Die Wiege der Tulpe: Tipps für Leiden

Leiden, eine charmante Stadt im Westen der Niederlande, zählt rund 125.000 Einwohner und verbindet auf besondere Weise Geschichte mit lebendigem Studentenleben. Durchzogen wird sie vom Rhein – genauer vom Oude Rijn, einem der wichtigsten Arme des Flusses –, der sich in malerischen Grachten durch die Altstadt schlängelt und das Stadtbild prägt. Zwischen historischen Gebäuden, kleinen Brücken und lebhaften Cafés entfaltet Leiden so seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter.
Geprägt wird die Stadt nicht zuletzt von ihrer renommierten Universität, der ältesten des Landes, die seit Jahrhunderten Studierende aus aller Welt anzieht und für eine offene, internationale Atmosphäre sorgt. Gleichzeitig begegnet man auf Schritt und Tritt der reichen Vergangenheit Leidens: von den Spuren Rembrandts, der hier geboren wurde, bis hin zu den traditionsreichen Märkten und Museen.
Was man in Leiden unbedingt gesehen haben sollte, verraten wir hier.
Fest mit Hering und Kirmes: „Leidens Ontzet“

Am 3. Oktober ist im niederländischen Leiden alles anders. Dann feiern die Bewohner der Stadt ein Fest, das auf eine folgenreiche Geschichte zurückgeht. Schon am frühen Morgen werden Tausende vor der alten Stadtwaage Schlange stehen. Normalerweise werden in dem historischen Gebäude, das ein Restaurant beherbergt, Kroketten, Käseplatten und andere leckere Dinge serviert. Doch am 3. Oktober wollen alle nur Brot und Heringe. Haben die Honoratioren der Stadt den Hering für gut befunden, wird die Tür geöffnet. Versorgt werden allerdings nur Leidener, und das auch nur, wenn sie sich registrieren lassen haben.
Auch Edo Elstak hat an diesem Tag ein straffes Programm. Nicht weil er wie sonst Gäste durch Leiden führt, sondern weil er diesen lokalen Feiertag angemessen begehen will. Schon frühmorgens kleidet er sich in den Farben der Stadt: Rot und Weiß. Dann wird gesungen, am Rathaus zum Klang von Fanfaren, in einem Park und beim Gottesdienst in der Pieterskerk, der zentralen Kirche in Leiden. Erst danach genießt auch Elstak sein Brot mit zwei Heringen, aus historischen Gründen, versteht sich.
Warum ganz Leiden regelmäßig am 3. Oktober und dieses Jahr besonders aus dem Häuschen ist, erklärt sich mit einem Ereignis, das 450 Jahre zurückliegt: Am gleichen Tag im Jahr 1574 zogen die spanischen Belagerer ab – Wilhelm der I., Prinz von Oranien, hatte die Deiche bei Rotterdam durchstechen lassen. Der Wind trieb das Wasser nach Leiden, die Spanier bekamen nasse Füße. Heute feiert die Befreiung „Leidens Ontzet“ mit einem großen Fest.
Während der Belagerung starben rund 6.000 Leidener, ein Drittel der Bevölkerung, viele verhungerten. Nun zogen die Wassergeusen, die an der Seite von Wilhelm von Oranien für die Unabhängigkeit der Niederlande kämpften, in die Stadt ein – und verteilten Brot und Heringe. Außerdem konnten sich die Leidener über einen großen Topf mit Hutspot hermachen, einem Gericht aus Karotten, Zwiebeln und Pastinaken.
Ein Waisenjunge, so die Legende, hatte den Topf vor den Stadttoren gefunden, die Spanier hatten ihn bei ihrer übereilten Flucht zurückgelassen. Noch heute wird das Gericht traditionell am 3. Oktober gegessen. Schon am Vorabend „riecht ganz Leiden nach Hutspot“, sagt Gästeführer Elstak. Nur dass die Pastinaken mittlerweile durch Kartoffeln ersetzt worden sind – die waren damals in den Niederlanden noch unbekannt.
Tipp für Leiden: Per Boot durch die Grachten

