Seegras, Algen, braune Kugeln: Was liegt hier am Strand?

Nahezu jedem Strand-Fan dürfte schon einmal ein beißender Jod-Geruch in die Nase gezogen sein. Angespülte Algen, Tang und Seegras gehören ebenso zum Urlaubserlebnis wie Muscheln, kleine Fische und Sand unter den Füßen.
Gut, dass es unterhalb der Wasseroberfläche fleißig wächst! Denn was man beim Ärger über Algen-Strände mitunter vergisst: Nur ihretwegen ist das Badewasser so klar, dessen Qualität so gut und die Temperatur so angenehm. Wir stellen die wichtigsten Meerespflanzen und Strandfunde vor und verraten, was es mit ihnen auf sich hat.
Algen: Multitalente aus dem Meer

Die Welt der Algen ist unergründlich. Wer beim Strandspaziergang also nicht direkt weiß, was er vor sich am Spülsaum findet, ist damit nicht allein. Generell lässt sich die Meerespflanze in zwei Hauptgruppen unterteilen: die sichtbaren Makroalgen, die häufig am Meeresgrund wachsen, sowie die einzelligen Mikroalgen, die unsichtbar durch die Ozeane schweben.
Rund 12.000 dokumentierte Arten umfassen allein die größeren Makroalgen, die sich, je nach Farbe, in drei Hauptgruppen unterteilen: Grün-, Rot- und Braunalgen wie etwa der bekannte Blasentang.
Aussehen
Die an Europas Küsten wachsenden Algen können unterschiedlichste Formen annehmen. Nachdem sie an Land gespült werden, verlieren die meisten Arten schnell ihre ursprüngliche Farbe, was eine Bestimmung erschwert. In der Regel setzt sich eine Makroalge aus einem Haftorgan, dem sogenannten Rhizoid, einem Stiel und ihren Blättern zusammen. Im Wasser ist ihre Textur meist schleimig und glitschig. An Land trocknen vor allem die feineren Blätter schnell und zerfallen.

Vorkommen
Alle drei Algengruppen kommen häufig in Europas kühleren Meeren vor. Vor allem an Nord- und Ostsee wachsen ganzjährig Grünalgen, Braunalgen und der gut erkennbare Blasentang. Alle findet man hier regelmäßig an den Stränden. Auch an den Atlantikküsten fühlen sich etliche Algenarten wohl. Anders als etwa an der Ostsee wachsen sie hier aus zwei Gründen jedoch deutlich tiefer. Im trüben, nährstoffreichen Ostseewasser kommt es vor allem in den Sommermonaten zu einer Vielzahl von Schwebstoffen im Wasser.
Da Algen auf Photosynthese angewiesen sind, wachsen sie an den baltischen Küsten im flachen, sonnendurchfluteten Wasser. Der Atlantik hingegen ist deutlich klarer, das Licht kann auch in tiefere Gewässer vordringen. Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Meeren ist der Salzgehalt. Während dieser im Atlantik meist gleichbleibend ist, schwankt der Wert in der Ostsee stark. Die Pflanzen stecken hier viel Energie in den Ausgleich des Wasserhaushalts statt ins Wachstum.
Auch im Mittelmeer gibt es viele Algenarten, diese sind jedoch mitunter invasiv. Deutlich häufiger trifft man an den mediterranen Stränden auf das endemische Seegras (siehe weiter unten).
Verwendung
Ob in der Kosmetik oder in der Gourmetküche: Während die Alge in Ländern wie Japan und Korea als Superfood auf eine lange Tradition zurückblickt, traut sich auch Europa zunehmend an das Multitalent aus dem Meer. Denn nicht nur die Sorten Nori und Wakame sind essbar, auch Grün- und Braunalgen lassen sich zu Gerichten und Toppings verarbeiten.
Tipp für die Bestimmung von Algen
Für die Bestimmung von Algen, Seegras und Küstenpflanzen kann man neben gängigen KI-Modellen auch spezialisierte Apps zu Hilfe nehmen. Die dänische App VILD MAD hilft bei der Erkennung von sämtlichen örtlichen, essbaren Gewächsen. Die App SeaKey deckt das Nordsee- und Wattenmeer ab und wurde in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut entwickelt.
Neptungras (Posidonia): Essentielles Seegras

