Reise nach Gabun: Heimat der Gorillas und Schimpansen

Es sind schon sonderbare Wesen, diese Menschen! Wie ungelenk sie sich durch den Urwald bewegen und mitleiderregend mit Schlingpflanzen und Blutegeln ringen! Aufmerksam blickt Ipikilia aus einem wilden Feigenbaum zu den vier Neuankömmlingen herab. Sie sind soeben in das Revier seines Clans vorgedrungen. Von hoher Warte aus hat der junge Gorilla neugierig verfolgt, wie sie erst durch einen Sumpf wateten und sich schließlich mühsam ihren Weg durch das Dickicht zu seiner Familie bahnten.
Sobald die Menschen Ipikilia erblickt haben, richten sich ihre langen Kamera-Objektive auf ihn. Wer hier in Gabuns Loango-Nationalpark die Rolle des Beobachters und des Beobachteten einnimmt, ist eine Frage der Perspektive. Nach einem Militärputsch 2023 und Wahlen 2025 hat sich die politische Lage beruhigt und es tauchen wieder häufiger Touristen im Urwald von Loango auf. Dort trifft unweit des Äquators der zentralafrikanische Regenwald auf den Atlantik. Die meisten Menschenaffen scheinen ihre Besucher nicht zu beachten. Der Großteil geht ungerührt seinem Heißhunger auf frische Wildfeigen nach. Nur Ipikilia interessiert sich noch immer für die unbeholfenen Geschöpfe. Sie sind seit Langem Teil des Alltags seiner Familie, des Atananga-Clans.
Gorillas in Gabun: Viel Wissenschaft, wenig Tourismus

Seit mehr als 15 Jahren wird die Gruppe von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts begleitet. Seit 2016 darf sie auch von Touristen besucht werden. Neugierig beäugt Ipikilia nun fast jeden Tag Zweibeiner. Bisweilen macht Kamaya, der annähernd 40-jährige dominante Silberrücken der Truppe – eigentlich ein sanftmütiger Riese – dann mit unmissverständlichem Imponiergehabe auf sich aufmerksam, trommelt mit wilder Wucht auf seine Brust. Kein Zweifel, wer hier der Chef im Dschungel ist. Nyama Maya Yannick Aymar lächelt stolz hinter seiner Atemschutzmaske.
Der Gorilla-Guide hat es wieder einmal geschafft, seine ausländischen Gäste zum Staunen zu bringen. Den Mundschutz trägt er wie auch die Touristen, um zu verhindern, dass ansteckende Krankheiten in den Lebensraum der Affen eingeschleppt werden. Um die Tiere nicht unnötig zu stören, bleiben Besucher nie länger als eine Stunde in ihrer Nähe und müssen einen Mindestabstand von sieben Metern einhalten. Aymar kennt jedes Tier der Atananga-Gruppe wie ein Familienmitglied: „Ipikilia ist noch immer sehr neugierig und verspielt, Ambia stiftet Frieden, wenn mal wieder gestritten wird, und kommt bis auf wenige Meter an Besucher heran. Und Owgely ist sehr mütterlich und gesellig.“
Mehr als Safari: Gorillas in freier Wildbahn erleben
Die Gorillas in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben, ist mehr als eine Safari zu wilden Tieren. Die Begegnung mit einer Kreatur, mit der der Mensch 98,3 Prozent seiner DNA teilt, ist ein Kennenlernen auf Augenhöhe. „Eine Beobachtung von Gorillas lässt viele Menschen ein Leben lang nicht mehr los“, sagt Aymar. Wenn er Geschichten erzählt von einer Gorillamutter, die ihr Kind verlor, seinen kleinen toten Körper tagelang mit sich herumtrug und schließlich für immer verschwand, lauschen seine Besucher tief berührt. „Sie war – ganz wie eine menschliche Mutter – verzweifelt und wollte nicht mehr leben. Sie wusste, wenn sie die Gruppe verlässt, bedeutet das ihren sicheren Tod. In meinen Augen hat sie Selbstmord begangen.“
Im dichten Dschungel von Loango, in den angrenzenden Savannen und Feuchtgebieten leben auch Waldelefanten, Rotbüffel, Flusspferde, Pinselohrschweine und Leoparden. Kaum irgendwo sonst in Afrika kann man so viele Primatenarten beobachten wie hier. Die Halsbandmangaben mit ihren hübschen rotbraunen Schöpfen sind genauso verbreitet wie die Kronen- und Schnurrbart-Meerkatzen. Die Nördliche Zwergmeerkatze, die nur in Gabun und seinen Nachbarländern vorkommt, gilt als kleinste Affenart Afrikas. Groben Schätzungen zufolge leben etwa 1.500 Westliche Flachlandgorillas im Loango-Nationalpark. Gabun zählt zu den wenigen Ländern, wo sie noch relativ streng geschützt sind. Anderswo sind sie durch die Zerstörung des Regenwalds und Wilderei oder Epidemien wie Ebola bedroht.
Primaten in Zentralafrika: Neue Verhaltensweisen entdeckt

