Neue Reiseziele in Europa: 8 unterschätze Orte

Europa kann mehr als Palma, Paris und Palermo: Abseits von Overtourism finden sich Geheimtipps voller Charme und überraschender Schönheit. Die Merian-Redaktion empfiehlt acht besondere Reiseziele, die uns persönlich am Herzen liegen.
Text Merian Redaktion
Datum03.08.2026

Objektiv wäre die Auswahl zu schwer gewesen, es gibt in unserer Nachbarschaft so viele tolle Städte, Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Regionen. Und selbst, wer Europas Länder systematisch nach und nach bereist, dürfte neben all den Highlights das ein oder andere unterschätzte Schmuckstück links liegen lassen. 

Für diesen Guide und unser aktuelles Merian-Heft haben wir auf unser Bauchgefühl gehört und acht Reiseziele in Europa ausgewählt, die uns persönlich besonders am Herzen liegen. Die Gründe dafür sind vielseitig wie die Orte selbst: ein Lebensabschnitt, eine Energie, eine Geschichte oder auch nur ein besonderer Geschmack. 

Budapest, Ungarn

Das Parlamentsgebäude gehört zu den schönsten Bauten in ganz Budapest und thront direkt an der Donau.

Diese Stadt hat ihre zwei Seiten und Gegensätze schon im Namen: das altehrwürdige, historische und hügelige Buda und das geschäftigere, schnellere, flache Pest. Dazwischen fließt die ewige Donau, so einfach, so immer wieder gut. Dieses unverrückbare Setting ist quasi die Bühne, auf der Budapest bei jeder meiner Reisen dorthin unterschiedliche Stücke aufgeführt hat. Ungarns Hauptstadt zeigt, wie es ihr gerade geht, ob es wirtschaftlich läuft, ob sie Ideen hat, ob sie mit sich im Reinen ist, ob sie alte Strukturen aufbrechen und Neues wagen will. Und deshalb hat sie mich nie kaltgelassen. Ich mochte die Stadt auf Anhieb, hatte das Gefühl, dass mich dort zwei Freundinnen an die Hand nehmen, eine vertraute, verlässliche und eine wilde, unberechenbare. 

Die Vertraute, das ist das Burgviertel, das ist die Kettenbrücke, der schönste Bindestrich zwischen Buda und Pest, das sind die hauchdünn gezogenen Strudelteig-Schichten mit warmer Quark- und Mohnfüllung, das ist die Markthalle, das ist der Heldenplatz, das sind die wunderschönen historischen Thermalbäder. Die Wilde und Unberechenbare das sind die Ruinenbars, die aus leer stehenden Gebäuden lebendige, bunte Kulturorte gemacht haben. Der bekannteste, das Szimpla Kert, ist längst eine Sehenswürdigkeit. Das ist aber auch die ungezähmte Seite der Thermalbäder, ich war dort mal für eine ziemlich ausschweifende Party im Rudas-Bad. Die finden so nicht mehr statt, ich kann mir vorstellen, dass die Orbán-Regierung not amused war darüber. Aber im Széchenyi-Bad gibt es weiterhin Abende mit DJs und Tanzen. Überhaupt kann Budapest sehr gut feiern, einmal war ich Silvester dort – die Donau ist ein toller Feuerwerk-Spiegel. Jetzt, wo Budapest die Orbán-Ketten gesprengt hat, möchte ich unbedingt wieder hin.

- Tinka Dippel

Costa Brava, Spanien

Eine der malerischsten Buchten Kataloniens: Aiguablava bei Begur

Das stets gut besuchte Barcelona brauche ich nicht zu empfehlen, aber das nördlich davon gelegene Girona kennen viele noch nicht. Auch hier, wo sich gelb-rote Häuser szenisch an den Fluss Onyar reihen, gibt es eine sehenswerte Kathedrale, ein mittelalterliches Zentrum, lauschige Parks – und kaum Touristen. Noch mehr Ruhe findet man ein bisschen weiter östlich. Wer an die Costa Brava denkt, mag Ferienorte aus Beton vor sich sehen. 

So ging es auch mir, als ich mich einst mit fünf spanischen Freunden in einen viel zu kleinen Citroën quetschte, um von Barcelona aus an den Strand zu fahren. Man versicherte mir fortwährend, dass der rund 90-minütige Roadtrip lohne. Und spätestens als sich der Wagen mit quietschenden Bremsen die Serpentinen runterschraubte, war es um mich geschehen. „Aiguablava“ („Blaues Wasser“), so der katalanische Name der dort liegenden Minibucht. Eine Untertreibung für dieses mediterrane Kleinod, das alles vereint, was man am Mittelmeer nur lieben kann: Pinien, Sandstrand, schippernde Bötchen, knalligstes Türkis, duftende Paella. Zugegebenermaßen hat man dieses ultimative Sommerparadies eher selten für sich allein. Macht nichts, nördlich wie südlich reiht sich eine weitere Wahnsinnsbucht an die nächste.

– Mila Krull

Sofia, Bulgarien

Die nach Alexander Newski benannte Kirche ist die größte orthodoxe Kathedrale der Balkanhalbinsel.

