Stehend begeistert: Eine Ode an den Stau

Bevor es mir später aus Versehen rausrutscht, sage ich es am besten gleich: Ich fahre einen Diesel. Aber das ist noch nicht alles. Ich muss außerdem zugeben, dass es einer dieser Möchtegern-Geländewagen ist, die so viele da draußen fahren, aber scheinbar keiner, wenn’s beim Small Talk ums Klima geht. Also: SUV und Diesel. Sorry schon mal dafür.
Wenn andere am liebsten ins Lenkrad beißen würden, wenn bei vielen der Puls, ticke-tacke, locker die Frequenz des Warnblinkers überholt, weil die Reifen höchstens noch zwei, drei Umdrehungen bis zur nächsten Stoßstange rotieren können, wenn man nicht mehr das Stau-Ende bildet, sondern nunmehr als Vehikel eingebettet worden ist in die schier endlos scheinende Karawane des Stillstands, wenn also das Unvermeidliche auf unerbittliches Unverständnis stößt, hole ich kurz Luft und lächle friedvoll in mich hinein. Weil: Ich liebe Staus.
Ein guter Stau ist ein Geschenk
Also nicht diese Alltagsstaus. Ich meine richtige Staus. Manchmal werde ich sentimental, wenn mein Lieblingssatz im Radio – „Auf den Straßen ist viel los, hier nur die Staus ab 25 Kilometer Länge“ – zu hören ist, weil ich gern drinstecken würde. Meine Frau denkt, ich hätte sie nicht alle. Nur zur Abgrenzung: Stockender Verkehr ist für mich die Hölle auf Erden. Dieses Stop and Go and Stop and Go and Stop and Go and Stop und so weiter hält ja keiner aus. Ein Wadenkrampf im Kopf. Doch lange Staus, wo gar nix mehr geht, die Start-/Stop-Automatik kapituliert, jedes Auto sich wie das fünfte Rad am Wagen anfühlt, die Menschen aus ihren Karossen steigen, sich lässig an die Leitplanke lehnen, ihre Hunde Gassi führen: Die finde ich ausnahmslos toll.
Wir stehen übrigens gerade auf der Panoramica, der alten Autobahn Richtung Florenz, haben die Emilia-Romagna vor wenigen Minuten hinter uns gelassen, es ist August, 35 Grad im Schatten. Von den Autos mit ausländischen Kennzeichen führen die Deutschen mit Abstand. Aber das ist nur eine Schätzung. Warum ich solche Staus liebe? „Was bitte ist so erheiternd an der Tatsache, dass du die nächsten Stunden festsitzt und keine Möglichkeit besteht, daran etwas zu ändern?“, fragen mich Freunde oft. Es mag absurd klingen, aber es ist nur ein Gefühl. Das Gefühl, dass alles, von der steten Terminhatz bis zur Globalisierung, just in diesem Augenblick zum Erliegen kommt, dass man plötzlich sehr viel Zeit hat.
Vor allem aber das Gefühl, dass so ein richtig guter Stau etwas schafft, was heute sehr, sehr selten geworden ist: Er kreiert einen Raum ohne Ausflucht. Einen unbestimmten Ort, wo jede und jeder nach dem Zufallsprinzip dasselbe Schicksal in einem realen Moment mit Familie und Fremden teilen muss. So etwas ist ein Geschenk, finde ich. Und inzwischen wirklich eine Rarität, es kommt meist nur noch bei mittleren bis großen Katastrophen vor.
Der Stau: Eine unerwartete und buchstäbliche Entschleunigung

Ein Stau ist jedoch keine Katastrophe, auch wenn viele ihn so wahrnehmen. Im Gegenteil, er beschwört die sonst bei Psychotherapeuten teuer erkauften Bewusstseinsbestrebungen unserer Zeit zum Nulltarif herauf, indem er uns unerwartet und buchstäblich entschleunigt, sich unsere Aufmerksamkeit krallt wie ein millionenfach geteilter TikTok-Schnipsel. Die Frau im Auto neben uns hat das Fenster runtergelassen und sieht das alles anders. Sie gibt ihrem Partner gut hörbar die Schuld für die Misere, schließlich sei ihr gemeinsames Ziel nun „in weite Ferne“ gerückt.
