Pubbing statt Phubbing: Warum wir mehr Zeit in Pubs verbringen sollten

Warum Merian-Chefredakteurin Tinka Dippel am liebsten einen monatlichen Pflicht-Pub-Abend einführen würde – und was das mit der aktuellen Weltlage und ihrem Reiseverhalten zu tun hat. Ein Plädoyer für den Pub.
Datum21.10.2026

Ich liebe den Moment, wenn sich irgendwo eine Tür öffnet, und dahinter liegt die perfekte Mischung aus Hier und Jetzt und Zeitlosigkeit, einer dieser holzvertäfelten, aus der Zeit gefallenen Räume, in denen das Licht ein goldener Weichzeichner ist und in deren Ritzen der Zigarettengilb längst vergangener Jahre die Zeit überdauert. Zapfhähne und Spielautomaten blinken, und immer flimmert irgendwo ein Fernseher – gern in der Ecke, wo seine Anwesenheit eher beiläufig wirkt. 

Dann vergeht Minute um Minute, und rund um den Tresen tut sich ein ganzer Lebensraum auf. Alle treffen aufeinander, trinken dasselbe Bier, gucken dieselben Fußballspiele, werfen auf dieselbe Dartscheibe und singen dieselben Lieder. Und alles, was gerade so aktuell ist, wird verhandelt, ehrlicher, ungestelzter und ungefilterter als in jedem Parlament.

„Im Pub bist du nie einsam“

Ich reise gerne alleine und ich schwärme für Pubs, und beides hat viel miteinander zu tun. Pubs und alles, was ihnen ähnlich sieht (Wirtshäuser, Eck-, Fußball- und Kölschkneipen zum Beispiel), sind quasi Anker der Alleinreisenden, Räume, die sich ihnen öffnen, ohne nach irgendwas zu fragen. Pub ist die Kurzform von „Public House“, also schon per Definition ein Haus, das allen zugänglich ist. Wie viele Filmszenen erzählen genau das: Da sitzen die üblichen Verdächtigen, und dann kommt ein neues Gesicht rein, wird offen neugierig beäugt und irgendwann irgendwie beiläufig in den Moment aufgenommen.

Wie oft war ich allein auf Reisen, wie oft war ich dieses Gesicht und sehr froh darüber, dass Pubs existieren. Es gibt wenige Orte, an denen mir das so häufig gepredigte „einfach sein“ so leicht fällt. Im Pub bist du nie einsam, und das heißt nicht, dass du dich in eine Runde integrieren und dich unterhalten musst. Du bist einfach dabei, sagst mal was oder nicht, kommentierst das Fußballspiel da oben in der Ecke auf dem Bildschirm oder eben nicht. Und lernst manchmal mehr über einen Ort als bei der zweistündigen Stadtführung, die du vorher gemacht hast.

Im-Hier-und-Jetzt-Sein: Eine bedrohte Gepflogenheit

Doch das Allein-aber-nicht-einsam-Sein, das Im-Hier-und-Jetzt-Sein und das Gesprächeführen, ohne viel zu sprechen – alle drei sind bedrohte Arten. Es gibt zig Studien dazu, dass wir immer weniger miteinander reden und kaum noch konzentriert im Moment sind. Und dass immer mehr Menschen sich einsam fühlen. Umso dramatischer, dass auch die Pubs weniger werden. Sie sterben, immer mehr davon und immer schneller. So wie die Wirtshäuser sterben und die Eckkneipen. Viele Menschen haben ja kaum noch einen nennenswerten Arbeitsweg, sondern machen Homeoffice, der Pub liegt also nicht mehr selbstverständlich auf dem Weg. Das ist einer der vielen Gründe für das Pubsterben. 

Ein weiterer sind die gestiegenen Energiepreise, ein dritter die gestiegenen Lebenshaltungskosten, ein vierter der Mangel an Arbeitskräften. Nicht zu vergessen der allgegenwärtige Trend zu Selbstoptimierung und Abstinenz, der sich mit Bierseligkeit nicht gut verträgt. All das trifft natürlich auch die deutsche Kneipenkultur hart, in Großbritannien kommt der Brexit on top. Zu Hause ist doch alles günstiger, praktischer und bequemer, Bier und Fernsehen gibt es da auch, und das Essen kommt schneller und passgenauer auf den Tisch.

