Landgüter mit Stil: Der Trend um die Luxusfarmen

Raus aufs Land und zurück zur Natur, das muss nicht Campingurlaub bedeuten. Die Spitzen-Hotellerie weiß um die Sehnsucht nach Stille und Erdung, bei zahlreichen Landgütern gehört beides zum Konzept.
Text Alexandra Kilian
Datum14.08.2026

An stämmigen Steinmauern entlang geht es über sanfte Hügel aus Granit, bewachsen mit Ginster und dem satten Grün des Dartmoors von Devon, nach Totnes, vier Stunden von London entfernt. Die Weite der Wiesen, der Kontrast zwischen goldenen Stränden und gigantisch großen, rabiat grau-rauen Klippen dieser südwestenglischen Grafschaft berühren. War da nicht gerade noch der Krach der Stadt? Er ist längst vergessen. Kurz vor Ivybridge öffnet sich ein Gatter, das zur Fowlescombe Farm führt. In ihrem Zentrum steht ein weiß getünchtes viktorianisches Haupthaus, darum herum: ein paar Steingebäude, ein Naturteich und eine Gutsruine aus dem 16. Jahrhundert. Schafe grasen auf den Wiesen, ansonsten sind da Moos, Matsch und erst mal weiter nichts. 

Durchatmen. 5G funktioniert hier nicht, das Ankommen umso besser. Der Hotelmanager Pim Wolfs, einst verantwortlich für das legendäre Luxushotel Le Manoir aux Quat’ Saisons, Pionier des Farm-to-Table-Konzepts in England, empfängt seine Gäste mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit in Gummistiefeln. In der offenen Küche bereitet Küchenchefin Elly Wentworth Gemüse aus den eigenen Gärten, Fleisch der hofeigenen Tiere und frisch gebackenes Brot zu. Eine Auswahl des Tagesprogramms für Gäste: Eier sammeln, Yoga, Brombeeren pflücken, Spaziergänge zu Schweinen, Kühen, Schafen, Hecken pflegen, Mauern errichten – oder einfach nichts. Nur aufsaugen: die Natur, die Ruhe, die Anwesenheit der Tiere, den Frieden, die Weite, sich selbst. Luxus bedeutet hier Achtsamkeit, nicht Überfluss.

Luxusfarmen: Ein Geschäftsmodell, das den Nerv einer ganzen Branche trifft

Auch das Son Blanc Farmhouse auf Menorca verfolgt das Konzept der Luxusfarm.

Die Fowlescombe Farm im Südwesten Englands ist ein einzigartiger, mit seiner Umgebung verbundener Ort. Und gleichzeitig ist sie Teil eines Trends, der Reisende in die Wälder und Felder der schönsten Regionen Europas führt, der sie in die Natur bringt und ihnen dabei jeden erdenklichen Komfort bietet. In den großzügig geschnittenen Suiten der Fowlescombe Farm gehören hochwertige Pflegeprodukte, ein personalisiertes Willkommensgeschenk und Regenmäntel zur Ausstattung, der Zimmerservice ist rund um die Uhr zur Stelle, auf Wunsch wird schnell ein Heimkino aufgebaut. Die Ästhetik des Hauses greift die Umgebung auf: Naturstein, Holz, Matratzen in ultrabequemen Kingsize-Betten aus der Wolle der Hausschafe, dazu kommen lokale Kunst von Ben Risk bis Stuart Low, Cocktails und Weine aus der Honesty Bar sowie Antiquitäten und ein paar Designklassiker. 

Die neuen Luxusfarmen sind weder reine Agriturismi noch Wellnessresorts mit dekorativen Hochbeeten. Sie verstehen Landwirtschaft als kulturelle Praxis und Gastfreundschaft als Einladung, wieder Teil natürlicher Rhythmen zu werden. „In der klassischen Luxus-Hotellerie wiederholt sich vieles“, sagt Fowlescombe-Besitzerin Caitlin Owens. „Ein Ort wie dieser bleibt einzigartig, eben weil er nur hier so bestehen kann. Und unsere Gäste wollen sich mit den Menschen hinter dem Erlebnis verbinden, mit den Köchen, Landwirten und Kunsthandwerkern, deren Arbeit ihren Aufenthalt prägt.“ 

Die 30-Jährige stammt aus einer Öldynastie, kennt die Luxusresorts dieser Welt aus ihrer Kindheit und hat für luxuriöse Hotelvereinigungen und -marken wie Relais & Châteaux oder Four Seasons gearbeitet. Gemeinsam mit ihrem Partner Paul Glade und dem Schweizer Studio Gugger verwandelte sie den biozertifizierten, regenerativen Bauernhof in Devon in ein Refugium mit nur zehn Suiten, das sowohl die Fowlescombe-Küche beliefert als auch ihrer persönlichen Ferienvision entspricht. Das ist, abgesehen von der ehrenwerten Motivation des jungen Paares, auch ein cleveres Geschäftsmodell, das den Nerv einer ganzen Branche trifft. 

