Jan Weiler über den Mythos Autogrill und die hohe Kunst italienischen Kaffees

„Hin und Weg“ ist die neue Reisekolumne des Bestsellerautors Jan Weiler. Dieses Mal geht es um die deutsche Obsession mit der italienischen Raststätten-Kette Autogrill und den Mythos um den perfekten italienischen Kaffee
Text Jan Weiler
Datum20.08.2026

Zu den wirkmächtigsten Reisemythen des deutschen Urlaubers gehört die Auffassung, der erste Kaffee jenseits der italienischen Grenze sei eine absolute Offenbarung. Man lande nach der immer ärgerlichen Überquerung des Brennerpasses unmittelbar im Paradies, sobald man anhalte, einen Espresso bestelle und diesen an die Lippen führe: „Ah, endlich Italien, schlürf, schlürf, herrlich, weiter geht’s.“

Dieses seit Jahrzehnten stabile Narrativ wird immer um ein magisches Wort ergänzt, welches genauso für Italien steht wie Azzurro, Juventus und Gelato, nämlich „Autogrill“. Das omnipräsente Logo mit dem großen „A“ und der hindurchführenden Diagonale, die leicht an eine Straße erinnert, hat seinen Platz im Pantheon italienischer Marken, vergleichbar mit jenem von Campari oder Pirelli oder Produkten wie dem kantigen Lancia Stratos oder dem robusten Sandwichgrill von Milan Toast. Die Italiener sind zu Recht stolz auf ihre Traditionsmarken und deren Aussehen und Vielfalt. Während klassisch deutsches Design längst zugunsten einer globalisierten Ästhetik von den meisten Gebrauchsgütern und Marken abgerieben wurde, strahlt Autogrill wie eh und je über den Autobahnen des Landes.

Zwischen Glamour und Grundversorgung mit Fast Food

Es sind vor allem die Kindheitserinnerungen an die Brückenrestaurants unter dem „A“, die wärmen, wie der berühmte Kaffee hinter der Grenze und dünner Toast mit Käse und Schinken. Zeitweise gab es vierzehn Autogrills in Italien. In Deutschland setzte sich das Konzept des einen Lokals für beide Fahrspuren nie durch, weil die erhofften Einsparungen durch den Verzicht auf ein Gebäude ausblieben. Mehr als zwei Brückenrestaurants schafften es nicht über die deutsche Autobahn. 

Das Konzept der qualitativ herausragenden Raststätte Autogrill stammt vom norditalienischen Lebensmittelindustriellen Mario Pavesi, der das erste seiner Restaurants noch unter seinem Namen in der Nähe von Mailand durch den Architekten Angelo Bianchetti errichten ließ. Ursprünglich war es zur Versorgung der Mitarbeiter in seinen Fabriken gedacht, Pavesi ließ sich bei Design und Konzept von der amerikanischen Kette Howard Johnson’s inspirieren, die ihrerseits auf Gestaltungsprinzipien der italienischen Futuristen zurückgriff.

Die beiden Autogrills Villoresi Est und Ovest zählen heute zu den wichtigsten Nachkriegsbauten Italiens und wurden so berühmt, dass sie zu Beginn der Sechzigerjahre auf dem Titel des „Life“-Magazins landeten, um die europäische Rückkehr in die wirtschaftliche Erfolgsspur zu illustrieren. Einige wenige prachtvolle Niederlassungen betreibt die Kette noch. Neben den strahlenden Raststätten in Villoresi sind das die Filialen in den Flughäfen von Rom (Fiumicino) und Mailand (Linate) sowie in der Galleria Vittorio Emanuele nahe dem Mailänder Dom. Die meisten anderen Autogrills haben ihren Glamour gegen ein Bekenntnis zu einer möglichst pragmatischen Grundversorgung mit Fast Food und Backwaren eingetauscht.

Über den Autor

Schriftsteller Jan Weiler

Jan Weiler, Jahrgang 1967, war zunächst viele Jahre journalistisch tätig, ehe ihm mit „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ der Durchbruch als Autor gelang. Seither hat er mehr als 20 Bücher sowie zahlreiche Hörspiele und Drehbücher verfasst. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Das Pubertier“, „Älternzeit“ und „Der Markisenmann“; mehrere seiner Bücher wurden erfolgreich für das Kino adaptiert.

„Der Kaffee wird von einer oktopussigen Mitarbeiterin achtarmig im Akkord hergestellt“

Man muss bloß in Cantagallo südlich von Bologna anhalten, um sich davon zu überzeugen. Wenn man denn einen Parkplatz bekommt. Die Raststätte ist rund um die Uhr geöffnet, und es kann vorkommen, dass wartende Autos und Lastwagen und Busse die Zufahrt verstopfen, sodass man sich das mit der Reisepause noch einmal überlegt. Die geduldigen Kunden werden dann hinter dem Eingang wie durch einen künstlichen Darm zunächst in eine enge Kaffeebar und von dort wahlweise ins Schnellrestaurant über der Autobahn oder in einen geisterbahnartigen Supermarkt geschleust, in welchem es neben Panettone, Salami und Käse vor allen Dingen Plüschtiere und Nippes gibt. Besonders originell, schön oder gar romantisch ist das nicht. Es ist: eine ganz normale Raststätte.

Und was ist jetzt mit dem Kaffee? Der wird von einer oktopussigen Mitarbeiterin achtarmig im Akkord hergestellt. Dafür muss man wie überall in Italien erst an die Kasse, um dann den Scontrino, also den Kassenzettel, an der Bar zu überreichen. Und dann mahlt die Mitarbeiterin den Kaffee, klopft einen Siebträger aus, stellt einen weiteren unter die Ausgabeeinheit der viergruppigen Cimbali, schäumt mit der nächsten Hand Milch auf, drückt die Taste für Teewasser, winkt einem Bekannten, hält einen abgearbeiteten Zettel in der Hand, überreicht einen doppelten Kaffee und wischt die Maschine mit einem Lappen ab. Und das alles gleichzeitig und in völliger Ruhe. Man möchte der Frau sofort hohe Staatsämter anvertrauen, so routiniert und zuversichtlich versorgt sie Schwärme von Busreisenden, Lkw-Fahrern und deutschen Autogrill-Fanatikern.

Schließlich bekomme ich meinen Espresso, verzichte auf den Zucker und probiere. Und natürlich ist er gut. Nur: Der Kaffee ist überall in Italien gut. Das fällt uns Deutschen aber nicht deshalb auf, weil wir in Italien sind. Sondern weil wir nicht in Deutschland sind. Bei uns ist der Kaffee einfach derart grauenhaft, dass sie im Autogrill auch Motoröl in Tässchen füllen könnten. Wir wären trotzdem begeistert. Zum Glück machen sie es nicht.