Diese Vorstellung ist nicht nur schade, sie ist wirklich schlimm. Gerade jetzt, wo Europa mit seiner Bedeutung und Identität ringt! Gespräche, die nicht sofort viral gehen und nicht von Talkshow-Castern orchestriert sind, sind demokratische Grundpfeiler und sie haben einen besonderen Zauber. 

„Ich würde am liebsten einen Pflicht-Pub-Abend für alle einführen“

Häufig befinden sich Pubs noch in direkter Nachbarschaft zueinander – wie im Stadtteil Temple Bar in Dublin. 

Selten ist auf so kleinem Raum so viel Musik, so viel Willkommenskultur, so viel simple Lebensklugheit. Und so wenig Arroganz und Hybris. Stammtisch-Debatten haben nicht den besten Ruf, und ja, oft machen sie ihrem schlechten Ruf auch alle Ehre. Aber selten sind Gespräche so losgelöst von Hierarchien und Konventionen, hängt so viel Zeit in der Luft, die manchmal auch nur konsequent weggeschwiegen wird. Aber nicht mit einem Schweigen, das lähmt, es ist eher eins, das zusammenschweißt. Und Schweigen heißt ja nicht nur nicht reden, sondern auch hinhören.

Klar, man kann die Menschen nicht dazu zwingen, in Pubs zu gehen. Das, was da verschwindet, ist aber so wichtig, dass ich am liebsten einen Pflicht-Pub-Abend für alle einführen würde, mindestens einmal im Monat. „Pubbing statt Phubbing“ – so würde ich meine Kampagne dafür nennen. Pubbing erklärt sich von selbst, Phubbing ist, wenn dein Gegenüber lieber mit seinem Handy spricht als mit dir. Wobei ich den Mangel an Gesprächen nicht allein auf Handys schieben möchte. Wer nicht trainiert, verlernt, das ist auch beim Reden und beim Zuhören so, unsere Talkshows und Parlamentsdebatten sind der beste Beweis für eine oft stundenlange, vielstimmige Sprachlosigkeit. Aber noch haben wir die Trainingsplätze des sozialen Miteinanders. 

„In Pubs ist immer alles möglich“

Ich erinnere mich gut an einen Pub-Abend in Manchester, Ende September 1998. Mein Freund und ich wollten wissen, wie die Bundestagswahl ausgegangen war, Smartphones gab es noch lange nicht. Am naheliegendsten erschien uns, in den nächsten Pub zu gehen. So machten wir es und baten darum, den Fernseher einzuschalten. Fußball sei schon vorbei, war die Antwort. Aber sie schalteten ein, weil sie merkten, dass es uns wichtig war, sie suchten einen Nachrichtensender, sie nahmen alle teil. An diesem Abend endete die 16-jährige Kanzlerschaft von Helmut Kohl, und in diesem Pub stießen alle mit uns auf den Neuanfang an.

In Pubs ist immer alles möglich, von der Ad-hoc-Schlägerei über einen schweigsamen Abend bis zur rührigen Verbrüderung. Insofern sind sie Mikrolabore des Weltgeschehens. Wenn sie einmal in noch größerer Zahl verschwunden sind, wird erst klar werden, wie sehr sie fehlen. Und gewachsene Lebensräume voller Gilb sind so leicht nicht wieder zu holen. Umso wichtiger, sie zu retten, sprich zahlreich zu besuchen. Und sollte keine Reise nach Großbritannien oder Irland anstehen: Gehen Sie in Ihre Eckkneipe und retten Sie zumindest die!

In diesem Heft erschienen

Oh Europa (4/26)

Im Europa von heute zu leben, ist ein großes Glück. Nie konnten wir Europäer so einfach auf dieser grandios vielfältigen Scholle unterwegs sein. In dieser Merian-Ausgabe lassen wir dieses Lebensgefühl hochleben und reisen in besonders schöne, in bekannte und neue Ecken auf unserem Kontinent: zu Parlamenten wie dem in Budapest, quer durch Albanien, nach Finnland und Valencia, nach Luxemburg, Fribourg und nach Brüssel.