Ähnlich gefährdet sind die Schimpansen des Landes. In Loango sind mehrere Großfamilien zu Hause. Eine Gruppe, die von einem Team um die Primatologen Simone Pika und Tobias Deschner von der Universität Osnabrück beobachtet wird, kann inzwischen ebenfalls von Touristen besucht werden. Hier dokumentierten Forscher bislang unbekannte Verhaltensweisen. So ernähren sich die Schimpansen auch von Landschildkröten. Um an ihr Fleisch zu gelangen, zerschmettern sie die Panzer an Baumstämmen. Selbst mit ihren Verwandten, den Gorillas, gehen sie nicht zimperlich um, zum ersten Mal überhaupt wurden hier tödliche Angriffe von Schimpansen auf Gorillajunge beobachtet.
In den letzten Jahren locken Gabuns Affen immer mehr Reisende vor allem in die Nationalparks Loango und Lopé sowie in das Lékédi-Schutzgebiet. Letzteres ist bekannt für seine an Menschen gewöhnte Mandrill-Gruppe. Männliche Mandrills gehören mit ihren purpur-himmelblauen Gesichtern zu den fotogensten Säugetieren überhaupt. Dabei lohnt in Gabun allein schon die Kulisse für das beeindruckende Affentheater eine Reise. Das üppige Grün des Urwalds, bisweilen direkt an den Ozean grenzend, vermittelt eine gänzlich andere Erfahrung als Tierbeobachtungen in der Savanne. Anders als in Tansania, Namibia oder Südafrika, wo sich bisweilen Jeep-Staus um einen Löwen oder eine Elefantenherde bilden, hat man in Gabun fast überall die Wildnis noch ganz für sich.
Ökologischer Tourismus im Weltnaturerbe

Gabun galt lange afrikaweit als führendes Land beim Umweltschutz mit einem prozentual zur Landesfläche größten Anteil an Regenwald und ausgewiesenen Schutzgebieten. Touristen kommen vor allem, um die Menschenaffen zu sehen. Der Ökotourismus soll helfen, ihren Lebensraum zu erhalten. Doch nicht nur wegen seiner Affen ist Gabun einzigartig. Wo der Regenwald auf den Atlantik trifft, vibriert das Leben.
Im Loango-Nationalpark kann man Elefanten, Büffeln und Antilopen am Strand begegnen – mit etwas Glück auch den berühmten surfenden Hippos, die hier noch ungehinderten Zugang zum Meer haben. Im Pongara-Nationalpark legen Lederschildkröten ihre Eier im Sand ab, vor der Küste ziehen zwischen Juli und September Buckelwale und Delfine vorbei. Rund 700 Vogelarten machen Gabun zudem zu einem Paradies für Ornithologen. Wer noch tiefer in die Wildnis eintauchen möchte, findet sie im Unesco-Weltnaturerbe Ivindo oder im abgelegenen Batéké-Plateau-Nationalpark, wo sogar wieder Löwen angesiedelt werden.
Das Gezeter der Nachtvögel beginnt in Loangos Urwald. Ipikilias Familie ist sicherlich längst dabei, sich im Gebüsch ein Blätternest zurechtzumachen, um dort die Nacht zu verbringen. Die menschlichen Besucher zieht es kurz vor Sonnenuntergang ans Meer. Büffelherden grasen entlang des Sandstrands, umringt von Heerscharen weißer Kuhreiher. Nicht weit davon hat Naturführer Freddy Makaya ein Grüppchen Waldelefanten entdeckt, das wohl, ganz wie die Menschen, den kühlen Abendwind an der Küste genießt. „Nicht von ungefähr nennen wir Loango auch ,Afrikas Eden‘“, sagt der 27-Jährige. Andere Geländewagen sind an diesem Abend nirgends in Sicht. Makaya hofft jedoch, dass in Zukunft noch mehr Touristen Gabun für sich entdecken: „Wir brauchen sie, um die Natur auch für kommende Generationen zu bewahren.“
Reiseinformationen zu Gabun
Beste Reisezeit
In der „Großen Trockenzeit“ von Juni bis September sind Tierbeobachtungen meist am einfachsten. In der „Kleinen Trockenzeit“ von Mitte Dezember bis Ende Januar lassen sich oft Elefanten am Meer und die Eiablage der Lederschildkröten beobachten. Während der Regenzeit zwischen Oktober und Mitte Dezember, sowie Mitte Februar bis Mai kommt es zu starken Regenfällen, teils mit Überschwemmungen.
Hauptstadt von Gabun
Die Hauptstadt von Gabun ist Libreville, hier leben knapp eine Million der 2,6 Millionen Einwohner des westafrikanischen Landes, das im Norden an Äquatorialguinea und Kamerun und im Osten und Süden an den Kongo grenzt.
Anreise
Mit Air France über Paris oder mit Ethiopian Airlines über Addis Abeba ist man bestenfalls in elf Stunden am internationalen Flughafen von Libreville (LBV). Von dort bietet eine Reihe von Safari-Veranstaltern Transfers in verschiedene Nationalparks an, etwa der Afrika-Spezialist Ivory Tours.
Reisehinweise, Visum und Impfungen
Die innenpolitische Lage in Gabun ist ruhig. In den größeren Städten kann es zu Kleinkriminalität kommen. Der Golf von Guinea ist durch Piraterie gefährdet. Die Währung ist der zentralafrikanische Franc CFA (XAF), offizielle Amtssprache Französisch. Für die Einreise benötigen Touristen einen aktuellen Reisepass, der bei Einreise noch mindestens drei Monate gültig ist, sowie ein E-Visum, welches zeitlich begrenzt ist. Das Visum sollte rechtzeitig vor Antritt der Reise beantragt werden.
Eine Gelbfieber-Impfung ist für alle Besucher verpflichtend und wird bei Einreise kontrolliert. Verbreitetet sind außerdem das Zika-Virus, das vor allem für Schwangere und ungeborene Kinder gefährlich werden kann, Malaria und Denguefieber. Ausreichender Mückenschutz durch Insektenspray und lange Kleidung ist deshalb zu jedem Zeitpunkt dringend empfohlen. Um gut vorbereitet zu sein, empfiehlt sich vor Antritt der Reise ein Termin bei einem Tropenmediziner.