Das mediterrane Seegras, das manchmal zuhauf an den Stränden von Südfrankreich, den Balearen, Sardinien und den griechischen Inseln liegt, wird von Touristen oft als störend empfunden. Sein Ruf wird ihm nicht gerecht, denn beim Neptungras mit dem botanischen Namen „Posidonia oceanica“ handelt es sich um einen wahren Klimahelden. Seit mehr als 100.000 Jahren wachsen die Pflanzen auf riesigen Unterwasserwiesen, bis heute bilden sie den größten CO₂-Speicher des Mittelmeers. Ihr Erhalt ist nicht nur für die Regulierung der Wassertemperatur und somit den Erhalt des ökologischen Gleichgewichts unverzichtbar, sondern auch für das klare Wasser.
Aussehen
Anders als bei Algen handelt es sich beim Seegras tatsächlich um Blütenpflanzen, die einst vom Land zurück ins Wasser gesiedelt sind. Die „Posidonia oceanica“ hat deswegen ein starkes Wurzelwerk und starke, hellgrüne Blätter, die bis zu 1,50 Meter hoch bündelweise aus dem Boden wachsen. Wie Landpflanzen kommt es beim Seegras daher, wenn auch äußerst selten, zur Blüte. Die daraus entstehenden Früchte sind klein und grün und werden deshalb „Meeroliven“ genannt. Sie sind jedoch nur äußerst selten am Strand zu finden.

Vorkommen
Die Seegras-Art „Posidonia oceanica“ ist im Mittelmeer endemisch und steht unter strengem Schutz. An mehreren Orten gibt es große Vorkommen, die größten zusammenhängenden Seegraswiesen wachsen zwischen Formentera und Ibiza. Apps wie PosidoniaMaps helfen dabei, das Seegras zu lokalisieren. Das Auswerfen von Ankern oder starker Schiffsverkehr oberhalb der Wiesen ist nicht erlaubt.
Verwendung
Das Seegras steht unter Schutz und darf daher nicht aus dem Meer geerntet werden. Da angespülte Pflanzenteile oft einen störenden Geruch ausströmen und sich an den Stränden türmen, werden die abgestorbenen Seegrasblätter in der Regel von lokalen Unternehmen beseitigt.
An einigen Mittelmeerorten, etwa auf der Baleareninsel Ibiza, wird das Gras getrocknet, eingelagert und zum Beispiel als kostengünstiges und natürliches Dämmmaterial im Bauwesen verwendet. Ein weiterer Nutzen dient dem Erhalt der Strände: Das im Sommer eingesammelte Gras wird nach Ende der Urlaubssaison zurück an die Küsten gebracht. Die Seegras-Haufen bilden eine natürliche Barriere für die winterliche Brandung.
Manche Naturschutzorganisationen sammeln zudem intakte Pflanzen samt Wurzelwerk und pflanzen diese in aufwendigen Tauchaktionen wieder zurück an den Meeresboden.
Seebälle oder Neptunbälle: Was hinter den braunen Kugeln steckt

Ein weiteres Naturphänomen, das manch einen Urlauber fragend zurücklässt: Überall dort, wo das Posidonia-Seegras wächst, finden sich gelegentlich golfballgroße Kugeln am Strand. Dabei handelt es sich nicht um menschliche Erzeugnisse, vielmehr ist dieses besondere Fundstück das Ergebnis mehrerer natürlicher Abläufe.
Aussehen
Eine bräunliche Farbe, eine filzig-haarige Struktur und eine perfekt runde Form: Das, was hier am Strand liegt, trägt den Namen Seeball oder Neptunball. Dieser Meeresfund ist eine Ansammlung abgestorbener Seegrashalme, die sich durch die Brandung und die regelmäßige Bewegung der Wellen zu einer kreisrunden Kugel geformt haben. Da die Bälle ausschließlich aus Naturmaterial bestehen, kann man sie ohne Bedenken anfassen.
Vorkommen
Überall dort, wo es größere Seegraswiesen gibt, kann man die Seegrasbälle finden. Meist stehen die Chancen auf einen Fund zu Beginn des Sommers, wenn die Mittelmeerstrände noch nicht gesäubert sind, besonders gut.
Verwendung
Auch die natürlich geformten Kugeln kommen im mediterranen Bauwesen zum Einsatz. Ebenso wie das Gras nutzt man die Gebilde als natürlichen Dämmstoff sowie als Dünger oder Kälteschutz für den Garten.