Polens wilde Seite: 9 Naturorte zwischen Ostsee und Tatra

Das Nachbarland lockt nicht nur mit sehenswerten Städten: Zwischen Ostsee-Dünen und alpinen Gipfeln finden Reisende unberührte Wildnis und seltene Tierarten. Wir stellen beeindruckende Naturlandschaften in Polen vor. 
Text Mila Krull
Datum24.01.2026

Entlegen, artenreich und oft tausende Jahre alt: Polens Nationalparks und Naturschutzgebiete bilden Europas wildes Herz. Während die Ostseeküste im Norden mit Sandlandschaften, Kliffs und Wanderdünen lockt, überzeugt der Süden mit hohen Gipfeln, Bergseen und einer alpinen Vegetation. 

Nicht nur Pflanzen und Tiere haben diese unberührten Regionen zu ihren Rückzugsorten erklärt. Immer mehr Reisende – seien es Outdoorsportler, Naturfreunde oder Erholungssuchende – entdecken den Reiz dieser versteckten Paradiese. Wir stellen neun besonders ursprüngliche Naturorte in Polen vor.  

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Die polnische Ostseeküste: Kiefernwälder und Wanderdünen

Strand und Küste, soweit das Auge reicht: die polnische Halbinsel Hel

Auf mehr als 500 Kilometern grenzt Polen an die Ostsee. Die abwechslungsreiche Küstenlandschaft setzt sich aus feinen Sandstränden und steileren Felsen zusammen. Neben größeren Ostsee-Ferienorten wie Świnoujście (Swinemünde) und Kołobrzeg (Kolberg) tun sich immer wieder auch menschenleere, nahezu ursprüngliche Abschnitte auf. Einen besonderen Reiz versprüht der Nationalpark Słowiński zwischen Rowy und Łeba. Das UNESCO-Biosphärenreservat beherbergt die größten Wanderdünen Mitteleuropas, die als eines der beliebtesten Ausflugs- und Urlaubsziele Polens gelten. Das wörtliche Highlight ist die Lontzkedüne, deren Höhe je nach Meereswind und Wetter variiert. Mehrere Wander- und Radwege führen durch das vielschichtige Gebiet, das neben den Sandbergen auch Seen, Wälder und Wiesen umfasst. Landschaftlich ebenso einzigartig: die Halbinsel Hel. Durch auflandige Seewinde wuchsen hiesige Sandbänke zu einer bewohnten Landzunge zusammen, die an ihrer schmalsten Stelle nur etwa 150 Meter breit ist.

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Bieszczady-Gebirge: Mit Blick auf die Karpaten

Im Bieszczady-Gebirge finden Reisende Wanderwege für alle Level.

Entlegen und wild: Die Bieszczady-Berge liegen im äußersten Südosten Polens und sind die ersten Ausläufer der nahen Karpaten. Eine dünne Besiedlung, weit entfernte Großstädte und dicht wachsende Wälder sorgen dafür, dass die Region als eine der entlegensten Landschaften in Europa gilt. Dennoch bietet die ursprüngliche Natur ein ideales Terrain für Wanderfans. Grund dafür sind auch die sogenannten Połonina, hoch gelegene Bergwiesen, die oberhalb der Waldgrenze sensationelle Ausblicke auf die sanftgrünen Täler freigeben. Die gut markierten Wanderwege führen zu Berghütten, vorbei an Kirchenruinen oder zu Gipfelkreuzen. Auch das Dreiländereck zwischen Polen, der Slowakei und der Ukraine kann man auf einer der ausgewiesenen Wanderrouten erreichen. Dank der Abgeschiedenheit finden seltene Säugetierarten wie Bären, Wölfe und Luchse im Bieszczadzki-Nationalpark einen sicheren Lebensraum. Ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen und Erkundungen ist das kleine Örtchen Cisna, in dessen typischen Holzhäusern sich einige Herbergen und Wirtschaften befinden.

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Masuren: Im Land der tausend Seen

Beliebtes Erholungsziel in Polen: die Masuren

Nicht ganz so weitläufig wie die Mecklenburgische Seenplatte, aber dennoch eine Reise wert: Die Masurische Seenplatte im Nordosten Polens ist ein Paradies für Wassersportler und Naturliebhaber. Mehr als 2.000 Seen verteilen sich auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie Berlin. Oft sind die Binnengewässer durch Flüsse oder lauschige Kanäle miteinander verbunden. Kajakfahrer und Kanuten schätzen den Fluss Krutynia, der besonders klar glitzert und vorbei an dichten Wäldern, Heideflächen und mehreren Seen führt. 

Mit etwas Glück lassen sich hier Fischadler, Störche, Fischotter, Biber und sogar Elche beobachten. Neben Campingplätzen und Glamping-Unterkünften grenzen auch einige Wellnesshotels unmittelbar an die Seeufer. Zu den kulturellen Sehenswürdigkeiten zählen die Bischofsburg von Lidzbark Warmiński und das Schloss von Malbork. Erwähnenswert ist zudem das einstige Hauptquartier der deutschen Wehrmacht unter den Nationalsozialisten. Die Ruinen der „Wolfsschanze“ sind heute Freilichtmuseum und Gedenkstätte. 