Ich wollte etwas Neues entdecken, so kam ich auf Sofia. Den Horizont erweitern, das geht in der bulgarischen Hauptstadt sehr gut – kulinarisch (kalte Joghurtsuppe mit Gurke), künstlerisch (Sofia ist vom Stromkasten bis zum fassadenfüllenden Mural voller Streetart), naturnah (direkt über der Stadt ragt das Vitosha-Gebirge in die Höhe). Überraschend war für mich aber vor allem, wie tief Sofias Wurzeln sind. Beim Herumlaufen stießen wir zwischen modernen Boulevards und Metrostationen auf die Antike, auf rund 2.000 Jahre altes Straßenpflaster, auf Reste der Stadtmauer von Serdika, das einst ein wichtiger Knotenpunkt auf dem Balkan war. Auf seinen Ruinen wurde Sofia erbaut. Überliefert ist der Satz von Kaiser Konstantin: „Serdika ist mein Rom.“ Ob er das wirklich gesagt hat oder nicht: Es zeugt davon, was für ein besonderer Ort diese Stadt ist.

– Milena Härich

Neapel, Italien

Mitreißend chaotisch: die süditalienische Metropole Neapel

Mein erstes Mal Italien war unglaublicherweise vor zwei Jahren und eigentlich was für Fortgeschrittene: zehn Tage Neapel, mittendrin im Gassengewühl. Die Stadt hatte mich sofort, mit ihrem ganzen dreckigen und lauten Charme, mit ihrer Unverfälschtheit. Es gibt dort unglaublich viel zu sehen und entdecken: skurrile kleine Kunstwerke, irre Fassaden, Murals, Kunst, Geschichte natürlich! Überall hängt Wäsche in allen Farben, an den Balkonen, quer über den Gassen, auch an Wäscheständern vor den Türen. Es ist ein irres Chaos, aber eins mit guter Dramaturgie. Mal wird die Stadt ganz eng, sodass man kaum durchkommt, mal weitet sie sich, dann schwebt man mehr als einen Kilometer über die breite Via Toledo oder über die 25.000 Quadratmeter große Piazza del Plebiscito. 

Oft ist sie laut, manchmal aber mit einem Mal auch total ruhig. Da liefen wir durch den Kreuzgang des Klosters Santa Chiara mitten in der Stadt, und hörten auf einmal nichts außer unseren eigenen Schritten. Das Kloster ist übrigens mehr als 700 Jahre alt, solche Orte prallen in Neapel auf eine sehr präsente Gegenwart, auf ein Alltagsleben, das hier eine deutlich größere Rolle spielt als der Tourismus. Das zeigt sich auch an den Preisen: Die allgegenwärtige, unglaublich gute Pizza – im Ganzen oder im Stück –, der ebenso allgegenwärtige Aperol Spritz: alles für ein paar Euro. Natürlich waren wir auch in Pompeji, und irgendwie schwang der Gedanke mit, wie es wäre, wenn der Vesuv heute ausbrechen würde. Am letzten Abend saßen wir da, mit einem Spritz im Sonnenuntergang und Blick auf diesen Berg. Das war wirklich ergreifend, fast schon zu kitschig, um wahr zu sein. Ich möchte wieder hin, zehn Tage reichen nicht.

– Marie Bürger

Saint-Paul de Vence, Frankreich

Im Hinterland der französischen Riviera liegt Saint-Paul de Vence.

Wie ein Krönchen sitzt das Dorf mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer über der französischen Riviera. Es ist kein angeberisches Krönchen, eher eines, das seit Jahrhunderten mit Würde getragen wird. Und gerade deshalb einen großen Zauber hat. Bei kaum mehr als 3.000 Einwohnern ist es weltberühmt, und in der Kunstwelt ist die Region ohnehin legendär, nicht nur wegen Chagall, der hier begraben liegt. Trotz des heraufschwappenden Glamours unterscheidet sich Saint-Paul de Vence vom performativen Prunk an den Jachthäfen von Saint-Tropez und Monte Carlo. Durch die Gassen kommen Lamborghinis nicht durch, Oligarchen-Jachten den Hügel nicht hinauf. So trotzt das Dorf seinem Ruhm, am Place de la Grande Fontaine klonken unbeeindruckt Pétanque-Kugeln und wenn sich abends der Trubel verzogen hat, gehen die Flaneure ihrer Wege.

– Antonia Aust

Trøndelag, Norwegen

100 Kilometer nördlich von Trondeheim liegt Trøndelag.

Mir hat eine Region hoch in Norwegen den Kopf verdreht: Trøndelag, genauer die Gemeinde Inderøy, 100 Kilometer nördlich von Trondheim. Ich habe dort keine Nordlichter gesehen, trotzdem wurde ständig mit meinen Sinnen gespielt: In einer Mosterei zum Beispiel schenkte mir der Chef, als ich gerade noch seinen preisgekrönten Elstar-Saft im Kopf hatte, ein weiteres helles Getränk ein. Ich nahm einen Schluck, schmeckte etwas sehr Vertrautes, was ganz und gar nicht zur Farbe im Glas passte: Schwarze Johannisbeere. Mir war nicht klar, dass auch die Blätter den Geschmack der Beeren in sich tragen, und sowieso nicht, dass dort oben überhaupt so viel Fruchtpower wächst.

