ITB-Direktorin im Interview: „Wir haben wieder gelernt, unser Land zu bereisen“

60 Jahre ITB Berlin: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Kongress von einer kleinen Übersee-Schau zur weltweit bedeutendsten Reisemesse und einem Branchentreffen der Superlative entwickelt. Knapp 6.000 Aussteller und rund 100.000 Fachbesucher werden auch im Jubiläumsjahr vom 3. bis 5. März 2026 erwartet.
Im Merian-Interview spricht ITB-Direktorin Deborah Rothe über das Reisen als menschliches Urbedürfnis, den neuen Begriff von Luxus und warum Deutschland als Reiseziel heute wieder seine ganz eigene Magie entfaltet.
Merian: Gratulation zu 60 Jahren ITB! Wie hat sich die Messe in sechs Jahrzehnten entwickelt?
Deborah Rothe: So wie die Tourismusbranche auch, vor allem ist sie gewachsen. Die Premiere fand im Rahmen einer Übersee-Messe statt. Fünf Länder (Anm. d. Red: Ägypten, Brasilien, Guinea, Deutschland und der Irak) waren dabei – auf knapp 580 Quadratmetern. Inzwischen sind es über 6.000 Aussteller aus mehr als 170 Ländern und Regionen auf insgesamt 160.000 Quadratmetern. Die gesamte Industrie ist vertreten – Reisebüros, Veranstalter, tourismusbezogene Zweige, Nachhaltigkeit, Abenteuer-Reisen, LGBTQ+-Reisen.
Es geht auch darum, den Zeitgeist abzubilden.
Ja, uns ist sehr wichtig, mit der ITB am Puls der Zeit zu sein. Die Messe strahlt heute in die ganze Stadt aus. Berlin gehört zur DNA der ITB. Wir spiegeln die Stadt wider, die Vielfalt, die Internationalität, die Offenheit. Während der ITB pulsiert ganz Berlin.

Was erzählt uns die ITB über die Reisesehnsucht der Menschen?
Gerade in den letzten Jahren, mit den Einschränkungen durch Corona, wurde deutlich, dass Reisen ein Urbedürfnis des Menschen ist. Ich glaube, dass dieses Bedürfnis existenziell ist, dass gerade in dieser schnellen, digitalen Welt das Persönliche wichtig ist. Das hat sich stark gewandelt. Die Preisschilder oder der goldene Wasserhahn, das war der erste angestrebte Luxus. Heute geht es viel mehr um Raum und Zeit, um authentisches Erleben. Das, was Luxus ist, ist viel fragmentierter und vielschichtiger geworden.
Deborah Rothe: „Wir haben wieder gelernt, Deutschland Magie zu entdecken“
Deutschland nimmt auf der ITB viel Raum ein.
Noch mehr als früher. Ich würde fast sagen: Wir Deutschen haben wieder gelernt, unser Land zu bereisen, ein Stück weit wieder seine Magie zu entdecken.
Welche Trends haben an Gewicht gewonnen?
Viele kleine, wie Coolcation oder Workation. Das Thema Travel Technology hat sich innerhalb der letzten Jahre von einer auf sechs große Messehallen erweitert, mit Start-ups, aber auch etablierten Unternehmen wie Booking.com. Dann ist da natürlich das große Schlagwort Nachhaltigkeit. Und stark gewachsen ist der Campingtourismus, 2023 waren wir schon bei über 40 Millionen Camping-Übernachtungen alleine in Deutschland.
Wie ist es mit dem Trendthema Wellness?
Longevity sehe ich aktuell als Modewort, das noch schwer zu fassen ist. Das Ziel ist, länger und gesünder zu leben, aber wie, das ist eine sehr persönliche Geschichte. Hotels und Reiseveranstalter haben diesen Trend erkannt, die Aman-Resorts zum Beispiel: Da ergänzt man seinen Urlaub durch Module, die einem persönlich ein Wellbeing bieten. Das kann Wellness sein oder Sport, was auch immer.

