St Ives: Cornwalls kunstvolle Küstenstadt

Es ist das Licht, heißt es stets, das aus einem abgelegenen Fischerdorf in Cornwalls Westen eine der bekanntesten Künstlerkolonien der Welt machte. Das Licht umspült St Ives von gleich drei Seiten; der offene Atlantik spiegelt es auf die Halbinsel, mit türkisfarbener Ruhe, mit tief blauer Endlosigkeit oder mit weiß schäumender Kraft. Es faszinierte bereits 1811 den berühmten britischen Maler William Turner und über seine Bilder bald die gesamte Kunstszene Londons.
Mehr als ein Jahrhundert später, im Jahr 1939, überzeugte es das Künstlerpaar Barbara Hepworth und Ben Nicholson hierher zu ziehen und das Dorf wieder aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, in den es mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gefallen war. Das Licht machte St Ives abermals zum Liebling der Kunstszene, zu einem Zentrum abstrakter Kunst.
Tate St Ives: Von der Gasfabrik zur Galerie von Weltrang

Und geht man weit genug zurück, lässt sich auch die Tate St Ives, Ableger der Londoner Tate und Cornwalls Kulturikone, genau darauf zurückführen: Licht. Und eine Fabrik dafür. Die buckligen Gassen waren nachts noch mittelalterlich dunkel, als man 1835 eine Gasfabrik an den Porthmeor Beach baute. Mit dem hier produzierten Stoff erleuchteten die Nachtwächter die Straßenlaternen. Wirklich profitabel aber wurde das „Gasworks“ nie: Die meisten Einwohner waren so arm, dass Öllampen bis ins 20. Jahrhundert ihre einzige Beleuchtung blieben. Selbst gegen die Straßenbeleuchtung – vor allem gegen die dafür erhobene Steuer – gab es Protest.
Als „das Monstrum“, so nannten es die Einwohner, 1958 abgerissen wurde, war der Jubel groß. Es verschandelte das Antlitz des pittoresken St Ives. Und es stank. Vermutlich waberten auch Ende August 1939 Schwefelwolken durch die Fore Street, an der Hafenpromenade entlang und um die Kirche St Ia.
Gut möglich, dass die 36-jährige Barbara Hepworth die Nase rümpfte, als sie nach der mehrstündigen Autofahrt von London hier ausstieg, zum allerersten Mal. Auf dem Fahrersitz saß Ben Nicholson, abstrakter Maler, 45 Jahre alt, seit acht Jahren ihr Partner, seit dem vergangenen Jahr ihr Ehemann und nach früheren Cornwall-Reisen bereits bekennender St Ives-Fan. Hinten auf der Rückbank drängten sich ihr zehnjähriger Sohn Paul aus erster Ehe und die fast fünfjährigen gemeinsamen Drillinge Simon, Rachel und Sarah. Hepworth und Nicholson vermuteten, dass sie länger bleiben würden. Tatsächlich zog Ben Nicholson erst 1958, sieben Jahre nach der Scheidung, wieder fort. Barbara Hepworth blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 1975.
Hepworth, Rothko und Gabo – St Ives verzaubert alle

„Die beiden traten in St Ives das los, was wir Kunsthistoriker ‚die zweite Welle’ nach den Landschaftsmalern im 19. Jahrhundert nennen“, erzählt Arwen Fitch von der Tate. Andere Künstler folgten dem Paar, allen voran der befreundete Konstruktivist Naum Gabo. Bald schlossen sich jüngere Künstler der Anfang 1949 gegründeten Penwith Society of Arts in Cornwall an. Internationale Größen wie Mark Rothko, Piet Mondrian oder Francis Bacon schauten in St Ives vorbei, das, wie Ben Nicholson einmal sagte, „nach London zu Großbritanniens wichtigstem Kunstzentrum“ wurde.
Wie ein Fels steht heute die Tate St Ives am Porthmeor Beach. Ein Fels, an dem sich jene „zweite Welle“ wieder und wieder brechen soll. Denn es war das hohe Interesse an eben jenen Künstlern, das ein Museum von Weltrang in das kleine Fischerdorf brachte. 1985 hatte die Tate Gallery in London eine Ausstellung zusammengestellt: „St Ives 1939-64 - Twenty five years of painting, sculpture and pottery“. Der Zulauf war groß und so keimte bald die Idee einer Dauerausstellung zu diesen Künstlern auf. An dem Ort, wo sie ihre Kunst geschaffen hatten.