In die Schuldfrage des Pärchens will ich mich nicht einmischen, aber sein Ziel ist objektiv betrachtet natürlich immer noch dort, wo es auch vor dessen Einfahrt in den Stau lag. Sie kommen ihm lediglich nicht näher. Aber für diese Frau, vielleicht sogar für die meisten Menschen in einem Stau wie im Leben, bedeutet unvorhergesehener Stillstand anscheinend mehr als nur das Ende einer gewünschten Bewegung oder Entwicklung, viele sehen darin einen Rückschritt. Und wer will schon in der Vergangenheit leben, während alle anderen schon via Insta-Story genießen, worauf man selbst seit Monaten hinfiebert? Gegenfrage: Ist diese These des Rückschritts nicht auch nur ein Gefühl?
Dieser Stillstand war nicht vorgesehen, aber irgendwie schön
Ha! Just in diesem Moment klettere ich aus dem Wagen, weil zwei Autos hinter mir mein Kindergartenfreund Ingo aus einem Touran gestiegen ist. Hab ihn eben im Rück- und Seitenspiegel erkannt, obwohl von seinem ehemals dichten, langen blonden Haar nur ein kurzer Kranzansatz übrig ist. Mindestens 15 Jahre nicht mehr gesehen. „Hey Ingo“, rufe ich, „wie zufällig können eigentlich Zufälle sein?“ Manche Erinnerungen sind wie treuherzig schauende Straßenhunde. Sie legen sich hin, wo sie wollen und glotzen dich in aller Seelenruhe schweigend an. Als dunkler Lockenkopf lag ich mit Ingo auf der mit einem spinatgrünen Flokati bedeckten Rückbank unseres Autos. Der Motor brummte gleichmäßig im Wohlfühl-Vibrier-Modus der Achtzigerjahre. Er hatte meine Socken im Gesicht, ich seine, wir zählten die vorbeisausenden Quellwolken am blauen Himmel, spürten die Fliehkraft von 120, vielleicht 140 Stundenkilometern, hörten, wie der Gegenwind am Auto wackelte.
Sekunden später erstarb aus uns unerklärlichen Gründen auf der A8 zwischen Karlsruhe und Stuttgart plötzlich der Gegenwind. Wir schälten uns aus dem Flokati empor und waren fasziniert: Wo unsere Welt eben noch einem bunt-verwischten Pinselstrich glich, die Anzahl der Quellwolken beinahe den zweistelligen Plural überholt hatte, stand nun Karosse an Karosse. Mein Vater zündete sich seufzend eine HB an, ließ das Fenster runter. Der weißgraue Rauch seiner Zigarette, der so schöne Serpentinen zeichnete auf dem Weg zu uns auf die Rückbank, roch süßlich. Der andere, grauschwarz-verrußte Schornstein-Rauch aus den Auspuffen stank. Was uns stutzig machte, war eine andere Tatsache, die uns anscheinend zum ersten Mal klar wurde: Dieser Stillstand war nicht vorgesehen, aber irgendwie schön.
Für die nächsten Stunden rollt hier gar nichts mehr
In meiner Erinnerung setzte sich die Erkenntnis fest, dass die Autobahn-Verkehrsschilder im Vergleich zu jenen in der Stadt um ein Vielfaches größer waren. Und ja, Ingo hatte recht, die Bäume waren nicht ganz so saftig grün, wie sie im Vorbeirauschen wirkten. Wir wurden Teil des Radioprogramms. Dort hieß es, die Autobahn sei „bis auf Weiteres“ gesperrt. Mein Vater fluchte und zündete sich die nächste an.
Hier auf der Panoramica rechne ich mit einem Zeitverlust von mindestens zwei Stunden und hab schon vor der Abfahrt den blauen Karton mit den Familienbrettspielen zwischen die Koffer geklemmt. So, dass er leicht herauszunehmen ist. Für alle Fälle. Ingo erblickt mich und klatscht sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Unmöglich!“, ruft er. Wir umarmen uns, bringen uns gegenseitig auf den aktuellen Stand: Frau, Kinder, Hund, Haus, Auto, Ferienziel. In etwa in dieser Reihenfolge.
Dann grinst er: „Weißt du noch, als dein Vater nicht mehr im Stau warten wollte und den Standstreifen benutzt hat, bis uns die Polizei anhielt?“ Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. „Die Polizisten waren so nett!“, schwärmt Ingo. „Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich Polizist geworden bin. Dein Vater musste denen bis zur Wache hinterherfahren, aber wir bekamen dort Kakao aus dem Automaten.“ Stimmt! „Und mein Vater hat eine Anzeige kassiert. Ab da haben wir immer brav im Stau gewartet, und mein Vater hatte Reise-Brettspiele dabei“, sage ich. „Ich liebe Staus.“ Meine Frau rollt mit den Augen. Immerhin. Denn für die nächsten Stunden rollt hier sonst gar nichts mehr.