Die Welt wird ja nicht konfliktärmer. Wie wirkt sich das auf die Themensetzung aus?
Die ITB steht auf zwei Standbeinen: der Messe und dem Kongress. Im Prinzip ist das ein Reise-Thinktank, den wir nutzen, um die brennenden Themen zu diskutieren und sie auf die Bühne zu bringen. Die ITB ist der Spiegel der Branche, da zeigen sich auch Entwicklungen der Weltlage – geopolitische Krisen, Finanzkrisen, Wirtschaftskrisen. Die Ukraine zum Beispiel ist durchweg vertreten, selbstverständlich aktuell nicht mit einem Destinations-Stand, der dazu anregt, dorthin zu reisen, vielmehr zeigen sie: Wir sind da, wir sind bereit, wenn es wieder losgeht.
Newcomer und Aufsteiger: Albanien, Saudi-Arabien, Indien
Bei den Destinationen sieht man sehr deutlich, welche immer präsenter werden auf der ITB.
Asien ist unglaublich gewachsen, vor allem Thailand und Indien. Und der arabische Raum, da ist Saudi-Arabien auf dem Vormarsch. Und natürlich sind die Gastländer sehr präsent, etwa Albanien letztes Jahr, ein Newcomer-Land für eine breite Gesellschaft.
Wonach wird entschieden, wer Gastland wird?
Meist kommen die Länder auf uns zu, manchmal schauen wir selbst: Wo gibt es Länder mit Hidden-Gem-Charakter? Angola, das diesjährige Gastland, finden wir sehr spannend.
Wie gehen Sie mit den Nebenwirkungen des Reisens um?
Wir thematisieren sie, die CO2-Bilanz, den Overtourism. Aber stellen Sie sich mal eine Welt vor, in der keiner mehr weite Reisen macht. Da würden wir Verbindungen kappen, Menschen nicht mehr zusammenbringen. Weil wir sagen, uns passen die Nebenwirkungen nicht.
Weitere Infos rund um die ITB
Die ITB Berlin (Internationale Tourismus-Börse) ist die weltweit führende Fachmesse der Reiseindustrie und feiert im Jahr 2026 ihr 60-jähriges Jubiläum. Seit ihrer Gründung im Jahr 1966 hat sie sich von einer kleinen Schau mit fünf Ländern zu einer globalen Plattform entwickelt, die heute knapp 6.000 Aussteller aus über 170 Ländern und Regionen auf dem Berliner Messegelände vereint.
Dabei bildet die ITB die gesamte touristische Branche ab – von Reiseveranstaltern und Destinationen bis hin zu stark wachsenden Segmenten wie Travel Technology, Nachhaltigkeit und Luxusreisen. Begleitet wird die Messe vom ITB Berlin Kongress, dem weltweit größten Thinktank der Branche, der aktuelle Trends wie Künstliche Intelligenz im Tourismus und globale geopolitische Herausforderungen thematisiert. Seit 2023 ist die Berlinerin Deborah Rothe Direktorin der ITB.
Jedes Jahr steht die Messe im Zeichen eines Gastgeberlandes, darunter Malaysia, Oman und Albanien. 2026 wird die ITB unter dem Motto „The Rhythm of Life“ von Angola präsentiert.
Reisetrends für 2026: „Der Wilde Westen kommt wieder“
Was war Ihnen besonders wichtig, als Sie die Position angetreten haben?
Dass ich die Internationalisierung der ITB weiter fördern kann. Wir sind aktuell an fünf Standorten vertreten.
Singapur, Shanghai, Mumbai: Es ist bezeichnend, wo die ersten drei platziert wurden. Jetzt die ITB Americas in Guadalajara.
Wir werden mit der ITB Americas den gesamten amerikanischen Markt abbilden, von Kanada bis nach Latein- und Südamerika. Guadalajara ist die zweitgrößte Stadt Mexikos, die schon seit Jahren mit ihrer internationalen Buchmesse erfolgreich ist.
Was meinen Sie, welche Reisetrends werden in den nächsten Jahren prägend sein?
Sehr persönliche Reisen und Trends wie Set-Jetting, also Reisen zu Film- und Serien- Locations. Asien wird noch präsenter sein, mit Städten und Regionen, die noch nicht so bekannt sind. Der Wilde Westen kommt wieder, so Richtung Montana, Wyoming. Auch Europa gewinnt an Bedeutung – vor allem Regionen wie das nördliche Spanien und das nördliche Italien sind im Kommen.