„Fazination Europa“: Naturfilmer verrät, wo der Kontinent noch wild ist

Karpaten, Spitzbergen, Azoren: Auch Europa kann Naturspektakel. Filmemacher Christian Baumeister bereiste die entlegenen Ecke des Kontinents und erlebte dabei nicht nur menschenleere Wildnis, sondern auch einmalige Tierbegegnungen.
Datum09.10.2026

Dass Sibirien, der Amazonas und Patagonien großes Wildniskino sind, wusste Naturfilmer Christian Baumeister bereits. Wie wild Europa ist, erkannte er erst während der Dreharbeiten für eine Doku-Serie über den Kontinent. Für die ARD-Produktion  „Faszination Europa“ bereisten er und sein Team unter anderem die Azoren, Spitzbergen und die Karpaten, aber auch urbane Lebensräume wie London, in denen das tierische Leben blüht. 

Wir haben mit dem Filmemacher über die entlegenen Gegenden des Kontinents gesprochen, über berührende Tierbegegnungen und über die besten Orte für Wildnis-Erlebnisse in Europa.

Den Eisbären ganz nah kam Naturfilmer Baumeister in Spitzbergen.

Merian: Sie haben viele Naturfilme gedreht, von Russland bis Südamerika. Wie gut kannten Sie Europa?

Christian Baumeister: Ich kannte Europa am Anfang des Projektes nicht so gut. Dabei gibt es hier viele einzigartige Naturräume und atemberaubende Landschaften. Denkt man an Afrika, ist in der Vorstellung alles wild und riesig – dabei vergisst man schnell, dass der Kontinent teilweise sehr dicht besiedelt ist und es auch dort viele Städte gibt. Bei Europa ist die Wahrnehmung andersherum: Man sieht die Städte und Kulturlandschaften, dabei gibt es tatsächlich auch bei uns noch riesige Wildnisgebiete. Wir haben auch einige Tiergeschichten entdeckt, die überhaupt noch nie gefilmt worden waren. 

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie dann eine große Europa-Reihe gemacht haben? 

Die Idee entstand zusammen mit der Redaktion auf einem Filmfestival in Cannes. Uns war aufgefallen, dass Europa als Naturraum noch nie umfassend in einer Hochglanz-TV-Serie gefeaturt wurde. Auch nicht von den Engländern, die im Bereich aufwendiger Naturdokumentationen führend sind. 

Welches Gebiet hat Sie besonders beeindruckt? 

Spitzbergen. Es ist der Wahnsinn, wenn man mit dem Schneemobil durch diese weiten Landschaften fährt und dann irgendwann Eisbären entdeckt. Das war auch meine erste Erfahrung mit so extremer Kälte, unter minus 30 Grad. Und gleichzeitig war es erschreckend zu sehen, wie sehr Spitzbergen schon vom Klimawandel betroffen ist. Wir hatten an einem Tag minus 30 Grad und einen Tag später sind die Temperaturen plötzlich bis null Grad hochgeschossen. 

„Der Kaukasus war eine echte Entdeckung“

Beste Walbeobachtungschancen hat man auf den zu Portugal gehörenden Azoren.

Wo hat das europäische Festland noch große Wildnisgebiete? 

Der Kaukasus war für mich eine echte Entdeckung. Ein riesiges Gebirge, viel größer als die Alpen, da gibt es noch unbekannte Naturräume – und die letzten persischen Leoparden. Es sind nur noch wenige Dutzend, die durch diese Berge ziehen. 

Gab es brenzlige Begegnungen? 

Auf einer Insel in Nordmazedonien haben wir Würfelnattern gefilmt, aber es gab dort auch Hornvipern – sehr giftige Schlangen. Daran mussten wir uns hin und wieder erinnern, wenn wir auf der Suche nach Würfelnattern Steine umdrehten. Und dann waren wir in Rumänien und haben Bären gefilmt. Wir wollten Aufnahmen machen, wie ein Braunbär einen Ameisenhaufen auseinandernimmt. Der Bär kam tatsächlich, stand dann aber auch mal gut einen Meter vom Tarnzelt entfernt, in dem unsere Crew saß. Denen ging schon die Pulsfrequenz hoch. 

Wo waren die Dreharbeiten besonders herausfordernd? 

