Ein Haus und seine Geschichte: The Fife Arms im schottischen Braemar

Eine Arbeitsstelle fällt in diesem Hotel schon mal weg, das Klavier spielt selbsttätig. Mal stimmen die Tasten das vom Grammy-Gewinner Robert Glasper komponierte „Still Shining“ an, mal den „Titanic“-Soundtrack. Das Szenario hat etwas Magisches, wobei die Auswahl sich schlichtweg per iPad treffen lässt. „Apollo/Still Shining“ heißt dieses Kunstwerk, das seinen Weg in die Lobby eines sehr besonderen Hotels gefunden hat.
Magisch – oder wie das Betreiberpaar sagt: spirituell – ist vieles an diesem in den schottischen Highlands gelegenen Ort. Vom Flughafen Edinburgh kurvt der Wagen zweieinhalb Stunden über grasiges Hügelland, für einen flauen Magen braucht es kein vorangegangenes Whiskytasting. Innerhalb von Minuten wechseln sich Sonne und Regen ab, was zu mehreren, die Fahrbahn überspannenden Regenbogen führt. Ziel der Fahrt ist ein Dorf mit 450 Einwohnern, vier Kirchen, zwei Pubs, einer Fish-&-Chips-Bude, einer Handvoll Kunst- und Kruschtläden und einer exzellenten Patisserie.
Kurz hinter der Ortsausfahrt steht ein stattliches Castle. Mitten im Ort, auf einer von Tribünen umgebenen Rasenfläche, finden jeden September die ältesten Highland Games des Landes statt, in Anwesenheit mindestens eines Mitglieds der Königsfamilie.
„Leicht fällt es, sich in die Cottages von Braemar zu verlieben“

Ganz schön was los in Braemar! Leicht fällt es, sich in dessen puppenstubenhafte Cottages zu verlieben. Genauso ging es Queen Victoria, die 1864 angesichts eines kurzen Pferdewechselstopps in ihrem Tagebuch notierte: „Nie sah das Tal von Braemar lieblicher aus.“ Viele Jahrzehnte später scheint es Manuela und Iwan Wirth ganz ähnlich ergangen zu sein. Nach ihrem ersten Besuch in der Gegend erwarb das Paar direkt eine Wohnung. Bald darauf fiel ihr geschulter Blick auf ein in seiner Verwahrlosung noch immer Ehrfurcht gebietendes Haus im Ortszentrum. Erbaut 1854, diente das Fife Arms (sein Name bezieht sich auf den Duke der Grafschaft Fife und den lokalen Begriff für eine Unterkunft) immer als Hotel, zuletzt allerdings als eines ohne Gäste.
Könnte man nicht …? Die Wirths konnten, querfinanziert durch ihre 1992 in Zürich gemeinsam mit Ursula Hauser, Manuelas Mutter, gegründete Galerie. Mit Künstlerinnen und Künstlern wie Louise Bourgeois, Isa Genzken, Cindy Sherman und Mike Kelley zählt Hauser & Wirth zu den renommiertesten Galerien der Welt.
„Eine Adresse von einnehmender, aber nicht einschüchternder Noblesse“

Vier Jahre brauchten die neuen Inhaber, um einer von der Zeit und dem rauen schottischen Klima gezeichneten Dame neues Leben einzuhauchen. Für die Innenausstattung wurde das Londoner Russell Sage Studio engagiert. Die Wirths und ihre Mitarbeitenden stöberten derweil in Antiquariaten und Galerien, bei Auktionen und Haushaltsauflösungen, sie kuratierten, renovierten und restaurierten mit schweizerischer Präzision.
2018 wurde eröffnet, als eine Adresse von einnehmender, aber nicht einschüchternder Noblesse. Goldene Lettern auf der zartroten Sandsteinfassade weisen den Weg, schon beim Betreten des Hauses umfängt die Besucher Kaminduft. Knarzendes Parkett, knackendes Brennholz, Samtsofas und Perserteppiche. Auch ein Labrador gehört zum Inventar. Um den Kamin rankt eine Mahagoniholzszene aus dem Leben des schottischen Nationaldichters Robert Burns.
„Bei allem Gucken nicht das köstliche kulinarische Angebot versäumen!“
Moment mal, hängt da etwa ein echter Picasso? Ja, und ein weiterer im Nebenraum, nicht einmal von Glas geschützt. Kunst kennt hier keine Berührungsängste. 14.000 regelmäßig ausgetauschte Positionen umfasst die hauseigene Sammlung. Dazu gehören Militaria, Keramik und Steine, jakobinisches Geschirr und chinesische Jadeblumen, Textilarbeiten von Louise Bourgeois, Hirschzeichnungen von Queen Victoria herself und Landschaftsaquarelle des amtierenden King Charles – dem eine frühere Hotelbesucherin dereinst beim Pilzesammeln in die Arme lief.
Neben der Rezeption schaukelt ein mit Neonschrift und Glasgeweihen versehener Kronleuchter des US-Künstlers Richard Jackson. Auch auf Alec Finlays handgezeichnete Landkarte passt die Bezeichnung site specific, also exklusiv für diesen Ort entstanden, ebenso auf die von Zhang Enli bemalte Kaminzimmerdecke, deren Wellenmuster auf die lokale Geologie verweist. Im ersten Stock sitzt eine lebensgroße Queen-Elizabeth-Attrappe im Schaukelstuhl, und über das ganze Haus sind ausgestopfte Wildtiere verteilt. Die vielen Geweihe immerhin haben nichts mit dem Tod ihrer Träger zu tun, sie fallen im Laufe eines Hirschlebens mehrmals ab.
Verlieren kann man sich in den handbemalten viktorianischen Tapeten, deren Muster sich in den Tweed- und Tartan-Stoffen der Mitarbeiteruniformen wiederfinden. Entworfen sind die von der aus der Region stammenden Designerin Araminta Campbell. Bei allem Gucken aber bitte nicht das umfangreiche und köstliche kulinarische Angebot versäumen!
„Gäbe es den Afternoon Tea noch nicht, er müsste hier erfunden werden“