Und doch sollte man Leiden nicht unbedingt am 3. Oktober besuchen. Der oft gelobte „altholländische“ Charme der Stadt, die auch als „Klein-Amsterdam“ gepriesen wird, lässt sich an einem der anderen 364 Tage des Jahres leichter entdecken. Zum Beispiel bei einer knapp einstündigen Bootsfahrt auf den Grachten, bei der man wegen der vielen Brücken immer wieder den Kopf einziehen muss.
Oder aber man schließt sich einer Führung von Edo Elstak an. „Nichts ist weit in Leiden“, sagt er. Seine Runde führt unter anderem an der Universität vorbei. Glaubt man einer Geschichte, die sie in Leiden gern erzählen, dann durften die Leidener zum Dank für ihren erfolgreichen Widerstand gegen die Spanier wählen: entweder eine langjährige Abgabenfreiheit oder eine Universität.
Leiden: Die Wiege der niederländischen Tulpen

Die Geschichte ist gut, findet auch Elstak, und doch war es wohl eher so, dass Wilhelm von Oranien gut ausgebildete Beamte brauchte. Und dass der neue protestantische Glaube Theologen benötigte, die ihn verkünden konnten. Auch gab es damals schon einen Fachkräftemangel in der Medizin. Jedenfalls wurde am 8. Februar 1575 die Universität Leiden gegründet, die erste in den Niederlanden. Und weil die Mediziner Heilpflanzen brauchten, wurde bald darauf ein Botanischer Garten angelegt – auch das eine Investition in die Zukunft, wie sich noch zeigen sollte.
Unter den Gelehrten, die dem Ruf der Uni folgten, war Carolus Clusius, der berühmteste Botaniker seiner Zeit. Im Oktober 1593 kam er nach Leiden, im Gepäck eine Rarität: Tulpenzwiebeln. Tulpen, eigentlich in Ländern wie Kasachstan zu Hause, waren über die Türkei nach Wien gelangt. Dort hatte Clusius sie kennengelernt. Nun brachte er sie in Leiden aus.
Im Frühjahr 1594 blühte die erste Tulpe, rot-gelb gestreift. Sie wurde auf den Namen „Sommerschön“ getauft, erzählt Carla Teune. Die über 80-Jährige arbeitet seit 57 Jahren im Botanischen Garten, inzwischen ehrenamtlich – eine fachkundigere Gästeführerin gibt es vermutlich in ganz Holland nicht.
Von Leiden aus startete die Tulpe ihren Siegeszug. Binnen kurzer Zeit wurden speziell gestreifte Tulpen zu einem begehrten Handelsobjekt. Die Preise erreichten astronomische Höhen, eine einzige Zwiebel kostete so viel wie ein ganzes Haus. Im Februar 1637 brach der überhitzte Markt zusammen – das Ende der „Tulpenmanie“, der ersten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte.
Auf den Spuren von Rembrandt in Leiden

Die Tulpe ist geblieben, ein Symbol für Holland wie die Windmühle oder der Käse. Von Ende März bis Mitte Mai lockt die Blütenpracht rund 1,4 Millionen Menschen in den Keukenhof bei Leiden. Die Tulpe fand auch Eingang in die Kunst, Beispiele lassen sich im Mauritshuis im nahen Den Haag studieren.
Wobei ausgerechnet der bekannteste Maler aus Leiden die Tulpe weitgehend ignoriert hat: Rembrandt. Das Haus, in dem er als neuntes Kind eines Müllers geboren wurde, stand ein paar Meter weiter rechts von dem Bau, an dem heute eine Gedenktafel an ihn erinnert. Aber die Lateinschule, auf der der junge Rembrandt seine ersten Skizzen fertigte, ist noch da. Und auch das Haus, in dem Jacob van Swanenburgh lebte, sein erster Lehrer.
Es beherbergt heute das Young Rembrandt Studio, in dem ein 3D-Video in nur sieben Minuten die wichtigsten Stationen im Leben des jungen Rembrandt beleuchtet. Im Alter von 25 Jahren zog es ihn nach Amsterdam. Einige seiner Werke sind im Museum De Lakenhal zu sehen. Es ist nur eines von 13 Museen in Leiden. Schlechtes Wetter ist also noch lange kein Grund, nicht nach Leiden zu fahren. Nur den 3. Oktober sollte man eher meiden.
Weitere Sehenswürdigkeiten in Leiden