Die Illusion eines einfacheren Lebens

Auf dem portugiesischen Weingut São Lourenço do Barrocal kommen Erzeugnisse aus der Nachbarschaft auf den Tisch.

Die neuen Luxusfarmen versprechen vieles zugleich. Sie bieten fast beiläufig Digital Detox, Verbundenheit mit der Natur, unverfälschtes Essen aus der Erde direkt vor sich und die Illusion eines einfacheren Lebens. Das Bewusstsein für Verantwortung und für lokale Ökosysteme und Landwirtschaftsflächen passt gut in eine Zeit, in der die Welt zunehmend virtuell, beschleunigt und politisch instabil wirkt. Dazu kommt das Treffen von Gleichgesinnten: Wer zur Luxusfarm reist, setzt damit auch immer ein Statement in Richtung aller, die Bilder von New-Money-Prunk in austauschbaren Luxustempeln auf ihrem Instagram-Feed präsentieren. Farmurlauber posten stattdessen die sonnengebleichte Eleganz der Golden Hour vom Feld – oder, weitaus wahrscheinlicher, gar nichts.

Luxusfarmen als Ausdruck eines Wertewandels

Hier steht Luxus für Ruhe und Erholung: im Weingut São Lourenço do Barrocal.

Natürlich ist auch diese Welt nicht jedem zugänglich. Viele der Häuser verfügen nur über wenige Zimmer, die Preise sind hoch, die Nachfrage ist riesig. Ihr Erfolg erzählt viel über die Zeiten, in denen wir leben. In einer stark digital geprägten Realität wächst die Sehnsucht nach Orten, die physisch erfahrbar sind, nach Erde unter den Fingernägeln und Lebensmitteln mit nachvollziehbarer Herkunft. Die Luxusfarm ist deshalb mehr als ein Hospitality-Trend, sie ist Ausdruck eines Wertewandels. Weg vom demonstrativen Konsum, hin zu Sinnlichkeit, Herkunft und Zeit. Besonders junge Familien, Kreative und die internationale Business-Boheme zieht es derzeit auf Landgüter wie La Raia und Castelfalfi in Italien, Heckfield Place, The Newt und Fowlescombe Farm in England, Le Barn in Frankreich, Son Blanc Farmhouse in Spanien und São Lourenço do Barrocal in Portugal.

Der seit mehr als 200 Jahren familiengeführte Landsitz im Alentejo kombiniert biologische Landwirtschaft und Weinbau mit einer fast meditativen Form des Luxus auf 780 Hektar Land. Im einstigen Hundezwinger wurde ein Restaurant eingerichtet, im Hühnerstall der Hotelshop und in der Olivenmühle eine Bar. Statt actionreicher Experiences entstehen hier Momente echter Entschleunigung: Ausritte durch die Ebene, Abendessen unter Korkeichen, Sterne beobachten oder ein Picknick neben den Hoftieren auf der Klatschmohnwiese. 

José António Uva war Investmentbanker in London, bevor er hier vor zehn Jahren sein Erbe antrat und aus der Herdade ein Resort schuf. Ihm ist es zu verdanken, dass der Familienbesitz wieder bewirtschaftet wird und dass die verlassenen Häuser des Bauerndorfes von dem Architekten Eduardo Souto de Moura zu 24 schlicht-schicken Zimmern, Suiten und Cottages umgewandelt wurden. „Es freut uns zu sehen, wie viele Menschen schon die Möglichkeit hatten, diesen besonderen Ort so zu erleben und zu schätzen und genauso tief zu lieben wie wir“, sagt Uva.

Der Luxus liegt nicht mehr im Spa, er liegt draußen vor der Tür

Das Gewächshaus als Genussort: Heckfield Place in England.

In der Toskana hat sich gleich ein ganzes Dorf komplett neu erfunden. Das mittelalterliche Castelfalfi verwandelte sich unter der neuen Besitzerfamilie Lohia ab 2021 zu einer Luxusfarm-Welt, in der Landwirtschaft, Weinbau und lokales Handwerk wieder zentrale Rollen spielen. Mit hohen Investitionen wurde ein kulinarisches Konzept entwickelt, das lokale Kreisläufe ernst nimmt, dazu eine Infrastruktur mit Ladengeschäften auf der Dorfstraße. Vor allem aber hat man die Landwirtschaft mit eigenem Direktor und berühmtem Önologen wieder aufgebaut. Das macht sich in der immensen Qualitätssteigerung des Weins, Honigs und Olivenöls bemerkbar. Gäste suchen Trüffel, gehen auf Nachtsafari, begleiten Imker oder erkunden Wälder und Weinberge per E-Bike. Der Luxus liegt nicht mehr im Spa, er liegt draußen vor der Tür. 