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Białowieża-Nationalpark: Der letzte Urwald Europas

Der Nationalpark Białowieża gilt als einer der letzten Urwälder Europas.

Der Białowieża-Landstrich an der Grenze zu Belarus ist nicht nur einer der ältesten Nationalparks Europas, sondern auch der letzte Flachlandurwald des Kontinents. Was Reisende sonst nur aus den Weiten Kanadas und Alaskas kennen, hat auch in Polens Osten seit mehr als 10.000 Jahren Bestand. Flora und Fauna sind hier nahezu sich selbst überlassen. Dass sich die eindrucksvolle Natur aus Wald, Wiese und Moor derart im Einklang befindet, ist ihren Hauptdarstellern zu verdanken: Den wilden Wisenten, deren Population sich langsam erholt, nachdem sie Mitte des 20. Jahrhunderts als nahezu ausgestorben galten. 

Heute leben im Białowieża-Nationalpark schätzungsweise wieder 500 Wildrinder, die hier als „Landschaftsarchitekten“ fungieren und das Ökosystem durch ihr Grasen, den Transport von Nährstoffen und festigende Wanderungen aufrecht und gesund halten. Die historische Schutzzone, die bereits im 15. Jahrhundert als privates Jagdrevier ihren Anfang nahm, umfasst einen großen Bestand an alten Bäumen, Totholz und naturbelassenen Flächen. Ein Besuch des streng geschützten Kerngebiets des Nationalparks ist nur in Begleitung der lokalen Guides möglich. Rundherum laden Wanderwege und Aussichtsplattformen zu Ausflügen ein.

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Bory Tucholskie: Zwischen Wäldern und Mooren

Heideflächen, Moore und Kiefernwälder bilden die Bory Tucholskie.

Rund 120 Kilometer südlich von Danzig liegt die Bory Tucholskie, eine der weitläufigsten Heide- und Waldlandschaften Polens. Entstanden ist die hiesige Vegetation gegen Ende der letzten Eiszeit, die mit ihrer Gletscherschmelze große Sand- und Sedimentmassen in den Norden des Landes trug. Diese landschaftliche Historie lässt sich etwa am Findling Diabelski kamień bestens erkennen, einem beliebten Ausflugsziel der Region. Die sand- und mineralhaltigen Böden bieten Nadelbäumen wie Kiefern, Tannen, Lärchen und Fichten einen idealen Nährboden. Als Folge intensiver Forstwirtschaft dominiert heute jedoch eine weitestgehend monokulturelle Kiefernvegetation. 

Um dem entgegenzuwirken, stehen einige der verbliebenen Eiben unter besonderem Schutz. Auch die Heideflächen, Moore und Seen zeichnen sich aufgrund ihrer Nährstoffarmut durch geringe Artenvielfalt aus. Dennoch haben sich hier einige seltene Pflanzen wie die Wasser-Lobelie und Vogelarten wie der Seeadler oder der Uhu niedergelassen. Auf einer Länge von fast 50 Kilometern führen Rad- und Wanderwege durch die Bory Tucholskie. Ausgangspunkt für Besuche im kostenpflichtigen Nationalpark ist die nahe Stadt Chojnice. Auch sie gibt mit ihrem historischen Marktplatz, mehreren Kirchen und einer mittelalterlichen Stadtmauer ein beliebtes Ausflugsziel ab. 

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Nationalpark Wolin: Steilküsten und Seeadler

Der Aussichtsturm am Berg Kawcza gibt den Blick auf die blau-grüne Ostsee frei.

Unmittelbar hinter der deutsch-polnischen Grenze zeigt sich die Ostseeküste von ihrer aufregenden Seite. Östlich von Swinemünde lockt der Nationalpark Wolin (Woliński Park Narodowy) mit langen Sandstränden und bis zu 90 Meter hohen Steilküsten. Der Park besteht bereits seit 1960 und umfasst ein 110 Quadratkilometer großes Gebiet, das sich aus Küstenabschnitten, einem flachen Hinterland und artenreichen Mischwäldern zusammensetzt. Ein beliebter Anlaufpunkt ist der Berg Kawcza, auf dem sich eine hölzerne Aussichtsplattform befindet, von der aus dutzende Treppenstufen an den tiefer gelegenen Strand führen. 

Ebenfalls sehenswert: Jezioro Turkusowe, der Türkissee, dessen Farbe dank des kalkhaltigen Grundes je nach Lichteinstrahlung in satten Blau- und Grüntönen leuchtet. Viele Urlauber statten auch dem angrenzenden Küstendorf Międzyzdroje mit seiner Promenade samt Seebrücke einen Besuch ab. Hier finden alljährlich wichtige Kulturveranstaltungen wie das Festiwal Gwiazd – ein Filmfestival – sowie ein Chorfestival statt. 