Hortus Botanicus in Leiden
Der Hortus Botanicus in Leiden ist einer der ältesten botanischen Gärten der Welt und wurde bereits im Jahr 1590 gegründet. Er gehört zur Universität Leiden und spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Botanik als Wissenschaft. Besonders bekannt ist er für seine historische Pflanzensammlung, zu der auch eine der ersten in Europa kultivierten Tulpen gehört.
Heute bietet der Hortus Botanicus eine beeindruckende Vielfalt an Pflanzen aus aller Welt, darunter seltene tropische Gewächse, jahrhundertealte Bäume und thematisch angelegte Gartenbereiche. Besucher können durch Gewächshäuser und liebevoll gestaltete Außenanlagen spazieren und dabei sowohl botanische Besonderheiten als auch die lange Geschichte des Gartens entdecken.
Naturalis Biodiversity Center
Als Teil eines großen wissenschaftlichen Netzwerks widmet sich das Naturalis Biodiversity Center der Erforschung der Artenvielfalt und bewahrt eine riesige Sammlung von Naturfunden – von uralten Fossilien bis hin zu präparierten Tieren und Pflanzen. Die Ausstellungen sind modern und abwechslungsreich gestaltet und laden dazu ein, die Entwicklung des Lebens auf der Erde hautnah zu erleben. Ein besonderer Publikumsmagnet ist das Skelett des Tyrannosaurus rex „Trix“, das zu den bekanntesten Exponaten gehört.
Rijksmuseum Boerhaave
Das Museum Boerhaave in Leiden nimmt Besucher mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte von Medizin und Naturwissenschaften. Benannt nach dem einflussreichen Arzt und Gelehrten Herman Boerhaave, beleuchtet es die großen Entdeckungen, die unser Verständnis von Körper, Technik und wissenschaftlichem Arbeiten bis heute prägen.
In den Ausstellungen treffen historische Instrumente auf anschauliche Experimente und moderne Inszenierungen, die komplexe Zusammenhänge leicht verständlich machen. Von frühen medizinischen Geräten bis hin zu wegweisenden Erfindungen aus verschiedenen Epochen gibt es hier viel zu entdecken. So eröffnet das Museum einen lebendigen Blick auf die Entwicklung der Wissenschaft – und regt dazu an, Fortschritt einmal aus einer ganz neuen Perspektive zu betrachten.
Wann ist Markt in Leiden?
In Leiden gibt es mehrere Märkte; da wäre einmal der Wochenmarkt entlang des Nieuwe-Rijn-Kanals im Herzen der Altstadt, der mittwochs von 8 bis 17 Uhr stattfindet. Jeden Samstag verwandeln sich außerdem weitere Teile der Innenstadt in ein buntes Markttreiben mit zahlreichen Ständen. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt – von frischem Obst und Gemüse über Fisch, Käse und Blumen bis hin zu Kleidung und kleinen Alltagsartikeln. Neben dem Einkaufen ist vor allem die Atmosphäre besonders: Zwischen historischen Brücken und Grachten kann man lokale Spezialitäten probieren, etwa frisch gebackene Stroopwafels, und das typisch niederländische Marktleben hautnah erleben.
Hinweis: Die Reportage von Wolfgang Stelljes erschien ursprünglich im September 2024 und wurde im April 2026 um weitere Infos ergänzt.