Ein Haus und seine Geschichte: Das Grand Hotel Timeo

Die Erfolgsgeschichte des Grand Hotel Timeo in Taormina begann mit zurückhaltender Skepsis, die zügig in grenzenlose Euphorie umschwang. Mittlerweile macht Siziliens erstes Haus seit mehr als einem Jahrhundert von sich reden.
Text Eva Biringer
Datum20.02.2026

Auf dem Weg von der Rezeption zu dieser unwirklich schönen Terrasse steht ein Gemälde auf einer Staffelei. Im Vordergrund: grüne Hügel und Ruinen, Rundbögen geben den Blick auf eine Bucht frei. Dahinter ragt ein schneebedeckter Berg in die Höhe, von seiner Spitze steigt Rauch auf. Es ist der Ätna, Siziliens Wahrzeichen. 

Seit über eineinhalb Jahrhunderten lockt diese unscheinbare Szene Menschen aus aller Welt an, Lebenskünstler und Tagträumerinnen, Genusssüchtige und Ruhesucher. Anders ausgedrückt: Das im 19. Jahrhundert entstandene Gemälde des Berliner Künstlers Otto Geleng ist ein frühes Beispiel für einen ziemlich gelungenen PR-Coup.

Grandezza, Sprezzatura und Dolce Vita im Grand Hotel Timeo

Den Ausblick von der Timeo-Terrasse hat schon manch prominenter Gast genossen.

Das Hotel, in dem es sich befindet, ist Teil eines 10.000-Einwohner-Städtchens, hingeduckt an die steilen Hänge von Siziliens Ostküste, gegründet 358 vor Christus vom griechischen Herrscher Andromachus. Lange Zeit war Taormina ein Dorf der Fischer, Bauern und Schafhirten, aber auch eines der Kultur. Über Taorminas Teatro Greco schrieb der italienversessene Goethe 1787, kein Publikum eines anderen Theaters dürfe sich einer solchen Aussicht erfreuen. 

Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich das Grand Hotel Timeo. Vom schmiedeeisernen Tor führt der Weg unter einer efeuumrankten Pergola hindurch, vorbei an einer zu Dekorationszwecken geparkten Dior-Vespa, zur Rezeption, die ein hohes Gewölbe krönt. 

Wer von dort den Kopf nach rechts wendet, ahnt bereits, welch Postkartenpanorama sich beim ersten Espresso oder Etna Spritz bieten wird – der Name ist Programm. Der noch immer aktive Vulkan, gleichwohl vierzig Kilometer entfernt, scheint zum Greifen nah. Von der Terrasse geht der Blick ebenfalls auf einen selbst in der kalten Jahreszeit verschwenderisch blühenden, groß angelegten Garten. Jasmin und Mandelbäume wetteifern mit Palmen und Bougainvilleen, vom Baum gefallene Zitronen kullern durchs Gras, der reinste Überfluss. Ein Ort der Sprezzatura, wie die Kunst der Mühelosigkeit heißt, der Grandezza, des Dolce Vita.

Von einem Künstler, der sie alle einlud

Wer hätte gedacht, dass all das einem deutschen Künstler zu verdanken ist? Wobei die Geschichte des Grand Hotel Timeo einige Jahre früher beginnt. 1850 baute ein gewisser Don Francesco La Floresta direkt unter dem Teatro Greco ein Haus für sich und seine Familie. Durch den Verkauf der elterlichen Zitrusplantage erwarb er ein weiteres angrenzendes Gebäude und machte dreiundzwanzig Jahre später das erste Hotel seines Heimatorts daraus, benannt nach dem Sohn des griechischen Stadtgründers. Schon bald zog das Timeo Künstler aus aller Welt an, darunter Professor Biermann von der Königlichen Akademie Berlin. 

Werbeschild: Das Gemälde von Otto Geleng zeigt das Teatro Greco von Taormina.

