikerin die Identitätsbildung: „Das Böse vor Augen zu haben, ist eine Möglichkeit der Selbstvalidierung. So werden wir uns klar darüber, wie wir miteinander leben wollen und was sich nicht wiederholen darf.“
Welche gesellschaftlichen und politischen Straftaten sich in der Vergangenheit auf St. Pauli abspielten, auch darauf kommt Sarah zu sprechen, als die Gruppe einen unscheinbaren Grünstreifen erreicht. Die Gegend war einst als „Chinesenviertel“ bekannt, in den 1920ern eröffneten chinesische Seeleute hier Lokale und Geschäfte. Mit dem Zweiten Weltkrieg nahm ihre Gemeinschaft ein grausames Ende. Das NS-Regime deportierte Dutzende Anwohner mit Migrationshintergrund in ein Arbeitslager. Viele von ihnen starben.
„Kriminalität findet damals wie heute in allen Bereichen der Gesellschaft statt“, sagt Sarah und zeigt, dass Dark Tourism weit mehr ist als nur Spuk- und Schauermärchen. Als Nächstes geht es in die tatsächliche Unterwelt von St. Pauli, an einen Ort, den auch viele Hamburger nicht kennen. Durch den Verkaufsraum eines Kiosks, eine steile Treppe hinunter, und plötzlich stehen die Grusel-Fans in einer Katakombe. „Früher waren Teile der Nachbarschaft unterkellert und durch ein richtiges Tunnelsystem miteinander verbunden. So ließ es sich vom Hafen aus bestens und völlig unbemerkt schmuggeln.“
Dark Tourism in Deutschland
Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Erlebnisse und Orte, die unter den Dark-Tourism-Trend fallen. Mit ihrem morbiden Charme haben sich begehbare Lost Places wie die Beelitzer Heilstätten oder die Sophienheilstätten zu Ausflugszielen entwickelt. Beliebt sind zudem Institutionen wie das Hamburger Dungeon oder die Halloween-Nächte der großen Freizeitparks. Eine große Auswahl an Mystery- und Grusel-Erlebnissen findet sich zum Beispiel bei Getyourguide.
Während einige die Enge scheuen, spinnen andere schon neue Schauermärchen. „Reisen an düstere Orte sind ein gefühlsstarkes Erlebnis.“ Ebendiese Emotionalität sieht Historikerin Kesper-Biermann als dritte Motivation: „Ich würde Dark Tourism deswegen nicht als Merkwürdigkeit abtun, denn er erfüllt mitunter wichtige gesellschaftliche Funktionen.“ Die Tour endet vor der Davidwache. Auch das berühmte Polizeikommissariat ist ein wichtiges Glied der Krimi-Kette, sorgen seine Beamten doch dafür, dass sich die Fälle aus Sarahs Erzählungen möglichst nicht wiederholen.