Bei einer Serie mit über 1.000 Drehtagen, an 50 Locations in 30 Ländern gab es natürlich einige Herausforderungen. So wollten wir vor den Azoren Blauwale filmen. Die ziehen dort einmal im Jahr vorbei. Im ersten Jahr hatten wir eine Woche Sturm und sahen keinen einzigen Wal. Im zweiten Jahr lagen wir drei Wochen im Hafen, weil das Wetter erneut zu schlecht war, um rauszufahren. Dann kam endlich ein Wetterumschwung – aber keine Wale. Das halbe Team war schon abgereist. Am letzten Drehtag sind die Blauwale dann doch noch aufgetaucht, gleich mehrere. Und zu allem Überfluss surfte auf ihren Bugwellen eine Gruppe Delfine. Man hatte also auch den direkten Größenvergleich.

Gab es eine Tierbegegnung, die Ihnen besonders nahegegangen ist? 

Einer der schönsten Momente war, als ich meinen ersten Eisbären gesehen habe. Das war auch eines der besten Bilder, die ich gemacht habe: tief stehende Sonne, und dann kam ganz in der Ferne der Bär und lief über diese endlosen Eisflächen. Da habe ich für einen Moment einfach nur die Weite der Natur gespürt und alles Menschliche vergessen. 

„Auch in der Kulturlandschaft kann man Tiergeschichten entdecken“

Nachts übernehmen in London die Füchse das Kommando.

Wie wild ist Europa insgesamt noch? 

Im Osten und im Norden gibt es riesige Gebiete, die noch sehr unberührt sind. Leider konnten wir durch den Ukrainekrieg einige der weitläufigsten Regionen gar nicht besuchen: Russland, Belarus, die Ukraine. Wir wollten ursprünglich nicht nur auf Spitzbergen drehen, sondern auch auf Franz-Josef-Land, dem nördlichsten Punkt, an dem Europa noch Inseln hat. Aber auch über den ganzen Kontinent verstreut gibt es kleinere Gebiete, Inseln der Natur. Und selbst in der Kulturlandschaft kann man noch faszinierende Tiergeschichten entdecken. 

Was gibt es in Städten zu finden?

In London leben über 10.000 Füchse, viel mehr als auf dem Land, wo sie bejagt werden. In der Stadt haben sie sich perfekt angepasst und stören sich kaum an den Menschen. Ebenso spannend waren die Moskitos in der Londoner U-Bahn. Die haben sich dorthin zurückgezogen, weil es warm ist, machen keinen Winterschlaf und vermehren sich ganzjährig – und sind dabei, eine eigene Art zu bilden, die nur in der U-Bahn vorkommt. Und dann gab es noch die Bibliothek in Mafra, Portugal. Eine riesige alte Bibliothek, in der Fledermäuse eine wichtige Rolle spielen: Die Bibliothekare lassen seit Generationen nachts die Fenster offen, damit Fledermäuse reinkommen und jene Insekten jagen, die die Bücher zerfressen. 

„Man muss nicht unbedingt nach Afrika fliegen“

Nachdem der Naturfilmer Christian Baumeister auf der ganzen Welt unterwegs war, beeindruckte ihn die Wildheit von Europa.

Welche Rolle spielt Ökotourismus im Naturschutz? 

Eine sehr, sehr wichtige. Wenn es ein ökonomisches Interesse gibt, Tiere zu schützen, funktioniert das weltweit. Es kommt sehr darauf an, ob dieser Ökotourismus naturverträglich gemacht wird. Das Schöne ist: Man muss nicht unbedingt nach Afrika fliegen, auch in den Naturgebieten in Europa findet man viele spannende Tiergeschichten. 

Welche Orte würden Sie Menschen empfehlen, die Wildnis in Europa erleben wollen? 

Das hängt vom Interesse des Einzelnen ab. Will man in den Norden, wo es kalt und ursprünglich ist? Oder hat man es lieber mediterraner? Es gibt die großen Gebirgslandschaften, die Alpen, die Karpaten. Es gibt so viele tolle Gebiete in Europa. 

Wie sieht es in Deutschland aus? 

Deutschland ist wahnsinnig dicht besiedelt und echte Wildnis ist schwer zu finden. Selbst in großen Nationalparks wie dem Wattenmeer gibt es Schiffsverkehr, man sieht fast an jedem Punkt irgendwelche Zeichen der Zivilisation. Weniger als ein Prozent der Fläche Deutschlands ist heute noch wirklich naturbelassen. Trotzdem erlebt man auch hier wunderschöne Naturräume und Tierbegegnungen.