Dessen Darstellungen des Teatro Greco wiederum bekam sein Schüler Otto Geleng zu Gesicht, woraufhin auch dieser die Koffer packte. Seine in Taormina entstandenen Aquarelle zeigte Geleng in Paris – und erntete Spott. Als kitschig und manieristisch wurden seine Szenen des rauchenden Ätnas neben blühenden Mandelbäumen bezeichnet, als lächerlich blau das Ionische Meer. Ungefähr so, wie heute bei allzu perfekten Schnappschüssen der Verdacht von künstlicher Intelligenz oder Photoshop aufblitzt. Woraufhin der Berliner seine Kritiker nach Sizilien einlud.

Der Deal: Sollten sie seine Bilder dann noch immer als Hirngespinste brandmarken, würde er ihnen Reise und Unterkunft bezahlen. Im Fall des Gegenteils seien sie verpflichtet, seine Arbeiten zu kaufen und Taormina in der Presse bekannt zu machen. Sie kamen, sie sahen, Geleng siegte – und löste einen regelrechten Tourismushype aus. Wer fläzte sich nicht schon alles in den Korbsesseln dieser schönen Terrasse: Madonna und Elizabeth Taylor, der Fürst von Monaco und die Prinzessin von Schweden, Valentino Garavani und Elton John. Bob Dylan soll das geheime Treppenhaus bevorzugt haben. Kaiser Wilhelm II. mietete dereinst das ganze Hotel, Richard Wagner schaffte es gerade noch rechtzeitig, ein Jahr vor seinem Tod.

Päpste, Popstars, Präsidenten zu Gast

Wie jeden Morgen ist Rosa Castorina am Frühstücksbuffet anzutreffen, hinter den mit Scamorza, Prosciutto und Cornetti bestückten Vitrinen. Die Uniform sitzt, genau wie ihr avernabraunes Haar, tadellos. Ihre Deutschkenntnisse erwarb sie zusammen mit ihrer Käsekuchenliebe in Braunschweig. Drüben an der Saftbar ist ein Getränk nach ihr benannt, Rosas Geheimnis, mit allem, was der saisonale Obstkorb hergibt. 

Niemand im Haus ist länger hier als die aus der Nähe von Catania stammende Donna mit den edlen Gesichtszügen: siebenundzwanzig Jahre. „Was könnte ich Ihnen Geschichten erzählen! Von Gräfinnen und Geistern, von betagten Paaren, die zum Sterben herkamen, von Sonderwünschen aller Art.“ 

Abtauchen zwischen Meer und Vulkan

Richard Gere und Mark Zuckerberg hat sie schon bedient, ebenso den Papst und Eros Ramazzotti. „Tom Cruise feierte hier seinen vierzigsten Geburtstag. Da war was los!“ Beim G7-Gipfel 2017 gab sich Donald Trump die Ehre und war derart von den hausgemachten Tortelli begeistert, dass er den Koch in die USA einfliegen ließ. Roberto Toro heißt dieser Künstler am Herd, sein gerade mal acht Tische umfassendes Restaurant Otto Geleng, nach besagtem deutschem Maler benannt, trägt einen Michelin-Stern. 

Schon seit 20 Jahren hält der Sizilianer dem Haus die Treue. Länger, wenn auch nicht ganz so lang wie Donna Rosa, hält Giovanni Crisafulli als Frühstücksmaître die Stellung. Dann wäre da noch die aus Frankreich stammende Cathrine und der ausschließlich für Cannoli und Granita zuständige Piedro, auch so ein Urgestein. Es ist nicht zuletzt die langjährige Erfahrung und spürbar von Herzen kommende Gastfreundschaft der rund zweihundert Mitarbeitenden, die dieses Haus vom durchschnittlichen Luxushotel abhebt.

Große Bühne: Die Theatersuite im Grand Hotel Timeo

Was für ein Theater! Die Suiten im Grand Hotel Timeo

Volle zwei Jahre blieb Truman Capote für die Arbeit an „Breakfast at Tiffany’s“; was Audrey Hepburn möglicherweise 1962 dazu veranlasste, ihre Auszeichnung als beste ausländische Schauspielerin im gleichnamigen Film ebenfalls hier zu feiern. D. H. Lawrence verfasste im Timeo seinen Roman „Lady Chatterley’s Lover“. Als Inspiration diente angeblich Lady Florence Trevelyan, eine englische Aristokratin, die 1881 zu Überwinterungszwecken eine komplette Hoteletage mietete. Anzutreffen war sie am Strand spazierend oder lesend in den Ruinen des Theaters. 