Licht, Steine und das Meer: Cornwalls Küste inspiriert
Unterstützung kam aus mehreren Richtungen. Von London aus trieb der damalige Direktor der Tate Gallery, Alan Bowness, die Expansion enthusiastisch voran: Er war der Schwiegersohn von Ben Nicholson und Barbara Hepworth. Bereits 1980 hatte er das Hepworth Museum unter die Fittiche der Tate Gallery genommen, das ihre Kinder 1976 in deren früherem Wohnhaus, dem Garten und der Werkstatt eingerichtet hatten.
In St Ives wiederum gruppierte sich rasch eine Bürgerinitiative, die bei der Suche nach Sponsoren, Architekten und einem Baugrundstück half. Die „zweite Welle“ war nun, zehn Jahre nach dem Tod Barbara Hepworths, verebbt. St Ives brauchte einen neuen Magneten, der Urlauber anziehen würde. Und baute ihn schließlich an eben jene Stelle, wo nur wenige Jahre zuvor die Gasfabrik mit ihrem Gestank die Menschen in die Flucht gejagt hatte. Ausgerechnet hier standen sie nun Schlange: Seit der Eröffnung 1993 kommen im Jahr etwa 240.000 Tate-Besucher in das 11.000-Einwohner-Städtchen, Tendenz steigend. Bis 2017 verdoppelte die Tate St Ives ihre Fläche.

„So wurden wir der Schaffenskraft der Künstler gerechter, die hier in den 40ern, 50ern und 60ern eine ganz besondere, von der Landschaft und dem Licht inspirierte Form abstrakter Kunst entwickelt haben“, sagt Kunsthistorikerin Arwen Fitch. Barbara Hepworth etwa habe bei ihren Strandspaziergängen stets einen Stein aufgesammelt und den ganzen Weg über gehalten, ihn befühlt. Diese Strandsteine seien eine ihrer wichtigsten Inspirationen gewesen, vermutet Fitch. Und natürlich das Licht, das sie in ihren Skulpturen mit Löchern, Dellen oder Biegungen einzufangen versuchte, dieses besondere Licht von St Ives.
Zukunft von St Ives: Junge Künstler rücken nach
In den Porthmeor Studios, nur wenige Meter den Strand entlang, flutet es ungebremst durch große Glasfenster in die 19 Ateliers, die junge Künstler für wenige Monate oder auch für Jahre mieten können. Eines ist reserviert für einen Gast der Tate. Vielleicht, hofft Arwen Fitch, führt die Tate, dieser Fels, eines Tages dazu, dass auch noch eine dritte Welle heranbrandet. „Es wäre an der Zeit“, sagt Samuel Bassett, 1982 in St Ives geboren und nun einer der Künstler in den Porthmeor Studios.
Mit seinen persönlichen Collagen und den riesigen Acryl-und- Tusche-Bildern wurde er über die Grenzen von Cornwall hinaus bekannt. „St Ives hat viel verloren.“ Er redet von den Gassen, in denen sich in den Sommerferien allzu viele Touristen drängen, und von neuen Galerien, in denen keine Kunst mehr, sondern Postkarten verkauft werden. Davon, dass er hier für sich, seine Frau und den kleinen Sohn nur eine enge Wohnung mieten kann. Und davon, warum er dennoch in St Ives bleibt: „Ich kenne keinen anderen Ort, an dem die Kunst so sehr zum Alltag gehört. Und das seit fast zwei Jahrhunderten.“
Sein Großvater hing als Fischer genau hier, im Keller der Porthmeor Studios, seine Netze zum Trocknen auf. Seit den 1880ern hatten Künstler angefangen, Flächen in der Halle als Ateliers zu mieten. 1938 gründete der Porträtmaler Leonard John Fuller hier die St Ives School of Painting, in der bis heute Hobbykünstler aus aller Welt, vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen, Kurse belegen können. Die Künstler waren fasziniert vom einfachen Leben der Fischer, ihre Boote und Netze, ihre sonnengegerbten Gesichter und der Abschiedsschmerz ihrer Frauen sind wiederkehrendes Motiv der Maler.