Der Gedanke, sich mit der Natur zu verbinden, wird in Heckfield Place in Hampshire, einer der ersten Luxusfarmen und seit Jahren Vorbild für nachhaltige Luxus-Hospitality, noch konsequenter umgesetzt: Die Farm ist 177 Hektar groß und biodynamisch geführt, es gibt dort eine Baumschule, eine Molkerei, Obstgärten und Gemüsefelder, Wander- und Radwege sowie zwei Seen. Wem sich der Zauber nicht sofort erschließt, dem eröffnet Amy Steadman ihn gerne. Die Psychologin aus London hat sich auf Coaching in Verbindung mit der Natur spezialisiert und begleitet Gäste bei ihrer „Gather and Nourish“-Aktivität über das Gelände. Ihre Spaziergänge enden an einer großen Tafel, an der vor Ort geerntete Produkte gemeinsam genossen werden. „Ruhiger, klarer, präsenter, mehr wie ich selbst“, antworten viele Gäste auf die Frage, wie sie sich danach fühlen. „Die Natur ist so ein großer Teil unserer Psyche“, sagt Amy Steadman. „Sie beruhigt den Lärm und gibt dem Geist Raum, sich wieder selbst zu hören.“

Luxusfarmen sind auch irgendwie Lernorte

Viele Jahre lag der menorquinische Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert brach, bevor er als Son Blanc Farmhouse reaktiviert wurde.

Gäste kommen nicht mehr nur, um abzuschalten, vielen geht es auch darum, sich selbst ein bisschen besser zu verstehen. Sie interessieren sich plötzlich dafür, wie Oliven geerntet werden, welche Gemüsesorten widerstandsfähig oder warum gesunde Böden wichtig sind. Die Luxusfarm ist also ein Stück weit auch ein Lernort. Und vielleicht erklärt gerade das ihren Erfolg. Denn während klassische Luxuskonzepte manchmal etwas Abgeschottetes haben, setzt die neue Luxusfarm-Hospitality auf Nähe zur Natur, zu Produzenten und Jahreszeiten. Wie im Son Blanc Farmhouse auf Menorca. Das Anwesen verbindet balearische Architektur mit Permakultur, traditionellem Handwerk und einem radikal lokalen Verständnis von Gastlichkeit. Hier wird nicht versucht, die Insel in ein internationales Luxusformat zu übersetzen, vielmehr passt sich das Hotel dem Rhythmus der Insel an, bleibt schlicht und nahbar. 

Johannisbrot wird mit lokalen Getreidesorten verbacken, Kräuter stammen aus dem Garten, in der einstigen Ruine aus Marès-Kalkstein aus dem 19. Jahrhundert stecken heute 14 individuelle Zimmer mit alten Holzbalken, Kalkputzwänden, Terrakottafliesen und handgefertigtem Mobiliar, umgeben von einer regenerativ geführten 130-Hektar-Farm, die jede Saison aus über 150 Obst- und Gemüsesorten bis zu zehn Tonnen Ernte produziert. 

Auch Son Blanc Farmhouse wurde von einem Ex-Investmentbanker gegründet. Der Franzose Benoît Pellegrini war von der ersten Reise auf die Heimatinsel seiner Frau Benedicta Linares Pierce und „ihrer geheimnisvollen Anziehungskraft so ergriffen“, wie er sagt, dass sie sich entschieden, hier ihren persönlichen Traum aufzubauen. „Um auch anderen Menschen diese Natur näherzubringen.“ Ihr Ziel war es, einen Ort zu schaffen, an dem Luxus nicht durch Perfektion oder Distanz definiert wird, sondern durch bedeutungsvolle Momente und echte Verbindung. Die Farm sei ihr Beitrag zum Wandel, den diese Welt dringend brauche, so Pellegrini. 

Regelmäßig werden Künstler, Köche, Heiler und Fitnessexperten zu Gastaufenthalten eingeladen, um Natur und Gemeinschaft gleichermaßen wieder einzubeziehen. „Wahrer Luxus“, sagt Pellegrini, „liegt heute darin, zur Ruhe zu finden, zuzuhören und anzukommen.“ Nicht länger der Welt zu entkommen, sondern sich in ihrer natürlichen Schönheit zu begegnen.