Als einer ihrer fünf Hunde krank wurde, verliebte sie sich in den Tierarzt Doktor Cacciola, kehrte ihrer unwirtlichen Heimat den Rücken und zog in dessen neben dem Timeo gelegene Villa. Ihr grüner Daumen kommt dem Hotel bis heute zugute, schließlich war Lady Trevelyan es, die den terrassierten Garten anlegte. 

Heißer Anwärter auf den Titel „bestes Panorama“ ist auch die Theatersuite, jenes bühnengroße Zimmer im obersten Stock des ältesten, von 1850 stammenden Gebäudeteils. Linker Hand geht der Blick auf die griechische Ausgrabungsstätte, rechter Hand auf das Ionische Meer. Goethe hätte bestimmt den Daumen gehoben. Hinzu kommen Marmorböden, Aqua-di-Parma-Seifen der eigenen Hotellinie und ein Kingsize-Bett mit freier Sicht auf jene Stadt, über die Guy de Maupassant dereinst urteilte: „Hätte jemand nur einen Tag Zeit für Sizilien und würde fragen, ‚was muss ich sehen?‘, würde ich ohne zu zögern ‚Taormina‘ antworten; ein Ort, der alles bietet, um Auge, Geist und Vorstellung zu verführen.“ 

Hideaway zwischen Himmel und Erde

Dieser Ort stand, wie die ganze Insel, mal unter griechischer, mal unter römischer, dann wieder unter byzantinischer, arabischer, normannischer, spanischer Herrschaft. Sie alle haben Spuren hinterlassen in Taorminas Kulinarik und Architektur. Zwischen den Torbögen Porta Messina und Porta Catania schlängelt sich eine Fußgängerzone durch das Städtchen, die neben Dolce-&-Gabbana-Cafés und Louis-Vuitton-Bars, Pistazieneisdielen und Süßwarengeschäften mit Amore im Namen Platz lässt für Pizzerien, in denen auch Einheimische einkehren.

Nicht nur angesichts der sieben Kirchen verkündete der Theologe John Henry Newman 1833, in Taormina fühle er sich dem Himmel so nah wie nirgendwo sonst: „Würde ich hier leben, ich wäre ein besserer und tiefreligiöser Mann.“ (Es ist anzunehmen, dass er das von Berufs wegen war.) Wobei das Städtchen auch eine wilde Seite hat, in der Vergangenheit jedenfalls: Tennessee Williams schätzte das gewisse Maß an Freiheit, das er und Lebensgefährte Frank Merlo hier fanden. Rauschende Feste wurden in jener Villa Flora gefeiert, die 1913 als Privathaus des lokalen Adelsgeschlechts Famà entstand und inzwischen zum Grand Hotel Timeo gehört. 

Kopf ausschalten: Der Blick von der Terrasse des Timeo auf das Ionische Meer

2010 übernahm die britische Hotelkette Belmond das Regiment, neun Jahre später stieg der Luxuskonzern LVMH ein. 2026 stehen einige Veränderungen an. Die Villa Timeo wird renoviert, die Zimmer und Garten-Suiten neu gestaltet. Zur das ganze Haus betreffenden Schönheitskur gehört der Bau eines großzügigen Spas

Unberührt hingegen bleiben die Marmorkamine und blank polierten Mahagonischränke, die mit Fresken und Stuck verzierten Decken, die Kronleuchter und pittoresk verschnörkelten Eisenfenster. Ebenso der paradiesische Garten, in dem man zwischen Grillbar und Ätna-Blick-Pool leicht verloren gehen kann. Orientierung geben fröhlich-bunt bemalte Gartenmauern. „Colouring the World“ heißt die 2022 entstandene Arbeit des Kameruner Künstlers Pascale Marthine Tayou. Kunst spielt nämlich noch immer eine Rolle im Grand Hotel Timeo. Wie könnte sie nicht nach Otto Gelengs gutem Werk.