Zum Frühstück gibt es Lachsrösti und mit Whisky verfeinerten Porridge. Mittags bietet sich der hauseigene Pub The Flying Stag an, dessen Name sich auf jenes Mischwesen aus Hirsch und Schneehuhn bezieht, das als hoteleigenes Wappentier dient. An der Wand hängen aus Zweigen geformte Geweihe und eine Kopie von Caravaggios Kartenspielern, auf der Speisekarte stehen schottische Kleinigkeiten. Gäbe es den Afternoon Tea noch nicht, er müsste hier erfunden werden: Lobster Roll und Ei-Sandwich, Victoria-Sponge-Cake sowie Scones mit Erdbeermarmelade und Clotted Cream. Abends dann verwöhnt der Clunie Dining Room, dessen Name auf den sich in Sichtweite windenden Fluss verweist. Gegessen wird dort unter dem wachenden Blick eines ausgestopften Hirschs und einem großflächigen Wimmelbild von Pieter Brueghel dem Jüngeren, irgendwas zwischen Bauernfest und religiöser Prozession. Hoch die Krüge!
Ausklingen darf der Tag so, wie er begonnen hat, am knisternden Kamin bei einer Kanne Lapsang-Rauchtee. Als Lektüre bieten sich die unzähligen Bildbände an, konsequent bei einer Topgalerie. Wem eher nach etwas Hochprozentigem zumute ist, der begibt sich in Elsa’s Bar, zu Ehren der Lebefrau Elsa Schiaparelli, die im Fife Arms dereinst Station machte. Zwischen Man-Ray- und Hans-Bellmer-Fotografien wird in dem pink nuancierten Salon auf Hummeruntersetzern ein Signature Cocktail aus hausgemachtem Gin, Hibiskussaft und Ingwerwein serviert. Golden schimmert es hingegen in Bertie’s Bar, die mehr als fünfhundert Sorten Whisky anbietet.
„Es ist nur eine von vielen Geschichten, die dieses besondere Haus zu erzählen hat.”

46 Zimmer hat das Haus. Jedes ist einzigartig, gewidmet sind sie alle schottischen Ereignissen oder Persönlichkeiten. In jenem der Medizinerin Elsie Inglis zieren Röntgenbilder das rosarote Bad. Ein anderes erinnert daran, dass Lord Byron sich in Braemar von einer Scharlachinfektion erholte. Dem Botanisten David Douglas wird per Waldtapete und Kiefernzapfenaquarellen gedacht. Die größte Suite zollt Queen Victoria Tribut, darin wohnte einst der Titanic-Architekt William Pirrie.
Als Alternative zur mit Porzellanarmaturen versehenen Badewanne bietet sich die Sauna mit Blick in den verwunschenen Garten an, gestaltet von der Landschaftsarchitektin Jinny Blom. Das Klavier, dessen Melodien pünktlich ab 17 Uhr das Haus auf einen weiteren kaminfeuergemütlichen Abend einstimmen, stammt übrigens vom Kalifornier Mark Bradford. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass die Oberfläche einem Sternenhimmel nachempfunden ist. Gefertigt wurde er aus jenem Papier, das die Mutter des Künstlers in ihrem in Los Angeles gelegenen Friseursalon zum Dauerwelleneindrehen nutzte. Es ist nur eine von vielen Geschichten, die dieses sehr besondere Haus zu erzählen hat. Am besten, man setzt sich mit einem Whisky oder einem in Whiskyfässern gelagerten Tee an den Kamin und hört einfach zu.