Noch so ein Ding: In einer Grünanlage kam ich zu einem Steinrondell mit Felsbrocken in der Mitte, darauf eine winzige Bronze-Ente. Der große Bildhauer Nils Aas, in Inderøy geboren und aufgewachsen, hat dieses Kleinkunstdenkmal geschaffen. Nur eine seiner charmanten Arbeiten im Muustrøparken. Selten hab ich übrigens so hervorragend schlecht geschlafen wie in Trøndelag: Wäre ich im Øyna Kulturlandschaftshotel nicht kurz nach 4 Uhr knallwach gewesen, hätte ich das bezaubernde Aquarell verpasst, das der Himmel über den Fjord tuschte und das es in dieser Dramatik nur im nördlichen Europa gibt. Im Winter auch mit Nordlichtern.

– Dorthe Hansen

Sarajevo, Bosnien und Herzegowina

Gassen mit bewegter Geschichte: Sarajevo, Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina

Eine Stadt schwer verletzt zu sehen, das lässt einen nie wieder los. Als ich zum ersten Mal in Sarajevo war, hatte der Bosnienkrieg, hatte die vierjährige Belagerung und der Dauerbeschuss von Bosniens Hauptstadt gerade aufgehört. Die ersten zarten Triebe von Alltagsleben kehrten in die Altstadt zurück. Jeder Moment, jeder Kaffee auf einem der Plätze, jeder Muezzin-Chor der vielen Minarette, jedes Glockengeläut der vielen Kirchen, jeder Sonnenuntergang am Gelben Fort, wo man den irren Architekturmix, der hier aufeinanderprallt, zu Füßen hat, war unendlich viel wert. 30 Jahre ist das her, und ich bin oft wiedergekommen. Ich sah sich schließende Wunden, sah Sarajevo ringen mit seiner Melange aus Religionen, Ethnien, Lebensformen, seiner langen, wechselvollen Historie, seinen Verletzungen. 

Wer sich in die Straßenbahn setzt, eine der ältesten in Europa, startet in Baščaršija, der osmanisch geprägten Altstadt, kommt dann vorbei an Wien-ähnlichen Fassaden aus K.-u.-k.-Zeiten, als Sarajevo zum Habsburger Reich gehörte, wechselt abrupt in die von Wucht und Beton geprägte TitoZeit, als Sarajevo eine der Perlen Jugoslawiens war. So viel zur Kulisse, schon die ist einmalig. Und dann steckt da hinter so gut wie jedem Fenster eine Geschichte. Etwa die des Kino Bosna, das jahrzehntelang ein Liebling von Cineasten war und nach dem Krieg zu einem Ort wurde, der schlicht und einfach das Leben feiert. Am schönsten dort sind die Montage, wenn Musiker mit ihren Gitarren und Akkordeons, mit ihren Emotionen und dem Publikum verschmelzen – zwischen alten Kinosesseln und unter der Regie von Sena Mujanović, der Seele dieses Ortes. Sarajevo liegt nicht am Meer, wird nie so touristisch werden wie etwa Dubrovnik. Und selbst wenn: Die starke Seele dieser Stadt hat schon ganz anderes überstanden.

– Tinka Dippel

Newcastle, Großbritannien

Vorbild für Sydney: die Tyne Bridge in Newcastle

Wettertechnisch musste ich mich nicht umstellen, als ich einst nach Newcastle, in den stürmisch-nassen Norden Englands, zog. Was jedoch ganz anders ist als etwa auf dem Hamburger Kiez: Dort lässt man sich in den außerordentlich guten Musikclubs und den Pubs nicht von etwaigen Nebensächlichkeiten wie Regen ausbremsen. Selbst bei südöstlichen Orkanböen sprüht die ehemalige Industriestadt am River Tyne nur so vor Energie. Wo einst Kohle, Stahl und Schiffsbau den Takt angaben, pulsiert heute eines der spannendsten Kulturzentren Großbritanniens. 

Dank ihrer ikonischen Brückenlandschaft – die Tyne Bridge diente dem Ingenieurbüro Dorman Long als Testversion der deutlich berühmteren Sydney Harbour Bridge –, der prächtigen viktorianischen Architektur und den mittelalterlichen Burganlagen ist Newcastle schon rein äußerlich eine Schönheit. Und auch ihre inneren Werte stimmen: Zwei große Universitäten bringen junge Energie ans Flussufer. Und auch wenn die „Geordies“ ebenso wie ihr Wetter und ihr Dialekt manchmal etwas rau daherkommen, entfaltet sich spätestens bei einem gemeinsamen Brown Ale oder einem Heimspiel im St. James’ Park ihr herzerwärmender, äußerst mitreißender Gemeinschaftssinn.

– Mila Krull