Doch die Einheimischen waren nicht nur Muse, sie ließen sich auch selbst inspirieren. „Ihre Kunstwerke haben mich schon als Kind auf jedem Weg durch die Stadt begleitet“, erzählt Samuel Bassett. Als Fünzehnjähriger habe er manchmal Stunden in den Galerien von St Ives verbracht. Sein Großvater habe irgendwann begonnen die Farbreste aufzubewahren, mit denen er sein Boot strich. Mit diesen Farben malte er als alter Mann zu verschiedenen Tageszeiten den Hafen und die Fischerboote von St Ives. In immer neuem Licht.
Kunst-Tipps für St Ives
Ein Tipp für alle, die länger in Großbritannien sind: Mit dem Art Pass gibt es Vergünstigungen für viele Museen, darunter die Tate St Ives und das Barbara Hepworth Museum.
Tate St Ives
Am Porthmeor Beach liegt Cornwalls größte Kunstinstitution. Im Tate St Ives bekommen die Künstler eine Bühne, die den Ort zur bedeutendsten Künstlerkolonie in Großbritannien machten. Zu den ersten Künstlern, die hier Inspiration fanden, gehörten William Turner sowie weitere Maler des 19. Jahrhunderts. Ab 1939 entdeckten die Vertreter der Moderne um Barbara Hepworth und Ben Nicholson den Ort für sich. Zu ihnen zählt Terry Frost, der das berühmte Licht in farbige geometrische Formen übersetzte. Ebenso der fünf Jahre jüngere Patrick Heron, der das Glasfenster im Eingangsbereich der Tate in dem für ihn typischen abstrakten, farbigen Stil gestaltete. Ergänzend gibt es ein dichtes Programm an Führungen, Workshops und Vorträgen.
Barbara Hepworth Museum
Barbara Hepworth machte St Ives von 1939 bis zu ihrem Tod 1975 zu einem Epizentrum moderner Kunst. Heute sind in dem kleinen, von der Tate verwalteten Museum mit Garten viele ihrer Skulpturen ausgestellt. Berührend ist vor allem der Blick in ihre Werkstatt: Gipsabdrücke und Werkzeug liegen auf den Tischen, an Wandhaken hängt ihr Arbeitskittel neben denen ihrer Mitarbeiter – man meint, die kettenrauchende Künstlerin käme gleich um die Ecke.
Leach Pottery
Am Stadtrand ist die Werkstatt von Bernard Leach zu besichtigen: Der Töpfer wurde 1887 in Hongkong geboren und wuchs nach dem Tod seiner Mutter bei den Großeltern in Japan auf; später holte ein Onkel ihn nach England. Japan prägte sein Schaffen, auf Reisen ließ sich Leach auch im Orient, in Italien, Frankreich oder Deutschland inspirieren. 1920 gründete er in St Ives seine Töpferei. Heute sind hier Werke von Leach und anderen Künstlern zu sehen und zu kaufen, außerdem töpfern Gastkünstler in den Räumen. Kinder dürfen beim Besuch selbst mit Ton arbeiten.
New Gallery
Eine kongeniale Verbindung: 1945 zog die Künstlervereinigung St Ives Society of Artists, 1927 von George Fagan Bradshaw gegründet, in die verfallende Mariners’ Church. Das Gebäude wurde restauriert – und stellt seitdem als New Gallery dreimal im Jahr ein neues Best Of der Mitglieder aus. Zwischen diesen großen Ausstellungen zeigen auch Künstler von außerhalb hier ihre Werke.
Penwirth Gallery
Rebellion am Tresen: Im Pub „Castle Inn“ protestierten 1949 mehrere Mitglieder gegen die aus ihrer Sicht überholte St Ives Society of Artists – und gründeten mit der Penwith Society of Arts ihren eigenen Club. Mit dabei: Barbara Hepworth, Ben Nicholson, Bernard Leach. Seit 1960 stellt die Gruppe in einer alten Fabrik aus.
Anima Mundi
Die Galerie präsentiert regelmäßig einen neuen Künstler, oft aus der Region. Chef Joseph Clarke hat hier mit viel Engagement eine Perle für die Kunstszene geschaffen, auf den Vernissagen trifft man St Ives’ heutige Künstler.
*Hinweis: Dieser Text ist ursprünglich in der Merian-Ausgabe Cornwall 9/17 erschienen und wurde aktualisiert. Autorin: Inka Schmeling