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Nationalpark Drawa: Naturbelassene Flussufer

Die Drawa gilt als Paradies und zugleich Herausforderung für Kanuten.

Zwischen Szczecin (Stettin) und Poznań (Posen) finden Naturfreunde den  Drawieński Park Narodowy, den Drawa Nationalpark. Namensgebend ist der Fluss Drawa, der die Region, ebenso wie die Płociczna, mit seinen vielen Armen und Nebenläufen durchzieht. Zwar gilt die Drawa als einer der schönsten Wasserläufe des Landes, zugleich bergen Kanu- und Kajakfahrten Herausforderungen, etwa durch starke Strömungen, schwer passierbare Teilstücke, dichten Urwald und jede Menge Totholz. Dieses wiederum bietet zahlreichen Tieren einen blühenden Lebensraum; unter anderem fühlen sich Biber, Otter, Dachse, Fischadler und Meerforellen hier heimisch. Formgebend für die heutige Gestalt des Nationalparks waren die Gletscherbewegungen der letzten Eiszeit, deren Schmelzwasser sich hier zu über 20 Seen und mehreren Flussläufen abgesetzt hat. Zu den größten Binnengewässern zählt der Jezioro Ostrowite, ein klarer See mit mehreren kleinen Inseln. Rund um die Ortschaften Dobiegniew und Człopa finden sich mehrere Ferienhöfe, Campingplätze und Hotels. 

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Tatra-Nationalpark: Polens Hochgebirge

Alpine Aussichten: das Tatra-Gebirge im Süden Polens

Wo Polen mit Alpenflair punktet: Ganz im Süden des Landes, an der Grenze zur Slowakei, geben schroffe Felsen, Granithänge, tiefe Talkessel und Gletscherseen den Ton an. Am Fuße des Tatra-Gebirges liegt der gleichnamige Nationalpark, der für seinen Berg- und Wandertourismus bekannt ist. Neben Murmeltieren, Gämsen und zahlreichen Vogelarten sind hier auch Braunbären heimisch. Die dichte Population führt zu gelegentlichen Aufeinandertreffen mit Menschen. Kurz nach und vor dem Winterschlaf, also im März und April sowie von September bis November, sind die Tiere besonders aktiv. 

Wörtlicher Höhepunkt der Region ist der Grenzberg Rysy, von dessen zwei Gipfel je einer in Polen und in der Slowakei aufragt. Die polnische Seite markiert mit ihren 2.499 Metern zugleich den höchsten Punkt des Landes; das Gipfelkreuz wird regelmäßig von erfahrenen Bergsteigern erklommen. Auch unterhalb der Baumgrenze finden sich sehenswerte Ausflugsziele: Der Morskie Oko, das Meerauge, ist ein kristallklarer Bergsee, der von steilen Felshängen und Nadelwald umgeben wird. 

Ein neun Kilometer langer Wanderweg führt vom Ort Palenica Białczańska zum See, für den Aufstieg benötigen Besucher etwa drei Stunden. Ein weiteres Naturspektakel liegt nördlich des Sees: Der Wasserfall Wielka Siklawa zählt zu den höchsten des Landes, sein Wasser fließt aus rund 70 Metern Höhe mehrere Felsenterrassen hinunter. Als Ausgangspunkt für sämtliche Ausflüge dient Zakopane, die nördlichste Stadt Polens. Ihr Charakter ist von rustikalen, traditionellen Holzhäusern geprägt. In den schneereichen Monaten verwandeln sich Zakopane und Umgebung in ein Paradies für Wintersportler. 

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Pieninen: Wilder Fluss und sanfte Täle

Traditionelle Floßfahrten auf dem Fluss Dunajec

Aufgrund ihrer Nähe zum Tatra-Nationalpark werden die Gipfel und Täler der Pieninen des Öfteren übersehen. Zwar zeigen sich Bergkuppen und Felswände rund 100 Kilometer südlich von Krakau deutlich weniger alpin und steil als die Karpaten-Ausläufer, dennoch geht von der wilden Region eine hohe Anziehungskraft aus. Hauptdarsteller ist der Fluss Dunajec, der sich spektakulär durch Wälder, Kalksteinfelsen und dicht bewachsene Ufer windet. 

Gekrönt wird der Anblick von der Dunajec-Schlucht, die auf rund neun Kilometern durch meterhohe Steilwände führt. Den besten Blick auf diesen Naturort haben Wanderer vom Gipfel der Trzy Korony („Drei Kronen“). Wer die Aussicht lieber von unten genießen will, unternimmt eine traditionelle Floßfahrt. In den schneefreien Monaten steuern erfahrene Flößer die Holzboote geschickt durch den Flusslauf, während sie Wissen und Geschichten über ihre Heimat teilen. Vor allem der milde Frühling und der farbenreiche Herbst eignen sich als Reisezeit.